Krieg in Israel – Tag L (50)

12. Kislew 5784

Die gestern in Israel angekommenen Freigelassenen wurden von der Hatzerim Militärbasis mit Hubschraubern zu verschiedenen Krankenhäusern in ganz Israel geflogen, wo sie endlich mit ihren Familien zusammentreffen konnten. Zwei Freigelassene mussten aufgrund ihres Gesundheitszustandes unmittelbar nach ihrer Ankunft in ein Spital gebracht werden. Der Gesundheitszustand der restlichen Freigelassenen wurde als zufriedenstellend bis gut bezeichnet.

Eine der freigelassenen ausländischen Geiseln ist die Thai-Frau Nathavaree Mulkan, von der ohne Absicherung der Quelle behauptet wurde, sie sei schwanger und habe während der Geiselhaft ein Kind geboren. Auch Sara Netanyahu hatte diese Meldung in einem herzzerreissenden Brief an die Ehefrauen einiger Staatsoberhäupter unverifiziert weitergegeben. Die Befragungen gestern ergaben, dass dies nicht der Wahrheit entspricht.

Auch die thailändischen und philippinischen Geiseln befinden sich laut Auskunft der Krankenhäuser in einem guten Zustand. 

Die ursprüngliche Anweisung an die Medien war, keine Informationen und vor allem keine Namen bekannt zu geben. Gestern wurden aber lange vor der offiziellen Identifizierung Vermutungen bekanntgemacht, wer sich unter den Freigelassenen, auf Videos konnte man hören: «Ja, das könnten sie sein» unmittelbar nachdem die Wagen des IRK in das Blickfeld von Sensations-Journalisten gerieten und diese die Bilder online stellten. Ganz besonders heraushob sich ein fragwürdiger Verbreiter von «Nachrichten in Echtzeit», push.il, der hauptsächlich auf Insta postet. Er zeigte die Übergabe der Geiseln von den Hamas-Terroristen an das IRK, wobei sich die Terroristen als liebenswürdige, hilfsbereite Männer zeigten. Schwerbewaffnet und vermummt halfen sie den teils verwirrt erscheinenden Menschen beim Umsteigen von einem Auto zum anderen. 

Die hier geposteten Bilder wurden von den jeweiligen Krankenhäusern auf ausdrücklichen Wunsch der einzelnen Familien freigegeben. Die Freigelassenen vom Freitag sind: 

Margalit Moses, 77 und Adina Moshe, 72 

Danielle Aloni, 44 mit ihrer Tochter Emilia, 5

Ruth Munder, 78, ihre Tochter Keren, 54 und deren Sohn Ohad, 9

Hanna Katzir, 77

Yaffa Adar, 85

Doron Katz Asher, 34 und ihre Töchter Raz, 4 und Aviv 2

Hannah Pery, 79

Von Sprecher des Politbüros der Hamas, Taher al-Nunu, wurde heute gegen Mittag in einem Gespräch mit Al-Jazeera bekannt gemacht, dass die Hamas alle Vertragsbedingungen neu überdenken werde. Der Grund dazu seien zahlreiche Verletzungen durch Israel. Israel habe Vereinbarungen über die Zahl der LKWs mit humanitärer Hilfe und die Freilassung der Gefangenen nicht eingehalten. Er behauptete, Israel würde sich bei der Auswahl der palästinensischen Gefangenen nicht an der Dauer ihrer Gefangenschaft orientieren, wie es vereinbart gewesen sei. Dazu hätten Soldaten an mehreren Orten das Feuer eröffnet, wodurch zwei Menschen getötet und einige verletzt worden seien. Wenn Israel sich nicht genau an das Abkommen hält, gefährde es den ganzen Deal. Diese Meldung kam, nachdem bekannt wurde, dass ein Privatflugzeug aus Katar überraschend in Ben-Gurion gelandet war. Mit dem Flugzeug landete eine katarische Delegation, um weitere Verhandlungen sowohl in Israel als auch im Gazastreifen zu führen. Mossad-Chef David Barnea war am Mittwoch in Doha, um dort an Verhandlungen teilzunehmen. Die Maschine kam von Zypern, wohl um einen direkten Flug Doha-Tel Aviv zu vermeiden, und flog nach einem kurzen Aufenthalt in Israel auch zurück nach Zypern. Weitere Details wurden nicht bekannt.

Auch heute fuhren wieder 200 LKWs mit Hilfsgütern in den Gazastreifen. Obwohl der Norden des Landes als Kriegsgebiet gilt, leben dort immer noch zahlreiche Menschen, die nicht den strikten Anweisungen der IDF, sich in den Süden des Landes zu begeben, gefolgt sind. 61 der LKWs sind deshalb in den Norden des Gazastreifens gefahren. Gleichzeitig wurde auch die Lieferung von je 4 LKWs mit Kochgas und Diesel bestätigt.

