ב“ה

15./ 16. Aw 5782 12./13. August 2022
Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 18:46
Schabbatausgang in Jerusalem: 20:04
Schabbateingang in Zürich: 20:25
Schabbatausgang in Zürich: 21:32
Schabbateingang in Wien: 19:56
Schabbatausgang in Wien: 21:04
„Lass mich, ich flehe dich an, hinübergehen und das gute Land jenseits des Jordans sehen, dieses gute Land mit seinen Bergen und dem Libanon.“
So hatte Moses Gott angefleht, als dieser ihm mitteilte, dass er das dem Volk Israel versprochene Land nicht selbst betreten dürfe.
Dieser Wochenabschnitt beginnt mit dem namensgebenden Wort וָאֶתְחַנַּן ve’etchanan, was übersetzt heisst «ich flehte [Gott] an». Der Stamm des Verbes lautet חנן. Wir finden den Stamm nicht nur im Verb anflehen, sondern auch im Wort begnadigen. Man darf also die ersten Worte auch frei übersetzen «ich flehte um Vergebung».
Wird Gott Mose vergeben und ihm seinen sehnsüchtigen Wunsch erfüllen? Doch in diesem Fall bleibt Gott hart. Er solle auf den Berg Pisgha hinaufgehen und von dort das versprochene Land sehen. Er versprach ihm einen 360° Rundumblick. Eine kleine Entschädigung für den Mann, der doch alles getan hatte, um das Volk Israel sicher aus Ägypten hinauszuführen und sich dabei immer an die Anweisungen Gottes gehalten hatte.
Nur einmal hatte er wütend, nicht auf Gott, sondern auf das sturköpfige Volk, entgegen den Anweisungen Gottes auf einen Felsen eingeschlagen, statt ihn nur zu berühren. Das versprochene Wasser war trotzdem geflossen, der Durst des Volkes Israel war gestillt. Es hatte doch schon einmal eine ähnliche Situation gegeben. Mit einem Unterschied. Damals, noch zu Beginn der Wüstenwanderung kurz nach dem Durchschreiten des Schilfmeeres, hatte Gott ihn sogar ausdrücklich aufgefordert, auf den Felsen zu schlagen, um das Wasser sprudeln zu lassen.
Was ist der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Situation?
Vielleicht liegt er darin, dass zwischen den beiden Situationen eine Kluft von mehreren Generationen ist. Die erste Generation war die der ehemaligen ägyptischen Sklaven, die keine Erfahrung mit demokratischer Verantwortung hatten und daher einen fast schon autoritäreren Führungsstil „brauchten“. Moses ist, unterstützt von Gott, dieser starke Anführer und zugleich ein Manager.
Beim zweiten Mal leidet die letzte Generation der Wüstenwanderer unter Wassermangel. Es ist eine reife Gruppe, die im Laufe der Jahre alle politischen Mittel und Methoden erlernt hat. Sie hat gelernt zu diskutieren und zu verhandeln. Jetzt sind die Menschen Partner in einem ständigen Dialog. Zu Moses sprechen sie fast auf Augenhöhe. Sie streiten mit ihm, sie stellen ihn in Frage, einmal wollen sie ihn gar gegen einen anderen Anführer austauschen. Heute nennt man dieses Verhalten in der Politik ein Misstrauensvotum, dem schon viele Regierungschefs zum Opfer gefallen sind.
War das Verhalten von Moses in der Situation wirklich so schlimm, dass Gott dafür gleich drei Strafen aussprach? Moses dürfe selbst nicht in das gelobte Land kommen. Ebenso dürfe aus der ersten Generation niemand ausser Joshua und Kaleb dorthin gelangen. Und statt nur noch wenige Wochen in der Wüste herumzuwandern, musste Moses mit seinem Volk vierzig mühsame Jahre in der Wüste verbringen.
Gott forderte Moses auf, seine Nachfolge an Joshua weitezugeben und alles Wichtige mit ihm zu regeln. Moses ist in dem Moment wieder der verantwortungsbewusste Seniorchef des Unternehmens „Gelobtes Land“, und erfüllte auch diese Anweisung Gottes nach dessen Wunsch.
Viele Manager würden in der Situation alles versuchen, um für sich „das Beste“ herauszuholen, sie würden endlos verhandeln und vielleicht sich am Ende sogar als korrupt erweisen.
Nicht so Moses. Er akzeptiert, dass Gott ihn als Führer seines Volkes in der Wüste auserwählt hat, und dass seine Zeit nun abgelaufen ist. Die Zeit der Verhandlungen und Widersprüche ist für ihn vorbei. Moses weiss, dass es keinen Raum mehr für Diskussionen gibt, stattdessen ruft er das Volk Israel noch einmal zusammen und fasst die Lehren der letzten 40 Jahre zusammen und, egal was noch passieren wird, auf Gott zu vertrauen.
Noch einmal hebt er die besondere Bedeutung der göttlichen Gebote hervor (Deut 4:2) „Ihr sollt zu diesen [Geboten] nichts hinzufügen und nichts von ihnen wegnehmen. So werdet ihr leben und das Land besiedeln können, das Gott euren Vätern versprochen hat.“
Als Moses mit den Kindern Israel, lange bevor sie zu einem Volk zusammenwuchsen, aus Ägypten floh, musste er ihnen mühsam jeden Schritt vom Individuum zur Gemeinschaft beibringen. Er musste ihr Lehrer sein.
Das Volk Israel verstand die Idee einer ausgeklügelten „Erziehung“ oft nicht, brauchte oft strenge Richtlinien. Deshalb übernahm Moses die Verantwortung für sie, führte sie 40 Jahre lang durch die Wüste und vereinte sie nach jedem Rückschlag aufs Neue. Das Volk Israel zweifelte so oft an ihm, aber er brachte sie trotzdem an die Grenzen zum versprochenen Land. Dank ihm konnten sie von dort aus allein weitergehen. Von diesem Tag an war eine neue Art von Führung nötig, ein Paradigmenwechsel von einer autoritären zu einer demokratischen.
Moses hat es ihnen nicht immer leicht gemacht. Der grösste Prophet und Lehrer, den wir jemals hatten. Ob es jemals wieder einen geben wird, der von Gott ausgewählt wird, ist unwahrscheinlich. Längst schon ist das Volk Israel wieder zerfallen in ein Volk von Individualisten. Mit allen guten, aber auch mit allen schlechten Seiten, die dem Menschen inne sind. Ein Volk, so wie alle anderen Völker auf der Welt.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
Hinterlasse einen Kommentar