Krieg in Israel – Tag 56

18. Kislev 5784

Gestern gegen 23 Uhr, wurden sechs weitere Geiseln freigelassen. 

Nili Margalith, 41 

Shani Goren, 29

Ilana Groitzewsky, 30

Sapir Cohen, 29 

Aisha Ziyadne, 17, und ihr Bruder Bilal, 18.

Mittlerweile scheinen der Hamas tatsächlich die Geiseln ‘ausgegangen zu sein’, die sie im Rahmen der Vereinbarungen zur abgelaufenen Feuerpause hätten freilassen können. Das entspricht auch ihrer eigenen Ankündigung. Von den unter 19-Jährigen bleiben nur mehr Ariel Bibas und sein Bruder, Baby Kfir, 10 Monate. Und was wird mit ihnen, wenn heute seit 7 Uhr tatsächlich wieder die Waffen sprechen? Nicht falsch verstehen bitte, aber wie wird es dem Baby gehen, wenn zwischen heute und der nächsten Feuerpause wieder Wochen vergehen? Besteht überhaupt noch eine noch so kleine Chance, dass wir die beiden Rotschöpfe gesund oder zumindest lebendig daheim willkommen heissen dürfen? Oder werden wir eines Tages zwei schwarze Leichensäcke ‘überreicht’ bekommen, mit winzigen, schmächtigen Körpern?

Ein ranghoher Hamas-Anführer, Ghazi Hamad, sagte heute in einem Interview mit einem US-amerikanischen Nachrichtendienst, er könne nicht sagen, wie viele Geiseln sich derzeit noch in der Hand der Hamas und anderen Terror-Organisationen. Das sei aber auch, so fuhr er fort, unwichtig, auch ob die Geiseln leben oder nicht. Im Übrigen, so betonte er nochmals, es sei sicher, dass von der Familie Bibas weder die Mutter Shiri, noch deren beiden Söhne, Ariel und Kfir, noch am Leben seien. Sie seien das letzte Druckmittel gewesen, um Israel zur sofortigen Beendung der Besatzung zu zwingen. «Sie haben den Preis für die Besatzung gezahlt!» Er kündigte an, dass die Hamas sofort alle Geiseln freilassen würde, wenn im Gegenzug Israel alle etwa 6.000 noch in israelischen Gefängnissen vermuteten palästinensischen Gefangenen freiliesse. 

Im November hatte Hamas ein Video veröffentlicht, das den schwerkranken Aryeh Zalmanovic, 85, s’’l, im Bett liegend zeigte. Sein Heimatkibbutz Nir Oz, zu dessen Gründern er gehörte, gab nun bekannt, dass er in Gaza gestorben ist, während er sich in den Fängen der Hamas-Terroristen befand. Auch Kindergärtnerin des Kibbutz Nor Oz, Maya Goren, 56, s’’l, ist tot. Es ist noch nicht bekannt, ob sie bereits am 7. Oktober im Kibbutz während des Massakers ermordet wurde, oder ob sie zunächst nach Gaza verschleppt wurde. Gerade wird bekannt, dass der Kibbutz noch ein weiteres Mitglied verloren hat. Ronen Engel, 54, s’’l. Bisher war man davon ausgegangen, dass er mit seiner Frau und ihren zwei Töchtern gemeinsam verschleppt worden war. Bei allen drei Opfern sind keine Details über die Todesursachen bekannt. Ihre sterblichen Überreste sind noch in der Hand der Hamas.

Die sterblichen Überreste von Ofir Tzarfati, s’’l, der gestern für tot erklärt worden war, wurde von der IDF und dem Shin Bet in Gaza aufgefunden und nach Israel zur Beisetzung gebracht. 

Regierungssprecher Eylon Levy gab heute bekannt, dass sich mit heutigem Tag noch 137 Geiseln in den Fängen der Hamas-Terroristen befinden. 115 Männer, 20 Frauen und zwei Kinder. Die Kinder sind namentlich bekannt, es sind Ariel Bibas, 4 und sein Bruder, Baby Kfir, 10 Monate. Zehn Geiseln sind 75 Jahre oder älter. 126 von ihnen sind israelische Staatsbürger, 11 haben ausschliesslich ausländische Pässe, acht von ihnen stammen aus Thailand. Von sieben Menschen weiss man nichts über ihr Schicksal. 

