Wenn das Leben zu schwer wird und du keine Hoffnung mehr hast

19. Ijjar 5783

Sapir Livnat Green, s’’l, 26 sah für ihr Leben keine Zukunft mehr und beschloss, zu sterben. Doch wie stirbt ein so junger Mensch? Sie hatte es schon mehrfach versucht und es war ihr nicht gelungen. 

Gestern lief eine Person, schwarz gekleidet und in einen schwarzen Hijab gehüllt, in der Hand eine Schusswaffe auf einen Grenzposten am Metsudat Yehuda Check-Point in der Nähe von Beit Yatir südlich von Hebron zu. Sie richtete die Waffe in Richtung der Soldaten, schrie: «Allahu Akbar!» und die Soldaten, überzeugt, dass es sich um einen Terrorangriff handelte, neutralisierten sie. 

Das war genau das, was sie gehofft hatte. Nachdem sie als eine jüdische-israelisch Frau identifiziert worden war, gab es sofort viele Fragen. 

Bald stiessen die Ermittler auf eine WhatsApp Nachricht, die sie nur wenige Stunden vor ihrem geplanten Selbstmord geschrieben hatte: 

F: «Ich habe eine kleine Frage, vielleicht hast du davon eine Ahnung

Wenn jemand sterben möchte, ein ganz normaler Jude, ein Israeli, zieht typisch arabische     Kleidung an, rennt mit einer unechten Luftpistole auf die Wachsoldaten zu und ruft «Allahu Akbar», er möchte erschossen werden, weil er sterben möchte, sie schiessen ihn nur in die Beine und er überlebt, kommt er dann ins Gefängnis? Falls ja, für wie lange und warum?»

A: «Uj

      Was möchtest du wissen?

      Jemand – bist du diese Person?»

F: «Kann sein. Das werden wir nie wissen.

      Wenn du irgendwas davon in den Nachrichten hörst, sag ihnen, ich möchte eine

jüdische Beisetzung“

Screenshot

Der angeschriebene Freund, ihr Partner, informierte die Polizei, die sofort versuchte, die junge Frau zu lokalisieren, aber sie kamen zu spät, vor Ort fanden sie neben der Toten auch ihr Handy.

Wer war Livnat Green? 

Obwohl ihre Mutter ebenfalls in Israel lebt, bezeichnete sie sich selbst als «lone soldier», also einen Soldaten, dessen Angehörige in der Regel im Ausland leben und die speziell für den Militärdienst nach Israel kommen. «Lone soldiers» werden besonders betreut, das Militär sorgt dafür, dass sie an den Wochenenden und an den Feiertagen zu den Familien ihrer Kollegen gehen können, um nicht allein in ihren Wohnheimen zu sitzen. Sie erhalten Hebräisch-Unterricht, nehmen an speziellen Freizeitprogrammen teil und lernen viel über die Geschichte Israels kennen. Wenn sie nach dem Militärdienst wieder heimreisen, sind sie begeisterte Zionisten und Israelis.

Schon seit der frühen Jugend war Livnat den Sozialämtern und Betreuungsorganisationen bekannt. Mehrfach war sie schon wegen psychischer Probleme in stationärer Behandlung gewesen. Ein Betreuer aus einem speziellen Programm für Jugendliche mit erhöhtem Risikopotential berichtete: «Sie hat mehrere traumatische Erlebnisse hinter sich, die teils schon in ihrer frühen Kindheit stattfanden. Ihre Mutter war psychisch krank und lebte die meiste Zeit in der geschlossenen Psychiatrie. Ihr Vater starb vor sechs Jahren. Schon als Kind neigte sie dazu, sich selbst zu verletzen. Unser System verfügt nicht über die Kenntnisse und Möglichkeiten, damit angemessen umzugehen.» 

Allein das schon ist für eine moderne Gesellschaft ein Armutszeugnis!

Vor einem Jahr hat sie ihre beste Freundin, Tikwa Saban, s’’l, verloren, die in ihrer Anwesenheit mit einer Überdosis Beruhigungsmittel Selbstmord beging. Livnat versuchte, sie zu reanimieren, rief den Rettungsdienst, aber alle Versuche blieben erfolglos. Auch für Saban war es nicht der erste, aber der erfolgreiche Versuch. Sie hatte bereits einen Monat zuvor bei der Polizei angerufen und auf Grund ihrer Selbstmordphantasien um freiwillige Aufnahme in eine Klinik gebeten. 25 Anrufe wurden verzeichnet. Sie bettelte um Aufmerksamkeit und Hilfe. Doch statt ihr zu helfen, gab der Polizist eine zynische Antwort«Hat Gott dich noch nicht zu sich genommen? Geh einfach und bring dich still und leise selbst um! Bring dich um, aber lass uns in Ruhe!» Das Gespräch wurde aufgezeichnet. 

