Krieg in Israel – Tag 57

19. Kislev 5784

Mit Beginn der neuen Kampfrunde wurde die Zahl der LKWs, die mit Hilfsgütern, Diesel und Kochgas in den Gazastreifen fahren dürfen, wieder auf die Zahl zurückgestuft, die vor der Feuerpause galt. Auf Wunsch der USA lieferten heute einige Dutzend LKWs Lebensmittel und andere Hilfsgüter nach Gaza, aber keinen Diesel. Der Palästinensische Rote Halbmond hat bekannt gegeben, dass die Hilfslieferungen durch den Grenzübergang Rafah wieder aufgenommen wurden. In welchem Umfang das geschieht, wurde noch nicht bekannt.

Der arabisch sprechende Sprecher der IDF Avichay Adraee, informierte die Bewohner einiger Blöcke im Süden des Gazastreifens auf der gestern erstellten interaktiven Karte auf, ihre Häuser zu verlassen und sich in die Notunterkünfte in Rafah zu begeben. Die Bewohner einiger Regionen im nördlichen Gazastreifen wurden aufgefordert, sich in Schutzzentren und Schulen zu begeben. 

Drei weitere Geiseln, deren Schicksal bis vorgestern noch unbekannt war, mussten gestern von der IDF für tot erklärt werden. In beiden Fällen sind die Umstände ihres Todes noch unbekannt. Die sterblichen Überreste sind noch in den Händen der Hamas. Es handelt sich um Ofra Keidar, 70, aus dem Kibbutz Be’eri und Eliyahu Margalit, 70, s’’l, aus dem Kibbutz Nir Oz. Seine Tochter Nili wurde am Donnerstag freigelassen. Der Bürgermeister von Ra’anana meldete den Tod von Guy Iluz, 26, s’’l. Auch über seinen Tod wurden keine Details bekannt gegeben. 

Die Familie von Ron Binyamin, 53 aus Rehovot, dessen Schicksal nach dem 7. Oktober bisher völlig ungeklärt war, wurde darüber informiert, dass er zu den nach Gaza verschleppten Geiseln der Hamas Terror-Organisation gehört. Sein Bruder Shuki zeigte sich froh, dass er nun immerhin das Schicksal seines Bruders kenne. Eine zunächst unverständliche Antwort, die aber klar wird, wenn man weiss, dass das Schicksal vieler Vermisster wohl für immer unbekannt bleiben wird.

Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates in Washington, John Kirby, drückte gestern seine Besorgnis darüber aus, dass PM Netanyahu US-Aussenminister Antony Blinken darüber informiert hat, er plane nach dem Krieg eine tief nach Gaza hineinreichende Sicherheitszone zu installieren. Dieser Schritt wäre gleichbedeutend mit einer de facto Landreduzierung von Gaza. «Gaza muss palästinensisches Gebiet bleiben und darf nicht reduziert werden» forderte der Amerikaner.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nochmals seinen Standpunkt betont, dass für ihn die Hamas keine Terror-Organisation darstellt. «Ich bleibe bei meiner Position. Egal, was irgendjemand sagt, ich kann die Hamas nicht als Terrorgruppe akzeptieren.» Seit 2009 hat Erdogan seinen bis dahin durchaus israelfreundlichen Kurs geändert. Es war das Jahr, in dem die Operation ‘Gegossenes Blei’ zwischen Israel und der Hamas stattfand. Es war das Jahr, in dem Erdogan den damaligen israelischen Präsidenten Shimon Peres, s’’l, beim WEF in Davos wild beschimpfte und dann von der Bühne stürmte. Nota bene, das war ein Jahr, bevor nach dem Drama auf der Gaza-Flotilla einige türkische ‘Aktivisten’ ums Leben kamen. Als Reaktion fror die Türkei alle Beziehungen zu Israel ein. 2016 wurden die Beziehungen nach Zahlung von € 18 Millionen als Entschädigung für die Toten und Verletzten wieder aufgenommen, blieben aber fragil. Die Massaker vom 7. Oktober nahm Erdogan zum Anlass, zu behaupten: «Die Hamas ist keine Terrororganisation, sondern eine Befreiungsgruppe, ‚Mudschaheddin‘, die einen Kampf zum Schutz ihres Landes und ihrer Bevölkerung führt» und beendete wiederum die diplomatischen BeziehungenSeit 2011 hat die Hamas eine ständige Vertretung in der Türkei, die nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch als finanzielle Drehscheibe für den Transfer von Hamas-Geldern nach Westjordanien fungiert. 2012 gab es eine ‘Morgengabe’ in Höhe von US$ 300 Millionen aus Ankara für die Terror-Gruppe Hamas. Dort werden auch die meisten grösseren Terroranschläge geplant. Unter den Augen und mit Billigung der türkischen Sicherheitskräfte. Vor der Ära Erdogan gab es enge Beziehungen im Bereich Wirtschaft und Verteidigung zwischen Israel und der Türkei. Jetzt ist die Beziehung definitiv tot. Die Türkei stellt den Hamas-Anführern türkische Pässe aus und versorgt sie mit Geheimdienstinformationen. Die gegenseitigen Diplomaten wurden abberufen. Stattdessen zeigt sich Erdogan mit Anführern der Hamas. SADAT, ein militärisches Unternehmen, zeichnet verantwortlich für Waffen- und Sprengstofflieferungen aus der Türkei in den Gazastreifen. 16 Tonnen wurden allein im Juli von der IDF abgefangen. 

