Kölle alaaf! und Heil Hitler! – die Politisierung des Karnevals am Rhein

5. Adar 5781

Er ist vorbei, der Karneval des Jahres 2021. Wegen der Corona Pandemie gab es weder die grossen Umzüge in den Hochburgen des deutschen Karnevals oder Faschings, noch die regionalen «Schull- und Veedelszöch» [Schul- und Quartierzüge] in der rheinischen Narrenhochburg Köln.

Auch der Karneval in Rio wurde endgültig abgesagt. Die grossen Sambaschulen unter dem Zuckerhut müssen sich auf das Jahr 2022 vertrösten.

Aber zurück nach Köln. Wer kennt nicht Willi Millowitsch, das köl’sche Urgestein, Theaterbesitzer, Schauspieler, Karnevalsliebling? Hier zum Einstimmen eine Aufnahme aus dem Jahr 1998, im Kölner Gürzenich, der Hochburg des Kölner Karnevals. Gestorben ist Willi Millowitsch im Jahr 1999, ein Jahr nach diesem Auftritt, im Alter von 90 Jahren.

Im Gürzenich, einer Kongress- und Festhalle in Köln, finden alljährlich die Traditionssitzungen der Kölner Karnevalsvereine statt und werden in der Regel auch von ARD/ZDF übertragen. 

Vor einigen Stunden stiess ich in der Mediathek der ARD auf eine Sendung «Heil Hitler und Alaaf», die noch bis zum 13.03.2021 dort zur Verfügung steht. 

Es geht um die Frage, wie die Kölner «Narren» mit ihrer Vergangenheit während der Nazizeit umgehen. Der Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, hatte die anlässlich eines Besuches von Hitler am 17. Februar 1933 an der Deutzer Brücke angebrachten Hakenkreuzfahnen entfernen lassen. Kurz darauf wurde er zuerst vom Dienst suspendiert und bald darauf entlassen. Während der Zeit des Nationalsozialismus musste er sich oftmals verstecken und wurde zweimal zu Gefängnishaft verurteilt.

Zuvor hatte er sich noch erfolgreich bemüht, die Finanzierung des Kölner Karnevalsumzuges nach zwei Jahren karnevalsfreien Jahren zu finanzieren. 

Nach dem Krieg wurde Adenauer kurzzeitig erneut zum Oberbürgermeister von Köln ernannt. Er war anschliessend der erste gewählte Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik Deutschland und verblieb in diesem Amt bis ins Jahr 1963. Es gelang ihm, gemeinsam mit unserem ersten PM David Ben Gurion die nach der Shoa scheinbar unüberwindlichen Gräben zwischen Israel und der Bundesrepublik zu überwinden. Die zwei Staatsmänner trafen sich erstmals in New York, später auch häufiger in Israel und Deutschland.

Karneval und Politik? Wie passt das zusammen? In der Tradition der «Büttenreden» stehen die meist hochpolitischen, pointierten Reden, die sich mit lokalen, aber auch globalen Missständen auseinandersetzen. Zurück geht dieser Brauch schon auf das Mittelalter, als maskierte «Narren/Jecken» für einige Tage die Rathäuser übernahmen und ihr «Rügerecht» wahrnahmen. An diesen Tagen durften sie ungestraft Missstände anprangern. 

Nur die echte Politik, die muss beim Karneval draussen bleiben. 

Nur während der Zeit des Nationalsozialismus begannen ab 1933 die Schergen des Holocaust ihre üblen Machenschaften in den Karneval hineinzutragen. Das Motto des Karnevalszuges im Jahr 1933 hiess «Karneval wie einst». Die Menschen freuten sich, nach der Weltwirtschaftskrise wieder feiern zu können und waren leicht zu manipulieren. 

Einer der Wagen hatte den Titel «Die letzten [Juden] ziehen ab». Auf dem Wagen sieht man als Juden verkleidete Menschen, die mit den typischen Stereotypen versehen sind, die damals als jüdisch galten: lange krumme Nasen, schwarze Kleidung, Bart und eine Geldtasche unter dem Arm. Auf dem Schild steht zynisch: «Wir machen nur einen kleinen Ausflug nach Liechtenstein und Jaffa.» Wer offene Augen hatte, hätte schon sehr früh erkennen können, was die Nazis mit den Juden vorhatten.

Über 2 Millionen RM flossen mit dem Karneval in die Stadtkasse von Köln, mehr als 100.000 auswärtigen Besucher nahmen daran teil. So behauptet jedenfalls der Sprecher.

Die meisten Veranstaltungen begannen mit dem Absingen der beiden damaligen Nationalhymnen. Die erste Strophe des Deutschlandliedes, getextet von Hoffman von Fallersleben im Jahr 1841 gilt seit dem Ende des 2. Weltkrieges als verpönt und wird nicht mehr gesungen. Der Text macht klar, warum das so ist:

Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt:
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

In diesen Zeilen spiegelt sich das Ziel Hitlers, Deutschland durch Eroberungskriege zu vergrössern. Die perfekte Hymne für dieses mörderische Regime. 

