Wa’jeze, Deut 28:10 – 32:3

ב“ה

8./9. Kislev 5783                                                       2./3. Dezember 2022  

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                                15:55

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                          17:14

Shabbateingang in Zürich:                                                                  16:19

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 17:29

Shabbateingang in Wien:                                                                  15:44

Shabbatausgang in Wien:                                                                  16:54

Jakob muss sein Elternhaus verlassen. So steht es in Gen 28:10 וַיֵּצֵא יַעֲקֹב va’jetze Jacov.

Er kehrt zurück an den Ort, Haran. Heute liegt Haran an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei. Dorthin war die Familie Terachs von Ur aus gezogen und von dort aus hatte sich Abraham auf den Weg nach Kanaan gemacht.

Nun ist also der Enkel Abrahams in Haran angekommen auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, den er, nach unserem ethischen Empfinden, zweimal betrogen hatte. Zuerst um sein Recht des Erstgeborenen und dann um den Segen des Vaters.

Offenbar hatte er keinen Mantel bei sich, den er als Polster hätte nutzen können, denn er nahm, als es Nacht wurde, einen der Steine, die er vorfand und lagerte seinen Kopf darauf. Möglicherweise handelte es sich um einen Kultstein, wie er damals in der Levante häufig vorkam. Vielleicht habt ihr schon einmal gelesen, dass die schottischen Könige auf einem Stein sitzend gekrönt wurden. Einer Legende nach handelte es sich dabei um das „Jakobskissen“.

In der Nacht träumt er den Traum von der „Jakobsleiter“. Diese Leiter ist das Bindeglied zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Gott stand, zumindest im Traum für Jakob erkennbar und erneuerte seine Versprechen, die er schon Abraham und Isaac gegeben hatte.

Jakob, überwältigt von diesem Gotteserlebnis, versprach, an dieser Stelle ein Haus Gottes, Bet El, zu errichten und von allen Gütern ein Zehntel an Gott abzugeben. Das darf man nicht verstehen, als eine finanzielle Abgabe, wie wir sie heute kennen, sondern als Opfergabe. Und trotzdem bildet dieses Versprechen durchaus die Grundlage zur heutigen Abgabepflicht in den Gemeinden. 

Er wanderte weiter und kam in der Nähe von Haran zu einem Brunnen. Dort traf er auf seine spätere Frau Rachel, eine Tochter seines Onkels Laban. Wir erinnern uns, dass auch der Knecht Abrahams, der ausgeschickt worden war, eine Frau für Isaac zu finden, Rebekka zunächst an einem Brunnen traf.  Nicht auf einem Marktplatz, nicht im Haus des Gastgebers. Nein, die Treffen fanden an einem Brunnen statt. An jenem Ort, der das lebensnotwendige Wasser spendete, ohne das, vor allem in der Hitze des Orients, niemand überleben kann.  

Während jedoch Rebekka sich frei entscheiden durfte, ob sie mit dem Boten zu ihrem Bräutigam wandern wolle, musste sich Jakob die Zusage des Onkels mühsam erarbeiten. 

Und wurde so selbst das Opfer einer List, wie sein Bruder das Opfer seiner List geworden war. Er warb um Rachel, musste aber sieben Jahre arbeiten. Um dann in der Brautnacht betrogen zu werden und zum Ehemann der älteren Schwester seiner Geliebten gemacht zu werden. Lea war nicht die Frau, die er begehrte, aber er musste sich fügen. Er wurde zum betrogenen Betrüger. Sein Onkel bestand darauf, dass es das Recht der erstgeborenen Tochter sei, als erste verheiratet zu werden. Er, der seinen Bruder um dessen Erstgeburtsrecht betrogen hatte, musste nun dafür büssen, indem er selbst Opfer dieser Tradition wurde. Fast konnte er uns leidtun! Und ein zweites Mal musste er sieben Jahre für seinen Onkel arbeiten. Sieben Jahre, die Zahl sieben steht für die Vollendung eines Zeitraums. 

Doch worin bestand die Perfektion, die Vollendung, für die Jakob so hart arbeiten musste? Lea, seine erste Frau wurde schwanger. Seine geliebte Rachel jedoch blieb unfruchtbar. So wie Sarah zunächst unfruchtbar gewesen war und dieses Schicksal auch mit ihrer Schwiegertochter Rebekka teilte. 

Die Vollendung besteht darin, dass bei allen drei Frauen erst durch Gottes Eingreifen seine Prophezeiung wahr wird: „Deine Nachkommen werden zahlreich werden, wie die Sterne am Himmel.“

Nachdem sie vier Söhne geboren hatte, erfüllte sich das Schicksal dieser ungeliebten Frau. Sie dankte Gott für ihre vier Söhne. Dann trat sie als Ehefrau in den Schatten seiner geliebten Frau Rachel zurück. Jedoch war diese verbittert geworden. Sie konnte sich nicht mit ihrem Schicksal als „nutzlose“ Frau abfinden. Und liess es zu, dass sie die Familiengeschichte weiderholte. So wie Sara durch ihre Dienerin Hagar Abraham seinen eigentlichen erstgeborenen, Ismael schenkte, so gebar auch Rachels Magd Bilha einen Sohn für Jakob. 

Der Verlust des Erstgeborenenrechts ist in bei Esau und Jakob nicht einmalig. Auch Ismael verlor dieses Recht, als sein Halbbruder Isaac geboren wurde und er mit seiner Mutter fliehen musste. 

Jahre später, nicht mehr der junge Mann, der seine Heimat verlassen musste, gesegnet mit 13 Kindern von vier Frauen, wollte Jakob endlich wieder nach Hause. Sein Schwiegervater will ihn nochmals überlisten, und es ist wiederum Gott zu verdanken, der ihn stärkt und der ihm Hilfe und Unterstützung verspricht, dass er sich schliesslich auf den Weg machen kann. 

Zwar will ihn Laban nochmals aufhalten, jedoch weist Gott ihn in seine Schranken. Ihm bleibt nichts anders zu tun, als seine Töchter, Lea und Rachel, zu segnen und sie ziehen zu lassen. 

Der Mann, der nach Hause zurückkehren wird, mit zwei Frauen, deren Dienerinnen, zwölf Söhnen und einer Tochter, von deren dramatischen Schicksal wir noch hören werden, ist nicht mehr der, der vor 26 Jahren sein Elternhaus verlassen hat. 

Aus dem unscheinbar wirkenden jungen Mann, der sich dem Willen seiner Übermutter Rebekka klaglos unterordnete und ihrem Willen folgte, ist ein reifer Mann geworden. Das Leben hat ihn geliebt und gehasst, er hat sich gefügt und ist an seinem Schicksal erwachsen geworden.

Das ist es, was uns dieser Wochenabschnitt lehrt. Wer sich dem Leben stellt und damit auseinandersetzt, der reift an ihm.

Das ist es, was wir unseren Kindern und Enkeln ins Stammbuch schreiben dürfen. Ich zitiere dazu einen Sinnspruch aus meiner Wahlheimat Vorarlberg „Nit lugg lo!“

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar