Was geschah am 6. Februar?

5. Adar I 5782

Kultur:

2022 seit gestern Nacht steht fest, wer Israel beim diesjährigen Eurovisionscontest in Turin vertreten wird. Michael Ben David gelang es, das begeisterte Publikum und die Juroren von seinem Song I.M. zu überzeugen. Mich überzeugte weder die in zart Babyrosa gehaltene Bühnenkleidung noch der Text des Songs, der wohl «I am» heissen soll und als Eigentherapie des Sängers verstanden werden muss. Auch die sportlichen Begleitübungen der vier Co-Künstler passen eher in die Kategorie «rhythmische Gymnastik» als in einen Song Contest.

Geschichte:

2001 wurde Ariel Sharon (1928 – 2014)[1] in einer Direktwahl zum PM von Israel gewählt. Es war die erste Wahl dieser Art. Die Wahlbehörden gingen davon aus, dass bei einem solchen Wahlsystem der PM gestärkt und die weitere Zersplitterung der Knesset in viele Klein- und Kleinstparteien verhindert werden würde. Trotz einer 1992 eingeführten Sperrklausel, die den Einzug einer Partei auf 1.5 % aller gültigen Wählerstimmen deckelte, erreichte die Zahl der Parteien bereits 1999 wieder 15. Nun galt es, vor den Wahlen die Stimmen der Wähler für einen Kandidaten zu mobilisieren. Das von der Knesset am 18. März 1992 verabschiedete «Basic Law – the Government» enthält alle Voraussetzungen zum damals neu eingeführten Wahlsystem. Dreimal wurde der PM nach diesem Wahlsystem gewählt (1996, 1999 und 2001) und dreimal führte das Ergebnis zum Wahlverlust des Amtsinhabers. Der 2001 gegen Sharon angetretene PM Ehud Barak verlor nahezu 50 % der Stimmen. Der Versuch einer parlamentarisch-präsidialen Mischform war gescheitert. Israel kehrte wieder zur altbekannten, rein parlamentarischen Regierungsform zurück. Auf die Wahl durch das Wahlvolk, folgten die Gespräche jedes Parteivorsitzenden mit dem Präsidenten. Die dürfen vorschlagen, wen sie für den geeigneten Kandidaten als PM halten. In der Regel wird der Präsident denjenigen Kandidaten mit der Regierungsbildung beauftragen, der erstens bei den Gesprächen mehr als die minimal notwendigen 61 Stimmen hinter sich bringen konnte und von dem er zweitens überzeugt ist, dass er eine stabile Regierung bilden kann. Das muss nicht immer der Vorsitzende der stärksten Partei sein. Das beste Beispiel ist die aktuelle Regierung in Israel, von der die Opposition unkte, dass sie unfähig sei, und keine sechs Wochen halten würde und die nun schon acht Monate durchaus erfolgreicher, als bisherige Regierungen arbeitet.

Geboren:

1767 wird Saul ben Anschel Jaffe ( Saul Ascher) in Berlin geborenÜber die Ausbildung ist bis auf den Besuch des Gymnasiums kaum etwas bekannt. Jedoch lassen Inhalt und Sprache seiner Schriften auf eine intensive humanistische Bildung schliessen. Seine jungen Jahre verbrachte er in den Kreisen, in denen sich die Vertreter der jüdischen Spätaufklärung bewegten.

Er selbst sah sich ebenfalls als Vertreter der Aufklärung, wobei er sich mehr dem Verständnis von Immanuel Kant verpflichtet fühlte, als dem der jüdischen Philosophen. Überhaupt ist es nicht bekannt, ob und in welchem Masse er am jüdischen Leben Berlins teilnahm. 

Im April 1810 wird er aufgrund eines kritischen Berichtes über einen Korruptionsskandal vorübergehend festgenommen, jedoch bereits nach zwei Wochen wieder aus der Haft entlassen. Das gegen ihn anhängige Verfahren wird aber erst Ende Oktober fallen gelassen. Aufgrund eines Reiseverbotes zu der Zeit kann er nicht an der Verleihung der Doktorwürde an der Friedrichs-Universität in Halle teilnehmen. Dieser wird ihm «in absentia» verliehen.

Bis 1812 war er von Beruf Buchhändler, wird aber später in einem noch existierenden Adressbuch als Schriftsteller bezeichnet.

Ascher war zeit seines Lebens in verschiedenen Tätigkeitsbereichen aktiv: Autor, Übersetzer und Verleger. Er schrieb in den Zeitschriften entweder anonym oder unter einem Pseudonym.

1822 verstirbt er nach längerer Krankheit in Berlin.

