20. Kislew 5784
Nach einer halbwegs ruhigen Nacht, zumindest zwischen drei und neun Uhr, begann gleichzeitig der Beschuss auf den Süden des Landes und aus dem südlichen Libanon. Bis zum Mittag lagen noch keine Meldungen über Verletzte oder Schäden vor. Gegen 14 Uhr wurde bekannt, dass eine Panzer-Abwehr-Rakete in der Nähe der nördlichen Stadt Beit Hillel einschlug, allerdings keinen Schaden verursachte. Leider wurden elf Soldaten durch den Beschuss ihres Fahrzeugs mit einer Panzer-Abwehr-Rakete leicht verletzt. Zwei Raketen aus dem Gazastreifen landeten in Sderot und verursachten dort noch unbekannte Schäden. Verletzte wurden nicht gemeldet. Auch aus Syrien wurde eine Rakete auf Israel abgeschossen, landete aber in unbebautem Gebiet.
Seit Beginn der Bodenoffensive hat die IDF mehr als 800 Tunneleinstiege entweder versiegelt oder zerstört. Zahlreiche Tunnels dienten als Verbindung zwischen den einzelnen Orten, an denen sich die Hamas-Terroristen regelmässig aufhielten. Zusätzlich wurden hunderte km des Tunnelsystems zerstört. Die Einstiege in das Tunnelsystem befinden sich zumeist in der Nähe oder sogar innerhalb von Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Moscheen oder Wohnhäusern.
Nach einem kurzen Lieferstopp wurden gestern wieder 138.000 Liter Diesel in den Gazastreifen geliefert. Das ist die grösste seit Ausbruch des Krieges zugelassene Menge pro Tag. Der Palästinensische Rote Halbmond bestätigte, dass eine unbekannte Zahl von LKWs mit Hilfsgütern, Lebensmitteln, Decken, Zelten, Hygieneprodukten und Trinkwasser nach Gaza fuhren.
Gestern Abend trat der PM im Armeehauptquartier in Tel Aviv vor die Mikrophone. Kurz zuvor hatte VM Yoav Gallant am gleichen Ort eine Pressekonferenz gegeben. Auf die Frage, warum sie getrennt auftreten, antwortete er: «Ich habe dem Verteidigungsminister heute Abend vorgeschlagen, eine gemeinsame Pressekonferenz abzuhalten. Er hat entschieden, was er entschieden hat.» Aus dem Büro des VM kam als Antwort: «Manchmal halten wir gemeinsame und manchmal getrennte Pressekonferenzen ab.» Das klingt nach einem ernsthaften Zerwürfnis. Was niemanden erstaunt. Wenn ein erfahrener Soldat, wie Gallant, mit dem psychisch stark angeschlagenen Netanyahu zusammenarbeiten muss, dann kann das auf Dauer nicht gutgehen. Der PM bezeichnete die Gründung der PA als «einen schrecklichen Fehler», räumt Differenzen mit den USA ein und gibt zu, jahrelang Gelder ‘aus humanitären Gründen’ in den Gazastreifen geschickt zu haben. Seine redundante Weigerung, nach dem Ende des Krieges auch nur darüber nachzudenken, ob die PA an der Verwaltung des Gazastreifens beteiligt sein darf, oder nicht, verärgert nicht nur die Position von US-Präsident Joe Biden. Dass er (!) bisher nicht in der Lage gewesen sei, den Kampf gegen die Hamas «bis zum Ende, bis zum totalen Sieg (!)» fortzuführen, liege nur daran, dass damals [i.e. bei den vergangenen Operationen gegen die Hamas] die Zustimmung weder im Land noch international vorhanden gewesen sei. Angesprochen auf die Unterstützung durch die USA betonte er: «Letztendlich ist dies unser Krieg. Letzten Endes müssen wir die Entscheidungen treffen. Letzten Endes treffen wir die Entscheidungen. Wir versuchen und schaffen es oft, unsere amerikanischen Freunde zu überzeugen. Ich hoffe und glaube, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird.»
