Haftara: Obadiah 1:1 – 21
ב׳׳ה
18./19. Kislew 5784 1./2. Dezember 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 15:55
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:14
Shabbateingang in Zürich: 16:19
Shabbatausgang in Zürich: 17:28
Shabbateingang in Wien: 15:45
Shabbatausgang in Wien: 16:55

Weiter dürfen wir an der Lebensgeschichte von Jakob teilnehmen. Seit der Verabschiedung von seinem Schwiegervater Laban ist er nun allein mit seiner Familie unterwegs auf dem Weg nach Hause. Er wusste, dieser Weg würde unausweichlich ein Zusammentreffen mit seinem Bruder Esau bedeuten, der nach wie vor in Edom lebte. Ganz wohl ist ihm dabei nicht und so schickt er Knechte aus, seinem Bruder von ihm als ‘seinem Knecht’ zu berichten. Gottes Wege sind nie ein Zufall, und so erstaunt es auch nicht, dass die Knechte mit der Nachricht zurückkamen, Esau befinde sich bereits auf dem Weg ihm, Jakob, entgegen. Jakob geriet in Panik, er teilte seinen gesamten Besitz in zwei gleichgrosse Teile. Damit wollte er einen Teil retten, falls Esau ihn angreifen und sein Lager zerstören würde. Sogar ein grosszügiges Geschenk stellte er für seinen Bruder zusammen, eine grosse Viehherde, die er mit seinen Knechten losschickte. «Sagt ihm sie kommen von deinem Knecht Jakob, der dort hinter uns dir entgegenzieht.» Am nächsten Tag brachte Jakob seinen restlichen Besitz, sowie seine Familie auf der anderen Seite des Flusses in Sicherheit. Nachdem er zurückgekehrt war, trat ein Mann auf ihn zu und versuchte, ihn niederzuringen. Das gelang ihm aber nicht und so schlug er ihn auf die Hüfte. Der Hüftknochen sprang aus dem Gelenk. Dann geschieht etwas, was wir nicht interpretieren können. Als Morgendämmerung heraufzog, bat der Mann Jakob, ihn loszulassen, der aber forderte ihn auf «Ich lasse dich erst los, wenn du mich segnest.» Und der Mann frug ihn um seinen Namen: «Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen» und segnete ihn. Jakob ist erstaunt, das Treffen mit Gott überlebt zu haben. Jetzt steht er dem Treffen mit seinem Bruder etwas positiver gegenüber, Doch Esau ist selbstbewusst geworden in den Jahren. „Ich habe genug, Bruder, behalte nur, was dir gehört.“
Was jetzt folgt, ist für mich die dramatischste Geschichte der ganzen Torah. Scheinbar hatte die Jakobsfamilie ihren Platz im Leben gefunden und es war Zeit, für die einzige Tochter des Clans einen passenden Ehemann zu finden. Im Sichem wurden sie fündig, so dachten sie. Doch Sichem, der gleichnamige Fürstensohn sah sein Vergnügen darin, Dina zu vergewaltigen und hatte dann anschliessend die Frechheit, seinen Vater zu aufzufordern, Jakob für ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Sie handelten einen Deal aus. Alle Männer Sichems mussten sich beschneiden lassen, um die Eheschliessung zu ermöglichen. Es sollte eine win:win Situation werden. Doch in der Nacht nach der Beschneidung, als die Männer noch betäubt schliefen, brachten die Söhne Jakobs alle Männer des Stammes um und machten sich mit dem gesamten Besitz und den Frauen des Stammes auf und davon. Jakob war mit dem Vorgehen seiner Söhne nicht einverstanden, doch sie beharrten auf ihrem Recht, die Ehre der Schwester zu retten.
