Noch 55 Tage bis zum Pessach Fest …

19. Adar I 5782

… und schon geht wieder das alljährliche Rätselraten los, was man in das Menü für den Seder Abend und für die kommenden sieben Tage auf den Speiseplan setzen soll. Wo genau liegt aber das Problem?

Grundsätzlich ist es während der Pessachtage verboten, Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, die Weizen, Hafer, Roggen, Gerste oder Dinkel beinhalten. Das ist für mich noch verständlich. Immerhin finden wir die Begründung dazu bereits sehr früh in der Torah. Man darf Chametz, Gesäuertes nicht essen (Ex 12:20 und 13:3), es nicht besitzen (Ex 12:19) und muss es infolgedessen aus dem Haus entfernen (Ex 12:15).

Die fünf Getreidesorten

18 Minuten, nachdem man Mehl und Wasser gemischt hat, beginnt die natürliche Gärung, also genau das, was man zu Pessach nicht will. Zugelassen sind nur Matzot, die in weniger als 18 Minuten bereits fertig gebacken sind. 

Jolly Jumper liebt sein Müsli und er muss auch zu Pessach nicht darauf verzichten!

Als die Kinder Israel aus Ägypten flohen, musste nach langem Hin und Her mit Pharao alles auf einmal sehr schnell gehen. Sie sollten bereits reisefertig gekleidet am Tisch sitzen. So blieb ihnen keine Zeit mehr, den Teig für das Brot, das sie als ersten Proviant mitnehmen wollten, aufgehen zu lassen. Das vorhandene Mehl wurde mit Wasser vermischt und gebacken. Und fertig waren die Vorläufer der heutigen Matzot. Flache, nach nichts schmeckende Brotscheiben.

Heute kann man wählen: Schokoladenmatzot, Eier-Matzot, glutenfreie Matzot, um nur einige zu nennen. Die Restaurants, Hotels und auch Hausfrauen übertreffen sich, Rezepte zu finden, wie man auch aus Matze, oder Matzemehl Kuchen, Brote oder Desserts machen kann. Nur eine Möglichkeit, sie zu rollen und Frühlingsrollen, bzw. Canneloni «Kosher le pessach» daraus zu formen, die hat noch niemand gefunden. Der Aufwand ist unglaublich!

Selbstverständlich darf während der Pessachtage kein Bier oder Whiskey auf dem Tisch landen.

Bisher ist das doch wirklich alles ganz einfach, oder? 

Und statt des üblichen Biers aus Getreide, könnte man doch für eine Woche auf Reisebier umsteigen!  

Jetzt beginnen die Probleme! Zunächst müssen wir uns vor Augen führen, dass wir von der Herkunft her zwei grosse Gruppen von Juden kennen. Die aus Mittel-, Nord- und Osteuropa stammenden Ashkenasim, die etwa 70 % der gesamten jüdischen Weltpopulation ausmachen und die ursprünglich aus Spanien und Portugal, aber auch aus Nordafrika stammenden Spharadim

Juden aus dem Jemen, der Arabischen Halbinsel, dem Irak, Iran und Indien gehören nicht zu diesen Gruppierungen und hatten zum Teil ihre eigenen Speiseregeln. Hmmmm!

קִטְנִיּוֹת (kitnijot) bezeichnet Hülsenfrüchte. Hülsenfrüchtler sind eine Familie jener Pflanzen, die man als «Schmetterlingsblütler» bezeichnet. Einerseits sind es krautige ein- bis zwei-jährige Pflanzen, andererseits aber auch Bäume, die zumeist schotenartige Früchte mit mehreren Samen bilden. Ihre Samen sind umhüllt von einer Hülse, die aufplatzt, wenn der Samen reif ist und dann «streut». Einzig die Frucht der Erdnuss hat sich im Laufe der Jahrtausende zur Nuss gewandelt. Ihre harte Fruchthülle öffnet sich nicht selbstständig. 

Zu den Bäumen gehört der «Wiliwili», der aber nur auf Hawaii vorkommt, und deshalb hier vernachlässigt werden soll, und der Johannisbrotbaum, der in Israel allgegenwärtig ist. Zu den bei uns vorkommenden Arten von Hülsenfrüchten gehören alle Arten von Bohnen, Erbsen, Kichererbsen, Linsen, Sojabohnen, Erdnüsse und Lupinen. 

