22. Tischrei 5784
Es ist keines der bekannten Scharmützel, keiner der gefährlichen, aber kurzen Angriffe, mit denen entweder die Hamas oder der palästinensische Jihad aus Gaza regelmässig Israel beschiesst. Diesmal ist es anders.
Der Tag ist perfekt gewählt. Genau 50 Jahre plus ein Tag, nachdem der Yom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 begann und während 20 Tagen das Land fest im Griff hatte. Ägypten und Syrien griffen damals Israel an, andere arabische Staaten schlossen sich den Angreifern an, am Ende waren zahlreiche Tote und Verletzte auf beiden Seiten zu beklagen. Die UNO forderte am 22. Oktober den sofortigen Waffenstillstand von beiden Seiten.
Zuvor hatte der Geheimdienst ein vermehrtes Truppenaufkommen an den Grenzen zu Ägypten und Syrien beobachtet, mass denen jedoch keine Bedeutung zu, sondern bewertete sie als die regelmässig stattfindenden Herbstmanöver.
Nach dem Krieg blieb Israel zunächst schwer traumatisiert zurück. Bis dahin hatte sich der Staat für unbesiegbar gehalten. Das hatten die vorhergehenden Kriege gezeigt. Diesmal war alles ein bisschen anders. Das politische Überleben Israels hing am seidenen Faden. PM Golda Meier und VM Moshe Dayan hatten das Risiko völlig falsch eingeschätzt. Sogar mahnende Worte des jordanischen König Husseins, der Ende September in geheimer Mission nach Tel Aviv flog, um die israelische Regierung vor der möglichen Bedrohung zu warnen, schlug die PM in den Wind.
Als direkte Folge trat PM Meir zurück.
Ein damaliger Reservist, der mit seiner kleinen Truppe am Suezkanal stationiert war, schildert die damalige Situation aus seiner Sicht: «Meine Männer brachten Bücher, Brettspiele und Angeln mit. Bisher gab es für Soldaten wenig Langweiligeres als die einmonatigen Wachdienste an der ägyptischen Grenze. Für mich war seit Jahren klar, dass ein Krieg auf dem Weg war. Es war unvorstellbar, dass die Ägypter ihre Niederlage aus dem 6-Tage-Krieg von 1967 tatenlos hinnehmen. Unser Aussenposten war nicht für einen Einsatz gerüstet. Golda Meir war kein strategischer Kopf. Sie machte sich Sorgen über die nächsten Wahlen, aber nicht über den nächsten Krieg – so wie es die Politiker auch heute tun.»
Dieser Kommentar stammt aus der FAZ vom 6.10.2013, gilt aber auch für die heutigen Politiker. Auch sie sind nur mit der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche beschäftigt und vergessen vor lauter Konzentration auf sich selbst, dass die Zeichen auf Sturm stehen.

