Shabbat 2./3. April 2021 20./21.Nissan 5781
Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 18:19
Schabbatausgang in Jerusalem: 19:37

Am Freitagabend beginnt der 7. Tag des Pessach Festes der in diesem Jahr mit dem Schabbat zusammenfällt. Die Toralesung «überspringt» deshalb eine Woche und wird erst in der kommenden Woche mit dem nächsten «regulären» Wochenabschnitt fortgesetzt. In dieser Woche werden dem Fest entsprechende Textstellen gelesen.
Pessach, die Tage, an denen wir uns der Befreiung aus der Versklavung durch die Ägypter erinnern, enden am Ende des Seder Males mit den hoffnungsvollen Worten «Nächstes Jahr in Jerusalem!». Diese Worte symbolisieren die Hoffnung des Volkes Israel, dass sich die Wandlung vom Sklaven zum freien Menschen in einem eigenen Staat erfüllen wird, in dem wir, das einst geknechtete Volk Israel endlich frei sein dürfen. Frei von jeglicher Fremdherrschaft.
Vielleicht auch frei zu sein von uns selbst? Frei von unseren Normen und Zwängen, die uns einschränken, um uns anzupassen, ohne restlos überzeugt zu sein, das Richtige zu tun?
Frei zu sein auch von Erwartungen, die andere an uns haben. Und von denen wir vielleicht fürchten, sie nicht erfüllen zu können.
Oder aber auch, wie der 16. US-Präsident Abraham Lincoln, ein Wegbereiter für das Ende der Sklavenhaltung in den USA sagte: «Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.»
Lincoln verlangte mehr als unsere subjektive Freiheit, die wir für uns beanspruchen dürfen. Er verlangte auch, dass wir dem Anderen, dem Gegenüber, dem Fremden seine eigene Freiheit lassen müssen.
Das vergangene Jahr hat uns mit einer für unsere Generation gänzlich unbekannten und daher angstauslösenden «Fremdherrschaft» konfrontiert. Die Pandemie, die durch das COVID-19 Virus ausgelöst wurde.
Corona hat uns alle eingeschränkt in unseren Freiheiten. Seit über einem Jahr konnten viele von uns ihre Familie nicht mehr treffen. Wir konnten uns nicht mehr so einfach, wie wir es seit Jahren gewohnt waren, von einem Ort an den anderen begeben. Freunde sind erkrankt, sind vielleicht sogar verstorben. Wir konnten sie und ihre Partner nicht in den Arm nehmen und ihnen beistehen.
Andererseits sind Menschenkinder auf die Welt gekommen, unsere Enkel entwickelten sich vom Kind zum jungen Erwachsenen. Und wir durften all das nur virtuell miterleben.
COVID-19 hat uns auch wieder zurückgebracht zu uns selbst. Homeoffice, Ausgangssperren, social distancing stürzten viele Menschen in eine teils unerträgliche Einsamkeit. Kinder und Jugendliche, die keine Freunde treffen durften, alte Menschen, die mehr als bisher isoliert leben mussten. Partner, die jeden Tag als Herausforderung ansahen und sich fragten, ob ihre Liebe stark genug sei, sich den Herausforderungen zu stellen.
Jetzt gibt es Hoffnung. Es ist der Forschung unter immensem Zeitdruck gelungen, schnell hochwirksame Impfstoffe zu entwickeln. Den Forschern ist das scheinbar Unmögliche gelungen.
In Israel sind bereits knapp 5 Millionen Menschen zum zweiten Mal geimpft und damit mit grosser Wahrscheinlichkeit gerettet.
Trotzdem wird weltweit die Zahl der Corona Leugner und Impfgegner immer grösser.
«Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.»
Lasst sie doch für sich entscheiden, dass ihre Freiheit darin liegt, sich nicht zu schützen, könnte man sagen. Und wer bin ich, ihnen diese Freiheit zu nehmen? Ist das nicht ein Trugschluss? Wenn er sich gegen das Leben entscheidet, so muss er mit den Folgen leben, auch wenn er dadurch in seiner eigenen Freiheit eingeschränkt ist. Aber was ist mit anderen, noch nicht Geimpften? Gefährdet er die nicht? Beschränkt er damit nicht deren Freiheit?
An den Angriffen auf das Capitol in Washington waren viele von ihnen beteiligt. In ganz Europa radikalisieren sich die Gruppen. Einer der prominenten Köpfe der Corona Leugner, ein ehemaliger Starkoch, wettert aus der Türkei gegen Juden. Sie seien die Verursacher der Pandemie. Die Zahl seiner Follower in den sozialen Medien übersteigt die 100.000.
Menschen wie er versuchen, uns unsere Freiheit zu nehmen. Versuchen, unsere Entscheidung zum Leben einzuengen. Dem müssen wir uns mutig entgegenstellen.
Aktuell stehen auch politisch Entscheidungen an, die zeigen werden, ob wir weiterhin «bnei chorin» (freie Menschen) sein werden, oder ob wir uns erneut unter ein Joch der politischen Versklavung beugen müssen.
In Israel werden die nächsten Wochen zeigen, ob wir das Joch der ultrareligiösen und ultranationalen Parteien abschütteln können. Ob unsere demokratischen Politiker stark genug sind, die Interessen das Staates Israel über ihre eigenen Interessen zu stellen. Ob sie (für uns alle) unsere Freiheit verteidigen können.
Ich wünsche uns allen, dass wir, besonders auch unsere Politiker, die Kraft haben, unsere Freiheit zu verteidigen, um sie für uns zu erhalten.
Mo’adim l’simcha und Schabbat Schalom
Meinen marokkanischen Freunden und allen, die dabei sein können, wünsche ich ein fröhliches und festliches Mimouna Fest, das am Samstag Abend beginnt.
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