Krieg in Israel -Tag XVI

7. Cheschwan 5784

Um weitere Waffenlieferungen an die im Libanon stationierte Terrororganisation Hisbollah aus Syrien zu verhindern, bombardierte die IAF erneut die Flughäfen von Damaskus und Aleppo. Es war der dritte Schlag innerhalb von zehn Tagen. Beide Flughäfen sind für ungewisse Zeit nicht benutzbar. Die Flughafenbehörden gaben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die zerstörten Rollbahnen innerhalb von zwei Tagen wieder funktionsfähig sein werden. Während der Flughafen von Damaskus durch Raketen, abgeschossen aus dem Golan, getroffen wurde, bombardierten Kampfjets vom Mittelmeer aus kommend, den Flughafen von Aleppo. Über beide Flughäfen wurden zunehmend Waffen aus dem Iran an die Hisbollah geliefert.  Mittlerweile wurden zu den 28 bereits evakuierten Orten weitere 14 entlang der Nordgrenze geräumt. Grossbritannien und die USA haben ihre noch im Libanon lebenden Bürger aufgefordert, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. 

In der Nacht auf heute führte die IAF einen Schlag gegen eine Terrorzelle in Jenin in Samaria aus. Mitglieder der radikalen Terrorgruppen Palestininian Islamic Jihad und Hamas planten von dort aus einen grossangelegten Angriff auf Israel. Als Waffenlager benutzten sie dazu einen unterirdischen Lagerraum in der al-Ansari Moschee. Geplant waren Sprengstoffattentate entlang der Grenze zu Israel. Seit Beginn des Krieges gegen die Hamas haben auch die Spannungen in Judäa und Samaria deutlich zugenommen. Die Hamas hatte die Bewohner der Gebiete zum bewaffneten Kampf gegen die »Besatzer» aufgerufen. Mittlerweile wurden dort 727 gesuchte Terroristen, 480 von ihnen Mitglieder der Hamas festgenommen. Bei dem Angriff wurde zum ersten Mal seit 2005 wieder ein Kampfflugzeug in Samaria eingesetzt. Bereits im Juni dieses Jahres war eine Kampfdrohne zum Einsatz gekommen. 

Nachdem die Ministerin für öffentliche Kommunikation, Galit Distel Atbaryan, zurückgetreten ist und gebeten hat, ihr Ministerium aufzulösen, werden erhebliche Budgetsummen frei.  Für die Jahre 2023 und 2024 stehen somit US$ 23.8 Millionen zur Verfügung. Diese sollen für den «Wiederaufbau des westlichen Negev und die Wiederherstellung des Vertrauens in die Regierung (sic!!!)» genutzt werden. Auch die Gelder, die für die 29 festangestellten Mitarbeiter des Ministeriums budgetiert waren, werden in diesen Topf fliessen. Die ex-Ministerin, die zur Gruppe der Knesset Schreihälsinnen gehört, liess dazu verlautbaren: «Mir bleibt keine Wahl als zuzugeben, dass jeder Tag, an dem ich mein Ministerium weiterführe, öffentliche Gelder verschwenden würde.» Ihr Ministerium gehört zu den on-off Ministerien, die PM Netanyahu je nach Belieben aktiviert oder schliesst. 

Im «Shenkar College of Engineering and Design in Tel Aviv» sassen noch vor Beginn des akademischen Jahres, das heute beginnt, 400 Studenten, Professoren und Absolventen gemeinsam vor den Zuschneide-Tischen und Nähmaschinen. Statt farbenfrohen Stoffen und Schnittmustern liegen vor ihnen unterschiedliche Stoffe in Olivgrün. Ihr Ziel: Möglichst schnell möglichst viele, funktionell einwandfreie Uniformteile für die Soldaten zu schneidern. Sie arbeiten so, wie es eine Dozentin beschreibt: «Von der Ästhetik zur Funktion.»Die Schutzwesten müssen geeignet sein, nicht nur die schweren Keramikplatten zu tragen, sondern auch einen einfachen Zugriff auf Munition, Stirnlampen, Karten und vieles mehr bieten. Alles Gegenstände, die man im Feld beim Einsatz braucht. Das Verteidigungsministerium hatte um diese Hilfe gebeten. Für mehr als 360.000 Reservisten standen zu wenig Uniformen bereit. Ohne entsprechende Ausstattung sind die Soldaten den Angreifern ungeschützt ausgesetzt. Auch in der Kunstschule Bezalel in Jerusalem wird an den grünen Uniformen gearbeitet, mehr als 700 waren es schon in den vergangenen Tagen. Dort arbeiten 80 Freiwillige. Sie arbeiten eng mit den militäreigenen Werkstätten, die im ganzen Land verteilt sind, zusammen. Einzig die räumlichen Kapazitäten der Schutzräume begrenzen die Zahl der Arbeiter pro Schicht. Das ist der Krieg. Jeder kennt jemanden, der als Reservist eingezogen wurde. Jeder kennt jemanden, der gestorben, verletzt oder verschleppt wurde. «Es gibt so wenig, was wir in einer solchen Situation tun können.» bedauert der Werkstattleiter, Beja. Er stammt aus dem Kibbutz Re’im, wo beim Musikfestival mehr als 260 Feiernde ermordet wurden. Wann immer es Zeit gibt, werden hier auch Kleidungsstücke für die überlebenden Bewohner von Re’im, Be’eri und Zikim hergestellt.  

Die Zahl der in Gaza festgehaltenen Geiseln hat sich auf 212 erhöht.

Zwei völlig erschöpfte Hamas-Terroristen wurden heute an der Grenze zu Gaza von der IDF aufgegriffen und dem Shin Bet zur Befragung übergeben. 

Der zweite Transport von Hilfsgütern aus Ägypten in den Gazastreifen ist seit Kurzem unterwegs. Jeder einzelne LKW wurde genauestens untersucht, bevor er Ägypten verlassen durfte. Damit soll verhindert werden, dass Waffen, Brennstoffe oder andere verbotene Dinge nach Gaza hineingeschmuggelt werden. Die New York Times hatte zuvor berichtet, dass die Ladungen unkontrolliert losfahren dürften. Hinter der Äusserung stand die Bekräftigung des Sprechers von UN-Generalsekretär, Stéphane Dujarric, dass keine Notwendigkeit bestünde, die Lieferungen zu untersuchen. Der Koordinator für Aktivitäten in den Gebieten, COGAT, versicherte hingegen, dass alle Lieferungen sorgfältig überprüft worden wären. Nach dieser Feststellung wurde die Meldung der UN kurze Zeit später wieder aus der online Ausgabe gelöscht. Die UNRWA behauptet, dass mindestens sechs Tankwagen mit Brennstoffen an den Kontrollen vorbei nach Gaza geschmuggelt worden seien, so wurde AFP zitiert. Sowohl vom Büro des PM, COGAT und dem Verteidigungsministerium erfolgte sofort eine Klarstellung, dass dies nicht den Tatsachen entspreche.

Die italienische PM Giorgia Meloni traf gestern Abend zu ihrem Solidaritätsbesuch in Israel ein. Bei ihrem Treffen mit PM Netanyahu zeigte sie sich erschüttert: «Wir haben Bilder von dem Unglaublichen gesehen, von dem, was vor zwei Wochen hier passiert ist. Das war mehr als ein Kriegsakt. Das war das Vorgehen von Terroristen, die die Juden aus dieser Region vertreiben wollen. Ganz klar antisemitisch begründet. Das ist es, was wir heute und morgen bekämpfen müssen. Wir glauben und denken, dass Sie in der Lage sind, das in der optimalen Form zu tun, weil wir alle anders sind als diese Terroristen.» Netanyahu antwortete: «Wir müssen diese Barbarei bekämpfen. Das ist ein Test, ein Test für die Zivilisation – und wir werden ihn gewinnen. Und wir erwarten von allen Staaten, die sich am Kampf gegen ISIS beteiligten, sich auch am Kampf gegen Hamas zu beteiligen, denn Hamas ist die neue ISIS.»

Die Besuche von internationalen Staatsoberhäuptern wurden gestern vom zypriotischen Präsidenten Niko Christodoulodes fortgesetzt, der sich ebenfalls mit dem PM, aber auch seinem israelischen Kollegen, Präsident Isaac Herzog traf. Der französische Präsident Emmanuel Macron wird für heute erwartet.

Dr. Nurit Bublil, Chefin des Nationalen Zentrums für forensische Medizin, ist alt geworden in den letzten zwei Wochen. Im Versuch, das zu ertragen, was nicht zu ertragen ist, hält sie an Alltagsroutinen fest: lackierte Nägel, sorgfältig frisierte Haare, ein frischgebügelter blütenweisser Kittel. Aber ihr Gesicht spricht eine ganz andere Sprache, sie presst die Hände gegeneinander, vielleicht um sie am Zittern zu hindern. Viele sterbliche Überreste sind nicht mehr erkennbar, dann müssen DNA-Proben gemacht werden, um Klarheit zu erhalten. Das Ausmass der Grausamkeiten ist schrecklich. Der Russ hat sich in den Kehlen festgefressen, also lebten sie noch, als die Flammen sie begannen, zu töten. Dass sie durch eine Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind, bezeichnet sie als Trost. Die Altersspanne der von ihr untersuchten Opfer des Terrors beträgt 3 Monate bis 90 Jahre. Vielen von ihnen fehlen Körperteile, viele wurden enthauptet. «Wir distanzieren uns, weil wir arbeiten müssen, aber von Zeit zu Zeit geht es einem nahe. Gestern habe ich Beweismaterial aus einem Haus in einem südlichen Kibbuz geöffnet, und da war ein beliebtes Rezeptbuch, das mit Blut bedeckt war. … Ich habe das gleiche Buch, und man denkt sich: Das hätte meine Küche sein können, meine Kinder, meine Eltern, ich. Man kann es nicht vermeiden.» Rund 200 Experten sind an der Aufgabe beteiligt. Forensische Pathologen, Anthropologen, Radiologen und andere Fachleute aus Israel, den USA, der Schweiz, Neuseeland und anderen Teilen der Welt sind nicht nur gekommen, um die Todesursachen der Opfer zu ermitteln, sondern auch, um die Leichen für die Bestattung zu identifizieren. Die schnelle und vollständige Beerdigung von Verstorbenen ist wesentlicher Teil der jüdischen Kultur. Und doch sind schon zwei Wochen vergangenen. Mit jedem Tag sinkt die Hoffnung, alle sterblichen Überreste identifizieren zu können. Dr. Bublil zweifelt: «Wir hoffen, dass wir mit CT und Biopsien die Zahl der nicht identifizierten Opfer auf weniger als 200 senken können. Aber manche Menschen werden wir nie finden. Wir werden sie nie identifizieren können. Und darauf müssen die Menschen vorbereitet sein.» Die Mordlust der Terroristen war grenzenlos. Nicht beschreibbar. «Sie genossen und feierten den Tod. … Das sind Ungeheuer. Sie sind nicht menschlich… Sie waren zu niemandem barmherzig. Keiner, der am Leben war und ihnen begegnete, blieb am Leben. Keiner.»

Oppositionsführer Yair Lapid betonte, dass «der Krieg nicht mit einem militärischen Sieg, sondern mit einem Wechsel der Realitäten» enden wird und forderte die Regierung auf, dringend die Ziele des Krieges zu definieren. Er fuhr fort: «Alle diplomatischen Schritte, die nach dem Krieg unternommen werden, müssen das Ziel haben, dass die Bewohner der betroffenen Städte wieder in einem Gefühl der Sicherheit leben können, ohne Angst vor Terrorismus oder weiteren Kampfhandlungen. Sie müssen überzeugt sein, dass ihre Gemeinden sicher sind und dass ihre Stärkung eine nationale Priorität ist. Das Ende der Kampagne darf nicht bei einem militärischen Sieg enden. Es ist notwendig, eine Veränderung der Realität zu erreichen, und zwar unter den folgenden Bedingungen: Die Auslöschung der Hamas und des Islamischen Dschihad aus dem Gazastreifen, die Rückkehr der Geiseln zu ihren Familien, der Gazastreifen wird von einer anderen palästinensischen Führung mit Unterstützung der arabischen Gemeinschaft regiert, die Vereitelung des Erstarkens der Hisbollah und ihre Entfernung von der Grenze, und vor allem die Rehabilitation und die gemeinschaftliche und physische Stärkung der Städte entlang der Konfliktlinie.» Vor allem der letzte Punkt wird nahezu unerreichbar sein. Der Kibbutz Be’eri ist völlig zerstört, die Traumata sitzen zu tief, um wieder in die Häuser zurückzukehren, auch wenn sie vielleicht die grausamen Massaker der Hamas-Terroristen unzerstört überstanden haben. Die Realität im Süden des Landes wird eine andere sein. Die blühende Wüste, von denen der ehemalige Staatspräsident David Ben-Gurion, s’’l, träumte, hat sich in verbrannte Erde verwandelt. 

In der heutigen Ausgabe der NZZ steht wiederum ein ausgezeichneter Artikel «Wo bleibt der Staat?»

Giora Eiland, ehemaliger Generalmajor der IDF und nationaler Sicherheitsbeamter Israels, zeigt sich in einem Interview äusserst skeptisch, dass das erste Ziel der Regierung, die Geiseln zu befreien, erreicht werden wird. Als Hauptverantwortlichen für das Scheitern sieht er die überbordende siegessichere Euphorie von Yahya Sinwar, dem defacto zweiten starken Mann nach Ismail Haniyya in der Hamas. Dessen Ziel ist es, Israel auszulöschen. Eiland malt ein pessimistisches Bild. «Selbst wenn wir der Hamas heute sagen: ‚Ich bin bereit, alle Terroristen aus israelischen Gefängnissen freizulassen, einschliesslich der abscheulichsten Mörder, im Austausch für alle Gefangenen‘, gibt es keinen Deal. Aber nehmen wir an, ein solches Abkommen kommt zustande: Die Hamas ist nicht dumm – sie wird die Geiseln nicht auf einmal freilassen, sondern dies über fünf Jahre strecken.»



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