Zwar scheint die Macht der Hamas Terror-Anführer nach aussen hin immer noch ungebrochen, nach innen scheint sich aber etwas in Bewegung gesetzt zu haben. Wann immer einer der bisher wichtigsten Männer, Ismail Hanniyeh, aus seinem Luxus-Exil in Katar an die Öffentlichkeit tritt, beantwortet er jede Frage auf die Zukunft des Gazastreifens mit dem kryptischen Satz. «Wir werden sehen, was sie in Gaza dazu sagen.» Das lässt vermuten, dass die de facto Entscheidungsgewalt nicht mehr ausschliesslich bei den Exilanten liegt, sondern sich eher auf nachgeordnete Hierarchien im Gazastreifen verlagert. Über die Zukunft von Gaza, so scheint es, wird nicht mehr allein in Katar, sondern auch in Gaza beschlossen. 

Die Liste für die Freilassung der Geiseln am heutigen Samstag ist beim Verteidigungsministerium und in Ägypten angekommen. Die Familien wurden über die bevorstehende Freilassung informiert. Auch jene Familien, die noch länger auf ihre Lieben warten müssen, wurden informiert. Nachdem gestern nur vier Kinder und neun Erwachsene freigelassen wurden, enthält die Liste für heute mehr Kinder. Das Vorgehen wird in etwa ident mit dem heutigen Austausch sein. Für den Austausch vorgesehen sind 14 israelische Geiseln und 42 palästinensische Gefangene. Die Liste der für die Freilassung vorgesehenen Gefangenen ist bei der Verwaltung der israelischen Gefängnisse eingelangt. Von der Hamas wurde bekannt, dass weitere, der noch in Geiselhaft befindlichen 20 thailändischen Bürger freigelassen werden. Israel bemüht sich, noch eine weitere Geisel auf die Liste setzen zu lassen, nachdem bekannt wurde, dass ein Kind ohne seine Mutter freigelassen werden soll.

Ein Container-Schiff, dessen Eigner ein israelischer Geschäftsmann ist, wurde im indischen Ozean von einer, wahrscheinlich iranischen Drohne angegriffen. Das Schiff segelt unter der Flagge von Malta und wurde von einer mit Raketen ausgestatteten Shahed-13 Drohne, die durch ihre besondere, dreieckige Form auffällt, in internationalen Gewässern angegriffen. Diese Kamikaze-Drohne kommt ausschliesslich im Iran zum Einsatz. Bei der Explosion richtete sie einigen Schaden am Schiff an, verletzt wurde jedoch niemand. Nach der Abfahrt von Dubai war das Automatische-Identifizierungs-System ausgeschaltet. Aus Sicherheitsgründen soll das AIS immer eingeschaltet bleiben. Bei drohender Gefahr wird es aber meist ausgeschaltet. Das geschieht z.B. bei gefährdeten Schiffen, wenn sie in der Umgebung vom Jemen segeln, um den dort operierenden Houthi-Rebellen auszuweichen. 

In Tulkarem, Samaria, wurden zwei Palästinenser von Hamas-Terroristen getötet. Ihnen wurde vorgeworfen, für Israel spioniert zu haben.

Dieser Teil des Berichtes war eigentlich als Nachmittagsunterhaltung gedacht, dann habe ich mir überlegt, ihn wegen der sich abzeichnenden dramatischen Entwicklung zu löschen. Nun kann er doch stehen bleiben!