Nach der eigenen politischen Zukunft gefragt, wischte er die Umfragedaten vom Tisch: «Ich befasse mich nicht mit Umfragen. Ich habe von den Bürgern Israels den Auftrag erhalten, den Staat Israel zu führen… Wenn wir auf der Grundlage täglicher Umfragen arbeiten würden, wäre ich nicht einen Tag hier, so scheint es mir.»
Am Ende der Pressekonferenz dann der tragische Satz zum Tod des Zivilisten Yuval Castleman, s’’l, tragischerweise verursacht durch Soldaten: «Daher denke ich, dass wir in der gegenwärtigen Situation mit dieser Politik fortfahren müssen – ich unterstütze sie definitiv. Wir zahlen vielleicht einen Preis, aber so ist das Leben.» Jetzt ist das auch gesagt. Er unterstützt die wahnwitzige Absicht des rechtsradikalen-nationalistischen Ministers für Nationale Sicherheit, Ben Gvir, der jedem, der will, eine Waffe zugesteht, und für die Durchführung auch schon Millionen Schekel vom Finanzminister erhalten hat. Es wird immer klarer, Benjamin Netanyahu ist als PM nicht mehr haltbar, er muss entweder freiwillig zurücktreten oder zum Rücktritt gezwungen werden.


Langsam muss man sich fragen, ob der Geisteszustand des Und.Ich.Sitze.Immer.Noch.Hier PM überhaupt noch ansatzweise als ‘normal’ bezeichnet werden kann. Nachdem beim letzten Terroranschlag in Jerusalem jener Zivilist, Yuval Castleman, s’’l, der durch sein schnelles Eingreifen dazu beitrug, dass die Terroristen nicht noch mehr Menschen töten konnten, selbst getötet wurde, kommentierte er das: «So ist das Leben.»Unbedacht, zynisch oder krank? Oppositionsführer Benny Gantz, selbst Mitglied im Kriegskabinett, griff ihn völlig zu Recht an: «Der Fall von Yuval Castleman, dem Helden, ist nicht ’so ist das Leben‘, sondern ein Warnzeichen, aus dem Lehren gezogen werden müssen, die in Zukunft Leben retten werden.» schrieb er auf seinem «X»-Account. MK Tzvi Sukkot, Religious Zionism, ist kein unbeschriebenes Blatt, was jüdischen Terrorismus angeht. Als führendes Mitglied der rechtsextremen Terrorgruppe ‘the Revolt’ vertritt er die Absicht, den Staat Israel abzuschaffen und ein ‘halachisches Königreich’ zu etablieren. Inwieweit er selbst aktiv am Brandanschlag gegen die Familie Dawabsheh beteiligt war, bei dem Baby Ali, 18 Monate, verbrannte und seine Familienangehörigen ermordet wurden,


und auf den Brandanschlag auf die ‘Kirche der Brotvermehrung’ beteiligt war, ist mir nicht bekannt. Im Zusammenhang mit dem tragischen Tod von Yuval Castleman glorifizierte er den Soldaten, der dessen Tod verursacht hatte, als ‘Helden’. Er hatte aber immerhin so viel Einsicht, dass er den Beitrag später, als ihm die wahren Zusammenhänge klar wurden, wieder löschte. Es ist beschämend, welche MKs sich im Parlament von Netanyahu tummeln dürfen!

