6. Tammus 5782
Geht man in Österreich oder auch in Bayern über einen der zahlreichen ländlichen Friedhöfe, so findet man Grabsteine, die eine ganz andere Geschichte erzählen. Da liegt Maria Magdalena Fliker, verstorben im Jahr 1930, definiert als Dachdeckermeistersgattin. Da firmiert Magdalena Lehmann als Hofrat-Wittwe (sic!), nachdem ihr seliger Gatte, der Herr Hofrat Professor Dr. D. Lehmann vorverstorben ist. Auch der Brief aus Zagreb aus dem Jahr 1944 findet den Weg zur Frau Hofratswitwe Anna Streichert in Graz.



Waren das Frauen, die als starke Frauen hinter ihren Männern standen, oder waren das die Frauen, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert in den Schatten ihrer Männer traten, sobald sie verheiratet waren?
Im Lateinischen wird unterschieden «Maria Julio nubit» Maria hat Julius geheiratet, aber «Julius Mariam in matrimonium ducit» Julius hat Maria in die Ehe geführt. Aktiv waren wohl beide bei ihrer Lebensplanung gewesen, aber für Maria waren die Folgen weitreichender. Sie musste die Einwilligung ihres Ehemannes einholen, wenn sie eine neue Arbeitsstelle antrat oder ein Bankkonto eröffnen wollte, vom Wahlrecht sprechen wir schon gar nicht.
Das britische Empire war Vorreiter. Zwischen 1893 (Cookinseln) und 1902 (Australien) erhielten die Frauen das Recht der aktiven und der passiven Wahl. Die nordischen Staaten folgten zwischen 1906 und 1915, Deutschland zog 1918 nach, 1920 Österreich. 1971 gelang auch in der Schweiz der Durchbruch, knapp vor Liechtenstein, das 1984 als letztes europäisches Land zu Gunsten der Frauen entschied. Bis heute haben Frauen kein Stimmrecht in Saudi-Arabien, Brunei und dem Vatikanstaat.
Im Hebräischen geht man sogar noch weiter. Der Ehemann ist der בַּעַל , der «Herr oder auch Eigentümer» der Frau, während diese die בְּעֻלַת בַּעַל die «Besitz vom Herrn» ist. Nicht erschrecken, im modernen Alltag gilt längst schon «Mann und Frau». Immerhin ist Israel das Land, in dem Frauen seit der Staatsgründung 1948 gleichberechtigt sind.
In fast jedem Land spricht man immer häufig über die Ehefrauen oder Partnerinnen der Staatschefs. Oder heute auch über die Ehemänner oder Partner. Oder über die gleichgeschlechtlichen Ehemänner oder Partner (hier lasse ich das weibliche Pendant weg, denn mir ist kein solcher Fall bekannt.)
Meist sind es aber protokollarische Diskussionen, die geführt werden. Immer dann, wenn es um Sitzordnungen bei Staatsbanketten geht, oder um das Damenprogramm bei internationalen Grossveranstaltungen. Ansonsten halten sich die Partnerinnen[1] weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus und gehen ihrem eigenen Leben nach.
In Israel sind es vor allem die Ehefrauen der Premierminister, die immer wieder in die Öffentlichkeit gezogen werden und deren Verhalten ein kleines Puzzlestück in das Gesamtbild des Regierungschefs einfügen. Derzeit sind es drei Frauen, die fast gleichgleich den Titel der «First Lady» führten.
Da ist die Veteranin, mit 12 Jahren ohne Unterbruch, Sarah Netanyahu, die in dem Moment, wenn Bibi sich zum König krönen lässt, Königin werden wird. Und die, auch das ist eine Besonderheit, gleich einen Kronprinzen mitbringt, Yair. Gott beschütze uns!!!
Sarah war immer bemüht, nichts über ihr Familienleben bekannt werden zu lassen. Es gibt einen Ehevertrag, der ihr zahlreiche Rechte einräumt. So darf sie auf jeder Dienstreise ihres Mannes auf Staatskosten mitreisen. Zahlen muss der Steuerzahler!
Bei Reisen in die USA hatte sie immer ein ganz spezielles Gepäck bei sich. Kofferweise Schmutzwäsche, die sie auf Kosten des amerikanischen Steuerzahlers in Washington waschen liess. Mitarbeiter des präsidialen Guesthouses bestätigen dies, israelische Sprecher weisen dies weit von sich. Na ja, es gab Bilder von vollgestellten Flugzeuggängen, mit weit mehr Koffern, als für eine zwei Tages Visite notwendig gewesen wären… 2106 hatte Netanyahu den Generalstaatsanwalt darauf verklagt, seine weitaus zu hohen Wäschereirechnungen geheim zu halten.