Bei einem Treffen mit EU-Aussenministern berichtet Yaniv Yaakov, der Onkel, der freigelassenen Geiseln Or und Yagil Yaakov, dass sie und andere während ihrer Gefangenschaft von den Hamas-Terroristen gefoltert wurden. Sie seien während der Verschleppung mit den glühend heissen Abgasen ihrer Motorräder verbrannt worden. Dabei sei ein Bein unmittelbar am Auspuff des Fahrzeugs festgebunden worden. Der Sinn dieser grauenvollen Tortur war, dass man sie hätte identifizieren können, falls sie aus der Gefangenschaft entkommen wären. Sie wurden regelmässig unter Drogen gesetzt und mehrfach von einem Ort zu einem anderen transportiert. Thailändische Geiseln berichteten davon, dass sie halbwegs gut behandelt worden seien, die israelischen hingegen immer wieder mit Elektrokabeln geschlagen wurden. Einer der behandelnden Ärzte im Sheba-Krankenhaus ist erschüttert: «Es ist schwer zu ertragen, welche Grausamkeiten, psychischer und psychischer Natur, die Geiseln während ihrer Zeit in den Händen der Terroristen ertragen mussten. Er betonte jedoch, dass es ausschliesslich an den Betroffenen liegt, ob sie ihre Erfahrungen teilen wollen, oder nicht. Die Welt muss erfahren, wie teuflisch und grausam das Verhalten der Hamas ist.»

Die Tante von Mia Shem, die am Donnerstag freigelassen worden war, berichtete, dass ihre Nichte von einem Tierarzt in Gaza operiert worden war. In einem Video, das Mia offensichtlich kurz nach der OP zeigt, heisst es: «Hi, mein Name ist Mia Shem, 21 Jahre alt, aus Shoham. Ich befinde mich derzeit in Gaza. Ich bin am Samstagmorgen von Sderot zurückgekommen, da war eine Party. Ich war ernsthaft an meiner Hand verletzt. Ich musste mich hier in Gaza einer dreistündigen OP unterziehen. Sie sorgen für mich, sie geben mir Medikamente, alles ist gut. Ich bitte nur darum, bald heimzukommen, zu meinen Eltern und meinen Geschwistern. Holt mich hier raus. So bald wie möglich.» Mias Hand wurde nicht ordnungsgemäss behandeltsie schmerzt immer noch sehr stark. 

So wie Emily Hand, 8, die nur noch flüstert, scheint auch Mia einen Teil ihrer Stimme verloren zu haben. Emily hat ihrem Vater erzählt, dass sie gemeinsam mit ihrem Freund, Rotem Shoshani, 13, in einem Haus in Gaza festgehalten wurde. Als die IDF näher rückte, wurden sie beide von einem Haus zu einem anderen und dann noch zu einem dritten gebracht. Sie mussten um ihr Leben laufen, während die IDF das Gebiet unter Beschuss nahm.

Der Terroranschlag in Jerusalem hat ein weiteres Opfer gefordert. Erst gestern am späten Abend wurde bekanntgegeben, dass jener Zivilist, der durch sein mutiges Eingreifen und Neutralisieren eines Terroristen weitere Opfer verhindert hat, selbst indirektes Opfer des Anschlages wurde. Er wurde von einem Soldaten irrtümlich für einen Terroristen gehalten und tödlich verletzt. Die Familie von Yuval Doron Castleman, 37, s’’l, bezeichnet seine Tötung als «Exekution». Das Video des Anschlags zeigt, dass er hinter den Terroristen herrennt, einen von ihnen neutralisiert, bevor er selbst angeschossen wird. Man sieht ihn auf die Knie fallen und die Arme hochreissen, bevor er von einem zweiten Schuss tödlich getroffen wird. 

