Nach Rosh Hashana gibt es einiges zu berichten

2. Tishri 5784

Durfte der Papst schweigen??

Papst Pius XII. hat also doch wissentlich und willentlich geschwiegen. Die Frage, die sich Rolf Hochhuth in seinem Erstlingswerk «Der Stellvertreter» (1963) gestellt hat, kann jetzt scheinbar eindeutig mit «Nein» beantwortet werden.

Die aus den Archiven des Vatikans bisher freigegeben Dokumente besagten bisher, dass der Papst keine Informationen über den Holocaust hatte und daher auch keine Stellung beziehen konnte.

Jetzt ist man auf die Korrespondenz vom 14. Dezember 1942 gestossen, die der «Corriere della Sera» veröffentlicht hat. Der Brief wurde auf Deutsch vom Jesuiten-Pfarrer Lothar König an den Sekretär des Papstes, den Jesuiten-Pfarrer Robert Leiber, geschrieben. Er berichtete darin, dass im von Deutschen besetzte Polen täglich bis zu 6.000 Juden und Polen aus Rava Ruska, der heutigen Ukraine vergast würden. Wer nicht vergast wurde, wurde in das Lager Belzec deportiert.

Bestätigt werden diese Aussagen von einem Eintrag auf der Webseite der Gedenkstätte Belzec. Hier wird die Zahl der ermordeten Juden im Lager mit 500.000 benannt. Als im Dezember 1942 das jüdische Ghetto der Stadt liquidiert wurde, «wurden zwischen 3.000 und 5.000 Menschen vor Ort erschossen und 2.000 bis 5.000 wurden nach Belzec deportiert.»  

Das Briefdatum korreliert exakt mit dem Zeitraum, in dem Pius XII. von zahlreichen britischen und polnischen Diplomaten Information darüber erhielt, dass bereits bis zu einer Million Juden in Polen ermordet worden waren. Natürlich kann heute niemand mehr die Frage beantworten, ob diese Schreiben den Papst jemals erreichten. Man muss aber davon ausgehen.

Giovanni Coco, Historiker und Archivar des Apostolischen Archivs, wird die neu gefundenen Akten demnächst in einem Buch veröffentlichen. Er hält gegenüber der Tageszeitung Corriere fest: «Die Neuheit und Bedeutung dieses Dokuments ergibt sich aus der Tatsache, dass es nun die Gewissheit gibt, dass Pius XII. von der deutschen katholischen Kirche genaue und detaillierte Informationen über die an den Juden verübten Verbrechen erhalten hat.»

Ob und welche Folgen diese neuen Unterlagen auf den Seligsprechungsprozess des Papstes haben, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall muss die Geschichte der Verantwortung neu geschrieben werden. 

Kein Tauwetter im Morgenland

Wenn Netanyahu heute Abend, natürlich in Begleitung von Sarah, in das Flugzeug Richtung USA steigt, hat er mehrere Hoffnungen im Gepäck. 

Zuerst will er mit dem Kurzbesuch in Silicon Valley und vor allem beim Treffen mit Elon Musk neue Märkte für Israel öffnen, um die angeschlagene Wirtschaft anzukurbeln. Das wird ihm nicht von heute auf morgen gelingen, so etwas braucht viel, viel Zeit. Und Geld. Und Vertrauen der potenziellen Investoren in das Land. Derzeit von Vertrauen in das krisengeschüttelte Israel zu sprechen, ist das, was man als Chuzpah bezeichnet.

Dann möchte er in New York ein exklusives Treffen mit dem US-Präsidenten Joe Biden

absolvieren. Dort will er die ehemals andauernde und unangefochtene Freundschaft zwischen den USA und Israel reanimieren. Auch das wird ihm kaum gelingen. Der Terminplan des Präsidenten ist so eng getaktet, dass es kaum zu einem längeren Treffen mit anschliessendem Pressestatement kommen wird. Ob es ein gemeinsames Photo geben wird, scheint auch noch ungewiss. 

Das Treffen mit dem Präsidenten und dessen neues Wohlwollen war auch eine der Bedingungen für das Tauwetter mit den Saudis. Dieses Tauwetter, wenn möglich gekrönt mit einem Friedensvertrag, sollte das politische Erbe von Netanyahu werden. Die Krönung seines politischen Lebens, dass irgendwann, hoffentlich in naher Zukunft, zu Ende gehen wird. 