Bei einem Besuch in der Ukraine sieht man, wie sie als Zeichen der Gastfreundschaft Brot angeboten bekommt, dieses angewidert auf den Boden wirft. Auch wenn man später versucht, dies als Zufall hinzustellen, ihr Gesicht sprach Bände.
Bei einem Besuch in Lissabon, der zwar als politischer Besuch deklariert war, der aber eher touristischen Interessen folgte, nutzte sie ein kurzes Interview am Denkmal für die während der Inquisition gestorbenen Juden zu einem seltsamen Statement. Der Reporter fragte, welche Inquisition schlimmer sei, die mittelalterliche oder die, die sie gerade aufgrund der Gerichtsfälle ihres Mannes ertragen müsse. Eine blöde Frage, die sie eigentlich gar nicht hätte beantworten müssen. Was sie aber doch tat. «Ich bin glücklich, dass Sie es auch so sehen, dass dies für uns eine Inquisition ist.» Übrigens, auch ihr Mann verhält sich dort nicht wirklich staatsmännisch!

Sarah beschäftigte auch immer wieder die Gerichte, mal wurde sie schuldig gesprochen, eine Hausangestellte ausgenutzt zu haben, wofür das Gericht ihr eine Strafe von 47.000 US$ aufbrummte, mal ging es um sagenhafte US$ 100.000, die sie für Cateringdienste ausgegeben hatte, obwohl Balfour über eine voll funktionstüchtige, wenn auch in die Jahre gekommene Küche verfügt und dort ein hauseigenes Küchenteam schaltet und waltet. Angeblich wurden die Mahlzeiten in einem italienischen Spezialitätenrestaurant, einem Sushi Take out und einem levantinischen Grill gegen ihren Willen bestellt.
Sarah einigte sich aussergerichtlich, zahlte dem Gericht US$ 2.800 Strafe und der Staatskasse US$ 12.500. Ein toller deal.
Gibt es etwas Positives? Ich habe lange gesucht, ich finde nichts.
Es folgte Gilat Bennett. Die 45 Jahre alte Ehefrau von Naftali Bennet ist Konditorin. Von Beruf und mit Begeisterung. Und Elternberaterin an der Schule ihrer Kinder. Mitmachen will sie und dort Verantwortung übernehmen, wo es für die Kinder, für die kommende Generation hilfreich ist.
Das Einzige, was man ihr vorwerfen konnte, war, dass sie während der allgemeinen Reiseeinschränkungen samt ihren Kindern mit unbekanntem Ziel verreiste. Und das, während Tausende Israelis daheim bleiben mussten… Natürlich gingen alle in Quarantäne, als sie nach Hause kamen.
Ein Gesetz hat sie damit nicht gebrochen, noch nicht einmal zu ihren Gunsten gebeugt, sie hat mit der Reise nur einen gut gemeinten Ratschlag des Gesundheitsministeriums in den Wind geschlagen. Ihre Haltung war ganz klar. «Ich bin kein Symbol der Macht, weder im Guten noch im Bösen. Ich bin ein einfacher Bürger. Ich habe gehört, dass der Premierminister empfohlen hat, nicht ins Ausland zu reisen, und es ist mein Recht zu entscheiden, ob ich ihm zuhöre oder nicht. Ich habe meine eigenen Überlegungen und bin bereit, die Kosten meiner Entscheidung zu tragen.»
Gilat wuchs in einem säkularen Haushalt auf. Dennoch wird im Hause Bennett nur koscher gelebt. Unmittelbar, nachdem sie ihren Mann kennengelernt hatte, begann sie, sich an seinen religiösen Lebensstil anzupassen.
Sarah Netanyahu, selbst, ebenso wie ihr Mann a-religiös, verunglimpfte Nachfolgerin. Tops mit Spaghetti Träger würde Gilat tragen und enganliegende Hosen, das sei «unanständig». So nennen die ultra-religiösen Frauen die Kleidung von nicht ganz so religiösen Geschlechtsgenossinnen. Denen kann es egal sein, die einen sehen damit supergut aus und die anderen, na ja, die sollen es lieber lassen, sich so zu kleiden.


Doch damit nicht genug, aus dem Büro des ehemaligen PM kam die Information, Gilat würde in einem nicht koscheren Restaurant arbeiten. Ja, aber das war einmal, lange bevor sie Naftali kennenlernte.
Als im Frühjahr zwei hasserfüllte Briefe im Hause Bennett ankamen, einer an Gilat und einer an seinen ältesten Sohn war es das erste Mal, dass wir von ihm gehört haben. «Es ist traurig, dass solche Dinge geschehen, weil Leute aufgehetzt werden.» Der 16-Jährige reagiert mit Bedacht, von der Mutter kommt gar kein Kommentar. Kein hysterisches Geschrei, sie kann mit der Situation umgehen.
