10. Kislew 5784
Wenn heute ab 10 Uhr die ersten Geiseln übergeben werden, dann wird es laut IDF keine sofortige Bekanntgabe der Namen geben. Auch wenn die IDF im Vorfeld die Namen erhalten wird, werden die Familien erst benachrichtigt, wenn eine eindeutige Identifizierung stattgefunden hat. «Wir möchten bei niemandem falsche Hoffnung erwecken und auch keinen emotionalen Stress auslösen. Sobald wir die freigelassenen Geiseln in ein Spital gebracht haben, werden wir die Familienangehörigen zu einem Treffpunkt begleiten, von wo aus sie zu ihren Lieben gebracht werden. Im Fall, dass ein Kind gemeinsam mit dem Vater entführt wurde, kann es sein, dass das Kind befreit wird, der Vater sich aber weiterhin in den Fängen der Terroristen befindet. Das ist eine unglückliche Situation, aber es kann sich so abspielen.» Die ersten Freigelassenen werden ausschliesslich Doppelbürger sein. Israel hat gestern Abend die Liste der ersten Geiseln erhalten. Am späten Mittwochabend gab der Chef des Nationalen Sicherheits-Komitees, Tzachi Hanegbi, bekannt, dass der Beginn des Austausches der Geiseln gegen die Gefangenen nicht vor Freitag beginnen wird. «Die Verhandlungen werden andauernd fortgesetzt.» Leider gibt es auch noch keine Liste der Geiseln, die als erste freigelassen werden sollen. Wieder einmal wurde eine noch nicht bestätigte Meldung viel zu früh veröffentlicht!
Offensichtlich ist geplant, die freigelassenen Kinder an IDF-Soldaten zu übergeben. Den Soldaten wurden genaue Verhaltensregeln gegenüber den Kindern mitgeteilt. So dürfen sie auch auf Nachfrage der Kinder keine Angaben über die zurückgelassenen Familien machen. Sie wurden angewiesen, sich vorzustellen und den freigelassenen Kindern zu sagen, dass sie IDF-Soldaten sind und sie nach Hause begleiten werden. Sie sollen ihnen sagen, dass sie in Sicherheit sind und dass die Soldaten für sie da sind und für sie sorgen. Die Soldaten wurden angewiesen, die Kinder nur auf den Arm zu nehmen, wenn sie darum bitten, und ihnen beim Gehen zu helfen, wenn sie Hilfe benötigen. Sie dürfen sie umarmen oder an der Hand halten, müssen aber das Einverständnis des Kindes oder seiner Mutter einholen, wenn diese anwesend ist. Jeder ungefragte körperliche Kontakt könnte von den Kindern, je nachdem, was sie erlebt haben, als übergriffig empfunden werden, und muss daher vermieden werden. Die Soldaten wurden auch angewiesen, die Kinder mit Namen anzusprechen, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.
Noch niemals seit der Staatsgründung im Jahr 1948 ist Israel so traumatisiert worden, wie am 7. Oktober. Jeder von uns verfolgt die Nachrichten, hofft mit den Familien und Freunden auf die Freilassung von Geiseln und trauert mit den Familien und Freunden um jeden gefallenen Soldaten. Nichts ist mehr so wie vorher. Wenn die ersten Freigelassenen zurückkommen, wie werden wir sie erleben? Körperlich und psychisch? Mehr als sechs Wochen gefangen gehalten von unmenschlichen Barbaren, die sie nur als eine Art Sicherheit für ihre Ziele ansahen. Israel war darauf nicht vorbereitet. In den vergangenen Wochen wurden von den besten Experten Konzepte erstellt, wie sie den freigelassenen Geiseln am schnellsten und besten helfen können. Die Konzepte wurden erstellt und online von internationalen Trauma-Experten evaluiert, Online-Schulungen fanden statt, bei denen Therapeuten, Sozialarbeiter, Ärzte und andere, also auch Soldaten, auf ihre schwierige Aufgabe vorbereitet wurden. Unter den Geiseln befinden sich Kinder in allen Altersgruppen, und auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Bezugspersonen sollen möglichst über einen längeren Zeitraum stabil bleiben. Wenn es keine Familienangehörigen mehr gibt, was in einigen Fällen als sicher gilt, muss der Betreuer auch in der Lage sein, bittere Nachrichten zu vermitteln und, wenn möglich, gemeinsam mit dem Kind nach einer Vertrauensperson zu suchen, die als ‘Anker’ gelten kann. Auch Haustiere können dabei helfen, dass sich die Kinder wieder in der alten und vertrauten, doch zwischenzeitlich verlorenen Umwelt zurechtfinden können. Das Kind muss es neu lernen, wie es ist, die Kontrolle über sich selbst zu haben, dazu gehört auch, ob es essen will, oder nicht, duschen oder nicht, vom Arzt untersucht werden will, oder nicht. Medienkontakte müssen in den ersten Tagen, vielleicht sogar Wochen, völlig verboten sein. Das Kind muss auch selbst entscheiden dürfen, von wem es besucht werden will.