Saudi-Arabien hat aber nun der Administration von US-Präsident Biden mitgeteilt, die Bemühungen, Verhandlungen mit den Israelis abzuhalten, zunächst einzufrieren. Als Grund gaben sie an, dass Israel nicht gewillt sei, auch nur die kleinsten Zugeständnisse an die Palästinenser zu machen. So war es jedenfalls von Finanzminister Smotrich und Sicherheitsminister Ben-Gvir grossmäulig vor wenigen Tagen verkündet worden. Und was Smotrich und Ben-Gvir sagen, ist bei Netanyahu ein in Stein gemeisseltes Wort.

Die Regierung Netanyahu hat da wieder einmal etwas nicht richtig verstanden. Zugeständnisse an die Palästinenser war eine conditio sine qua non gewesen, bevor die Saudis überhaupt an Verhandlungen denken würden. Das hatten sie auch dem US-Präsidenten mitgeteilt. Von dort war es nach Jerusalem kommuniziert worden. 

Unter dem Titel «Saudi-Arabien stoppt Gespräche mit den USA über eine Normalisierung mit Israel» berichtete die saudische Online-Zeitung Elaph heute, Israel sei „verwirrt“ über diesen Schritt, da es glaube, dass die Saudis bereit seien, die Normalisierung der Beziehungen voranzutreiben, ohne dies mit Fortschritten in der Palästinenserfrage zu verknüpfen. Hochinteressant ist es, dass die Saudis überhaupt einen Artikel lancieren.

Am Ende des Artikels schlagen sie Neuwahlen mit einem zu erwartenden Sieg der Oppositionsparteien von Gantz und Lapid als beste Lösung für Israel vor. 

Israel mag verwirrt sein, der US-Präsident wird ob der israelischen Ignoranz schäumen vor Wut.

Vor wenigen Tagen hat Saudi-Arabien eine neue, überarbeitete Karte der Region veröffentlicht. Israel ist darauf nach wie vor als «Palestine» eingetragen. Spricht auch nicht gerade für ein beginnendes Tauwetter!

Die UNO klittert wieder einmal die Geschichte

Das Gremium der UNESCO umfasst derzeit folgende Mitglieder: Argentinien, Belgien, Bulgarien, Ägypten, Äthiopien, Griechenland, Indien, Italien, Japan, Mali, Mexiko, Nigeria, Oman, Qatar, Russland, Ruanda, St. Vincent und Grenadines, Saudi-Arabien, Südafrika, Thailand und Zambia. 

In der vergangenen Woche tagte es in Riyadh, wohin Israel auch eine Delegation entsandt hatte. Israel ist aus der UNESO ausgetreten, wird aber nach wie vor zu den Treffen eingeladen. Der israelische Aussenminister Eli Cohen wies vermehrt darauf hin, dass Weltkulturerbe-Stätten unter dem besonderen Schutz der UNESCO stünden. Immer wieder sei es zu Beschädigungen solcher Stätten in Judäa und Samaria gekommen. Cohn schlug vor, dass die UNESCO mit Israel und anderen Staaten zusammenarbeiten müsse, um die jüdischen Weltkulturerbe-Stätten gepflegt für die Nachwelt zu erhalten.

Am Sonntag hat die UNESCO Jericho als «palästinensisches Weltkulturerbe» anerkannt. «Die UNESCO hat beschlossen, die antike palästinensische Stadt Jericho, auch bekannt als Tell es-Sultan, auf die Liste der Weltkulturerbe Güter zu setzen.» So steht es auf der Webseite der Palestinian News & Information Agency (WAFA).

Jericho ist die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt. Erste Spuren findet man bereits im 10. Jahrtausend BCE. Der Turm und die Verteidigungsanlagen der antiken Stadt gehen auf das 9. Jahrtausende BCE zurück. Herodes nutzte das angenehme Klima und baute dort um 36 BCE einen Winterpalast, der im Jahr 31 CE von einem Erdbeben zerstört und anschliessend noch prächtiger wieder aufgebaut wurde. 

Schon in Gen. 37:25 und 43:11 lesen wird vom «Balsam-Baum». Josephus Flavius berichtet, dass die Königin von Saba, Makeba, die Wurzel eines Balsam Baumes als Geschenk für König Salomon mitbrachte, als sie ihn in Jerusalem besuchte. Die einzigen Bäume dieser Art in der Region standen In Jericho. Sogar Theophrastus (371 bis 287 BCE) beschrieb in seinen botanischen Werken das Vorkommen des Baumes in Jericho. Während der Kämpfe der Juden gegen die Römer verteidigten die Juden auch die Anpflanzungen. Wie lange die Bäume allerdings gerettet werden konnten, ist historisch nicht belegt. Plinius (23 bis 79 CE) beschreibt sie noch in seinem Werk «Naturalis Historia». Nach Ende des jüdischen Aufstandes zierte ein Baum den Triumphzug seines Freundes, Kaiser Vespasian, in Rom. 

