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23./24. Tammus 5782 22./23. Juli 2022
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 19:03
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:23
Shabbateingang in Zürich: 20:54
Shabbatausgang in Zürich: 22:08
Shabbateingang in Wien: 20:26
Shabbatausgang in Wien: 21:41

Wieder einmal hatten sich die Israeliten den wohlverdienten Zorn von Moses zugezogen. Während ihres ungeplanten Aufenthaltes in Schittim, dem Grenzland zum Lande Moab, heute Jordanien, liessen sich die Männer mit den Moabiterinnen ein. Bileam hätte Moses vielleicht schon sagen können, dass viel später in der Geschichte, eine Moabiterin die Urgrossmutter von König David werden sollte. Die Rede ist hier von Rut, die ihrer Schwiegermutter Noomi, einer Israelitin in deren Heimat folgt und die als erste Konvertitin gilt.
Zu Moses Zeiten aber galten die Moabiterinnen als Anhängerinnen eines fremden Kultes, die die Männer der Israeliten verführten und deshalb gestraft werden mussten. Pinchas, ein Enkel von Aaron übernahm für Moses die Bestrafung und wurde deshalb von diesem hoch geachtet. Moses ordnete eine zweite Volkszählung an, denn auf dem Weg durch die Wüste waren viele Israeliten gestorben. Von denen, die aus Ägypten losgezogen waren, lebten ausser ihm nur mehr Kaleb der Sohn von Jefunnes aus dem Stamm Juda und Joshua der Sohn Nuns aus dem Stamm Ephraim.
Moses hatte nun die schwere Aufgabe, das Land, dass Gott ihnen versprochen hatte gerecht aufzuteilen, damit keiner benachteiligt werden würde. Moses war ein gerechter Mann, jeder Stamm sollte entsprechend seiner Mitgliederzahl bedacht werden.
An dieser Stelle werden zum ersten Mal in der Torah mit einer juristischen Frage zur Gleichberechtigung konfrontiert. Zelofhad, stolzer Vater von fünf Töchtern, war verstorben, ohne männliche Erben zu haben. Nach dem geltenden Erbrecht sollte sein Erbteil an seine Brüder fallen und sein Name würde damit aus der Geschlechterliste gestrichen. Seine fünf Töchter, frühe Feministinnen, beanspruchten den Erbteil für sich. Ob dies aus Eigennutzen oder in der Absicht geschieht, den Namen des Vaters zu erhalten, sei dahingestellt. Moses überlässt die Entscheidung Gott, der zu Gunsten der jungen Damen entscheidet. Et voilà, das früheste Urteil zur Gleichberechtigung der Geschlechter war geschrieben.
Dieser Wochenabschnitt, nur wenige Wochen vor dem Tod Moses ist eine Herausforderung für ihn. Nun muss er Joshua, den Sohn von Nun in sein neues Amt als Anführer der Israeliten einsetzen und einen Teil seiner Machtbefugnisse an diesen abgeben. Wie schwer das Moses gefallen sein mag, können wir nicht ermessen. So viele Jahre hatte er allein, zunächst mit seinem Bruder Aaron als Sprachrohr und nach dessen Tod allein den Anweisungen Gottes folgend, das Volk sicher durch alle Gefahren geführt und es zu dem werden lassen, was es nun war. Ein grosses und starkes Volk.
Doch was macht einen guten Führer aus? Wie muss ein Mensch denken und fühlen, um empathisch und doch zielorientiert, streng, aber doch gerecht zu handeln?
Israel wählt in wenigen Wochen wieder einmal eine neue Regierung. Was erwarten die Wähler[1] von ihrem neuen Regierungschef? In den Kommentaren von Rashi finden wir zu Num 27:19 zur Ernennung von Josua: „Was die Kinder Israel angeht, musst du wissen, dass sie ermüdend und aufsässig sind. Das musst du bei deiner Wahl akzeptieren.“
Welche Attribute erwartet Gott von einem solchen Führer? In Num 25:16 – 17 lesen wir sinngemäss „Lass Gott, der alle Spielarten menschlichen Lebens kennt, denjenigen zum Anführer wählen, der gleichzeitig vor ihnen geht und doch in ihrer Mitte verbleibt, der sie aus der Gefahr führt und immer wieder vereint. Das Volk des Herren darf nicht Schafen ähneln, die keinen Leithammel haben.“
Der erste PM von Israel, David Ben-Gurion unterhielt sich einst mit Präsident John. F. Kennedy. Kennedy klagte, dass es sehr schwer sei, als Präsident der USA für 190 Millionen Bürger zu sein. Ben Gurion gab zur Antwort „Aber nein, es ist viel schwerer, der PM von Israel zu sein. Ich bin der PM von 2.3 Millionen Premierministern.“ Viel geändert hat sich daran nicht, nur dass die Zahl der Israelis mittlerweile auf mehr als das Vierfache angestiegen ist.
Es ist, als wenn jeder von uns Verantwortung für seinen Staat übernehmen und aktiv an seiner Gestaltung teilhaben möchte. Aber es ist ganz wichtig, dass wir uns dabei bewusst sind, dass wir nur ein winziges Rädchen im grossen Getriebe sind und uns selbst nicht allzu wichtig nehmen.
Bei den kommenden Wahlen ist es nicht Gott, der die neue Regierung wählt. Nicht er ist es, der den Wahlzettel in den Umschlag steckt. Doch vielleicht hilft er, dass wir uns besinnen, wer am geeignetesten ist, unser neuer Anführer zu sein.
Shabbat Shalom!
[1] Es gelten wieder alle gerade aktuellen Gender Bezeichnungen
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