Susan Pollack – Retterin zahlloser Äthiopier – Teil II

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Die Eltern ihres Freundes Babu lebten 1984 im Haus eines christlichen Lehrers und seiner Frau. Dieses Ehepaar versteckte insgesamt 12 jüdische Familie und rettete sie damit vor dem Zugriff der Regierung. Babus’ Familie war die neunte, die bei ihnen Unterschlupf fand. Die Frauen der Familie kletterten noch ein letztes Mal hinauf auf den Berg um noch einmal gemeinsam das Sigd-Fest zu feiern. 

Doch dann begann der Mossad einzugreifen. Seit 1979 waren immer wieder kleinere Gruppen aus den sudanesischen Lagern «verschwunden».

Zwischen dem 21. November 1984 und dem 5. Januar 1985 fand die die erste grosse Luftbrücke statt. 7.000 Beta Israel wurden mit Bussen nach Khartum (Sudan) gefahren und von dort aus via Brüssel nach Israel ausgeflogen. Die Aktion musste geheim gehalten werden, wurde aber durch unbedachte Pressemitteilungen durch den damaligen PM Shimon Peres, s’’l, bekannt. Der Sudan entzog daraufhin den «Trans European Airways» das Landesrecht im Sudan und die Rettungsaktion «Operation Moses» musste abgebrochen werden. 

Die gestrandeten Beta Israel flohen nach Addis Abeba und fanden zunächst Unterschlupf in der israelischen Botschaft. Eine Betroffene berichtet: «Wir hatten nichts, keine Unterkunft, kein Geld, kein Essen. Nichts. Hungersnot, Dürre, Krankheiten und Bürgerkrieg beherrschten das Land. Wenn Susan nicht rechtzeitig eingeschritten wäre, wären wir alle gestorben.»

1989 wurde Susan, zunächst gegen den Widerstand der «American Association of Ethiopian Jewry (AAEJ)» als Leiterin des geplanten Rettungsdienstes geschickt. Man ging davon aus, dass die Bewältigung dieser umfassenden Aufgabe für eine Frau nicht machbar sei und auch eine zu grosse Gefahr für sie darstellte. 

Im Land schlug ihr eine Gruppe von in der Region zurückgebliebenen älteren Beta Israel vor, mittels einer Massenevakuierung aus den Bergdörfern die noch dort lebenden Juden zu retten. Der Weg über den Sudan war immer noch versperrt. Also mussten die Menschen von Gondar nach Addis Abeba gebracht werden. Diesmal sollten Flugzeuge der EL-AL und der IAF dort landen und von dort die etwa 18.000 Flüchtlinge direkt nach Tel Aviv bringen. 

Die Aufgabe 18.000 aus etwa 300 Dörfern koordiniert zeitnah zu evakuieren schien unlösbar. Das Ziel war die Hauptstadt, aber wo sollte die grosse Zahl an Menschen untergebracht werden? In ihrer Not rief Susan den Gründer der AAEJ, Graenum Berger an. Seine Antwort war nicht sehr hilfreich. «Ihr müsst die Juden jetzt rausholen. Man kann sich nicht zurücklehnen und hoffen, dass jemand etwas tut. Du musst es selbst tun.» Andere wenig hilfreiche Vorschläge waren, nur in kleinen Gruppen zu laufen, jeder Versuch, Äthiopien zu verlassen, galt als Hochverrat. Die Strafe war drastisch – die Todesstrafe. 

Susan dachte nicht lange nach, sondern handelte. 

Am Stadtrand der Hauptstadt Addis Abeba richtete sie ein Durchgangslager ein. «Susa’s Compound», wie das Lager genannt wurde, befand sich auf dem Grundstück der von der Regierung stillschweigend geduldeten koptischen Kirche, deren Priester nicht zur Kenntnis nahm, was auf seinem Grund und Boden geschah. Das Grundstück war eingezäunt und gut bewacht. 

