Was geschah am 19. Januar?

26. Tevet 5783

Kultiviertes Fleisch:

Der erste «Laborburger», der im Jahr 2013 auf dem Teller seines Erzeugers landete, hätte noch US$ 250.000 gekostet. Noch immer sind die Preise für dieses angeblich umweltfreundliche Nahrungsmittel immens hoch, könnten aber bald deutlich geringer ausfallen, wenn erst die kommerzielle Produktion anläuft. 

Natürlich ist das Grund genug, sich in religiös-jüdischen Kreisen schon jetzt damit auseinanderzusetzen, wie dieses Kunstfleisch halachisch zu bewerten ist. Der aschkenasische israelische Chef Rabbiner David Lau hat beschlossen, dass Fleisch, welches aus dem Bioreaktor stammt, parve ist. Also nicht fleischig und nicht milchig. Es sei so anzusehen, als ob man Gemüse essen würde. 

Burgerfreaks dürfen sich freuen, endlich können sie unbesorgt einen Cheeseburger geniessen! 

Allerdings, so die Einschränkung des Oberrabbiners, in den Supermärkten sollen diese Produkte nicht gemeinsam mit milchigen Produkten verkauft werden, weil sich die Konsumenten sonst «daran gewöhnen könnten, Milchiges mit Fleischigem im Speiseplan zu vermischen.»

Alpha Farm, das israelische Forschungs-Unternehmen für diese Produkte, zeigte sich zufrieden mit der rabbinischen Entscheidung.

In der Schweiz unterstützt die MIGROS die Forschungen von Alpha Farm und wird die Produkte auch in ihren Supermärkten anbieten. 

Wasserwerfer:

In den vergangenen Tagen war es immer wieder zu gewalttätigen Protesten von Haredim gekommen. Der Anlass war, dass ein Handyshop in einem von ihnen bewohnten Stadtviertel «nicht-koschere» Handys verkaufte. Darunter versteht man Smartphones, die einen Zugang zum Internet haben und damit für den Gebrauch in der ultra-orthodoxen Gesellschaft verboten sind.

Zunächst waren die Proteste ausserhalb des Shops von der Polizei akzeptiert worden, als sie jedoch begannen, gewaltsam zu werden, setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um die immer grösser werdende Menge zu zerstreuen. 

Minister Itamar Ben-Gvir wies nun die Polizei, die ihm unterstellt ist, an, sofort mit dem Einsatz von Wasserwerfern aufzuhören. Es dürfe keinen Unterschied im Umgang mit «linken Demonstranten in Tel Aviv» und «religiösen Demonstranten in Jerusalem» geben, betonte er. Klingt logisch.

Jedoch rechtfertigte ein Polizeisprecher den Einsatz. «Demonstrationen von Ultraorthodoxen  sind in der Regel aggressiver. Die Veranstalter von Demonstrationen in Tel Aviv, Haifa oder anderen Städten, sind kooperativer und sie lösen sich schneller auf, ohne dass es zu gravierenden Ausschreitungen kommt.»

© Marc Chagall, Mene, mene, tekel upharsim

Gerichtsentscheid:

MK Aryeh Deri hatte es bereits vorhergesagt. Das Gremium des Obersten Gerichtes, das sich mit dem Entscheid über die Rechtmässigkeit seiner Ernennung zum Mehrfachminister auseinandergesetzt hatte, besteht aus 11 Richtern. 

Zehn von ihnen sind Aschkenasim und nur einer gehört zur Gruppe der sephardischen Juden. Und genau der hatte sich gegen das Urteil ausgesprochen. Die Shas Partei, deren Vorsitzender MK Aryeh Deri ist, sieht sich als einzigen legitimen Vertreter der, wie sie es nennen, «verarmten und von den Aschkenasim diskreditierten sephardischen Bevölkerung».Immer wieder betonten die Anhänger des Vorsitzenden der Shas Partei, dass das Gericht 400.000 Stimmen dieser Bevölkerungsgruppe durch das Gerichtsurteil einfach vernichtet hätte. 

Deri selbst hatte nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des Urteils verkündet, er werde sich nicht einfach zurückziehen. «Wenn sie uns die Tür zuschlagen, dann kommen wir durch das Fenster. Wenn sie auch das zuschlagen, so brechen wir durch das Dach ein».

Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an?

Dieser Satz wird Altbundeskanzler Konrad Adenauer zugeschrieben. Und er scheint genau auf eine Entscheidung von PM Benjamin Netanyahu zuzutreffen. 

Im Jahr 2020 führte er die Rolle des «alternierenden PM» ein, um MK Benny Gantz für seine wackelige Regierung zu gewinnen. Bevor es jedoch zur Rochade kam, musste die Regierung Netanyahu V aufgeben und es kam zu Neuwahlen. Seine Nachfolger, die PM’s Naftali Bennett und Yair Lapid, griffen das Modell erfolgreich auf. Leider scheiterten sie an der abtrünnigen MK Idit Silman, die nun als Umweltministerin im Kabinett Netanyahu VI sitzt.

Die aktuelle Regierung hat sich entschlossen, den Posten wieder abzuschaffen, weil es nur einen PM geben kann und der ist, welch Wunder, natürlich Benjamin Netanyahu.

Nach dem gestrigen Urteil muss alles getan werden, um die Regierung zu erhalten. Die drei Ministerposten wird MK Deri wohl verlieren. Das Angebot, Knesset-Sprecher und damit dritter Mann im Staat zu werden, hat er bereits abgelehnt. Er will mehr, und das sofort. 

Genau das ist das Problem. Um Deri zum alternierenden und damit stv. PM zu machen, müsste die Regierung einen Misstrauensantrag gegen sich selbst stellen. Um dann, wenn dieser angenommen wird, eine neue, sozusagen machtgeteilte Regierung zu bilden. Wobei unklar ist, ob das Obergericht das in dieser Form zulässt. Stichwort: Verurteilter Verbrecher.

Um das Adenauer Zitat korrekt wiederzugeben, muss der zweite Teil angefügt werden:    «Nichts hindert mich, weiser zu werden.»

Davon kann aber weder beim aktuellen PM noch bei seinen Kumpanen die Rede sein.



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