17. Elul 5783
Seine Anerkennung als «Gerechter unter den Völkern» von Yad VaShem wurde zweimal abgelehnt. Obwohl es unbestritten zu sein scheint, dass er während der Zeit der Nationalsozialisten Juden gerettet hat.
Alojzije Viktor Kardinal Stepinac wurde am 8. Mai 1888 in Krašić, damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien, geboren, wo er am 10. Februar 1960 auch verstarb.
Nach Kriegsende besuchte er zunächst die Landwirtschaftsschule. Nachdem seine Braut die Verlobung auflöste, beschloss er, Priester zu werden. Nach der Promotion empfing er 1930 die Priesterweihe. Trotz seiner jungen Jahre wurde er 1934 zum Bischof geweiht und bereits 1937 Erzbischof des Bistums Zagreb. Im gleichen Jahr wurde er zum Ritter vom Heiligen Grab in Jerusalem ernannt. Dieser päpstliche Laienorden, der Charity-Aufgaben für Christen im «Heiligen Land», sowie Jordanien wahrnimmt, steht Männern und Frauen offen. 1937 leitete Stepinac eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, anlässlich derer er zum Grossoffizier des Ordens ernannt wurde.

Der Wahlspruch des Ordens lautet «Deus lo vult!», also jener Ruf, mit dem die Teilnehmer der Synode von Clermont 1095 die Aufforderung von Papst Urban II. beantworteten, der zur Befreiung Jerusalems und damit zu den tödlichen Kreuzzügen aufrief. Zum Erreichen der hochtrabenden Pläne sollte auch Gewalt eingesetzt werden. Militärische Gewalt als sittlich vertretbar und gottgewollt……
1942 wurde Stepinac von Papst Pius XII. als Militärvikar bei der Ustaša eingesetzt. Die Ustaša, ein 1930 von Ante Pavelić (1889-1959) gegründeter ultra-nationalistischer Geheimbund, entwickelte sich schnell zu einer faschistischen Bewegung.

Von 1941 bis 1945 fungierte der Jurist Ante Pavelić als faschistischer Diktator des «Unabhängigen Staates Kroatien». Der Name Ustaša geht zurück auf das Jahr 1871, als aufständische Soldaten für ein von Österreich-Ungarn unabhängiges Kroatien kämpften. Die Zielsetzung der faschistischen Organisation war eindeutig. Als zu vernichtende Feinde wurden die Serben, die Freimaurer, die Juden und der Kommunismus angesehen.
Stepinac wurde und wird immer noch vorgeworfen, in seiner Funktion als Militärvikar mit dem Vatikan und den Besatzungsmächten kollaboriert und ihnen damit ermöglicht zu haben, sich in die innere Politik Jugoslawiens einzumischen. Eindeutige Belege dafür finden sich in seinen Tagebüchern ab 1930.
Als erzkonservativ-katholischer Priester misstraute er der orthodoxen Ostkirche und träumte von einem autonomen Kroatien, losgelöst aus dem Königreich Jugoslawien. Zum Erreichen dieses Traums nahm er sogar eine Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich in Kauf. Er forderte in einem Hirtenbrief aus dem Jahr 1941 die Bevölkerung nachdrücklich auf, das neue Regime zu unterstützen.

Bereits 1941 hatte die Ustaša die Macht im neugegründeten Unabhängigen Staat Kroatien übernehmen können. Unterstützt wurden sie dabei durch die «Achsenmächte» u.a. durch die Absprache von 1940 zwischen Mussolini und Hitler und dem Kaiserreich Japan. Politisch orientierte sich die Ustaša nicht nur am Faschismus und Terrorismus, sondern auch am Nationalsozialismus. Doch im Gegensatz zu den Vorbildern Italien und Deutschland gab es für sie keinen Staat als politische Bühne. Ihr geistiges Fundament war einzig der Hass auf ihre Feindbilder. Im Gegensatz zum Deutschen Reich und Italien waren nur etwa 10% der Bürger Anhänger dieser Organisation. Kroatien blieb bis zum Kriegsende im Mai 1945 mit dem deutschen Reich verbündeter Staat.
Ähnlich wie im Deutschen Reich erliessen die Ustaša-Anführer Rassengesetze, die sich vorwiegend gegen Serben, aber auch gegen Juden und Roma richteten. Sie war hauptverantwortlich für den Genozid an diesen Gruppen, sowie an der planmässigen Ermordung von politisch Andersdenkenden.
Überall im Land wurden KZs errichtet, das grösste war das KZ Jasenovac, 95 km südlich von Zagreb. Gemäss den Gefangenenzahlen war es eines der grössten Lager in ganz Europa. Hier wurden ohne Beteiligung von Deutschen Gefangene planmässig ermordet, die Zahlen sind nicht unbedingt verifizierbar.
Im Laufe der Zeit wurde Stepinacs Akzeptanz der neuen Gesetzgebung der Ustaša geringer. Zum einen verlangten die neuen Herrscher, dass die serbische Bevölkerung kollektiv zum Katholizismus konvertiert werden solle. Etwa 250.000 orthodoxe Serben mussten sich dem Verfahren unterziehen. Stepinac wusste davon, aber auch hier, er schwieg dazu.
Deus lo vult!

Diese Zwangskonversionen wurden begleitet von grausamer und unmenschlicher Gewalt. So wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1941 etwa 260 serbische Zivilisten in der serbisch-orthodoxen Kirche von Glina, rund 80 km südlich von Zagreb, eingesperrt, durch Schüsse und Messerstiche getötet und anschliessend verbrannt. Ihre Leichen wurden in einem Massengrab beigesetzt. Bis Ende August des Jahres wurden etwa 2.500 Serben, die sich geweigert hatten, zum Katholizismus konvertiert zu werden, ähnlich grausam ermordet. Zwar richtete Stepinac unmittelbar nach dem Massaker ein Protestschreiben an Pavelić, erreichte damit aber gar nichts.
Deus lo vult! Stepinac verurteilte das Vorgehen, nicht aber das Ziel.

Vom Diktator Pavelić erreichte er die Zusage, dass die jüdische Bevölkerung den gelben Stern ablegen durfte. Was ihn scheinbar weniger interessierte, war die zunehmende Entrechtung der serbischen Bevölkerung. Ab April 1941 wurde die kyrillische Schrift verboten, serbische Kindergärten und Schulen wurden geschlossen. In einem Brief vom 22. Mai an Pavelić kritisiert Stepinac zwar die Umsetzung der antiserbischen und antijüdischen Gesetze, nicht aber die Gesetze selbst. Besonders auffallend ist seine Kritik an der inhumanen Durchführung der ab Juli 1941 einsetzenden Deportationen, nicht aber an den Deportationen selbst. Slavko Goldštajin, ehemaliger Vorsitzender er jüdischen Gemeinde Zagreb klagt: «Stepinac hat sich lange mit dem Ustaša-Regime arrangiert. Er hat sich hier und da für Juden eingesetzt, für Serben im Einzelfall auch, für Roma jedoch hat er nie etwas getan; das ist das Schrecklichste. Er hat sich zwar bei der Ustaša über die Transportbedingungen beschwert, gegen Konzentrationslager selbst hat er aber nie etwas gesagt.“

Die Überschrift über dem Haupttor ist ebenso zynisch wie die in Auschwitz. «Sve za Poglavnika“ – alles für Pavelić. Die Opferzahl variiert zwischen 700.000 (!) in der Gedenkstätte des KZ und 99.000 im United States Holocaust Memorial. Das Museum für Genozidforschung in Belgrad spricht derzeit von 90.000 Opfern.
Ab dem Frühjahr 1942 predigte er offen gegen den Terror der Ustaša, seine Texte kursierten auch bald im Untergrund. „Alle Völker und alle Rassen stammen von Gott … Jedes Volk, jede Rasse, so wie sie sich heute auf der Erde darstellen, haben das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und Behandlung.“
Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Ustaša blieb ambivalent. Es gab Geistliche, die als nationalistisch geprägte Priester mit ihr kooperierten und es gab solche, die die Verbrechen dieser Terrororganisation grundsätzlich ablehnten. Nicht zu leugnen ist die Mithilfe katholischer Kleriker bei der Organisation und der Aufbautätigkeit, die deshalb dem katholischen «Klerikalfaschismus» zugeordnet werden müssen. Die kommunistischen Partisanen versuchten Stepinac für ihre Sache zu gewinnen. Ohne Erfolg. Sie mussten erkennen, dass seine Kritik sich, wie schon weiter oben festgehalten, nicht gegen die Ziele der Ustaša, sondern ausschliesslich gegen die Art der Vorgehensweise richtete.
Deus lo vult! Gott will es! Das Ziel heiligt die Mittel …
1946 liess Marschall Josip Broz Tito, der langjährige kommunistische Führer des historischen Jugoslawiens, ihn in einem Schauprozess im Stil Stalins zu einer 16-jährigen Haftstrafe verurteilen. Ihm wurde Kollaborationmit den „Faschisten“ und „Okkupanten“ sowie die Förderung des kroatischen Separatismus vorgeworfen. Stepinac sollte als Kriegsverbrecher gebrandmarkt werden – und mit ihm die ganze katholische Kirche. Pars pro toto. Im Oktober 1946 wurde er in das Hochsicherheitsgefängnis Lepoglava, einem ehemaligen von der Ustaša verwalteten KZ, eingeliefert. Er durfte dort zwar die Messe halten, wurde aber ansonsten in absoluter Isolationshaft gehalten.
Am 5. Dezember 1951 wurde er nach 8-jähriger Haft entlassen und stand bis zu seinem Tod im Jahr 1960 im Pfarrhaus seiner Heimatgemeinde unter Hausarrest. Währenddessen wurde er im Januar 1952 von Papst Pius XI. zum Kardinal ernannt. Deshalb nahm er auch nicht am Konklave nach dem Tod von Pius XI. teil. Im Oktober 1998 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Seine letzten Worte waren angeblich „Gott, du willst es so!“ Deus lo vult!
Die Legende, von Kommunisten und Grossserbien geschürt, er habe sich aktiv und nicht nur billigend an der Ustaša-Politik beteiligt, oder ob er nur dazu schwieg, kann nicht vollumfänglich geklärt werden. 1942 vertraute er einem kroatischen Gesprächspartner an: «Ich befinde mich in einem Meer schrecklichster Leiden, denen Millionen menschlicher Wesen um mich ausgesetzt sind. Ich helfe und bestärke alle jene, denen ich helfen kann, seien es Serben, Juden, Slowenen oder Kroaten.“ Er sprach dabei von 7.000 Menschen, deren Schicksal direkt von ihm abhinge, die meisten von ihn serbische Waisenkinder. Sie waren zumeist Kinder von zwangskonvertierten Eltern. Seine Predigten wurden immer deutlicher, im November 1942 wetterte er: „Deshalb hat die katholische Kirche immer verurteilt – und verurteilt auch heute noch – jegliche Ungerechtigkeit und Gewalt, die im Namen von klassenkämpferischen, rassischen oder nationalen Theorien verübt wird. Es ist nicht zulässig, die Zigeuner oder Juden auszurotten, weil man sie für eine minderwertige Rasse hält.“
(Die Links stehen am Ende des zweiten Teils)
Kategorien:Aus aller Welt, Politik, Religion
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