Was geschah am 23. Oktober?

28. Tishri 5783

Gestorben:

1874 verstarb in Berlin der am 24. Mai 1810 in Frankfurt a. M geborene Abraham Geiger. Geiger war der Sohn einer orthodoxen Familie, der in seiner Kindheit und Jugend eine klassische religiöse Erziehung und Ausbildung erhielt. 

Seine Studien der Altertumswissenschaften liessen ihn jedoch schon früh die Orthodoxie und ihre Interpretation der Torah in Frage stellen. Bereits mit 17 Jahren verfasste er mit dem Vergleich der Rechtssysteme in Mischna, Torah und Talmud sein erstes Werk, welches er mit einem Wörterbuch des rabbinischen Hebräisch ergänzte. 

Mit finanzieller Hilfe von Freunden begann er das Studium der Philosophie, Archäologie und der alten Sprachen an den Universitäten von Heidelberg und Bonn. Gemeinsam mit anderen jüdischen Studenten, die sich auf ihre zukünftige Tätigkeit als Rabbiner vorbereiteten, gründete er eine jüdische Studiengesellschaft. Ziel dieser Studiengesellschaft war zu Beginn die Theologie der Predigtlehre, die zum tieferen Verständnis der wöchentlichen Lernabschnitte aus der Thora und der Haftara führen soll. Neben der reinen Verständnisvermittlung über den Text sollten, und das war der eigentlich tiefere Sinn, den Betern auch jüdische Werte nahegebracht werden.

Einer dieser Kommilitonen war Samson ben Raphael Hirsch, ein führender Kopf der neu entstehenden Neo-Orthodoxie. Diese Bewegung grenzte sich sowohl von der klassischen Orthodoxie als auch von der neu etablierten Reformbewegung scharf ab. 

Die zunächst bestehende Freundschaft der beiden Religionswissenschaftler fand ihr Ende, als Geiger 1830 das Hauptwerk seines Kollegen «Neunzehn Briefe über das Judentum» kritisierte. Im gleichen Jahr hielt Geiger seine Antrittspredigt als Rabbiner.

1833 promovierte er in Marburg mit der Dissertation «Was hat Mohammed aus dem Judenthume (sic!) übernommen?» Die akademische Laufbahn war Juden in Deutschland zu der Zeit verboten, sodass er sich zunächst als Gründer und Redakteur von zwei jüdisch-wissenschaftlichen Zeitschriften profilierte.

Innerhalb der Reformbewegung verstand sich Geiger als gemässigter Vertreter der Modernisierung. Er begrüsste die deutsche Sprache als Teil der Liturgie, lehnte die meisten Speisegesetze ab und kritisierte auch die Beschneidung, die als Grundlage des Bundes zwischen Gott und den Menschen angesehen gilt. Trotz dieser Kritik sprach er sich für die Beibehaltung aus und verhinderte auch die Bemühungen, den Shabbat auf den Sonntag zu verlegen. 

Seine liberale Einstellung zur Hermeneutik der jüdischen Schriften verhinderten eine Anstellung als Rabbiner und als Dozent am von ihm mitgegründeten «Jüdisch Theologischen Seminar» in Breslau. 

Ab 1870 war er an der Gründung der «Hochschule für die Wissenschaft des Judentums» in Berlin beteiligt. Dort lehrte er von 1872 bis zu seinem Tod im Jahr 1874. Diese Hochschule stand zunächst Studierenden aller Religionen offen, entwickelte sich aber zusehend als Ausbildungsstätte für Rabbiner und Religionslehrer. 1942 wurde die Hochschule von den Nationalsozialisten geschlossen. 

Nach dem Krieg wurden als nachfolgende Lehrstätten in Europa gegründet:

1956 das Leo Baeck College in London

1979 die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg

1999 das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam, gegründet von den Rabbinern Prof. Dr. Walter Homolka und Prof. Dr. Walter Jacob

An dieser Ausbildungsstätte wurden im Jahr 2006 die ersten drei Rabbiner in Deutschland nach der Shoa ordiniert.

Diplomatie:

Der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat vier Petitionen gegen den von PM Lapid und seinem libanesischen Partner ausgehandelten Vertrag zur Grenzziehung zwischen den beiden Staaten zurückgewiesen. Mit der Fixierung der Grenze wird der jahrelange Streit über die Nutzung der Gasfelder vor dem Libanon beendet. 

Die Petition waren eingebracht worden von den zwei rechtsextremen Organisationen «Lavi» und «Kohelet», sowie von MK Itamar Ben-Gvir. Gerichtspräsidentin Esther Hayut, Vizepräsident Uzi Vogelman und Rechtsanwalt Noam Sohlberg, denen die Petitionen zur Beurteilung vorgelegt worden waren, drückten ihre Skepsis aus, ob diese überhaupt rechtmässig seien. 

General-Staatsanwältin Gali Baharav-Miara hatte dazu bereits in der vergangenen Woche festgehalten, dass eine Abstimmung in der Knesset zwar wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig sei. 

Das Regierungskabinett kann nun im Laufe dieser Woche über den Antrag abstimmen, der, davon geht man aus, einstimmig angenommen werden wird.

Wahlkampf 2022:

In einem aussergewöhnlichen Interview mit Ynet gab sich PM Yair Lapid besorgt über die möglichen Folgen der am 1. November anstehenden Wahlen. 

Er sei besorgt, dass MK Benjamin Netanyahu, wenn der die Wahl verlieren solle, wovon er ausgeht, diese nicht anerkennen wird. Wie das abläuft und wie man Wahlhelfer und Gerichte damit auf Trab halten kann, hat MK Benjamin Netanyahu ja von seinem ehemals best buddy Donald Trump lernen können. 

PM Yair Lapid sieht als einzig erfolgversprechende Regierungskoalition die zwischen dem Likud und seiner Partei Yesh Atid. Allerdings nur dann, wenn MK Benjamin Netanyahu als Vorsitzender der Likud Partei nicht mehr mitmischt. «Netanyahu kann nicht in der Regierung sitzen, weil er mit drei Anklagen konfrontiert ist. Hier geht es um unsere Werte. Dies ist eine Person, die schwere strafrechtliche Anklagen hat. Zuerst sollte er seinen Prozess beenden. Menschen, die wegen schwerer Straftaten angeklagt sind, sollten im Staat Israel keine leitenden Positionen innehaben.»

Die von Ayman Odeh geführte Balad Partei lehnte er jedoch grundsätzlich als Partner ab «Sie wollen kein Teil der Regierung sein und was noch wichtiger ist, ich möchte nicht, dass sie es sind.»

Besorgt zeigte er sich auch über ein neues, wenngleich auch schon tief verwurzeltes Misstrauen in der israelischen Gesellschaft. «Die israelische Gesellschaft, und das ist eines der Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, hat ein tiefes Misstrauen in sich. Es ist zu einem Teil unseres Lebens geworden – Misstrauen zwischen Teilen der israelischen Gesellschaft, zwischen Juden und Arabern, zwischen Religiösen und Säkularen, und dagegen kämpfe ich.»

Es ist kein positives, hoffnungsvolles Bild, welches der derzeitige und hoffentlich auch zukünftige PM von Israel zeichnet. Es entspricht aber leider der Wahrheit.



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