Als PM verzichtete Bennett darauf, in die Residenz in der Balfour Strasse einzuziehen. Wie man jetzt sieht, wäre das auch gar nicht möglich gewesen, das Haus muss doch grundlegend renoviert werden, bevor dort wieder ein PM einziehen kann.
Gilat hütete das Haus und betreute die Familie. Vier Kinder hatten das Glück, dass sie nicht von einer Nanny versorgt wurden, sondern von der Mutter, die es vorzog für sie da zu sein. Die für sich kochte und mit ihnen die Aufgaben machte. Und wenn die Kids Hunger hatten, dann wurde auch schon mal eine koschere Pizza bestellt.
Selbstverständlich zu Lasten ihres Haushaltsgeldes…
Eine ganz normale Familie, keine, die mit den Medien flirtet, sondern eine, die mit den Beinen fest auf dem Boden stehen geblieben ist.
Die Frau, die möglicherweise die kürzeste Zeit als «First Lady» verbringen wird ist Lihi Lapid. Auch sie ist eine Frau, die genau weiss, was sie will. Sie ist Fotografin, diesen Beruf hat sie erlernt. Sie ist Buchautorin, schreibt Zeitungskolumnen.

Und sie ist Aktivistin für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Das liegt ihr besonders am Herzen. Denn sie ist Mutter einer autistischen Tochter und eines Sohnes.
In Ihrem Buch «Strangers» (2021) beschreibt sie die Geschichte einer jungen Frau, die unter posttraumatischem Stress leidet. Was den Stress verursachte, bleibt unbestimmt, es könnte ein sexueller Missbrauch gewesen sein. Eine demente ältere Dame beschützt sie, in der fälschlichen Annahme, sie sei ihre Enkeltochter. Lihi selbst bezeichnet das Buch als sehr persönlich und sehr israelisch.
«Woman of Valor» (2008) so der Titel des bisher nur in Englisch und Hebräisch erschienenen Buches beginnt da, wo die meisten Bücher enden, in der Realität des echten Lebens. Lihi lässt den Leser teilhaben an der Herausforderung ein Kind mit besonderen Bedürfnissen auf dem Weg vom Kind zum Jugendlichen und später zum Erwachsenen zu begleiten. Sie erzählt von einer Beziehung, die zu zerbrechen drohte, die sich ein Time-out nahm und wieder zusammenfand.
Lihi ist Feministin. Als junge Reporterin stellte man ihr die Ausrüstung hin, die um die 20 kg wog. Es war ihr Bewerbungsgespräch. «Kannst du das aufheben, tragen und, wenn nötig auch damit laufen?» Sie verweigerte die Antwort und tat es einfach. Einen Mann, so war sie sicher, hätte man erst gar nicht gefragt.
Zu Beginn der Ehe stellte sie ihre eigenen Bedürfnisse zunächst hintan. Sie begann, wie sie selbst sagt, «hinter ihrem eigenen Ich zu verschwinden». Kinder und Fotografin, das passte nicht zusammen. So begann ihre Karriere als Schriftstellerin, später auch als Kolumnistin.
Als sie die Arbeit bei der hebräischen Zeitung Yedioth Ahronoth aufgab, um sich der politischen Karriere von Yair im Jahr 2019 zu widmen, wurde sie später nicht mehr eingestellt. Dabei waren ihre Kolumnen ein Schatz an Lebensweisheiten für moderne, selbstbewusste Frauen. «Ich weiß, wie man eine Reifenpanne repariert, aber wenn ich eine habe, seufze ich und schaue mich um und hoffe, dass ein Typ auftaucht, um mir zu helfen.» und «Ich verbrenne meine BHs nicht, weil ich weiss wie viel sie kosten.»
Als Feministin lebt sie die Debatte zwischen «Gleichheitsfeminismus» – der gleiche Wettbewerbsbedingungen für beide Geschlechter anstrebt – und «Differenzfeminismus», der argumentiert, dass die Gesellschaft verändert werden muss, um einzigartig weibliche Erfahrungen und Eigenschaften anzunehmen und wertzuschätzen. Für sie ist beides nicht der optimale Ansatz.
Sie fordert den «Glücksfeminismus» und fordert dazu auf «Wenn ich schon nicht Nein sagen kann, dann versuche ich etwas weniger zu tun. Wir sollten müssen das tun, was uns guttut.»
Eine Frau, die angekommen ist im Leben, die weiss wo ihre Grenzen sind: «Ich kann nicht immer wunderbar sein.» Ihre Familie und Yair werden es ihr danken
[1] Es gilt auch hier jede denkbare Konstellation!
Kategorien:Israel
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