Eretz nehederet schlägt den Bogen zwischen dem Yom-Kippur-Krieg, und dem derzeitigen Krieg zwischen Israel und der Hamas Terror-Organisation. Der Geist von Golda Meir, s’’l, erscheint einem fassungslosen PM in dessen Büro. Ein kleines Detail am Rande: Das Feuerzeug, mit dem sich die kettenrauchende PM jahrelang selbst ‘befeuerte’, spielt auch hier eine kleine Rolle. Leider gibt es noch keine englische Übersetzung, hier einige der Kernsätze: «Es war nicht leicht dich zu finden, in wie vielen Häusern wohnst du?» spielt Meir auf die drei Häuser plus ein Hotelappartement an, das die Netanyahus bewohnen. «Ich habe das Land von meiner kleinen Küche aus regiert.» Ihr Küchenkabinett war legendär. Wer dorthin eingeladen wurde, der war Teil des allerinnersten Zirkels, war Teil aller von ihr abseits kritischer Oppositionspolitiker getroffenen Entscheidungen. Café, Apfelstrudel und Käsekuchen, das war es, was sie einmal in der Woche dort servierte. Netanyahu will wissen, warum sie ihn besucht. Ihre nicht gleich verständliche Antwort: «Ich will mich bei dir bedanken!» Worauf Netanyahu beglückt ausruft: «Endlich schätzt mich jemand!» Er wird jedoch bitter enttäuscht: «Nein, Mamaleh»[1]antwortet Meir. «Endlich, nach 50 Jahren, sind meine Misserfolge nicht die grössten in der Geschichte. Im letzten halben Jahrhundert habe ich die Last des Jom-Kippur-Krieges von 1973 mit mir herumgetragen, der bisher als Israels grösstes Versagen der nationalen Sicherheit galt, bei dem Israel von ägyptischen Truppen überrascht wurde, die über den Suezkanal stürmten, und von syrischen Soldaten, die den Golan überquerten.» Im Gegensatz zu Netanyahu, der weiterhin an seinem Stuhl klebt, ist Meir unmittelbar nach dem Krieg zurückgetreten. Netanyahu tut das, was er derzeit am besten kann, er beschuldigt andere: «Ich werde den Geheimdiensten und der Armee die Schuld geben. Ich werde den Demonstranten die Schuld geben.» Meir fordert ihn auf, statt der Beschuldigung von anderen ein passendes Zitat zu hinterlassen. Sie zitiert einen Satz Netanyahus, der derzeit immer herangezogen wird, wenn der PM vor einem pro-israelischen Publikum spricht: «Wie ich Joe Biden sagte: ‚Unsere Geheimwaffe ist, dass wir nirgendwo anders hingehen können.‘» Sie versucht, den Traurigen zu trösten: «Mach dir keine Sorge. Warte 50 Jahre, vielleicht vergessen sie es. Vielleicht wird es einen Film über dich geben oder eine Eisdiele, die nach dir benannt ist.»[2] Und sie hat auch schon einen Vorschlag parat: Malabibi.[3]

Gegen 15 Uhr sind die 42 Gefangenen aus diversen Gefängnissen in Ofer eingetroffen, wo sie auf ihren Weitertransport warten. Wie gestern sassen die Palästinenser in Megiddo und Damon ein. Sie warten nun genauso auf ihre Entlassung, wie die Geiseln, die irgendwo zwischen Khan Younis und Rafah ‘aus technischen Gründen’ festhängen. 

Entsprechend verschiedenen Medien sind sie bereits vor fast einer Stunde von der Hamas dem IRK übergeben worden. Über die Verspätungen kommen von der Hamas verschiedene Meldungen. Der ‘militärische Arm’ der Hamas reklamierte, dass «die Freilassung so lange gestoppt wird, bis Israel alle Punkte der Vereinbarung vollumfänglich einhält.» Von einer anderen Seite wurde festgehalten, die Freilassung habe wie geplant begonnen. Die Übergabe der 14 (!) Geiseln habe vor etwa einer halben Stunde begonnen. 

I24 schreibt um 17:24 in seinem Live-Blog, dass die Übergabe noch nicht stattgefunden habe, Israel, aber davon ausgehe, dass die Probleme ‘in kürzester Zeit’ behoben werden können. Derzeit, 18 Uhr, überschlagen sich die Ereignisse. Aus israelischen Sicherheitskreisen wurde mitgeteilt, dass, gesetzt den Fall, dass die Geiseln nicht bis Mitternacht freigelassen werden, die Kämpfe in Gaza unvermindert weitergehen werden. «Hamas hat gestern das gleiche Spiel gespielt, sie haben die Fahrtrouten und die Formaltäten bei der Übergabe der Geiseln kurzfristig geändert.»

Es ist ganz klar, dass die Verzögerungen keine technischen, leicht zu behebenden Ursachen haben, sondern politische. Die Terror-Organisation, der menschliches Leben absolut nichts wert ist, versucht in diesem Stadium alles für sich zu erreichen, was sie unbedingt haben will. Und Israel wird es ihr geben müssen, denn wir wollen alle Geiseln befreien und heimholen. 

Entsprechend einer Veröffentlichung von Kanal 12 hat Katar eine scharfe Warnung an Hamas abgegeben. «Haltet euch zurück, es wird euch nur schaden.» Die Warnung erfolgt auf die Erklärung der Hamas, dass sich die Freilassung der Geiseln bis Mitternacht verzögern wird und das darauffolgende Stillhalteverspechen Israels bis zum Ablauf der Frist. Ägypten scheint derzeit intensiv an einer Lösung des Problems zu arbeiten.