Seit heute Morgen um 6:30 wurden bisher mehr als 3.000 Raketen aus Gaza auf Israel abgeschossen. Die Hamas spricht sogar von mehr als 5.000. Was auffällt, es gibt keine stolzen Meldungen, wie viele von ihnen unsere Raketenabfangsysteme «Iron Dome» und «David’s Sling», beide als nahezu perfekt gepriesen, haben abfangen können.
Wo war der militärische Aufklärungdienst? Wo der Inlandsgeheimdienst? Auch wenn viele Israelis zwischen Yom Kippur und Simchat Torah Ferien machen, es muss immer sichergestellt sein, dass diese lebensnotwendigen und sensiblen Stellen immer ausreichend besetzt sind.
Wie konnte es so weit kommen? Was hat der Minister für Innere Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, in den letzten Tagen gemacht? Er hat vor wenigen Minuten, knapp bevor sein Chef sich an die Bürger wandte, verkündet, dass er (!) für Israel den Notstand ausrufe, der am späteren Abend in Kraft treten soll. Und bis dahin????? Es wird immer mehr klar, dass er der absolut falsche Mann in seiner Position ist. Er muss als erster der Regierung seinen Platz räumen, wenn nicht freiwillig, dann per Gerichtsbeschluss.
War es ihm so wichtig, seine öffentlichen Gebete am Dizengoff Platz in Tel Aviv zu organisieren? Mit oder ohne Geschlechtertrennung? Oder seinen nächsten Besuch auf dem Tempelberg zu planen, bis ihn der Shin Bet eindringlich bat, den Besuch zu verschieben, um die bereits bestehenden Spannungen nicht noch weiter zu verstärken. Für einmal zeigte der politische Hardliner Einsicht.
«Operation Sturm auf der (sic!) al-Aqsa», so nennt der Führer des militärischen Arms der Hamas, Mohammed Deif, den Angriff. «Genug ist genug, ich rufe alle Palästinenser von Ost-Jerusalem bis zum Norden Israels auf, sich dem Kampf anzuschliessen. Heute hat das palästinensische Volk seine Revolution wieder aufgenommen.» Für die Muslims bedeutete der Besuch von Juden auf dem Tempelberg während des Sukkot-Festes eine unglaubliche Provokation. Völlig unberechtigterweise! Keiner der etwa 1.500 jüdischen Besucher hat gegen irgendeine Vorschrift verstossen. Der einzige Siedler, der versuchte, mit einem Schaf auf den Tempelberg zu gelangen, um es dort zu schlachten, wurde von der Polizei noch vor dem Betreten der Altstadt festgenommen.
Auch die in den letzten Wochen drastisch angestiegenen Unruhen in Judäa und Samaria dürften ihren Teil zur Eskalation der Gewalt beigetragen haben.
Kurz vor Mittag bemühte sich PM Netanyahu endlich vor das Mikrofon «Bürger von Israel, wir befinden uns in einem Krieg. Nicht in einer Operation oder Angriffsrunde, sondern in einem Krieg [der den Namen: Iron Sworderhielt]. Heute morgen hat die Hamas einen mörderischen Überraschungsangriff gegen den Staat Israel und seine Bürger gestartet. Ich habe eine intensive Mobilisierung der Reservekräfte befohlen und wir werden mit einer nie dagewesenen Stärke zurückschlagen. Der Feind wird einen aussergewöhnlichen Preis zahlen. In der Zwischenzeit fordere ich alle Bürger Israels auf, sich strikt an die Anweisungen der IDF und des Home-Front-Kommandos zu halten. Wir befinden uns im Krieg und wir werden ihn gewinnen.»
Die Reservisten, die während der letzten 40 Wochen regelmässig gegen die Regierung Netanyahu VI demonstriert haben und ihre freiwilligen (!) Übungen nicht mehr wahrnahmen, haben sich geschlossen wieder zum Dienst gemeldet.
Die Unruhen in der Nähe des Zauns während der letzten Tage hat niemand so richtig ernst genommen. Sie wurden als Wiederholung des «March of Return» aus dem Jahr 2018 angesehen. Immerhin, die Gazaner schossen wieder Granaten nach Israel, schickten wieder Brandballone los. Die IAF flog einige Angriffe auf Ziele der Hamas im Gazastreifen, Verletzte gab es dabei nicht. In der Nähe des Grenzzauns gab es hingegen 11 Verletzte. Der Verdacht liegt nahe, dass das alles nur ein Ablenkungsmanöver war. Ob nun 2.000 oder 5.000 Raketen, sie müssen mit einer ausgeklügelten Logistik zu einer Abschussrampe gebracht und aufgestellt werden. Das passiert nicht von jetzt auf gleich. Monatelange Vorbereitungen müssen dem heutigen Angriff vorausgegangen sein. Leise und sehr effizient.

Wieviel wert der als nahezu unüberwindbar gerühmte Grenzzaun zwischen Gaza und Israel ist, zeigt, dass er mit einem simplen, wenn auch sehr grossen Caterpillar durchbrochen werden konnte. Unter den Augen einer völlig überforderten Regierung ist heute eine bisher nicht bekannte Zahl von Terroristen ungehindert nach Israel eingedrungen.

Bis zu 60 Terroristen bewegen sich derzeit ungehindert in den Orten rund um den Gaza Streifen. Um das zu ermöglichen, braucht es keine mühsam gebauten Tunnelanlagen mehr: Sie kamen zu Fuss, mit Velos, mit Booten vom Meer, mit zumindest einem Paragleiter und mit Lieferwagen.
Bilder zeigen die Terroristen, die in den Orten rund um den Gaza-Streifen durch die Strassen fahren, wahllos auf unschuldige Zivilisten schiessen, von Haus zu Haus laufen und versuchen, sich Einlass zu verschaffen. Wo es ihnen gelingt, werden die Bewohner entweder erschossen oder nach Gaza entführt.

Bei einer Musik-Veranstaltung ausserhalb vom Kibbutz Re’im, 30 km westlich von Be’er Sheva wurden die etwa 1.000 Gäste, im Alter zwischen 20 und 40 Jahren beschossen. Videos zeigen, wie sie völlig kopflos, nur noch bemüht, ihr Leben zu retten, durch den Wüstensand fliehen. Wer Glück hatte, konnte in ein Auto einsteigen. Sicherheitskräften vor Ort gelang es, einige Gäste zu einer Militärbasis zu bringen. Zahlreiche Verletzte, möglicherweise auch Tote werden befürchtet. Noch gab es keine entsprechenden Informationen. Die Veranstaltung begann bereits gestern Abend, als noch niemand mit diesem Angriff rechnete. Die Gäste übernachteten vor Ort. Offensichtlich drangen am frühen Morgen Terroristen in das Gelände ein. Eine nicht bekannte Zahl von Gästen wurden verschleppt, zu ihnen fehlt jeder Kontakt.
Gegen 10:30 sprach man noch von 2 Toten und Verletzten, mittlerweile sind es mindestens 20 Tote und fast 500, teils schwerverletzte Israelis. Die Zahlen werden in den kommenden Stunden noch deutlich steigen. Gerade eben gegen 14:30 wurde die Zahl der Toten bereits auf 40, die der Verletzten auf 800 korrigiert.




Die Hamas beziffert die Zahl ihrer Toten auf 198, die der Verletzten auf 1.610.
Die Hamas zeigt mittlerweile Videos, die von ihnen in den Gazastreifen entführte zivile und militärische Opfer zeigen. Noch weigert sich die IDF, die Zahlen zu bestätigen, aus ungenannten Quellen wird jedoch von 62 Israelis gesprochen. Nicht alle wurden lebendig verschleppt, wie veröffentlichte Bilder zeigen. Neben einigen Zivilfahrzeugen haben die Terroristen auch einen Panzer, einige Jeeps und zwei Ambulanzen von Magen David Adom in ihren Besitz gebracht. Auch eine Militärstation wurde von der Hamas übernommen, seither fehlt jeder Kontakt zu den dort stationierten Soldaten.






In Ofakim und Be’eri werden einige Häuser von Terroristen besetzt. Berichte über Verletzte gab es bisher nicht. Die Geiselnahme dauerte gegen 19 Uhr noch an.
Aufgrund der Sicherheitslage haben Swiss, Austrian und Turkish Airlines, Air Canada, United Airlines, Ryanair, Brussels Airlines, Nippon Airlines und andere Fluglinien ihre An- und Abflüge für Ben Gurion ab etwa 15:30 Ortszeit storniert. Für den Ramon Flughafen bei Eilat werden derzeit nur Verspätungen gemeldet.
Um 16:00 wird die Zahl der Opfer mit mehr als 100 angegeben, die der Verletzten mit über 900.
Oppositionsführer Yair Lapid forderte die sofortige Zusammenstellung einer Notregierung. «Israel befindet sich im Krieg. Das wird keine einfache und keine kurze Sache. Der Krieg hat strategische Folgen, wie wir sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Es gibt ein ernsthaftes Risiko, dass er sich zu einem Mehr-Fronten-Krieg entwickelt. Ich habe mit dem PM gesprochen. Wir müssen unsere Animositäten zur Seite lassen und gemeinsam eine Notregierung, geführt von erfahrenen, professionellen und verantwortungsbewussten Menschen, bilden. Ich bin sicher, auch der ehemalige VM Benny Gantz wird sicher dabei sein.»
Soeben gegen 20:000 wurde die Opferzahl auf mehr als 200 hinaufkorrigiert.
Israel hat soeben die Stromzufuhr in den Gazastreifen unterbrochen. Diese Anordnung wurden soeben von Energieminister Israel Katz unterschrieben.
Die IDF hat mittlerweile gezielt das Haus des Führers der Hamas Terroristen, Bahar Sinwam beschossen.
Der Bericht wird spätestens morgen updated
Hinterlasse einen Kommentar