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30. Nissan/1. Ijar 5783 21./22. April 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 18:32
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:51
Shabbateingang in Zürich: 20:05
Shabbatausgang in Zürich: 21:14
Shabbateingang in Wien: 19:35
Shabbatausgang in Wien: 20:45

Ist eine Frau, die gerade ein Kind auf die Welt gebracht hat, wirklich im Wortsinn „unrein“? Und ist das „Unreine“, das der Geburt anhaftet, noch stärker ausgeprägt, wenn sie einem Mädchen das Leben schenkt? Unser Wochenabschnitt scheint so etwas zu implizieren. Nach der Geburt eines Knaben wird sie für sieben Tag als „unrein“ betrachtet. Nach einer Unterbrechung am 8. Tag, an dem die Beschneidung des Buben vorgenommen wird, muss sie sich für weitere 26 Tage absondern. Nach der Geburt eines Mädchens muss sie sich für 66 Tage von allen rituellen, gesellschaftlichen und selbstverständlich auch ehelichen Kontakten fernhalten.
Nach Ablauf dieser Tage soll sie durch den Priester ein Brandopfer und ein Sühneopfer für jedes Kind, unabhängig vom Geschlecht darbringen. Mit diesem Opfer entsühnt sie der Priester und sie wird wieder rein. Diese Stelle löst bei mir Verwirrung aus. Warum muss sie ein Sühneopfer darbringen? Welche Sünde hat sie begangen? Sie hat doch, so lesen wir es bereits in Gen. 1:28, von Gott das Gebot erhalten „Seid fruchtbar und mehret euch“. Erst später, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, musste sie erfahren, dass sie in Zukunft „…. unter Schmerzen ihre Kinder gebären wird.“ Stellt eine Geburt eine Sünde dar? Der Gedanke ist völlig abwegig. Die Frau hat das Gebot erfüllt, Leben zu schenken. Das Brandopfer bezeugt die grosse Freude und Dankbarkeit darüber. Nicht immer verlaufen Schwangerschaft und Geburt so, wie es sich die werdende Mutter und natürlich auch der Vater vorstellen und wünschen.
Viele Schwangerschaften enden, bevor sie überhaupt bemerkt worden sind. Kinder kommen lebensunfähig oder gar tot zur Welt. Welchen Sinn macht in diesem Fall das Brandopfer? Es gibt keinen Grund zur Freude, nur Grund zur Trauer und Verzweiflung. Und natürlich die Frage „Habe ich etwas falsch gemacht?“
Andere Kinder verlassen den schützenden Raum der Gebärmutter viel zu früh und sind auf die Kunst der Medizin angewiesen, die sie während der ersten, kritischen Monate betreut. Darf das Baby dann nach Hause und ist auf dem besten Weg ein gesundes Leben zu führen, dann ist natürlich die Freude übergross.
Es stellt sich die Frage, ob die Begriffe „rein“ und „unrein“, die immer wieder von der Torah verwendet werden, die korrekten Übersetzungen sind. Sie ziehen sich durch weite Teile der Torah. Vom „unreinen“ Tier, welches wir nicht essen dürfen, haben wir zuletzt im vergangenen Wochenabschnitt gehört. Es ist natürlich nicht unrein, מְלוּכלָך, meluchlach, im Sinne von schmutzig, sondern eben spirituell unrein, טָמֵא, tame. Das Gegenteil ist nicht נקי, naki, sauber, sondern טָהוֹר, tahor, also spirituell rein.
Neben der Halacha, der Grundlage für unsere Speisegesetze, kennen zwei elementare Lebensumstände dieses Gegensatzpaar. Es sind dies der Beginn, aber auch das Ende des Lebens. Jeder, der in Berührung mit einem Toten kommt, wird unrein und muss sich erst durch das rituelle Bad in der Mikwe wieder reinigen, oder eben in früheren Zeiten ein Sühneopfer darbringen. Gleiches gilt für den Bereich der Fruchtbarkeit.
Anita Diamant beschreibt in ihrem spannenden Roman „Das Rote Zelt der Frauen“, wie Frauen, dargestellt am Beispiel meiner weiblichen Lieblingsfigur aus der Torah, Dina, mit ihrer spirituellen Unreinheit umgingen. Die regelmässige Absonderung in einem besonderen Zelt, war keine Strafe, keine Sühne. Im Gegenteil, diese monatliche Auszeit, die den Frauen auch nach einer Geburt gegönnt wurde, gab ihnen die Chance, sich ihr Frausein wieder bewusst zu machen. Und die Zeit zu geniessen, die sie für einige Zeit von den Alltagsverpflichtungen befreite.
Manchmal waren die „good old days“ wirklich um Einiges besser! Es ist kein Zufall, dass gerade an diesem Shabbat ein neuer Monat, Ijar, beginnt, der uns Frauen die Chance gibt, gemeinsam zu lernen. In Israel ist dies eine liebgewordene Tradition, der „Rosh Chodesh Nashim“, die Lernstunde zu Beginn des neuen Monats.
Shabbat Shalom und Rosh Chodesh Ijar tov
Kategorien:Religion
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