Einkaufshappening und Mauscheleien im orthodoxen Supermarkt?

19. Adar II 5782

Was ist es, was den nicht-orthodoxen Juden dazu bringt, sich freiwillig in das Verkehrschaos von Bnei Brak[1]zu begeben? Mehr als das, nicht nur hinzufahren, sondern sich einen Parkplatz zu suchen und ins Einkaufsgetümmel zu stürzen. Vorbei an all den vor der Türe geparkten übergrossen Einkaufswagen und Spenden-Boxen, hoch aufgetürmten Pappschachteln, die nach dem Umladen in den Kofferraum des eigenen Wagens (oder auch in den zweckentfremdeten Kinderwagen) einfach stehen gelassen wurden. 

Der zweckentfremdete Zwillingskinderwagen

Spendenboxen sind allgegenwärtig
Ein typischer Anblick vor einem Supermarkt

Ist es das leichte Prickeln, das Einkaufserlebnis in eine ansonsten fremd anmutende Welt zu verlegen? Oder sind es einfach pragmatische Gründe, die diesen ungewöhnlichen Besuch rechtfertigen?

Das ist es, die Preise in diesen Läden liegen deutlich unter jenen der bekannten Ketten. Bei den orthodoxen Ketten, wie z.B. «Yesh chesed!» (Es gibt Gnade) macht die säkulare Klientel etwas 1/3 aller Käufer aus. Im kleinen Markolet (Tante Emma Laden)  מרכולת hingegen findet man kaum nicht-orthodoxe Käufer. 

«Osher ad ba aretz», (Glück für das Land), die Kette die sich unabhängig vom religiösen Umfeld in Jerusalem, Tel Aviv, und einigen Standorten im urbanen Bereich befindet scheint aber alle Gruppen von Käufern anzuziehen. 

Einkaufen in Bnei Brak heisst auch, sich von bekannten Herstellernamen zu verabschieden, wenn man von den günstigeren Preisen des Angebotes profitieren möchte. 

Vom Lebensmittelriesen «Osem» hergestellte «ptitim», das sind ultra kurz geschnittene Spaghetti, die anstelle von Reis oder Couscous gegessen werden, kosten im ½ Kg Beutel NIS 6.40; bei «Rami Levy» und «Sufarsal» als Hausmarke NIS 4.90. Von «Yesh chesed» gibt es sie bereits um NIS 2.90. Teigwaren gehören zu den Grundlebensmitteln, warum sollte man mehr zahlen als unbedingt notwendig. Selbst wenn ein bekanntes Produkt den Weg in die Regale von «Yesh!» finden würde, es würde ganz sicher ein Ladenhüter sein.

Kartoffelchips gibt es im 50 gr Beutel als Noname Produkt bereits um NIS 1.90, in anderen Läden steigt der Preis bis auf NIS 4.—an.

Trotzdem ist die Gewinnspanne fast identisch. Im säkularen Supermarkt liegt sie bei 17 bis 27 %, bei den orthodoxen liegt er erstaunlicherweise trotz der tiefen Preise immer noch bei 15 %.

Auf den Kunden, der erstmals nach Bnei Brak kommt, mag vieles ungewöhnlich wirken. Man kann sicher sein, dass frühmorgens, vor der Öffnung des Lädchens alles in bester Ordnung war. Der Boden gereinigt, die Regale ordentlich aufgeräumt und neu bestückt. Aber spätestens, wenn einige Familie in Kompaniestärke sich durch die meist engen Gänge bewegt hat, bleibt der eine oder andere Kollateralschaden nicht aus. So befinden sie die Regale oft in chaotischer Unordnung, und auf dem Boden vereint sich Trockenware mit Tomatensauce. Nicht nur unappetitlich, sondern auch gefährlich. Aber alle arrangieren sich irgendwie! 

Und bitte, nun keine Rückschlüsse auf die Haushalte ziehen. Das wäre falsch, denn die sind so sauber und gepflegt, wie alle anderen!

In den orthodoxen Lebensmittelketten herrscht das gleich geordnete Chaos, wie überall. Nur, dass hier Mitarbeiter den ganzen Tag über nichts anderes tun, als das Chaos zu beseitigen. Man kann sich sicher sein, dass sich in diese Filialen kein noch so kleines Produkt einschleicht, dass nicht den strikten Vorschriften der Lebensmittelgesetze entspricht. Der typische Käufer legt darauf noch mehr wert als auf einen «guten Preis»!

Warum sind die Preise hier im Schnitt 15 – 22 % niedriger als anderswo? Einer der Gründe ist sicher die Grösse der Familien. Diese Familien kaufen mehr ein, wenn es Grosspackungen gibt, die noch ein bisschen preiswerter sind, so sieht man die in den Einkaufwagen. 

Wenn wir uns klarmachen, dass jeder Einkauf genau ausgewertet wird, vor allem wenn der Kunde eine, wie immer bezeichnete «Treukarte» hat, so erkennen wir den ungeheuren Wert eines solchen Stammkunden. Von seinen Einkäufen kann man hochrechnen, welche Produkte besonders beliebt sind. Diese Erkenntnisse sind wiederum die Grundlagen für die Preisverhandlungen mit dem Lieferanten und/oder Hersteller. Je mehr, desto preiswerter, bei trotzdem hoher Gewinnspanne. 

Dazu kommt, dass die Betriebskosten in diesem Bereich zwischen 5 und 10 % niedriger sind als in vergleichbaren Betrieben. Die Mitarbeiter kommen zumeist aus dem haredischen Sektor, arbeiten nur in Teilzeit und erhalten Verdienstzuschläge aus den Wohlfahrtsfonds.

Dazu kommt eine klassische win:win Situation. Die Lebensmittelkette spendet namhafte Beträge und gibt Sachspenden für Veranstaltungen und Yeshivot. Dafür sind die Kosten für die Ausstellung von notwendigen Zertifikaten deutlich billiger als für andere. Auch die Gemeindesteuern liegen stark reduziert unter denen der anderen Geschäfte. Das gilt übrigens auch für die Liegenschaftssteuer, die Arnona. Auch hier zahlen nicht haredische Bewohner weitaus mehr, als es möglicherweise sein haredischer Nachbar in einem «semiattached» Haus. Nicht ganz fair, aber so ist es!


[1] Bnei Brak steht hier als Beispiel für alle orthodox geprägten Regionen, Städte und Stadtviertel in ganz Israel.



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