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8./9. Aw 5782 5./6.August 2022
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 18:53
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:11
Shabbateingang in Zürich: 20:36
Shabbatausgang in Zürich: 21:45
Shabbateingang in Wien: 20:07
Shabbatausgang in Wien: 21:18

Wir beginnen heute mit dem Lesen des fünften und damit letzten Buches der Torah. Moses weiss, dass sein Leben bald vorbei sein wird, er weiss, dass er den Jordan nicht überschreiten darf und nicht gemeinsam mit seinem Volk in das von Gott versprochene Land gehen wird.
Moses hat seine Nachfolge bereits geregelt, Joshua hat die Führung des Volkes übernommen. 120 Jahre ist er alt geworden, vierzig davon hat er auf der grossen Wanderung verbracht.
Er hat es geschafft. Der Auftrag, den Gott ihm am Schilfmeer gab, ist erfüllt. Seine Gefährten, die mit ihm Ägypten verlassen haben, sind fast alle schon verstorben. Nur Kaleb und Joshua haben überlebt.
Die Zeiten, die hinter dem Volk liegen, waren hart. Vielleicht hätte Moses sich über beschauliche ruhige letzte Tage gefreut. Doch Gott hat noch einen Auftrag für ihn. „Dwarim“ Worte, so lautet der Titel des heutigen Wochenabschnittes und Worte sind es, die Moses noch einmal finden muss. Wir erinnern uns, als junger Mann, als er erstmals von Gott aufgefordert wurde, das Volk Israel aus der Knechtschaft zu führen und seine Worte weitezugeben, da hatte Moses gesagt, er sei kein Mann der Rede (Ex 4:10). Und später hatte Gott ihm sogar seinen Bruder Aaron als „Stimme“ zur Seite gestellt. Doch Aaron war nun schon einige Zeit tot, Moses muss in dieser letzten grosse Rede, seinem Vermächtnis allein, nur für sich sprechen.
Erst gegen Ende seines Lebens wird aus dem Mann der Tat ein Mann des Wortes. Er darf in seine letzte Rede seine Gedanken und Gefühle einbringen, er darf ganz authentisch sein. Nicht mehr das Sprachrohr Gottes, sondern ganz bei sich darf er einfach nur der Mann Moses sein.
Um von Anfang an jeden Verdacht zu zerstreuen, dass sich mit der Ankunft in der neuen Heimat alle Gesetzte und Vorschriften erübrigt hätten, muss er die ganze Wanderung nochmals im Schnelldurchgang mit prägnanten Worten Revue passieren lassen. Jedes markante Ereignis benennt er noch einmal. Er schildert die Herausforderungen und erinnerte sein Volk nochmals an seine Reaktionen.
In diesem Jahr beginnt der 9. Aw nach Shabbat Ausgang. Es ist dies der Trauertag an dem wir Juden uns nicht nur an die zweimalige Zerstörung des Tempels an diesem Tag erinnern. Der Tag erinnert auch daran, dass das Volk Israel 40 Jahre in der Wüste wandern musste, statt den kürzestmöglichen Weg gehen zu dürfen (Num 13). Und schlussendlich erinnert er auch daran, dass nach dem misslungenen Bar-Kochba-Aufstand im Jahr 135 CE die Stadt Jerusalem im Jahre 136 CE total zerstört wurde.
Etwas von der vorweggenommenen Trauer, die den 9. Aw umgibt, schwingt auch in den letzten Worten von Moses mit. Im Abschnitt 1:12 lesen wir „Wie soll ich allein euren Kummer und eure Last tragen und eure Streitigkeiten erdulden?“ Es kann kein Zufall sein, dass sowohl dieser Absatz als auch das erste Wort des Buches der Klagen אֵיכָה ejcha ist. Im Text der Klagelieder heisst es «Wie einsam ist die Stadt [Jerusalem] geworden, sie die immer voller Menschen war. Sie ist zu einer Witwe geworden.»
Einsam fühlen sich Menschen, die entwurzelt sind, die das Gefühl haben, nirgendwo hinzugehören. Wurzellos zu sein, bedeutet auch für nichts und niemanden Verantwortung übernehmen zu wollen.
Moses hat sich nie vor der Verantwortung gedrückt. Er ist tief verwurzelt in der zukünftigen Stadt Jerusalem und im Volk Israel. Solange wir das erkennen und verinnerlichen, wird Jerusalem, unsere ewige spirituelle und politische Hauptstadt, nie zur Witwe werden.
Shabbat Shalom und ein leichtes Fasten!
Kategorien:Religion
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