Ab 17 Uhr versammelten sich die ersten Familienangehörigen im Soroka Medical Center in Ramat Gan, um dort ihre Lieben in Empfang zu nehmen. Wir können vielleicht nachvollziehen, wie sie sich dort fühlen. Aber können auch nur im Allergeringsten nachvollziehen, wie sich die Geiseln fühlen? Unmöglich! Seit 50 Tagen in Geiselhaft, wenige Stunden davon entfernet, endlich wieder frei zu sein und nun das. Menschenverachtender Psychoterror pur!

Um 21 Uhr gab das Aussenministerium von Katar bekannt, dass alle Hindernisse beseitigt seien und der Austausch der Geiseln nun beginnen könne. «Heute Abend werden 13 Israelis, sowie 7 Ausländer, die nicht Teil der Vereinbarung sind, freigelassen werden.» Aus Israel kommt vorsichtiger Optimismus, dass die heutige Freilassung doch noch, wie geplant stattfinden wird. Bei den Geiseln soll es sich um 8 Kinder und 5 Frauen handeln. Die positive neue Entwicklung wurde erreicht durch ägyptisch-katarische Intervention.

Das Büro des PM gibt bekannt, dass die Freilassung der Geiseln wie geplant fortgeführt werden würde, in den Medien steht noch nichts. IDF-Sprecher Konteradmiral Daniel Hagari bestätigte, dass es nennenswerte Fortschritte gibt, bittet aber alle Beteiligten um Geduld. «Nichts ist endgültig bis es wirklich passiert.» wiederholte er seine Worte von gestern. «Wir haben einen Vertrag mit dem Teufel.»

Wenige Minuten nach 23 Uhr verkündete die Hamas, 13 israelische und 7 ausländische Geiseln an das IRK übergeben zu haben. Das wurde auch vom IRK bestätigt. Sie würden in Kürze Richtung Rafah gebracht, dort den israelischen Sicherheitskräften übergeben und von dort über einen Nebeneingang von Kerem Shalom nach Israel gebracht. Wenn das stimmt, so ist mit einem Eintreffen in Rafah in etwa einer halben Stunde, also gegen 23:30 zu rechnen. 

Um 22:36 gibt die IDF bekannt, dass sich 17 Geiseln in Ägypten befinden und nun auf dem Weg zum Übergang nach Israel sind. Offensichtlich handelt es sich dabei um 13 israelische Freigelassene und 4 Thais. Warum es statt der ursprünglich genannten 7 thailändischen Bürger nur vier sind, dazu gibt es noch keine Meldungen. Vor dem Militärgefängnis Ofer stehen Begleitfahrzeuge bereit, die die 42 palästinensischen Gefangenen an den Checkpoint eskortieren sollen. Ab dem Moment, wo sie den Checkpoint erreichen, und aus den Bussen entlassen wurden, können sie gehen, wohin immer sie wollen. 

Angehörige, die die Fahrt der Freigelassenen auf dem Weg nach Israel am TV mitverfolgten, erkannten schon einige der Kinder. Nach wenigen Minuten waren bereits alle Namen bekannt und Times of Israel veröffentlichte auch bereits die Namen. 

• Shoshan Haran, 67
• ihre Tochter Adi Shoham, 38, und Adi’s Kimnder Yahel, 3, und Naveh, 8
• Shiri Weiss, 53 und ihre Tochter, Noga Weiss, 18
• Maya Regev, 21
• Hila Rotem, 12
• Emily Hand, 9
• Noam Or, 17 und Alma Or, 13
• Noam Avigdori, 12, und ihre Mutter Sharon Avigdori, 52

Um Mitternacht gab die IDF bekannt, dass die Geiseln sich nun auf israelischem Gebiet befinden!

Willkommen daheim!!


[1] Hebräischer Slang für: Mein Lieber, lieber Freund oder Ähnliches. Nachdem man aber auch an der Kasse des Supermarktes so angesprochen wird, ist das nicht unbedingt als echter Freundschaftsbeweis zu sehen, sondern als unverbindliche Aussage. Wird auch oft durch ‘mami’ ersetzt.

[2] Sie bezieht sich dabei auf den gerade erschienenen Film «Golda» und die in Israel sehr beliebte Eisdielen-Kette «Golda»

[3] Eine Kombination aus Malabi, einem aus Israel stammenden, sehr beliebten Pudding mit Rosenwasser, Milch Schlagsahne, sowie einem Sirup aus Granatapfelsaft und Rosenwasser und dem Spitznamen des PM ‘Bibi’



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