Matot-Massej, Num. 30:2 -36:13

ב“ה

25./26. Tammus 5783                                                    14./15. Juli 2023

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         19:06

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:27

Shabbateingang in Zürich:                                                                 21:02

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:18

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:34

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:51

Gilt heute noch das Wort, das Goethe seinem Schüler in den Mund legte? «Denn was man schwarz auf weiss besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.»

Hatte Goethe selbst schlechte Erfahrungen mit den blossen mündlichen Versprechen gemacht, dass er seinen Schüler in Faust I auf der schriftlichen Form beharren lässt? Erinnern wir uns, Gott selbst hatte Moses zwei Tafeln mit seinen Geboten mit auf den Weg gegeben. Für Gott war es einfach, die Worte zu schreiben. Als aber Moses die Tafeln wütend über das Volk Israel zerschmettert hatte und von Gott noch einmal neue Tafeln erbat, so musste er sie selbst beschreiben. Und das war sicher für ihn, der des Lesens und Schreibens wahrscheinlich kundig, aber nicht geübt war, sicher eine mühsame Geschichte. 

Aber jeder Lehrer weiss, dass Menschen über drei Lernkanäle verfügen. Schreiben, Lesen und Hören. Je mehr einem Schüler angeboten werden, desto besser bleibt der Stoff im Gehirn hängen. Indem Moses die Gebote von Gott hörte, sie selbst schrieb und anschliessend seinem Volk vorlas, prägten sie sich unauslöschbar bei ihm ein. Bei den Israeliten war der Lernerfolg nicht ganz so hoch. 

Gelten also heute die per Handschlag abgeschlossenen Verträge nichts mehr? Nach wie vor kauft man Pferde ohne schriftliche Vereinbarung. Rechtsgeschäfte sind, entsprechend den gesetzlichen Grundlagen, formfrei. Angebot, Annahme oder Ablehnung, Bezahlung, Übergabe. Nur dann, wenn Garantiefälle nicht auszuschliessen sind, oder andere übergeordnete Interessen, wie z.B. beim Haus- oder Grundstückskauf bestehen, bedarf es der schriftlichen Form. 

Heiratete man früher, so genügten die Trauformeln. Im Judentum kennen wir zusätzlich die Ketuba. In der wurde geregelt, welche Zahlung der Ehemann im Falle einer Scheidung – die auf seinen Wunsch hin erfolgte – an seine zukünftige Ex-Frau zahlen musste. Heute regeln oftmals aufwändige Eheverträge jedes Detail, bis hin zu den Wochenendbesuchen des ehemals gemeinsam betreuten Hundes….

Gott muss vermutet haben, dass die Menschen jede Möglichkeit suchen und finden, sich aus mündlichen Vereinbarungen auszuschleichen. Warum sonst widmet er das ganze erste Kapitel des Wochenabschnitts dem Thema «Gültigkeit von Gelübden»?

Männer scheinen in seinem androzentrierten Weltbild tatsächlich die Norm darzustellen. Alles, was sie versprechen, müssen sie einhalten. Punkt. Von 16 Versen wird ihnen nur ein Vers zugebilligt. Strafen, falls sie ihr Wort nicht einhalten, sind nicht vorgesehen. 

Ganz anders bei den Frauen. Hier unterscheidet die Torah nach ihrem Familienstand. 

Lebt sie noch ledig im Hause ihres Vaters, und legt sie ein Gelübde ab, muss sie den Vater informieren. Sagt er nichts dazu, so tritt es in Kraft. Lehnt er es ab, so ist es mit Gottes Zustimmung hinfällig. 

Heiratet sie, so bleiben ihre Gelübde gültig, wenn der Ehemann davon weiss und schweigt. Lehnt er sie ab, so sind sie mit Gottes Zustimmung hinfällig. 

Hat der Vater oder der Ehemann von einer solchen Verpflichtung gehört und schweigt zunächst, um sie später abzulehnen, so übernimmt er die volle Verantwortung darüber. 

Erst wenn sie verwitwet ist, oder verstossen wurde, ist sie in der Lage, ihre eigene Verantwortung über ihr Handeln zu übernehmen. 

Jeder Mensch muss für sein Tun geradestehen. Die Ultra-Orthodoxie kennt einen Ausweg aus dem Dilemma. Jede Vereinbarung, jede Zusage wird gefolgt von der Formel «Bli neder» ohne Verpflichtung. Der Talmud widmet dem Thema im Buch «Nashim» zwei ganze Kapitel in Bezug auf Gelübde und Schwüre.

In diesem Wochenabschnitt scheint es, als ob Gott die Worte, Versprechen und Gelübde einer Frau als geringer ansieht als die eines Mannes. Zur Zeit der Wüstenwanderung war das sicher so, Frauen galten nicht viel. Heute ist das anders.

Die Rechtsprechung bemüht sich heutzutage, Frauen als gleichwertig anzusehen. So ganz gelingt das noch nicht immer. Manchmal spuken in den Köpfen der Männer immer noch die typischen Rollenmuster. Es liegt aber auch an uns, den Frauen, dass sich Diskussionen um gelebte Gleichberechtigung irgendwann erübrigen werden. 

Shabbat Shalom!



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