Nachdem die Hamas am frühen Morgen wieder mit dem Raketenbeschuss aus Gaza begonnen hat und auch keine Liste mit Namen von freizulassenden Geiseln vorgelegt hat, betrachtet Israel die Feuerpause als beendet. Während der letzten sieben Tage wurden 105 Zivilisten, darunter 81 Israelis, 23 Thai und 1 Philippino, freigelassen. Israel geht davon aus, dass sich derzeit noch etwa 137 Geiseln in den Händen der Hamas-Terroristen und anderer Terror-Organisationen im Gazastreifen befinden. Im Gegenzug wurden 210 palästinensische Gefangene, Frauen und Minderjährige aus israelischen Gefängnissen entlassen. BBC und CNN berichten indes, dass es weiterhin Bemühungen gibt, eine neue Feuerpause zu erreichen. Ähnliche Hoffnungen kamen auch aus Katar, das als Mediator fungiert. Der erste Raketenalarm kam bereits gegen 6 Uhr und damit eine Stunde vor dem offiziellen Ablauf der Feuerpause. Sowohl UN-Generalsekretär Antonio Guterres, als auch UN-Menschrechtschef Volker Turk und Katar bedauerten zutiefst, «dass Israel die Kämpfe gegen Gaza wieder aufgenommen haben. Das behindert die Verhandlungen über eine neue Feuerpause.» Kaum bricht die Terror-Organisation Hamas die Feuerpause und wir reagieren auf den Beschuss sind wir wieder schuld! Diese reflexhaften Anklagen der falschen Seite muss endlich aufhören!

US-Aussenminister Antony Blinken zeigte sich bei einer Sitzung des Kriegskabinetts, an der er gestern teilnahm, besorgt, dass Israel wahrscheinlich keine Monate, sondern bestenfalls einige Wochen bleiben, um seine Ziele in Gaza zu erreichen. Das war nicht die einzige Warnung, die aus dem Weissen Haus kam. Der internationale und auch der nationale Druck auf die Regierung von US-Präsident Joe Biden wird immer stärker, alles zu versuchen, um den Krieg zwischen Israel und der Hamas zu beenden. Blinken bezweifelte auch, ob Israel noch lange des internationalen Rückhalts sicher sein dürfe, wenn es in der bisher gezeigten Intensität weiter vorgehe. Erwartungsgemäss wiesen einige der Teilnehmer an der Sitzung die Bedenken des Aussenministers zurück und betonten, alle Vorgaben der internationalen Kriegsgesetze einzuhalten. Ganz besonders gelte das bei den Bemühungen, zivile Opfer zu vermeiden. VM Yoav Gallant versicherte, dass die Israelis hinter den Zielen der IDF, die Hamas komplett zu zerschlagen, stehen. Auch wenn das Monate dauern würde. Auf einer Pressekonferenz wiederholte Blinken: «Ich habe unterstrichen, dass es für die Vereinigten Staaten unerlässlich ist, dass sich die massiven Verluste an zivilem Leben und die Vertreibung, die wir im nördlichen Gazastreifen gesehen haben, im Süden nicht wiederholen. Ich habe deutlich gemacht, dass Israel vor der Wiederaufnahme grösserer Militäroperationen humanitäre Pläne zum Schutz der Zivilbevölkerung aufstellen muss, um weitere Opfer unter unschuldigen Palästinensern zu vermeiden. Das bedeutet, dass Israel wirksamere Massnahmen ergreifen muss, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen, unter anderem durch die klare und genaue Festlegung von Gebieten und Orten im südlichen und zentralen Gazastreifen, wo sie sicher und ausserhalb der Schusslinie sein können.»

Etwas überfordert zeigte sich der PM, nachdem der US-Aussenminister ihn nach seinen Plänen ‘für die Zeit danach’ gefragt hatte. Es könne nicht sein, dass er die Idee, die PA solle die Verwaltung des Gazastreifens übernehmen, ablehnen würde, ohne Alternativen aufzuzeigen. «Der beste Weg, eine Idee zu töten, ist, eine bessere Idee zu bringen. Die anderen Länder in der Region müssen wissen, was Sie vorhaben.» Die Reaktion des PM darauf war…… beredtes Schweigen. Dann, nach einer kurzen Pause kam die Antwort: «Solange ich in diesem Stuhl sitze, wird die Palästinensische Autonomiebehörde, die den Terror unterstützt, ausbildet und finanziert, am Tag nach dem Sturz der Hamas nicht mehr in Gaza regieren.» Wie nennt man das? Sturheit? Dummheit? Äusserst besorgt zeigte sich Blinken auch über die zunehmende Gewalt von nationalradikalen-ultrarechten Siedlern gegen Palästinenser in Judäa und Samaria. Auch der zunehmende Siedlungsbau trage nicht dazu bei, die Spirale der Gewalt zu stoppen, wie der Anschlag von gestern in Jerusalem gezeigt hat. Auch darauf antwortete der PM in gewohnter Weise: «Dies ist dieselbe Hamas, die das schreckliche Massaker am 7. Oktober verübt hat, dieselbe Hamas, die versucht, uns überall zu ermorden. Wir haben geschworen, und ich habe geschworen, die Hamas zu eliminieren. Nichts wird uns aufhalten.»