Das ist mehr als menschliches Versagen, das ist Beihilfe zum Selbstmord!

Livnat absolvierte ihren Pflichtdienst für zwei Jahre und acht Monate bei der Grenzpolizei. Während der Rekrutierungsphase hatte sie darauf bestanden, als Kampfsoldatin ausgebildet zu werden. Es gelang ihr, gegen alle Widerstände, die aus ihrer Vorgeschichte resultierten, aufgenommen zu werden. 

Nach der Beendigung ihres Dienstes versuchte sie, im zivilen Leben Fuss zu fassen. Ein Sozialarbeiter half ihr, ihren Weg zu finden. Es gelang ihr nicht. Ihr Leben glich einer ständigen Achterbahn. Sie konnte es nie lange an einer Stelle aushalten. Für die Therapiestationen galt sie als austherapiert. Sie litt an Panik Attacken, an übergrosser Angst, die sie auf den Militärdienst zurückführte, konnte sich nicht mehr entspannen, begann wieder damit, sich selbst zu verletzen. Jede Konzentration auf etwas löste Erschöpfung aus. 

Sie fühlte sich hin- und hergezogen zwischen dem Wunsch nach Heilung und dem Wunsch, ihr Leben zu beenden. Gleichzeitig mit einer Covid-Erkrankung verlor sie ihren Schlafplatz in einem Wohnheim. Das war der Moment, in dem sie endgültig alle Perspektiven verlor. «In einem Heim in Be’er Sheva haben sie mir auch nicht geholfen und mir die Tür vor der Nase zugeknallt. Jetzt bin ich arbeitslos und stehe auf der Strasse. Ich bin jetzt in Jerusalem, um vor dem Sozialministerium in einem Zelt zu demonstrieren, in dem ich auch schlafe.»

Vielleicht einer der letzten Glücksfälle, wenn nicht der einzige in ihrem LebenDamals noch Verteidigungsminister, lud der spätere PM Naftali Bennet sie zu sich nach Hause ein, um ihr zumindest für ein paar Tage Sicherheit und Schutz zu geben. «Naftali Bennett weckte mich morgens und machte mir ein Omelett. Es war ihm wichtig, dass ich nicht auf der Strasse war, weil es kalt und regnerisch war. Zuerst war es mir peinlich, aber die Familie sorgte dafür, dass ich mich wohl fühlte und gab mir das Gefühl, dass ich mich für nichts schämen musste.»

Naftali Bennett ist schockiert, als er von ihrem Selbstmord hört. «Wir haben sie von Herzen gern aufgenommen. Sie schlief im Zimmer mit unserer Tochter Michal. Wir haben ihre ganze Geschichte gehört. Sie war ein intelligentes Mädchen. Was für eine schwierige und berührende Lebensgeschichte. Nachdem wir eine Wohnung für sie gefunden hatten, halfen wir Livnat auch dabei, einen Job in Beerscheba zu finden, und versuchten auf andere Weise zu helfen, damit sie auf den richtigen Weg kam. Ihr Tod ist sehr schmerzhaft. Ihre Seele hat keinen Frieden finden können. Wir alle sollten uns der Schwierigkeiten von Menschen mit psychischen Problemen bewusst sein und ihnen so gut wie möglich helfen.»

Nach der Zeit bei Familie Bennett zog sie vorübergehend in eine Wohnung für «lone soldiers» in Hadera und versuchte in Be’er Sheva, ihrem Heimatort, ansässig zu werden. Aber auch dort fand sie keine Ruhe, keine Perspektive. Ihre einzige Chance ihren Leidensweg zu beenden, sah sie im Selbstmord. 

Einer ihrer ehemaligen Betreuer, der nicht genannt werden will, betonte: «Es gibt keine Kontinuität im Leben für gefährdete Jugendliche. Mehr als 90 Prozent mit einem solchen Hintergrund melden sich überhaupt nicht zum Militär. Die wenigen, die es schaffen, sind Einzelkämpfer, und was ihnen nach ihrer Freilassung widerfährt, ist eine Katastrophe. Niemand wartet auf sie. Sie werden für Bewertungen und Applaus ausgenutzt.»

Dass kein Aufschrei durch die Medien geht, kann als unempathische Gesellschaft verstanden werden. Dass aber weder der Premierminister, noch der Sozialminister, noch der Verteidigungsminister sich mit keinem Wort geäussert hat, dass wirft ein mehr als bedenkliches Bild auf die derzeitige Politik Israels. Sie sollen sich schämen!



Kategorien:Israel, Politik

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