Jeder, der kam, musste sich registrieren lassen und seine Geschichte erzählen. Nichts von den wichtigen Informationen sollte verloren gehen. Der Weg aus den Dörfern nach Addis Abeba war beschwerlich, Polizei, Banken und Steuerbehörden mussten bestochen werden, erst dann durften die Flüchtlinge weiterziehen. 

«Wir haben all diese Beamten bestochen. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem Berhanu Yerdu, mein treuester Helfer, ein rechtschaffener nichtjüdischer Held, mit einer Schachtel in der Hand auftauchte, in der sich der offizielle Stempel der Provinz Gondar befand, nachdem er einen Regierungsbeamten überredet hatte, sie ihm zu geben.»    

Längst nicht alles verlief so ungestört, wie geplant. Einer der von Susan ausgewählten Aktivisten ging gemeinsam mit fünf weiteren Helfern, allesamt äthiopisch-jüdische Männer, in die Dörfer und versuchte, alle Betroffenen Beta Israel zu versammeln. Er wurde festgenommen und zum Tode verurteilt. Nach einem langen Monat gelang es Susan, ihn aus dem Gefängnis befreien zu können. 

Hoffnung auf eine schnelle Ausreise nach Jerusalem machte sich breit. Und doch sollte es noch zwei Jahre dauern, bis es wirklich soweit sein würde. 

Im November 1990 wurde gegen die Zahlung einer hohen Wirtschaftshilfe erreicht, dass einzelne Personen im Rahmen der Familienzusammenführung ausreisen durften.

Im Mai 1991 war es dann so weit. Abraham Rabinovitch schrieb später in der Jerusalem Post: «Gegen den Willen der äthiopischen Regierung, der israelischen Regierung und aller anderen vor Ort tätigen Organisationen gelang es der 37-jährigen Amerikanerin, die Juden Äthiopiens aus Gondar nach Addis Abeba zu bringen und damit den Grundstein für die Operation Solomon zu legen.»

Irgendwann durchschaute die äthiopische Regierung, was Susan plante. Sie war sicher, dass sie, wenn sie nur lange genug durchhalten würde, Unterstützung erhalten würde. Sowohl die israelische, als auch die US-amerikanische Botschaft begann, sich auf ihre Seite zu stellen. 

Die politische Situation im Land war sehr angespannt, doch schlussendlich konnten die Israelis die Rebellen überzeugen, 36 Stunden zu warten, bevor sie ihren Sieg über das herrschende Regime verkünden würden. Das war das Zeitfenster, in dem die IDF in einer verdeckten Mission 14.325 Beta Israel retten konnten. Am 24. und 25. Mai 1991 fanden innerhalb der zur Verfügung stehenden 36 Stunden insgesamt 35 Flüge statt. Im Einsatz waren 24 C-130 Transportflugzeugen und 10 zivile Flugzeuge der EL-AL. Die Transportflugzeuge waren nur mit Matten ausgelegt worden, damit die Menschen nicht auf dem nackten Boden sitzen mussten.

Bei einem der Flüge wurde ein Weltrekord gebrochen, es befanden sich 1.088 Personen an Bord der Maschine, zwei Babys wurden während des Fluges geboren, acht weitere kamen zur Welt, während die Mütter auf das Einsteigen ins Flugzeug warteten. Speziell für den Flug war eine Boeing 747 Cargo vor dem Flug mit 760 Sitzen ausgestattet worden, auf den Bildern sieht man noch die Plastiküberzüge. Doch als mehr und mehr Menschen ins Flugzeug drängten, erlaubte Kapitän Arie Oz, ein Überlebender der Shoa und Teilnehmer an der Geiselbefreiung in Entebbe, dass sie zusteigen konnten. Hunderte sassen zwischen den Sitzreihen am Boden, ihre Kinder auf dem Schoss. So viele Menschen werden wohl nie wieder in einem Flugzeug sitzen! Der Kapitän hielt schmunzelnd fest: «1.086 Menschen sind eingestiegen, aber 1.088 ausgestiegen!»