1920 wird Max Mannheimer s’’l in Neutitschein, Tschechoslowakei geboren. Von 1934 bis 1936 besuchte er die örtliche Handelsschule. Max[2], ich darf ihn so nennen, weil er ein ganz besonders lieber Freund von mir war, bezeichnete sich selbst immer als «schlechten und faulen Schüler», der ohne jeden Ehrgeiz die Schule über sich ergehen liess. Aus der Handelsschule erzählte er gerne eine Anekdote. Sein Lehrer stellte ihm die Frage, ob ein Eisenwarenhändler aufgrund der Gewerbebestimmungen auch mit Wein handeln dürfe. Die Antwort des damals 15-jährigen «Das darf er, wenn es sich um den eisenhaltigen Pepsinwein gegen Blutarmut handelt». Dieser Humor, die pointierte Art des Denkens haben ihm möglicherweise 10 Jahre später geholfen, die Shoa zu überleben.

Nach dem Einmarsch der Nazis in die Tschechoslowakei ändert sich das Leben für Juden massiv. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 sieht Max, wie die Synagoge geschändet wird. Der Vater wird in Schutzhaft genommen, nur eine Lüge der Mutter über sein wahres Alter rettet ihn vor derselben Tortur.

Dann begann die Irrfahrt, die erst 1945 enden sollte. Von Neutitschein zog die Familie nach Ungarisch Brod. Max musste im Strassenbau arbeiten. Die Schwielen an den Händen retteten ihn bei der Selektion bei der Ankunft an der Rampe in Auschwitz-Birkenau. 

1939 lernt er seine erste grosse Liebe, Viola kennen. Als sie mit ihrer Familie 1940 nach Palästina auswandert und ihn mitnehmen will, beschliesst er, bei seiner Familie zu bleiben. Viel später wird er Viola mit ihrem Mann in Israel wieder treffen. Auch Max trifft bald darauf seine erste Frau, Eva, die er 1942 heiratet. Ihr Glück währt nur kurz. Am 24. Januar 1943 erhielten sie die Information, dass sie nach Theresienstadt deportiert werden würden. Nur einen Tag nach der Ankunft in Theresienstadt wurden sie weiter nach Osten deportiert. Wie es hiess, zum Arbeitseinsatz. 

Irgendwann, nach Tagen der Hoffnung und Tagen der Verzweiflung, kam der Zug an der Rampe von Auschwitz-Birkenau an. Bis auf seinen jüngeren Bruder Edgar und seinen Bruder Ernst gingen an diesem 1. Februar 1943 all seine Familienmitglieder den Weg in die Gaskammern. 

Während des Martyriums in Auschwitz denkt Max mehrfach daran, seinem Leben ein Ende zu setzen, indem er sich in den Elektrozaun wirft. Sein Bruder Edgar hindert ihn daran «Willst du mich alleinlassen?» Bruder Ernst erkrankte noch im Frühjahr 43 an einer Seuche. Infolge dieser Erkrankung wurde er Opfer einer der regelmässigen Selektierungen, die in der Gaskammer endeten.

Max war ab November 43 in Warschau in einer Wäscherei eingeteilt, in der die Wäsche der Lagerkommandanten gewaschen wurde. Dort traf er auf Cesia, seine zweite grosse Liebe. Wenn Max bis kurz vor seinem Tod in zahlreichen Schulen seine Geschichte erzählte, so strahlten seine Augen bei der Erwähnung des Namens Cesia immer ganz besonders. Aber ich bin sicher, keine seiner beiden Frauen, die er nach dem Krieg ehelichte, mussten eifersüchtig auf Cesia sein, sie war einfach die Lichtgestalt in der dunklen Welt der Verfolgung!

Es gelang den beiden Brüdern Edgar und Max bis zur Befreiung des KZ Dachau, wohin sie im August 1944 verlegt worden waren, zusammen zu bleiben. 

Nach seiner Entlassung aus Dachau kehrte er zunächst nach Neutitschein zurück. Nie wieder wollte er deutschen Boden betreten. Doch das Leben hatte anderes mit ihm vor. Seine zweite Ehefrau war eine deutsche Widerstandskämpferin. Als sie 1964 verstarb, schrieb er seine Lebensgeschichte auf. Das Original liegt in Yad Vashem in Jerusalem.

Mit seiner dritten Ehefrau, Grace, lebte er bis zu deren Tod 2010 in Haar bei München. 

Und er begann als Selbsttherapie zu malen. Unter dem Namen Ben Yacov malte er zahlreich Bilder, vor allem in Hinterglastechnik. Bilder ohne erkennbares Sujet, aber mit ausdrucksstarker Farbgebung. 

Unermüdlich bereiste er Schulen in Österreich und Deutschland, um seine Geschichte der neuen Generation zu erzählen. Er tat das ohne Hass, ohne Anklage, immer bereit, alle Fragen der Schüler offen und ehrlich zu beantworten.

Sein Bruder verstarb 1993 in Zürich, Max verstarb am 23. September 2016 in München. 


[1] Ausführliche Informationen zu Ariel Sharon siehe 11. Januar

[2] Die Informationen und Zitate stammen aus zahlreichen persönlichen Gesprächen und seinem Buch »Max Mannheimer – drei Leben» Marie-Luise von der Leyen, dtv Pemium 2012



Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Timeline

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