Bamidbar, Num. 1:1 – 4:20

ב“ה

28./29. Ijjar 5783                                                              19./20. Mai 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:52

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:13

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:42

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:58

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:14

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:31

Ein Jahr, zwei Monate und ein Tag sind vergangen, seit Moses die Israeliten, noch Sklaven, aus Ägypten hinausgeführt hat. Zeit für eine Volkszählung, Zeit Ordnung in die bisherige Unordnung zu bringen. Abzuklären, wer soll wo seinen Platz finden. Moses und Aaron stehen zunächst vor der schier unlösbaren Aufgabe, herauszufinden, wer gehört zu den Israeliten und wer ist quasi ein «Zugereister», einer derer, die sich der wandernden Menschenmenge angeschlossen haben. Aus welchem Grund auch immer, vielleicht weil es Arbeit gab, vielleicht weil er sich in einer Gruppe sicherer fühlte als allein.

Gott hatte angeordnet, die Volkszählung nach Stämmen vorzunehmen. Von jedem Stamm sollte ein Mann, der über 20 Jahre alt und wehrfähig war, bei der Zählung helfen und später auch der Verantwortliche für den Stamm werden. Als die Zählung beendet war, stand fest, dass 603.550 Männer dieser Vorgabe entsprachen. Eine unglaublich grosse Zahl. Diese Männer bildeten den Kern der Verteidigungstruppen, die während der weiteren Wanderung dringend benötigt wurden. Ein Riesenheer! Um auch nur eine Ahnung zu bekommen, wie viele Menschen insgesamt dort unterwegs waren, so muss man die Zahl mehr als verdoppeln, Kinder und Frauen, sowie nicht wehrfähige Männer wurden nicht mitgezählt. Es müsssen also in etwa zwei Millionen Menschen unterwegs gewesen sein. Eine logistische Herausforderung!

Der Stamm Levi wurde zahlenmässig nicht erfasst, deren Aufgabe war der Dienst im Tempel. Gott wies den einzelnen Sippen des Stammes bestimmte Aufgaben zu. 

Warum das alles? Vor den Israeliten liegt jetzt die grösste Herausforderung der gesamten Wanderschaft. Sie befinden sich immer noch am Berg Sinai. Keiner weiss genau, was auf sie zukommt, doch dass die Wüste, die vor ihnen liegt, viele Gefahren birgt, das ist jedem klar. Die Wüste ist kein unbewohnter Ort, im Gegenteil. Dort leben kriegerische Stämme, die ihre Siedlungen mühsam der Natur abgerungen haben und nun auch verteidigen. 

Moses, der von seinem Schwiegervater Jethro bereits vor vielen Jahren die ersten Grundzüge des modernen Managements erfahren hat, wird jetzt mit der praktischen Umsetzung konfrontiert. «Management by delegation», er darf jetzt die Verantwortung für den Erfolg der langen Reise mit anderen teilen, konkret mit den Anführern der einzelnen Stämme. Deren Aufgabe ist es wiederum, motivierend auf die Mitstreiter seines Stammes einzuwirken. 

Wer schon einmal in der Wüste gewandert ist, der kennt genau das Verwirrende dieser Landschaft. Die Farben der Felsen, wechselnd zwischen einem grellen Weiss bis hin zu einem fast schwarzen Grau, flirrende Luft, die dem Auge etwas vorgaukelt, was gar nicht da ist. Nichts, an dem sich das ungeübte Auge festhalten kann. Wer sich verirrt, der kann sich in der Unendlichkeit der Natur verlieren. Und des Nachts, über einem das endlose glitzernde Sternenzelt, die Geräusche der nachtaktiven Tiere, das Wispern des Windes. 

Für die Israeliten eine beängstigende Situation, wenn sie denn schon davon wüssten. So aber dürfen sie auf Gott vertrauen. Damit sie sich an etwas orientieren können, hat Gott vorgeschrieben, dass jeder Stamm ein Feldzeichen erhalten soll, das Symbol ihres Stammes und dass sie an einer bestimmten Stelle in der Nähe des Mischkan lagern sollen. Diese strikte Ordnung bringt Sicherheit für die Menschen. Stabilität in einer für sie ungewohnten Situation.

Die Wüste ist für die Israeliten die Schule des Lebens. Mit festgefügten Strukturen. Niemand musste um einen scheinbar besseren Platz kämpfen, das Ego des Individuums konnte hinter dem kollektiven Ego, das das Überleben sichert, zurücktreten. Erst hier, im täglichen Kampf um ein sicheres Weiterkommen, wurden aus Sklaven freie Menschen, die sich zu einem grossen Plan zusammenschlossen. 

Was hat der moderne Mensch, dem die Selbstverwirklichung so viel bedeutet, daraus gelernt? Es schmerzt, sagen zu müssen: Nichts. Wir sind nach wie vor gefangen in unserem Ego. Verfolgen teils rücksichtslos nur unsere eigenen Ziele und vergessen dabei, dass auch wir Teil eines gesellschaftlichen Systems sind.

Manchmal tut es gut, einen Schritt zurückzutreten und unseren Standort innerhalb der Gesellschaft neu zu definieren. Es tut gut, wenn man dabei nicht ganz allein steht, wenn ein anderer uns dabei hilft.

Ich wünsche uns allen diesen Anderen und das Vertrauen in seine guten Absichten.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

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