Die Familie Jakobs zog nach Bet-El, wo sie sich sicher fühlten. Auf dem Weg dorthin gebar Rachel Jakob seinen letzten Sohn und sie nannten ihn Benjamin. Rachel überlebte die Geburt nicht. Sie wurde von ihrer Familie auf dem Weg nach Efrata, dem heutigen Bethlehem, beigesetzt. Isaak, der Vater von Jakob und Esau, verstarb im hohen Alter von 180 Jahren und wurde von ihnen in der Höhle Machpela beigesetzt.
Die heutige Haftara ist das kürzeste Buch des ganzen Tanach: Das Buch Obadja, das nur ein Kapitel umfasst. Das Thema ist die Prophezeiung des Untergangs von Edom. Wir erinnern uns, Esau ist der Stammvater der Edomiter. Er hat beim Treffen mit seinem Bruder Jakob gesagt: „Behalte alles, was dir gehört, denn ich habe alles im Leben.“ So spricht nur einer, der zufrieden ist mit seinem Los. Und jetzt müssen wir hier lesen: „Siehe, ich mache dich klein unter den Völkern, du wirst tief verachtet sein.“ Das Land, das Obadja hier mit den Worten Gottes beschreibt, ist kein Land, in dem man leben möchte. Die Edomiter scheinen arrogant zu sein und gleichzeitig feige. Sie sind umgeben von falschen Freuden, die sie betrügen. Es ist von einer Gewalttat an Jakob die Rede, für die ganz Edom büssen muss. Es scheint, als hätte Edom den Bruder im Stich gelassen und untätig zugeschaut, als andere ihn zu vernichten suchten. Doch nun naht die Rache des Herrn: «Was du getan hast, das tut man dir an; dein Tun fällt zurück auf dich selbst.“
Doch dem Haus Jakob prophezeit Obadja, dass die Stämme Jakob und Josef über den Stamm Esau siegen werden. Sie werden alle Gebiete übernehmen, von Sfad bis zum Roten Meer. Jerusalem wird von den Befreiern erlöst, um dort Gericht zu halten über die Gebiete von Esau. Was könnte dazu geführt haben, dass trotz der scheinbaren Versöhnung der beiden Brüder, trotz der wirtschaftlich ähnlichen Verhältnisse hinter den Kulissen immer noch der Bruderzwist zu toben scheint? In der Torah lesen wir nichts davon. Aber wir können es zwischen den Zeilen lesen, dass Esau immer wieder versucht haben wird, seinem Bruder die Einnahme des versprochenen Landes zu verunmöglichen. Er mag es ihm doch neidisch gewesen sein. Er, der ältere, der sich mit der Wüstenregion Edom zufriedengeben sollte, während sein Bruder, der ihn doch zweimal betrogen hatte, die fruchtbaren und attraktiven Gebiete des Landes erhalten sollte. Die Edomiter wurden tatsächlich bei der Eroberung Jerusalem im Jahr 70 CE endgültig besiegt.
Gott will Gerechtigkeit und faires Verhalten seiner Völker untereinander. Das ist die Kernaussage dieser Haftara. Gott lehrt uns, dass die Konsequenzen des Unrechts getragen werden müssen.
Was können wir heute aus dieser Hafatra lernen? Heute sind es nicht die Nachkommen von Esau und Jakob, sondern die Nachfahren von Ismael und Isaak, die sich oft bis aufs Blut bekämpfen. Ist das so? Hält man einen Moment inne und betrachtet genau das Geschehen am vergangenen Mittwochabend, wo der Austausch der Geiseln ohne erkennbaren Grund gestoppt wurde, so muss man zu dem Schluss kommen, dass es immer noch die Nachfahren Ismaels sind, die uns, die Nachfahren Isaaks, schikanieren und bis aufs Blut verfolgen.
Die Prophezeiung Obadjas kann uns dabei helfen, darauf zu hoffen, dass Gott uns beistehen wird. Es muss und es wird nicht so sein, dass das Volk Ismaels gänzlich zerstört wird. Aber es muss erkennen lernen, was man unter geschwisterlicher Partnerschaft versteht. Und das wird ein sehr langer, sehr schmerzhafter Prozess für sie werden.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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