Wochenabschnitt: Acharei Mot-Kedoshim, Lev 16:1 – 20:27, 3. Buch

ב“ה

11./12. Ijar  5781                                  23./24. April 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:34

Schabbatausgang in Jerusalem:                              19:52

Auch in dieser Woche lesen wir wiederum zwei Wochenabschnitte. Damit werden die «fehlenden» Wochen ausgeglichen, die in einem Jahr ohne den zweiten Monat Adar fehlen.

Und wie so oft finden wir im ersten Satz des Wochenabschnittes den Titel, in diesem Fall «acharei mot» – «nach dem Tod». Der Blick wird zurückgeworfen auf den tragischen, selbstverschuldeten Tod der Söhne Aarons, Nadav und Avihu. Sie hatten sich mit einem unerwünschten, von Gott nicht geforderten «Feuer» dem Altar genähert und waren durch das Feuer gestorben. Tragisch. Vor allem für den Vater Aaron, dem Gott aber keine Zeit liess, um die Söhne zu trauern. 

Den ersten der beiden Wochenabschnitte kennen wir von Yom Kippur. Einen Teil lesen wir an diesem höchsten unserer Feiertage am Vormittag, den zweiten am Nachmittag. Yom Kippur ist der Tag, an dem wir Gott bitten, uns von unseren Sünden zu befreien. Zur Zeit von Aaron und seinen Nachfolgern waren es die Hohen Priester, die stellvertretend für das ganze Volk Israel das Sühneopfer erbrachten. Heute sind es die Vorbeter in Synagogen, die Gott darum bitten, dies stellvertretend für die Gemeinde tun zu dürfen. Diese Bitte findet beim Musaf Gebet im Anschluss an das Morgengebet an Rosh Hashana und an Yom Kippur und beim «Hineni» Gebet statt.

Nur an einem Tag darf der Hohe Priester das Allerheiligste betreten. Als Vorbereitung muss er eine spezielle Kleidung tragen und muss sich vorher rituell gereinigt haben. Beides kennen wir ebenfalls noch heute. An Yom Kippur tragen viele Männer in orthodoxen Gemeinden ihren «Kittel», das weisse Gewand, in das sie auch nach ihrem Tod gekleidet werden. In anderen Gemeinden kommen die Mitglieder oft ganz in Weiss gekleidet zu den Gottesdiensten. Sowohl Männer als auch Frauen besuchen am Tag vor Yom Kippur die Mikwe, auch wenn sie sonst im alltäglichen Leben kaum noch eine Bedeutung für sie hat. 

Aber Yom Kippur ist eben anders. Es ist der Tag, an dem wir uns dem Richtspruch Gottes unterwerfen. Es ist der einzige Tag, in dem wir unser Knie vor Gott beugen. Unsere Gebete sind das, was uns nach der Zerstörung des zweiten Tempels geblieben sind. Oh ja, damals «in den guten alten Tagen», da war alles noch ganz anders. Das Volk Israel, so viele Sünden jeder Einzelne auch begangen haben mochte, konnte sie abwälzen. Abwälzen? Auf wen?

Davon lesen wir in den kommenden Absätzen. 

Zwei Ziegenböcke sollten als Sühneopfer ausgesucht werden, «einer für Gott» und «einer  für Asalsel [ein Wüstendämon]». Der Ziegenbock, der als «Sündenbock» durch das Los bestimmt wurde, wurde «in die Wüste gejagt». Ob er tatsächlich nur in die Wüste gejagt wurde oder über ein Kliff gestossen wurden, bleibt unklar. Asalsel stand für die Dämonen des Bösen. Für die bösen Triebe des Menschen. 

Wir praktisch! Wir projizieren alle unsere Sünden auf den «Sündenbock», den wir dann noch «in die Wüste schicken». Damit sind wir aller Verantwortung ledig. Nicht wir haben gesündigt, nein, es war der «böse Trieb» in uns, der uns verführt hat, der uns manipuliert hat. Der böse Trieb, der uns zeit unseres Lebens plagt. Gegen den wir zwar Tag für Tag ankämpfen, aber der uns eben doch manchmal übermannt.

Der zweite Ziegenbock diente als Sühneopfer für die Menschen bei Gott. Manch einer mag sich nach dieser wirklich einfachen Möglichkeit, all seine Sünden loszuwerden, zurücksehnen. Heute nimmt uns die Verarbeitung, vor allem wenn es den zwischenmenschlichen Bereich angeht, niemand ab. Yom Kippur kann nicht als Radiergummi für alle Missetaten dienen. Um Kränkungen, Beleidigungen oder Tricksereien wieder ins Lot zu bringen, braucht es Beziehungsarbeit. 

Und genau darum geht es im zweiten Teil des Wochenabschnittes. 

In Lev 19:2 lesen wir  תִּהְיוּ:  כִּי קָדוֹשׁ, אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם קְדֹשִׁים «Heilig werdet ihr sein, denn ich, euer Gott bin heilig». Das ist eine aussergewöhnliche Formulierung. Ihr werdet heilig sein! Nicht ihr sollt sein, nein, ihr werdet es sein. Ihr seid es noch nicht, aber, weil ich, euer Gott heilig bin, deshalb werdet auch ihr es sein. Das ist es, was das Judentum ausmacht, die Blickrichtung in die Zukunft, die Dynamik der persönlichen Entwicklung. Um den manchmal beschwerlichen Weg einfacher gehen zu können, gibt uns Gott hier nochmals die Richtlinien, in denen wir unschwer die zehn Gebote wiedererkennen. Halten wir uns an diese, dann werden wir das Ziel erreichen «Heilig werdet ihr sein.» Natürlich nicht heilig in der uneingeschränkten Heiligkeit Gottes, aber in einem Mass, das für uns Menschen erreichbar ist. Im Versuch, uns an Gott soweit anzunähern, wie es uns möglich erscheint. 

Dieser Wochenabschnitt befindet sich genau in der Mitte der fünf Bücher Moses. Es ist sicher kein Zufall, dass es hier um die zentrale Beziehung zwischen Gott und den Menschen, aber auch um das Verhalten gegenüber den Mitmenschen geht. 

Ein viel zitierter Satz steht in Lev 19:18 «Liebe deinen Nachbarn wie dich selbst.» Diese Übersetzung macht keinen Sinn. וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ (veahavta le’reacha kamocha) – «reacha» bedeutet hier, dass wir jeden anderen Menschen lieben sollen. Ein schwieriges Unterfangen und eine grosse Herausforderung. Es gibt dazu eine wunderbare Geschichte im Talmud. 

Ein Konvertit kam zu Rabbi Shammai und bat ihn, ihn die Tora zu lehren während er auf einem Bein stand. [Im Sinne von kurz und knapp.] Rabbi Shammai, der für seine Strenge bekannt war, wies ihn ab. Rabbi Hillel, der geduldigere der beiden grossen Gelehrten, akzeptierte ihn als Schüler und sagte: «Tue nicht deinem Nächsten, was du nicht willst, dass es dir getan werde. Dies ist die Quintessenz der Tora. Alles andere ist Erklärung und Ausführung dieses Prinzips. Und jetzt gehe hin und lerne!» (Talmud Shabbat 31)

Die Essenz der Tora finden wir genau in der Mitte, im heutigen Wochenabschnitt. Schöner und besser als Rabbi Hillel kann es niemand sagen. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Politik

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