Der PM hatte vorgestern durch sein Büro vollmundig erklären lassen, dass ein verbindlicher Teil des Deals sei, dem IRK den Zutritt zu den im Gazastreifen verbleibenden Geiseln zu ermöglichen. Dieser Schritt wäre ein grosser Fortschritt im Vergleich zu den vergangenen Jahren, als es dem IRK nie ermöglicht wurde, Gefangene der Hamas zu besuchen. Gestern jedoch musste das IRK zugeben, noch nichts von einer solchen Vereinbarung gehört zu haben. «Seit dem 7. Oktober 2023 hat das IKRK kontinuierlich die Freilassung aller in Gaza festgehaltenen Geiseln und deren humane Behandlung gefordert. Wir haben damit nicht aufgehört und werden so lange weitermachen, wie es nötig ist. Bislang ist dem IRK keine Vereinbarung zwischen den beiden Parteien über Besuche des IRK bei den Geiseln zur Kenntnis gebracht worden. Sollten Besuche vereinbart werden, ist das IRK bereit, diese durchzuführen.» Das IRK ist kein Verhandlungspartner und ist auch bei keinen Entscheidungen beteiligt. Heute wurde von einem Palästinenser (sic!) der angeblich an den Verhandlungen teilnimmt, bekanntgegeben, dass ein Teil der noch offenen Fragen, die zur Verzögerung des Deals geführt haben, das IRK betrifft. Es müsse noch geklärt werden, ob Mitarbeiter des IRK Zugang zu den Geiseln bekommen sollen, bevor sie nach Ägypten gebracht werden. Er stellte klar, dass der Beginn der Feuerpause in den kommenden Stunden von Katar, gemeinsam mit den USA und Ägypten angekündigt werden wird. Das klingt leider schon wieder alles ganz anders, als es noch gestern Abend aus dem Büro des PM tönte.