Alle diese Hülsenfrüchte bilden die wichtigste Grundlage für die Ernährung der Einwohner des Nahen und Mittleren Ostens und der Spharadim. Sie wuchsen fast überall in ihrem Siedlungsgebiet, waren preiswert und durch ihre Zusammensetzung hochwertige Nahrungsmittel. Bei den Ashkenasim hatten sie früher aber kaum eine Bedeutung, sie waren sogar teils unbekannt. 

Die vegane Version des Lieblingsgerichtes von Bud Spencer und Terence Hill!

Bis heute ist es in den meisten Gemeinden üblich, dass Ashkenasim keine Kitnijot  essen, diese aber in Sphardischen Haushalten durchaus auf dem Speisezettel an Pessach stehen. Aber nicht alle Rabbiner sind sich darüber einig, was alles zu den Kitnijot gezählt werden muss. 

Sie zählen, um auf der ganz sicheren Seite zu stehen, auch den Reis, der aber zu den Gräsern gehört und den Mais, der zur Familie der Süssgräser gehört, zu den verbotenen Nahrungsmitteln. Auch Sonnenblumen-, Mohnblumen- und Fenchelsamen, sowie Senf stehen auf der Verbotsliste.

Woher kommen die grossen Bedenken? Sind sie einfach eine Tradition oder die Überzeugung, dass man (Hausfrau) schlicht und einfach etwas nicht richtig erkennt? Es gibt zumindest drei Vorstellungen

  1. Auf Feldern mit Mischkulturen kann es sein, dass irrtümlich Überreste von Getreide mit Kitnijot vermischt werden könnten.
  2. Getreide und Kitnijot werden teilweise ähnlich verarbeitet, zB beim Brot. Es könnte daher abgeleitet werden, dass Getreide erlaubt ist, wenn es der gleichen Herstellung wie der von Kitnijot dient.
  3. Linsen galten in einigen Regionen als typische Speise zur Zeit von Trauer. Man soll aber an Feiertagen fröhlich sein. Also verbietet sich der Genuss von Kitnijot.

Schon im frühen 14. Jahrhundert diskutierten Rabbiner darüber, ob das Verbot der Kitnijot erhalten bleiben sollte, oder, ob es sogar noch ausgedehnt werden müsse.

Heutzutage stellen sich viele moderne Rabbiner auf den Standpunkt, diese alte Tradition sei nicht mehr in Stein gemeisselt, sollte aber doch, wenn möglich, weiterhin eingehalten werden. 

Da waren die Reformgemeinden in den USA und in Kanada im 19. Jahrhundert schon weit ihrer Zeit voraus. Damals wurde der Konsum von Kitnijot ausdrücklich bewilligt. In Israel, wo sich grössere Gemeinden mit Spharadim befinden, wird der Genuss der Hülsenfrüchte heute deutlich lockerer eingeschätzt. Vor allem, wenn es durch Einheirat «gemischte» Familien gibt, die dann ganz selbstverständlich die schwierigere Vorschrift über Bord geworfen haben!

Zwei bekannte israelische Rabbiner, David Bar-Hayim vom orthodoxen Shilo Institut in Jerusalem und David Golinkin, Präsident des zu Masorti gehörenden Schechter Institutes ebenfalls in Jerusalem sind sich einig. Man könne nicht Bräuche und Traditionen einfach einpacken wie Möbelstücke, um sie dann in der neuen Heimat wieder auszupacken und sie nahtlos fortzuführen. «Wahrscheinlich war es ein Irrtum von diesen Juden, diesen Brauch in andere Gebiete wie die Vereinigten Staaten mitzunehmen, wo es keinen entsprechenden lokalen Brauch gab, und es war sicherlich ein Irrtum, ihn in das Land Israel zu bringen, wo es im Laufe der Jahrhunderte üblich war, zu Pessach  Kitnijot zu essen. Das Essen von Kitnijot während der Feiertage war der wahre Brauch unserer Vorfahren im Heiligen Land. Reis war sogar auf den Seder-Tellern der Antike enthalten.»

Kitnijot und Chametz hinter Abdecktüchern verborgen, ein normaler Anblick in israelischen Supermärkten

Ich möchte keinesfalls rabbinische Entscheide infrage stellen oder kritisieren. Weder die der alten noch die der neuen. Nachdem die Rabbiner bis heute keine einheitliche Meinung zu dem Thema haben, gestatte ich mir jedoch, meine eigene Meinung zu bilden. Es ist sicherlich halachisch absolut korrekt, denn dort steht nichts davon, dass wir uns an so festlichen Tagen, oder sogar ein einer so festlichen Woche auf den Speiseplan konzentrieren sollen. 

Natürlich abgesehen vom ursprünglichen Gebot, kein Chametz zu essen. 



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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