ב“ה
29. Adar II/ 1. Nissan 5782 1./2.April 2022
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 18:19
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:36
Shabbateingang in Seldwyla 19:37
Shabbatausgang in Seldwyla 20:43
Dieser Wochenabschnitt, den wir in diesem Jahr zwei Wochen vor dem Beginn des Pessach Festes lesen behandelt das Thema „Reinheit“. Die „Unreinheit“, die hier angesprochen wird, bezieht sich auf die Zeit nach der Geburt eines Kindes.
Aber kann es sein, dass es sich tatsächliche um körperliche „Reinheit“, bzw. „Unreinheit“ handelt? Zu biblischer Zeit, vor allem während der Wüstenwanderung, mag es schwierig gewesen sein, Kind und Mutter nach der Geburt sorgfältig zu reinigen. Aber auch dort muss es die Möglichkeit gegeben haben einige Momente der Ruhe für die Geburt geschwächte Mutter zu schaffen. Heute, wo eine Geburt unter hygienisch einwandfreien Bedingungen stattfindet, ist die Reinigung der erste Teil der liebevollen Zuwendung, die die junge Mutter und ihr Kind erfahren.
Und dennoch lesen wir in Lev. 12:2, dass sie nach der Geburt eines Knaben sieben Tage unrein ist. Bringt sie ein Mädchen auf die Welt, so dauert die Zeit der Unreinheit sogar 14 Tage.
Lesen wir weiter.
Am achten Tag nach der Geburt wird der Knabe beschnitten. Danach ist die Mutter noch für weitere 33 Tage unrein. Insgesamt dauert die Zeit, in der sie sogar abgeschieden von den anderen leben muss und selbstverständlich auch nicht zum Tempel gehen darf 40 Tage. Bei einem Mädchen beträgt der zweite Zeitraum sogar 66 Tage. Bei einem Mädchen ist die Zeit also doppelt so lange wie bei einem Buben.
Man könnte nun sagen, dass mit der Beschneidung des Knaben am 8. Tage auch seine symbolische Unreinheit endet, er wird in den Bund Gottes aufgenommen.
Nach dieser ausführlichen Vorschrift erfahren wir etwas Besonderes. Nach dem Besuch der Mikwe, die hier nicht explizit erwähnt wird, die aber eine bindende Vorschrift ist, bevor sie wieder zum Tempel gehen darf, soll sie Opfer bringen. Und zwar die gleichen für einen Sohn und für eine Tochter. Ein junges Schaf, oder wenn sie das nicht kaufen kann, eine Taube, als Brandopfer und eine Taube als Sühnopfer für sie. Nicht der Vater, sondern die Frau bringt die Opfer. Das beweist, dass auch sie eine klar definierte Rolle innerhalb der Gesellschaft hatte, was die religiöse Zugehörigkeit angeht.
Das Brandopfer beendet rituell ihre Unreinheit. Das ist nachvollziehbar auf Basis der Opfervorschriften. Aber ein Sühnopfer? Welche Sünde soll die Mutter denn im Zusammenhang mit der Geburt begangen haben? Wir können es nur vermuten. Vielleicht hat sie während des schmerzhaften Geburtsvorganges geschrien und geschumpfen. Vielleicht hat sie geschworen, nie wieder Kinder haben zu wollen. Beides wäre eine Sünde gewesen, wenn auch eine durchaus verständliche.
Das alles erklärt aber nicht den grossen Unterschied in der Zeit der rituellen Unreinheit. Heutzutage, wo es den Frauen nach vielen Jahren und Kämpfen endlich gelungen ist, sich zu emanzipieren, fällt es schwer, die damalige Denkweise zu akzeptieren. Um es auf einen knappen Nenner zu bringen: sind weibliche Babys weniger wert als männliche? Buben sind die Stammhalter, sie sind die, die den Fortbestand der Familie sichern. Mädchen müssen früh lernen, sich den Wünschen und Vorstellungen, aber auch den Anforderungen der Männer unterzuordnen.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass diese Vorstellung auch in durchaus als aufgeklärt geltenden Gesellschaften verwurzelt war. In anderen Kulturkreisen gilt sie bis heute. Kommt es zu Versorgungsengpässen in der Ernährung, so findet man mehr unterernährte Mädchen als Buben. Es gibt immer noch drastische Unterschiede in der Bildung. In China und Indien tötete man jahrelang weibliche Föten, um dem Bevölkerungswachstum Einhalt zu gebieten.
Mädchen und Frauen waren und sind auch heute noch teilweise der schwächere Teil der Gesellschaft. Nicht körperliche Schwäche ist damit gemeint, sondern der angreifbarere. Die Bibel hat das erkannt. Dem Schwächeren muss ein längerer Schutz angediehen werden. Die Mutter muss mehr Zeit erhalten, um dem kleinen hilflosen Baby einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

In den ersten Wochen durfte die junge Mutter ganz für sich, vielleicht gemeinsam mit einer guten Freundin nur für ihr Kind da sein. Versteht man die Abgeschiedenheit unter diesem Aspekt, so darf man sich ruhig einen hellen und sonnigen Ort vorstellen. Nicht voller Trauer über die auferlegte Trennung von der Familie, sondern durchaus voller Vorfreude auf das Kommende.
Unsere heutige Gesellschaft verlangt zumeist, dass Frauen sich möglichst schnell wieder in den täglichen Arbeitsprozess eingliedern. Wäre es nicht schön, wenn wir ihnen endlich eine längere Periode zugestehen würden, um allein oder gemeinsam mit dem Vater des Kindes die ersten, so wichtigen Tage, Wochen und Monate des winzigen Menschen begleiten zu dürfen?
Shabbat Shalom!
Hinterlasse einen Kommentar