Libyen hat vier Hamas Mitglieder Richtung Türkei freigelassen, die 2016 auf Wunsch der USA festgenommen worden waren. Seither sassen sie in libyschen Gefängnissen. 2019 waren sie wegen Waffenschmuggel zu Gefängnisstrafen zwischen 17 und 22 Jahren verurteilt wordenNachdem sie mit einem Privatjet in die Türkei ausgeflogen worden waren, reisten sie weiter nach Katar. Wenn man die dicken, mehr als vollgefressenen Typen anschaut, so muss der Aufenthalt im Gefängnis in den letzten Jahren für sie mehr als erholsam gewesen sein.

Der Raketenbeschuss aus Gaza geht unvermindert weiter. Mittlerweile übernahm der Palästinensische Islamische Djihad die Verantwortung für den Beschuss auf Jerusalem und andere Städte im Zentrum Israels. Es wurde kein Schaden gemeldet, die Raketen wurden abgefangen. Den ganzen Tag über schrillen die Sirenen sowohl in Galiläa als auch in der Umgebung des Gazastreifens. Hamas und andere Terror-Gruppen im Gazastreifen, aber auch Hisbollah im südlichen Gazastreifen haben die Feuerpause gut genutzt, um sich neu aufzustellen und ihre Waffendepots aufzufüllen. 

Beim systematischen Durchsuchen von Häusern im nördlichen Gazastreifen hat die IDF in einem Wohnhaus Dutzende von Raketen gefunden. Sie lagen verborgen in einem Raum voller Karton-Boxen, die als Eigentum der UNRWA markiert waren. Neben den Raketen wurden dort auch andere, nicht näher definierte Waffen gelagert. In einem anderen Gebäude wurden in einem offensichtlich als Kinderzimmer genutzten Raum Granaten, Waffenteile und andere militärische Ausrüstungsgegenstände gefunden. 

Das leider immer noch unbekannte Schicksal der Familie Bibas beschäftigt weiterhin die Sicherheitskräfte und Geheimdienste in Israel. IDF-Sprecher Daniel Hagari bestätigte heute nochmals: «Die Familie Bibas – das ist ein Vorfall, den wir seit Beginn der Kämpfe nachrichtendienstlich und operativ verfolgen. Gestern wurde ein problematisches Video veröffentlicht, das Yarden Bibas zeigt. Auf der einen Seite ist es ein Zeichen des Lebens, auf der anderen Seite ist es grausamer, manipulativer Terror, der von der Hamas ausgeübt wird.» Hagari berief sich auf die Vereinbarung zum Austausch von israelischen Geiseln und palästinensischen Gefangenen: «Entsprechend der Vereinbarung sollte die Familie Bibas, zumindest die Mutter und die Kinder, nach Israel zurückgebracht werden. Die Hamas hat beschlossen, dies nicht zu tun.» Das Video ist wohl einer der bisher perfidesten Propaganda- Filme der Terror-Organisation. Es zeigt Yarden der sich immer noch in den Fängen der Terroristen befindet, wie er tränenüberströmt den PM anfleht, die sterblichen Überreste seiner Familie ‘zurückzunehmen’, damit sie in Israel beigesetzt werden können. Unterlegt war das Video mit den Worten «Die Widerstandsbewegung hat angeboten, die Leichname zurückzugeben, aber die Regierung der Besatzung hat die Annahme verweigert und verhandelt und feilscht immer noch!»

Es gibt auch Frauen in der harten, von ultraorthodoxen Männern dominierten Welt von ZAKA. Nurit Cohen, 59, ist eine von ihnen. Im Alter von neun Jahren wanderte sie während des Yom-Kippur-Kriegs aus Dänemark ein. Im ersten Libanon-Krieg hat sie in der IDF gedient, jetzt ist ihre Tochter in der kämpfenden Truppe. Sie hat Sozialarbeit und Pädagogik studiert. Seit sie 18 Jahre alt ist, taucht sie. Ein Freund hat sie angeworben, der Tauchergruppe von ZAKA beizutreten. «Ich wurde herzlich willkommen geheissen und sofort als gleichberechtigt behandelt.» Margalith Yahad, 58, Sozialarbeiterin aus Kiryat Arba bei Hebron, arbeitet oft gemeinsam mit ihr. Wie jetzt, wo sie in verbrannten Autos und zerstörten Häusern der vom Massaker betroffenen Kibbutzim nach allem suchen, was sich zu einem identifizierten Opfer zuordnen lässt, um halachisch korrekt beigesetzt zu werden. In den ersten Wochen nach dem 7. Oktober haben sie die sterblichen Überreste, die sie gefunden haben, so komplett wie möglich an die Forensiker übergeben. Das sei alles andere als einfach gewesen. Am Anfang haben sie das grosse Festival-Gebiet, die daran anschliessenden Felder, die Gräben rechts und links neben den Strassen und Wege abgesucht. Einzelne Körperteile mussten später, wenn möglich, von den Forensikern identifiziert werden, Kleidungsstücke, Blutspritzer… Nach drei Wochen wechselten sie in die meist völlig zerstörten Häuser von Be’eri, Kfar Aza und Nir Oz. Die sterblichen Überreste, die sie hier noch fanden, waren winzig. Nichts wurde übersehen. Margalith ist Mitglied der Polizeistreifen in Hebron. Sie leistet aber auch Freiwilligenarbeit bei Magen David Adom und bei der weiblichen Abteilung von Chewra Kadisha. Der Kreislauf des Lebens ist ihr nicht unbekannt. «Morgens kann ich in ZAKA zum Tatort eines Menschen gerufen werden, der sich erschossen hat, und am Abend kann ich ganz selbstverständlich eine Geburt begleiten, weil alles dazu gehört zum Leben.» In ihrer knappen Freizeit arbeitet sie als Doula und Körpertherapeutin. Bei all den schrecklichen Erfahrungen, wenn sie mit der ‘Reinigung’ eines Hauses fertig sind, dann kann es sein, dass sie den Gartenschlauch nehmen und den Garten wässern. Falls jemand in dieses Haus zurückkommt, dann soll er oder sie sehen, dass es jemanden gab, der sich bemüht hat, es zu pflegen. 

Diesen Zustand kennen sehr viele von uns. Man kommt zu einem Unfall. Ohne grossartig zu denken, läuft das Rettungs-Programm im Kopf an: Unfallstelle absichern, Vitalfunktionen überprüfen, Erste Hilfe leisten, Rettung und Notarzt rufen… Die Bilder, die dabei im Kopf abgespeichert werden, kommen immer wieder. Irgendwann aber werden sie, vor allem, wenn die Unfallopfer gerettet werden konnten, verschwinden. Vielleicht als ‘flash-back’ irgendwann kurz auftauchen und wieder verschwinden. Wir, das sind in dem Fall alle, die das Glück hatten, weder bei Katastropheneinsätzen dabei gewesen zu sein oder unter den Auswirkungen eines Krieges gelitten haben. Die Freiwilligen der ZAKA, einer überwiegend aus ultra-orthodoxen Männern bestehenden Rettungseinheit wird immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert. Im Diagnosehandbuch ICD-10 wird die ‘Posttraumatischen Belastungsstörung’ PTBS, als ‘ernste psychische Erkrankung, als Folge einer seelischen Verletzung, i.e. Trauma’ dargestellt. Im Gegensatz zu einer akuten Belastungsstörung wird PTBS als Störung klassifiziert, die sich im schlimmsten Fall über Monate bis Jahre hinziehen kann. In diesem Fall kann auch eine andauernde Persönlichkeitsänderung nicht ausgeschlossen werden. Natan Keni volontiert seit mehr als 20 Jahren bei ZAKA. Nichts, so hält er fest, habe ihn auf das vorbereitet, was er im Kibbutz Be’eri gesehen habe. Obwohl er sicher war, schon viele grauenhafte Tragödien erlebt zu haben. Seit dem 7. Oktober ist er auf der Suche nach den kleinsten Spuren der sterblichen Überreste der Opfer des Massakers. Sein Haar ist grau geworden, er kann nicht mehr schlafen, ständig quälen ihnen die Bilder der Toten, der Abgeschlachteten, der Geschändeten. Niemand darf ihn mehr anfassen, nicht seine Frau, nicht seine vier Kinder. Er ist nur mehr beherrscht von seiner Angst. Er weiss, er muss sich dringend im Krankenhaus behandeln lassen, wenn er überleben will. Doch die Krankenkasse zahlt die stationäre psychologische Therapie nicht. Geld, um sie selbst zu zahlen, hat er nicht. Natan ist auf die Spenden seiner Religionsgemeinschaft angewiesen und kann nur hoffen, dass er sie von dort auch bekommt.



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