Eine hoffentlich sinnvolle und zielführende Massnahme zum Schutz der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, ist die Aufteilung des gesamten Gebietes in Hunderte kleiner Felder. Auf der interaktiven Karte kann man genau erkennen, in welchem Feld man sich gerade aufhält. Man erkennt, dass in dicht besiedelten Gebieten die Felder deutlich kleiner sind, als in weniger besiedelten. Die Karte kann vergrössert werden, so dass alle Details der Umgebung erkennbar werden. Die Zivilbevölkerung soll durch frühzeitige Mitteilungen informiert werden, wann in ihrem Gebiet gekämpft werden wird. Ihnen soll dann ausreichend Zeit bleiben, sich in Sicherheit in einem Nachbargebiet zu bringen. Mit dieser Massnahme soll die vollständige Evakuierung, wie sie im Norden stattfand, verhindert werden. Die Bevölkerung wurde mit abgeworfenen Flugblättern informiert. 

Die New York Times (paywall) veröffentlichte gestern einen Bericht, in dem sie behauptet, dass die IDF bereits vor mehr als einem Jahr über die genauen Pläne zur Durchführung des Massakers verfügt hätte. Sie behaupten, Einsicht in das gesamte Dokument gehabt zu haben. Ohne paywall zu lesen ist der Artikel teilweise auch in der New York Post. Unter dem Codenamen ‘Jericho Walls’ sei ein 40-Seiten umfassende Dokument vorgelegen, welches den genauen, geplanten Ablauf des Massakers skizziert hätte. Gefehlt habe einzig das Datum des Angriffes. Der intensive Raketenbeschuss, der zeitlich mit dem eigentlichen Angriff auf Israel erfolgte, die Drohnen, die die Sicherheitskameras im Vorfeld ausschalteten, die Zerstörung des Sicherheitszauns, der eigentliche Überfall mit Gleitschirmen, Motorrädern, PKWs, zu Fuss, alles steht dort nachzulesen. Akribisch zusammengetragen hatten die Terroristen auch Informationen über Sicherheitslücken, Kommunikationswege, Stützpunkte der IDF. Die Unterlagen wurden von weiten Kreisen der IDF und der Geheimdienste gesichtet. Sie kamen aber zu der Überzeugung, dass diese Pläne die Möglichkeiten der Hamas bei weitem übertrafen. Bevor jetzt glühende Asche über die Häupter von führenden Politikern gekippt wird: Es ist unklar, ob der Bericht überhaupt bis zu ihnen kam! Jedoch erklärten Offiziere der Gaza-Division nach dem Erhalt des Dokuments: «Die Absichten der Hamas sind völlig unklar. Es ist noch nicht möglich, festzustellen, ob der Plan vollständig akzeptiert wurde und wie er umgesetzt werden soll.» Die israelischen Sicherheitsbehörden haben teilweise zugegeben, versagt zu haben. Die Regierung wird nach dem Krieg eine Kommission einsetzen, um die Ereignisse zu untersuchen, die zu den Angriffen führten. Das Dokument belegt eine jahrelange Abfolge von Fehlentscheiden, die in dem gipfelten, was heute als das schlimmste Versagen der Geheimdienste seit dem Überraschungsangriff gilt, der 1973 zum Yom-Kippur-Krieg führte. Ich habe in den vergangenen Tagen bereits über die Warnungen des Aufklärungsbataillons 8200 berichtet. Die von den Offizierinnen gemachten Beobachtungen wurden genauso vom Tisch gewischt, wie die Informationen, die im Dokument ‘Jericho Walls’ vorliegen. 

Nachdem sowohl an der Grenze zum Libanon, als auch im Süden die Kämpfe wieder mit ungehinderter Kraft aufgenommen wurden, wurden drei Soldaten durch eine Granate verletzt. Nach der Erstversorgung wurden sie zur Weiterbehandlung ins Krankenhaus evakuiert. In einem Kibbutz wurde ein Fahrzeug getroffen, an anderer Stelle verursachte eine Rakete schweren Schaden an eine Logistikunternehmen eines Kibbutz. Vier Häuser wurden getroffen, es entstand jedoch kein nennenswerter Schaden. In Sderot erlitt eine Frau auf dem Weg zu einem Schutzraum leichte Verletzungen.



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