Heute Nachmittag bestätigte ein Sprecher des Aussenministeriums von Katar, dass die Feuerpause morgen um 7 Uhr in Kraft treten wird und die ersten 13 Geiseln gegen 16 Uhr freigelassen werden. Das Büro des PM bestätigte, dass eine vorläufige Liste erhalten worden sei. Derzeit würden alle Details überprüft und man sei mit den entsprechenden Familien in Kontakt. Auch seitens der Hamas wurde die Feuerpause bestätigt.
Wie nicht anders zu erwarten, hat der ranghohe Hamas-Führer Fawzi Bahoum den Deal mit Israel als Sieg für die Terror-Organisation reklamiert. «Wir haben die politische Haltung des Feindes gebrochen und eine Situation geschaffen, die ihre Führung gezwungen hat, sich unseren Bedingungen zu unterwerfen. Wir haben am 7. Oktober einen strategischen Sieg errungen und werden stark bleiben, bereit zu handeln, wenn die Besatzung irgendeine Verletzung der Bedingungen begeht.» Das Massaker und die Gräueltaten vom 7. Oktober als ‘Sieg’ zu definieren, ist so menschenverachtend!
Der PM teilte mit, dass es keine Vereinbarungen zwischen der Hisbollah und Israel über eine Feuerpause an der Nordgrenze Israels gebe. Oppositionsführer Benny Gantz befürchtet inzwischen: «Der Süden des Libanon kann zu einem zweiten Gaza werden.»
Gestern Abend stiess ich auf ein Video von Reinhard Mey aus dem Jahr 1986. Ich kenne dieses Lied schon seit vielen Jahren und war gestern wieder davon beeindruckt, wie eindrücklich es das Thema Krieg, Kriegsdienstverweigerung und Flucht vor dem Krieg thematisiert. Es gilt für alle Kinder dieser Welt, die Opfer der Terroristen dieser Welt werden und die von ihren Eltern nicht geschützt werden können. Es gilt für jeden Vater eines Hamas-Terroristen, der seinen Sohn in den Kampf schickt, ohne Rücksicht darauf, ob er sein Leben verlieren wird oder nicht. Es erzählt auch die Geschichten der Mütter der jungen, missgeleiteten Terroristen, die von den Vätern als Waffe gegen Israel eingesetzt werden.

Offensichtlich nutzt zumindest die Hisbollah die Stunden bis zu einer möglichen Feuerpause noch für einen Beschuss in bisher nicht erlebter Stärke. Am Vormittag schossen sie mehr als 50 Raketen auf eine Militärbasis in der Nähe von Sfad. Die meisten der Raketen konnten abgefangen werden, es gab keine Meldungen über Verletzte. Im Kibbutz Menara im Oberen Galiläa wurden zwei Häuser von Panzer-Abwehr-Raketen getroffen.
Bereits gestern wurde bekannt, dass bei einem direkten Beschuss auf ein Haus im südlibanesischen Beit Yahun, das als eines der Hauptquartiere der Hisbollah im Libanon galt, fünf Terroristen getötet wurden. Einer von ihnen ist der Sohn des Regierungsmitglieds Mohammed Ra’ad, Abbas Sa’ad. Die Hisbollah ist fest im politischen System des Libanon verankert.
Der PM kann’s nicht lassen. Wann immer er glaubt, etwas für sich selbst und sein Ansehen als ‘starker politischer Führer’ in Szene setzen zu können, dann tut er es. Nachdem die Regierung gestern Abend die Vorgangsweise für den Austausch der Geiseln und Gefangenen durchgewinkt hatte, gab es eine für das Fernsehen aufgenommene Presseerklärung. Dort verkündete er, er habe den Mossad beauftragt, «die Köpfe der Hamas ins Visier zu nehmen, wo immer sie sind. Innerhalb von Gaza, ausserhalb und auch in Katar.» Ganz ungewohnt gab auch VM Yoav Gallant einen starken Kommentar ab: «Die Hamas-Führer sind ‘wandelnde Tote’. Sie leben nur mehr auf unbestimmte Zeit. Der Kampf ist weltweit: Von den Bewaffneten im Feld bis zu denen, die ein Luxusleben führen, während ihre Abgesandten gegen Frauen und Kinder vorgehen – sie sind dem Tod geweiht.»


Der Direktor des Shifa-Spitals, Mohammed Abu Salmiya, wurde gestern, zusammen mit einigen Ärzten, von der IDF gefangen genommen. Die Verhaftung fand statt, als er sich bereits auf dem Weg in den Süden des Landes befand. Ob und inwieweit er mit der Hamas Terror-Organisation affiliiert war, werden die Befragungen in Israel ergeben. Auffallend war, wie ruhig und wenig überrascht sich die Mitarbeiter des Spitals zeigten, als am 7. Oktober zumindest zwei Geiseln in das Krankenhaus gebracht wurden. Das belegen Bilder und Videos aus den Überwachungskameras, die in der vergangenen Woche von der IDF freigegeben wurden. Seit 2014 vermutete die IDF, dass sich unterhalb des Shifa-Spitals Tunnelsysteme und anderen terroristische Infrastrukturen befanden.

