Shoftim, Deut 16:18 – 21:9

ב“ה

1./2. Elul 5783                                                            18./19. August 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:40

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:57

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:15

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:21

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:46

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:52

Der heutige Wochenabschnitt beschäftigt sich mit einem wichtigen, wenn nicht sogar dem wichtigsten Instrument eines freien, demokratisch geführten Staates: Der unabhängigen und unbestechlichen Justiz. 

Im 2. Buch Moses 18:21-22 haben wir gelesen, dass Moses sich in seiner Aufgabe als Richter überfordert sah. Zu viele Menschen kamen zu ihm, sei es, um sich seinen Rat zu holen, sei es, um ihre Streitigkeiten schlichten zu lassen und Gerechtigkeit zu suchen. Sein Schwiegervater, Jitro, der Vater seiner ersten Frau Zippora, gab ihm den Rat, Richter zu bestellen, «tüchtige, gottesfürchtige und zuverlässige Männer, die Bestechung ablehnen». Sie sollten über die einfacheren Fälle selbstständig richten, die anderen aber nach wie vor zu Moses bringen. 

Im heutigen Wochenabschnitt erfahren wir weitere Grundvoraussetzungen, die auch in der modernen Justiz, der dritten Säule der Gewaltenteilung, ihren Niederschlag finden. Gerechte Urteile sollen die Richter sprechen. Aber wie kommt man zu so einem Urteilsspruch? Auch hier gibt uns die Torah drei klare Vorgaben: Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst alle Menschen gleich behandeln, unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, Herkunft, Geschlecht und heute müssen wir noch hinzufügen, Religion. Und, du sollst nicht bestechlich sein.

Auch ein Grundsatz des Römischen Rechts ist bereits hier verankert: Im Zweifel für den angeklagten! Bei Kapitalverbrechen, auf die die Todesstrafe steht, müssen mindestens zwei Zeugen die Tat belegen, steht nur ein Zeuge zur Verfügung, so ist der Angeklagte freizusprechen (Deut 19:15). Legt ein Zeuge falsches Zeugnis ab, so ist er so zu bestrafen, wie es der eigentliche Angeklagte hätte für die Tat erwarten müssen. 

Verbrechen, die ausserhalb der Kompetenz eines Bezirksgerichtes stehen, müssen vor die nächste Instanz gebracht werden. Dort vor den Leviten und dem dort amtierenden Richter wird die Klage erneut vorgebracht. Ihr Urteil ist endgültig, wer sich nicht daran hält, wer das Urteil nach seinen Gunsten auslegt oder auslegen lässt, der soll getötet werden. Heute geht man nicht mehr so streng mit denen um, die den Urteilsspruch nicht akzeptieren. Sind es Personen des öffentlichen Lebens, so füllen die Fälle ganze Seiten in den Printmedien. Getötet wird deshalb niemand. Es liegt in der Geschicklichkeit seiner Rechtsvertreter, ein neues Urteil zu erkämpfen. In der modernen  Rechtsprechung kennen wir das Instrument der Berufung, sei es im gleichen Gericht oder in einem höhergestellten. 

Neben den Richtern in den unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten lernen wir in diesem Wochenabschnitt den König kennen. Viel erfahren wir über ihn nicht. Das Wichtigste seines Königtums ist das andauernde Lernen der Torah. Die soll er immer bei sich führen und darin lesen, und daraus lernen, Gott zu fürchten und sich an seine Gesetze zu halten, ohne im Geringsten davon abzuweichen. Gemessen an der Gesamtzeit der jüdischen Geschichte nimmt die der Könige nur eine kleine Zeitspanne ein. Sie beginnt mit dem Zusammenschluss des Nord- und Südreiches mit der Hauptstadt Jerusalem um 1.000 BCE und endet 586 BCE mit der Zerstörung der Stadt und dem Beginn des ersten Exils in Babylon. Man muss also sagen, dass das Modell des jüdischen Königreiches kein Erfolgsmodell war. Zu unvorbereitet war man auf die feindlichen Angriffe der kriegshungrigen Nachbarn. 

Verfolgt man die heutige Situation in Israel, so sollte man diesen Wochenabschnitt unbedingt in der Knesset vorlesen. Doch die hat Sommerpause und tritt erst wieder nach den Feiertagen im Herbst zusammen. 

Verfechter der aktuellen Politik bezeichnen die Bemühungen der Regierung, die Gewaltenteilung abzuschaffen, euphemistisch als «Korrekturmassnahme, um den zu aktiv gewordenen OGH» einzubremsen. Tatsächlich soll die Justiz ganz unter das Kuratell der Machthaber gebracht werden, die die Demokratie in eine Autokratie umwandeln wollen.  

In unserem Wochenabschnitt finden wir durchaus einen Vorläufer der demokratischen Gewaltenteilung: Einen König, eine differenzierte Justiz und eine noch recht undifferenzierte Legislative. Das Volk darf sich überlegen, ob es einen König haben möchte, oder nicht. Es heisst «du darfst einen König einsetzen», wobei Gott den Kandidaten auswählt. Das ist es, worauf sich der britische Königshof heute noch beruft: «Von Gott gegeben».

Als Legislative gilt die Priesterschaft, deren Hauptaufgabe es ist, alte Gesetze zu interpretieren und umzusetzen, ähnlich den Talmudgelehrten, die auf der Grundlage von alten Präzedenzfällen neue Interpretationen ableiten. 

Wo liegt nun der Zusammenhang mit der Handhabung des Königsamtes und des heutigen Regierungschefs? Der König darf nicht zu viele Pferde, Frauen und Schätze haben, denn all das beeinflusst die Bodenhaftung, den Realitätsbezug, die Verbindung zu seinem «Arbeitgeber», dem Volk. Heute ist der Eigennutz der stärkste Motor, um die Demokratie zu zerstören. Sei es direkt der Eigennutz eines Einzelnen oder der, der sich indirekt zeigt, wenn es gilt, einer bestimmten Gruppe Vorteile zu verschaffen, um dann anschliessend als der grosse Held dazustehen. 

Wir müssen genau hinschauen, worin die Problematik des jungen Volkes Israel und dem heutigen Staat liegt: Damals korrumpierte die Macht, Richter konnten beeinflusst werden, Könige Eigeninteressen über den Willen des Volkes stellen und Gesetzgeber anfällig für Sonderinteressen sein. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die konkreten Beispiele von heute eingehen, denke aber, dass jeder, der die Situation in Israel kennt, diese selbst sehen wird. 

Schauen wir gut auf die Entwicklungen und berufen uns immer wieder auf die Vorschriften der Torah.

Shabbat Shalom



Kategorien:Religion

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar