Kriegsverbrecher oder Held? Teil II

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Aber genau das ist, was die Kirche unter Pius XII., der von 1939 bis 1958 als Papst im Vatikan regierte, zumindest billigte: die planmässige Ermordung von politisch Andersdenkenden, Juden, Serben, Zigeunern, Homosexuellen und anderen Feindbildern der Nazischergen und ihrer Verbündeten in Europa. 

Rolf Hochhuth stellt in seinem Erstlingswerk „Der Stellvertreter“ schon 1963 die Frage „Durfte der Papst schweigen?“ und beantwortet sie auch selbst „Nein, er durfte nicht.“ Was damals für den Papst hätte gelten sollen, hätte auch für seine Priester, allen voran Bischöfen und Kardinälen gelten müssen. Der Papst mit seiner sich selbst zugestandenen hohen moralischen Instanz hätte vielleicht etwas bewirken können. So muss er sich, gemeinsam mit allen Priestern, die geschwiegen haben, gefallen lassen, dass er sich der Mittäterschaft schuldig gemacht hat. 

Der Papst prangerte zwar immer wieder Übergriffe der Nazis auf katholische Organisationen und Gruppen an, vermied aber eine offizielle Verurteilung des Nationalsozialismus. Er setzte damit die von seinem Vorgänger Pius XI. 1937 in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ausgesprochene Sorge über das Schicksal der katholischen Kirche fort. Deus lo vult!  Die Nazis reagierten schnell und enteigneten die am Druck des Briefes beteiligte Druckereien. Katholische Klöster, Schulen und Fakultäten wurden geschlossen. 

Pius XII. hat Briefe geschrieben, sie sind alle archiviert, man kann sie lesen. Keiner der Briefe wurde beantwortet. Ein Protest gegen den Holocaust, über den der Papst und die meisten Bischöfe informiert waren, findet sich nicht darunter. 

Man darf nicht den Fehler machen, alle katholischen Priester, Bischöfe und Kardinäle pauschal zu verurteilen. Es gab unter ihnen auch andere, die ihr Leben riskierten, um potenzielle Opfer der Nazischergen zu retten. Auch Pius XII. hat Juden im Vatikan verstecken lassen. Aber er hat geschwiegen und zugeschaut, wie unter seinen Fenstern die Kolonnen von Deportierten in die KZs gebracht wurden. 

Deus lo vult!

Alojzije Viktor Kardinal Stepinac galt schon zu Lebzeiten als nationaler Held der Kroaten. Papst Johannes Paul II. sprach ihn 1998 selig. Sein Leichnam liegt in der Kathedrale von Zagreb. Schon zu seinen Lebzeiten war die Kathedrale eine Wallfahrtsstätte.

2011 wollte der erzkonservative Papst Benedikt XVI. das Grab Stepinacs in Zagreb besuchen. Überlebende der Shoa zeigten sich bestürzt. „Stepinac war ein glühender Anhänger der faschistischen Ustaša, deren Grausamkeiten selbst einige der nationalsozialistischen Offiziere entsetzten. Wir sind enttäuscht, dass der Papst ihn mit seinem Besuch ehren will.“ Papst Benedikt XVI. hatte ihn vor seinem Abflug nach Zagreb als„Verteidiger des wahren Humanismus bezeichnet.“

Stepinac bei der Urteilsverkündung / Marschall Josip Tito

Im Juli 2016 wurde das Urteil gegen Stepinac in Zagreb aufgehoben. Berechtigte scharfe Kritik kam vom Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem. Stepinac sei ein 100%-iger Verfechter des Regimes des Unabhängigen Staates Kroatien und damit der dort immer wieder durchgeführten Genozide gewesen. „Gegen keinen Menschen, der dieses Regime unterstützt hat, sollte eine Verurteilung aufgehoben werden.“  Auch aus Serbien kam klare Kritik: „Es handelt sich bei der Aufhebung des Urteils um eine Rehabilitierung des Faschismus und des Ustaša-Staates und des Unabhängigen Staates Kroatien.“ In der Begründung zur Urteilsaufhebung hiess es, dass der damalige „Schauprozess“ weder den damaligen noch den aktuellen Rechtsgrundsätzen entspräche.

Im Jahr 2017 fand eine feierliche Aufnahme von Rittern des Ordens vom Heiligen Grab in Jerusalem in Zagreb statt. Der Tag war bewusst gewählt. Exakt 80 Jahre zuvor hatte Stepinac seine Pilgerreise nach Jerusalem unternommen und wurde zum Grossoffizier des Ordens ernannt. Der Kardinal-Grossmeister des Ordens, der US-amerikanische Kardinal Edwin O’Brien, nutzte die Gelegenheit, umfangreiche und huldvolle Informationen über Stepinac zu verbreiten: «Die Heiligsprechung des seligen Kardinals und des wahrlich grossartigsten kroatischen Märtyrers, welcher schon seit vielen Jahrzehnten von seinem Volk wegen seiner grossen Treue zum Heiligen Stuhl und seiner unzähligen humanitären Aktionen als National-Heiliger verehrt wird, kann in Kürze erwartet werden. Bald wird unser seliger Ordensbruder Kardinal Stepinac neben dem Heiligen Papst Pius X. zum zweiten Heiligen unseres Ordens erhoben werden.»

2019 hielt Papst Franziskus II. anlässlich eines Interviews mit der kroatischen Zeitung «Večernji list“ fest: „Stepinac war ein tugendhafter Mensch. Deshalb ist er von der katholischen Kirche seliggesprochen worden und man kann zu ihm beten. Während des Heiligsprechungsverfahrens sind jedoch einige historische Unklarheiten aufgetaucht. Ich musste den serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej um Hilfe bitten.“ Die Gespräche endeten 2017 ohne Ergebnis, nachdem Patriarch Irenej die geplante Heiligsprechung kritisiert hatte. In Kroatien geht man deshalb davon aus, dass es unter dem Pontifikat von Franziskus II. keine Heiligsprechung geben wird.

Für viele Serben ist und bleibt er eine Hassfigur. Würde der Papst den ausgesetzten Heiligsprechungsprozess wieder aufnehmen, würden sie sich bestätigt sehen in der Urangst, verfolgt zu werden und sich wehren zu müssen.

Der wegen seiner relativierenden Aussagen zur Ermordung von mehr als 7.000 muslimischen Männern und Kindern durch serbische Truppen im Jahr 1995 in Srebrenica umstrittene israelische Historiker und Holocaustforscher Gideon Greif hat sich im Jahr 2019 mit einer dringenden Bitte an Papst Franziskus II., den damaligen israelischen Präsidenten Reuven Rivlin und PM Benjamin Netanyahu gewandt. 

Das Österreichische Hospiz in der Altstadt von Jerusalem wurde 1863 mit Geldern erbaut, die aus dem gesamten ehemaligen Österreichischen Kaiserreich stammten. Dazu gehörten neben Österreich selbst u.a. das heutige Kroatien. Das Gebäude befindet sich nach wie vor im Kirchenbesitz und wird bis heute durch die regelmässige Entsendung von Pilgergruppen unterstützt. 

Im Jahr 2018 regte eine Pilgergruppe an, im Bereich des Eingangs zur Kapelle eine Gedenktafel für den seliggesprochenen kroatischen Kardinal Stepinac anzubringen. Diese Tafel wurde ein Jahr später von Rittern des Heiligen Grabes montiert und erinnert an die Pilgerreise Stepinacs im Jahr 1937. Damals wohnte auch seine Pilgergruppe im Hospiz. Die Plakette hängt dort heute noch. 

Greif forderte in seinem Brief dringend dazu auf, die Gedenktafel für Stepinac zu entfernen. Er es sei es nicht würdig, an so prominenter Stelle, noch dazu in Jerusalem geehrt zu werden. 

Zweimal, in den Jahren 1970 und 1994 lehnte Yad VaShem die Aufnahme Stepinacs in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ ab. Im Jahr 1997 hoffte Darko Zubrinic, Mathematikprofessor an der Universität Zagreb, noch: „Es gibt keinen Zweifel, dass der kroatische Erzbischof und spätere Kardinal, Stepanic eines Tages in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen werden wird. Ein entsprechender Antrag wurde zweimal von Dr. Amiel Shomrony und Dr. Igor Primorac, beide israelische Bürger, 1970 und 1994 eingereicht und beide Male abgelehnt. Man muss dazu im Auge behalten, dass nur gerettete Juden und deren Nachkommen den Antrag stellen können. Die offiziellen jüdischen Organisationen in Kroatien haben daher keinen Antrag gestellt.“

Betrachtet man die Haltung Stepanics gegenüber der Ustaša und die sehr selektive Rettung von gefährdeten Menschen als Ganzes, so muss man zu dem Schluss kommen, dass Stepanic eher ein Kriegsverbrecher als ein Held ist. 

Das Österreichische Hospiz täte gut daran, die Gedenktafel zu entfernen und dem Ritterorden zum Heiligen Grab zur Entsorgung zu übergeben. 

Danke Mathi für deine Hinweise auf die schändliche Gedenktafel, die mich für diesen Artikel recherchieren liess!

Literaturverzeichnis:

  1. https://www.welt.de/print-welt/article623019/Ich-waere-nichtswuerdig-fuehlte-ich-nicht-mit-den-Kroaten.html
  2. https://www.vatican.va/content/pius-xi/de/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_14031937_mit-brennender-sorge.html
  3. https://www.oessh.at/index.php?article_id=502
  4. https://www.zg-nadbiskupija.hr/saints-and-martyrs/blessed-alojzije-stepinac
  5. https://www.derstandard.at/story/2000041722907/empoerung-ueber-aufhebung-des-urteils-gegen-kardinal-stepinac
  6. https://www.furche.at/religion/die-bis-heute-quaelende-frage-um-pius-xii-1225766
  7. https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/wuerdigung-fuer-kardinal-stepinac-holocaust-ueberlebende-kritisieren-papst-a-766764.html
  8. https://g2w.eu/news/1613-kroatien-vorerst-keine-heiligsprechung-von-kardinal-stepinac
  9. https://www.katholisch.de/artikel/27878-hassfigur-historikerin-warnt-vor-heiligsprechung-kardinal-stepinacs
  10. https://www.renovabis.de/hintergrund/dialogkommission-zu-kardinal-stepinac-beendet-ihre-arbeit
  11. https://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/stepinac-alojzije-1946/
  12. https://www.deutschlandfunkkultur.de/kroatischer-kardinal-aloizijus-stepinac-kriegsverbrecher-100.html
  13. https://www.heiligenlexikon.de/Grundlagen/Impressum.html
  14. https://www.nzz.ch/international/europa/justiz-zagreber-gericht-hebt-historisches-urteil-gegen-kardinal-stepinac-auf-ld.107086
  15. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/209414/1995-das-massaker-von-srebrenica/
  16. https://www.timesofisrael.com/memorial-in-jerusalem-for-alleged-wwii-fascist-collaborator-stirs-controversy/
  17. https://www.jpost.com/opinion/pope-francis-pope-pius-xii-and-cardinal-stepinac-454133
  18. https://www.austrianhospice.com
  19. http://croatianhistory.net/etf/jews.html


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