Die Tunnelsysteme unterhalb des Shifa-Spitals verfügen über eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur. Neben voller Beleuchtung gibt es Klimaanlagen und WC-Anlagen, wie man sie nicht in jedem Haus in Israel findet. Eine Sicherheitstür verschloss den Zugang zu einem wahrscheinlich als raketensicheres Versteck konzipierten Raumes. Soldaten sind nun dabei immer tiefer in die Tunnelsysteme einzudringen. Dabei müssen sie äusserst vorsichtig vorgehen. Einerseits kann man nie wissen, ob sich in der «Unterwelt von Gaza» noch versteckte Terroristen aufhalten. Dazu muss man davon ausgehen, dass es zahlreiche Minen und Booby-Traps geben wird, um bei den eindringenden Soldaten einen hohen Tribut zu fordern.

Im Vorfeld des «Tages gegen Gewalt an Frauen», der in der kommenden Woche stattfindet, meldete sich Michal Herzog, Ehefrau des israelischen Präsidenten Isaac Herzog, zu Wort. In Newsweek berichtet sie eindrücklich über Gespräche mit betroffenen Frauen, die am 7. Oktober von den Hamas-Terroristen geschlagen, misshandelt und vergewaltigt worden waren. Michal engagiert sich seit langem in Gremien, die sich mit Gewalt an Frauen auseinandersetzen. Doch bisher, so berichtete sie, seien es fast ausschliesslich Ehemänner gewesen, von denen Gewalt ausging. Doch was sie in den letzten Wochen habe hören müssen, sei etwas ganz anderes. Es seien Hunderte von Frauen gewesen, die am 7. Oktober der unsäglichen Gewalt der Terroristen ausgesetzt gewesen seien. «Am 7. Oktober, haben Tausende Hamas-Terroristen israelische Familien massakriert, Kinder und ältere Menschen verbrannt und Geiseln entführt. Dies hat unser Verständnis der Grausamkeit geschlechtsspezifischer sexueller Gewalt tiefgreifend beeinflusst – und unser Vertrauen in die internationalen Organisationen, die behaupten, sich um Frauen zu kümmern. Als Freiwillige in der Association of Rape Crisis Center habe ich Zeugenaussagen gehört, die mich zutiefst schockierten.» Sie berichtet von schwangeren Frauen, die geschändet und dann ermordet und verstümmelt wurden. (…) Sie verurteilte zutiefst das dröhnende Schweigen und die mangelnde Bereitschaft, den israelischen Frauen Glauben zu schenken. Obwohl es massenhaft vorliegende Beweise, Bilder und Videos gibt.

Prof. Ruth Halperin-Kaddari, Juristin an der Bar-Ilan-Universität und Gründerin des ‘Ruth-und-Emanuel-Rackman-Zentrums zur Förderung des Status von Frauen’, beklagt bitter die UN: «Ich wusste, dass es schwierig sein würde, sie zu einer vernünftigen Stellungnahme zu bewegen. Aber angesichts der derart unbestreitbaren Gräueltaten hätte mir nie vorstellen können, dass sie es überhaupt nicht anzuerkennen.» Nicht nur die betroffenen israelischen Frauen seien Stich gelassen worden, sondern das gesamte internationale Menschenrechtssystem. Michal schloss ab, indem sie ankündigte: «Am 25. November werden sich Jüdinnen, Musliminnen, Christinnen und Drusen in der Residenz des Präsidenten in Jerusalem versammeln. Wir werden uns im anhaltenden Schock über die Verletzung unserer Rechte treffen und mit dem tiefen Gefühl, dass wir alle, die an diese Rechte glauben, betrogen wurden.»
Kategorien:Israel
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