Was geschah am 3. August?

6. Aw 5782

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In memoriam der ersten Rabbinerin, Regina Jonas. 

1902 wurde in Berlin Regina Jonas geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie im Berliner Scheunenviertel, einer damals stark jüdisch geprägten Region im heutigen Berlin-Mitte. Ihr Elternhaus war laut ihren eigenen Aussagen streng religiös geprägt. 

Sie absolvierte das «Oberlyzeum», einer Vorläuferschule der heutigen Gymnasien und erhielt dort im Jahr 1924 die Lehrbefähigung für höhere Mädchenschulen. Ihr Ziel war es, eine Ausbildung als Rabbinerin zu erhalten. Deshalb schrieb sie sich in der «Hochschule für die Wissenschaft des Judentums» ein. Dies war eine akademische Ausbildungsstätte, die von 1872 bis 1942 bestand. 

Zu den Gründern dieser Hochschule zählte u.a. Abraham Geiger. Geiger ist der Namensgeber des 1999 gegründeten Abraham Geiger Kollegs in Potsdam. Das AGK ist das erste Rabbinerseminar, das nach der Shoa von den Rabbinern Walter Jacob und Walter Homolka gründet wurde. Das Kolleg versteht sich als direkter Nachfolger der «Hochschule für die Wissenschaft des Judentums». Seit der Gründung des AGK steht ihm Dr. Walter Homolka als Gründungsrektor vor.

Am AGK haben alle die Chance, eine Ausbildung zum Rabbiner, oder seit einigen Jahren auch zum Kantor zu absolvieren. Es ist, und das ist das Grundprinzip der Ausbildungsstätte, jedem möglich, sein Studium dort aufzunehmen und zu beenden, ohne Ansehen des Geschlechts, der Ethnie, der Herkunft und der sexuellen Ausrichtungen, im Klima einer offenen Gesprächskultur. 

Gäbe es eine Zeitmaschine, Rabbinerin Regina Jonas wäre heute hochgeschätztes Mitglied des Lehrkörpers und würde nachhaltig ihre Überzeugungen weitergeben.

Regina Jonas absolvierte ihre Ausbildung nach 12 Semestern und legte im Juli 1930 ihre Schlussprüfung ab. Ihre Abschlussarbeit trug den sicher damals provozierenden Titel «Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?» Ihr Prüfer nahm die Arbeit an und bewertete sie mit der Gesamtnote «Gut», verstarb jedoch leider noch vor der Bekanntgabe der Noten. Daher enthielt ihr Abschlusszeugnis nur den Hinweis «geprüfte Religionslehrerin». 

Sie musste lange auf die Erfüllung ihres Zieles, die Anerkennung als Rabbinerin warten. Zu gross war der Widerstand gegen die erste Frau in diesem Amt. Ende 1935 erklärt sich der Rabbiner von Offenbach bereit, sie gegen alle Widerstände zu ordinieren. Leo Baeck, einer der führenden Köpfe des liberalen Judentums, gratulierte kurz darauf dem «Lieben Fräulein Rabbinerin».

Trotz dieser Anerkennung blieb ihr die Möglichkeit vorenthalten, als Rabbinerin tätig zu werden. Sie durfte als Religionslehrerin agieren, die seelsorgerische Betreuung in sozialen Einrichtungen übernehmen und religiöse Feste organisieren. Sie trug während ihrer Arbeit die damals übliche Kleidung eines Rabbiners, Talar und Barrett. Obwohl ihr bescheinigt worden war, dass sie durchaus in Lage sei, entsprechend der Halacha zu lehren und zu handeln, blieb ihr der Zugang zu diesen Tätigkeiten in der jüdischen Gemeinde zu Berlin verwehrt.

1942 wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet und wurde Ende des Jahres gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Gemeinsam mit dem Wiener Psychoanalytiker Viktor Frankl hielt sie dort Vorträge. Auch Predigten aus der Zeit sind im Archiv erhalten. 

Am 12. Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort wahrscheinlich unmittelbar nach der Ankunft oder nur wenig später ermordet. 

Rabbinerin Jonas geriet nach dem Krieg in völlige Vergessenheit. 1972 wurde in den USA Sally Priesand als «die weltweit erste Frau» ordiniert, auch in der jüdischen Gemeinde in Berlin gab es keine klare Erinnerung an sie. 

Die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck hat sich des Themas und der Geschichte von Regina Jonas angenommen. Sie verdankt ihr Wissen und damit auch die Erinnerung an diese wunderbare Frau einer deutschen Theologin, die in den USA auf Zeitzeugen der ersten Rabbinerin traf.

Gesa Ederberg, eine Rabbinerin, die der Masorti Ausrichtung angehört, arbeitet an der Masorti Synagoge an der Oranienburgerstrasse in Berlin, eben jeder Synagoge, an der auch Regina Jonas angestellt war. «Ich bin sehr, sehr stolz, Rabbinerin in der Synagoge zu sein, an der auch Regina Jonas gewirkt hat. Schon bevor ich Rabbinerin wurde, war sie für mich dieses leuchtende Vorbild und dann hier in einem gewissen Sinn ihre direkte Nachfolgerin zu sein – sind sehr grosse Fussstapfen, aber ich bemühe mich, sie zu füllen.»

Heute wäre die Vorreiterin der religiösen Gleichberechtigung im modernen Judentum 120 Jahre alt geworden. Der übliche Glückwunsch unter Juden zum Geburtstag lautet «bis 120!» Schon Gott legte unsere Lebenszeit mit 120 Jahren fest (Gen 6:3) und dies war auch das Alter, in dem Moses, der grösste unserer Propheten, starb. (Deut 34:7)

Rabbinerin Regina Jonas war es nicht vergönnt, dieses Alter zu erreichen. Sie durfte nur 42 Jahre alt werden, bevor die Nazischergen ihr vielversprechendes Leben grausam beendeten. 

Ihre Erinnerung wird uns weiterhin begleiten. 

P.S. Als Reaktion auf grossteils auf übler Nachrede und grotesken Unterstellungen basierenden Vorwürfen stellte Rabbiner Homolka bis zur endgültigen Klärung seine Tätigkeit am AGK vorübergehend ruhend. Diejenigen die diese Beschuldigungen verbreiten, haben vergessen, dass üble Nachrede, Lashon hara, eine schwerwiegende Übertretung im Judentum darstellt. 



Kategorien:Israel, Religion, Timeline

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