Die zweite, inoffizielle Hymne der Nazis war das Horst-Wessel-Lied. In der zweiten Strophe heisst es [im Film bei 3:4].

Die Straße frei
Den braunen Bataillonen
Die Straße frei
Dem Sturmabteilungsmann!
Es schau’n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen
Der Tag für (der) Freiheit
Und für Brot bricht an 

Kein Wort über den Antisemitismus, dafür aber das Versprechen, dass es nach der Weltwirtschaftskrise wieder aufwärts geht im Deutschen Reich. Und frei. Frei? Eher so unfrei, wie niemals zuvor.

Die Narren lachen, reissen die Arme hoch, jubeln und schunkeln. Narren und Nazis feierten zusammen. Eines der Hauptthemen war der «Judenwitz». Kaum war der Krieg vorbei, wollte niemand sich mehr erinnern. Wolfgang Oelsner, Psychologe und Karnevalsforscher, sagt dazu, dass er sich nicht vorstellen könne, dass niemand etwas gewusst hätte von dem Grauen der Nazi Zeit und der Ermordung von 6 Millionen Juden. «Im Gegenteil, ich bin in der Nachkriegszeit gross geworden und ich habe es deutlich gespürt, dass man da Bescheid wusste, dass da ganz viele Leichen im Keller liegen, aber dass jetzt nicht die Zeit ist, darüber zu sprechen.»

Markus Ritterbach, Präsident des Festkomitees «Kölner Karneval», hat ein Umdenken eingeleitet. Zu lange, so seine Meinung, haben die Verantwortlichen ihre braune Vergangenheit tabuisiert. Heute sind sie bereit, sich ihrer Verantwortung zu stellen, Historiker wurden beauftragt, Untersuchungen anzustellen.

Im Archiv der «Roten Funken» finden sich viel Dokumente, die belegen, wie die ehemals stolzen und freien Vereine mehr und mehr unter den Druck der Nationalsozialisten gerieten. Aus selbstbewussten Vereinsvorsitzenden wurden verängstigte Drückeberger. Ab 1934 gilt auch hier der offizielle «Arierparagraph», der Juden als Mitglieder aus den Vereinen ausschliesst. Zwei Mitglieder, die den neuen Vorschriften nicht entsprachen, mussten den Verein verlassen. 

Ein beliebtes Karnevals-Schunkellied lautete:

„Hurra, mer wäde die Jüdde los, die janze koschere Band trick nohm jelobte Land, mir laachen uns for Freud kapott, der Itzig und die Sara trecken fott!“

[Hurra, wir werden die Juden los, die ganze koschere Bande zieht ins gelobte Land, wir lachen uns vor Freude kaputt, der Itzig und die Sara ziehen weg!]

Ab 1935 nahm der Druck weiter zu. Spitzeleien, Diffamierungen, falsche Anklagen wurden zur Regel.

In München hatten schon 1934 die Nazis und ihre Freizeitorganisation «Kraft durch Freude» den Fasching übernommen.

Ab 1935 war Karneval deutschlandweit ein Symbol für ein grosses Volksfest. Prinz Karneval grüsste von allen Plakatwänden. Aufzüge, Paraden und die Proklamation des Prinzenpaares werden zu politischen Aussagen.

Prinz Karneval 1935

Auf den Strassen sammelten Karnevalisten am 11. November 1938 deutschlandweit für das Winterhilfswerk der NSDAP. Zwei Tage zuvor hatten in ganz Deutschland die Synagogen gebrannt. Auf den Scherben der jüdischen Geschäfte trampelte das bis 1937 rein männliche «Dreigestirn» bestehend aus Bauer, Prinz und Jungfrau, um Spenden zu sammeln. Ab 1938 musste die Jungfrau durch eine Frau ersetzt werden. Die Vorstellung, dass ein Mann eine Frau darstellen sollte, entsprach nicht dem Bild der Nazis. „Zurück zur Natur lautete die Devise. Frauen mussten rekrutiert werden, um den Frauenbild der Nazis zu entsprechen. Als Gebärmaschinen, deren Kinder im Lebensborn landeten. 

Karl Küpper ist ein Mann, dessen Name ausserhalb der Karnevalsvereine kaum bekannt ist. Er war einer der wenigen, die sich offen gegen die Nationalsozialisten positionierte. Betrat der die Bühne, so sagte er mit dem erhobenen rechten Arm: „Su huh litt bei uns dr Dreck em Keller!“„So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller!“. Oder er fragte, die Hand erhebend, ob es gerade regnet: „Es et am rähne?“

Man hat es ihm nicht gedankt. Aber, er war er selber.

Und dafür möchte ich ihm danken!

Und deshalb, heute nochmals «Kölle alaaf!».



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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1 Antwort

  1. Wow, very interesting, Esther! And also thought provoking. How easy it is to become hateful and xenophobic. As antisemitism is rising again in Germany – and in Europe in general – it shows just how short memory is. Two generations of guilt, shock, and remorse, and then it is all forgotten and humans return back to old hatred. Not very optimistic.

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