Bei einer Konferenz im Jahr 2022 in Tel Aviv wurde Susan von der äthiopischen Gemeinde geehrt. «Können Sie sich das vorstellen? Man hört durch Mundpropaganda, dass der Tag gekommen ist, an dem alle ihre Sachen packen und aufbrechen, um in ein Land zu gehen, um das ihre Vorfahren 3.000 Jahre lang geweint haben, und man packt einfach seine Sachen und geht? Für mich ist das eines der meist inspirierenden Kapitel der Geschichte.»

Teilnehmer der Konferenz waren äthiopisch-israelische und amerikanische Aktivisten, die massgeblich in den 90’er-Jahren an den Vorbereitungen beteiligt gewesen waren. Sie wollten sicherstellen, dass ihre Geschichte in die Geschichtsbücher und Lehrpläne Israels eingehen und nicht vergessen werden. 

Ein ehemaliger MK, Shimon Salomon, betonte: «Susan hätte ein viel einfacheres Leben in den Vereinigten Staaten wählen können. Stattdessen kam sie nach Äthiopien, um anderen Juden zu helfen, selbst um den Preis, dass sie ihr Leben in Gefahr brachte, nicht nur einmal, sondern zu oft.»

Shiluvim Koliym Chor des Matnas Neve Yosef, Haifa

Heute leben in Israel etwa 165.000 Beta Israel, die Hälfte von ihnen ist bereits im Land geboren. Immer noch kommen Einwanderer. Sie sind aus dem Bild des modernen Israel nicht mehr wegzudenken. Die liebenswerten, bescheidenen Beta Israel haben es aber in der israelischen Gesellschaft immer noch nicht leicht. In Haifa gehören zahlreiche Familien nach wie vor zur Gruppe der «working-poor», also zu jenen Menschen, die trotz einer festen Anstellung keinen wirtschaftlichen Erfolg haben. 

Die politische Lage in Äthiopien hat sich weiterhin verschlechtert. Es warten noch einige Tausend Beta Israel darauf, nach Israel ausreisen zu können. In Israel finden vermehrt Demonstrationen statt, bei denen israelisch-äthiopischen Juden fordern, ihre Familien aus den Krisengebieten zu retten. Die meisten in Äthiopien verblieben Beta Israel sind allerdings Nachfahren der im 19. Jahrhundert zum Christentum zwangskonvertierten Juden, die deshalb nicht unter das «Law of Return» fallen. Sie werden oftmals mit dem abwertenden Namen «Falash Mura» bezeichnet. Sie selbst bezeichen sich als jüdisch und daher berechtigt, nach Israel einzuwandern. Eine Ansicht, die auch Rabbi Ovadia Yosef teilte, indem er festhielt, sie seien zur Konversion gezwungen worden. Seit den 2000’er Jahren erhielten 25.000 von ihnen die Bewilligung, nach Israel einzuwandern, aber unter der Bedingung, sich einer orthodoxen Konversion zu unterziehen.

Im Juli 2023 kamen 130 Beta Israel mit der Operation «Fels Israels», Mitte August wurden weitere 204 Juden aus der Region Gondar evakuiert. Damit wurden seit Dezember 2020 5.000 Personen aus Äthiopien ausgeflogen. Wie viele weitere Beta noch in diesem Jahr gerettet werden sollen, darüber schweigt das Ministerium für Einwanderung und Integration in Jerusalem.

https://sacred-texts.com/chr/kn/

https://archive.org/details/derpapyrusfundvo00meyeuoft/page/n6/mode/1up

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https://de.icej.org/news/special-reports/die-faszinierende-geschichte-der-äthiopischen-juden

https://friendsofethopianjew.org

https://www.britannica.com/topic/Beta-Israel

https://search.ontariojewisharchives.org/Permalink/descriptions294779

http://archive.diarna.org/site/detail/public/999/

https://www.haaretz.com/israel-news/2019-11-03/ty-article-magazine/.premium/boeing-747-queen-of-the-sky-el-al-jumbo-connected-israel-new-york-city-and-jewish-world/0000017f-f698-d318-afff-f7fba9470000

https://www.timesofisrael.com/ethiopian-israelis-rally-in-jerusalem-seeking-increased-immigration-quota/



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