Eine Stadt, die so eng mit der jüdischen Geschichte verbunden ist, zum palästinensischen Weltkulturerbe zu erheben, ist mehr als Geschichtsklitterung. Hoffentlich findet jemand den Mut, dagegen Einspruch zu erheben. 

Btw, es muss wieder einmal erwähnt werden, die «Palästinenser» als «Ethnie» gibt es erst seit 1964, als Jassir Arafat diese aus der Taufe hob. Und damit eine politische Kraft schuf.

Noch eine Schande

Die überaus bekannte und beliebte Figur des Kopfstand machenden ehemaligen PM David Ben Gurion, s’’l, auf dem Strand von Tel Aviv wurde Opfer eines Brandanschlages. 

Sie wurde nach einer Aufnahme des bekannten Fotografen, Paul Goldman, gestaltet, der den PM 1957 tatsächlich bei seiner Morgengymnastik am Freshman Strand von Tel Aviv fotografierte. 

Die Figur wurden mittlerweile abtransportiert und muss recht aufwendig wieder in Stand gesetzt werden. 

Der Verursacher des Anschlages wurde festgenommen. 

Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt

Der amtierende Justizminister Yariv Levin versteht es, seine Vorstellungen von richtig und falsch so überzeugend zu formulieren, dass selbst der OGH ihm aus der Hand frisst.

Am vergangenen Donnerstag forderte das Gericht ihn auf, zu erklären, warum er nicht, wie verlangt, das Richter-Wahl-Gremium dringend zusammenruft. Er hatte darauf mit der lapidaren Aussage geantwortet: «Nur ich entscheide, wann das Gremium einberufen wird.» Desweiteren gab er eine Begründung, dass der OGH gar nicht befugt sei, ihm Anordnungen zu geben. Drei Richter widersprachen seinen Ausführungen zwar, gaben ihm aber Zeit bis zum 9. Oktober eine aktualisierte Antwort vorzulegen. 

Der Termin für die Anhörung war für den kommenden Dienstag, 19.9., geplant, wurde aber jetzt neu auf einen Termin «nicht später als der 23. Oktober» verschoben. Zu dem Zeitpunkt befinden sie die Präsidentin Esther Hayut, sowie Richterin Anat Baron bereits im Ruhestand und damit ausser Dienst. Das Richtergremium am OGH wird dann nur mehr 13 Richter umfassen. Für die ausscheidende Esther Hayut wird der nächste dienstälteste Richter, Jitzchak Amit nachrücken (wenn dem Justizminister nicht noch ein Trick einfällt, das zu verhindern). Sein Platz und der von Anat Baron bleiben aber zumindest bis nach der Anhörung unbesetzt, weil das Richter-Wahl-Gremium vom JM nicht einberufen wird. 

Noch rigider will Knesset-Sprecher Amir Ohana vorgehen. Falls das OGH das Angemessenheitsgesetz kippt, so denkt er bereits darüber nach, ein «Verfassungsgericht» als Alternative zum OGH zu installieren.

Zusammengesetzt werden soll dieses Gericht mit öffentlichen Vertretern der unterschiedlichsten Bereiche des täglichen Lebens. Gegenüber der Zeitung Yedioth Ahronoth erklärte er: «Dieses neue Verfassungsgericht wird den OGH umgehen, obwohl dessen Befugnis als oberstes Berufungsgericht unangetastet bleiben wird. In einem Verfassungsgericht, das befugt ist, die bestehenden Verfassungsfragen zu diskutieren, obwohl es für Israel keine Verfassung gibt, in der Werte, Weltanschauungen und ideologische Konzepte diskutiert werden, gibt es für die Juristen keinen Vorteil. Dort werden auch öffentliche Vertreter aus den unterschiedlichsten Bereichen sitzen können. Das ist einer von vielen Gesetzentwürfen, die bei Bedarf sicherlich diskutiert werden.»

Sein Vorschlag kam nach einer vorhergehenden Stellungnahme, dass die Knesset «sich nicht damit abfinden wird, von der Justiz in den Boden gestampft zu werden.»

Wie soll das möglich sein, ein Verfassungsgericht zu installieren, ohne eine Verfassung zu haben? Und wie soll es möglich sein, damit den bestehenden OGH zu umgehen, aber gleichzeitig doch zu behalten? 

Fragen, die Ohana vergass anzusprechen. 



Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Timeline

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