Am heutigen Vormittag hat Netanyahu mit dem Vater von Yuval Castleman, Moshe, telefoniert und Yuval, s’’l, dabei als «Held Israels und Salz der Erde» bezeichnet. Der Anruf kam, um mit Schiller zu sprechen: «Der Not gehorchend, nicht dem eig’nen Triebe.» Von selbst wäre der von sich selbst PM nicht auf die Idee gekommen, mit seiner gestrigen Aussage voll daneben gegriffen zu haben. Erst als immer mehr Stimmen ihn dafür kritisierten, griff er zum Telefon. Der Vater baute ihm auch prompt noch eine Brücke, indem er beteuerte, Netanyahu hätte sicher nicht das Video gesehen, auf dem der tragische Vorgang klar erkennbar war. «Jetzt weiss er es und kann meinen Sohn als den benennen, der er ist: ein Held.» Entweder ist der Mann ein treuer Likudnik oder geblendet vom Anruf des ‘besorgten Landesvaters’. Oder der Text des Gespräches ist nicht 1:1 vom Gespräch übernommen. Halten wir es seine Trauer zu Gute. Moshe verlangte eine genaue Untersuchung des Falles und eine harte Bestrafung des Soldaten Frija, der in seinen Augen «eine Hinrichtung meines Sohnes ausgeführt hat.»
Karim Ahmad Khan, Chefankläger des internationalen Gerichtshofes in Den Haag (ICC) hat am Wochenende auf Bitte von Familienanagehörigen der Geiseln einen Besuch in Israel absolviert. Das Besondere daran: Es ist der erste Besuch, der je von einem Chefankläger des ICC in Israel gemacht wurde. Er besuchte u.a. die Kibbutzim Be’eri und Kfar Aza und traf sich mit Überlebenden des Massakers vom 7. Oktober. Erstaunlich war auch seine Stellungnahme gegenüber dem Ha’aretz: «Ich wäre völlig inkompetent, wenn ich nicht die Fälle überprüfen würde, in denen Kinder aus ihren Betten entführt und Holocaust-Überlebende in Gefangenschaft genommen wurden. Die Angriffe auf unschuldige israelische Zivilisten am 7. Oktober stellen eines der grausamsten Verbrechen dar. Sie sind genau der Grund, warum das ICC gebildet wurde: Sie zu untersuchen. Das waren keine zufälligen Morde. Die Menschen wurden aufgrund ihrer Identität ermordet. Die Familien, die mich eingeladen haben, erwarten nicht nur Mitgefühl, sondern Taten.» Israel lehnt bisher jede Zuständigkeit des ICC ab, mit der Begründung, selbst über ein gut ausgebautes und verantwortungsbewusstes Gerichtssystem zu verfügen ab. Jedoch stellte Israel den Wunsch der betroffenen Familien nach diesem inoffiziellen Besuch des Chefanklägers über die Infragestellung des Gerichts. Khan betonte, bei zukünftigen Untersuchungen sowohl mit Israel als auch mit der PA zusammenarbeiten zu wollen, auch wenn das grundsätzlich keine unbedingte Notwendigkeit sei. Letzten Monat haben die Familien von neun israelischen Opfern des Hamas-Massakers vom 7. Oktober beim ICC eine Klage wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen und Völkermord eingereicht. Eine solche Klage steht jeder Einzelperson oder Gruppe frei, der ICC muss über die Aufnahme des Verfahrens individuell entscheiden. Der ICC wird sich auch mit der Siedlergewalt in Samaria und möglichen Kriegsverbrechen Israels und der Hamas im Gazastreifen beschäftigen. Mitglieder der palästinensischen ‘Unabhängigen Kommission für Menschenrechte’ weigerten sich, den Chefankläger zu treffen: «Ich denke, die Art und Weise, wie dieser Besuch gehandhabt wurde, zeigt, dass Herr Khan seine Arbeit nicht auf unabhängige und professionelle Weise erledigt.» Klar, denn in ihren Augen ist nur der unabhängig und professionell, der Israel a priori verurteilt.



Gestern musste die IDF bekanntgeben, dass der Kommandant der südlichen Gaza Brigade, Col. Asaf Hamami, 41, s’’l, am 7. Oktober bei der Verteidigung vom Kibbutz Nirim ermordet wurde. Seine sterblichen Überreste wurden nach Gaza verschleppt und befinden sich nach wie vor in den Händen der Hamas Terror-Organisation. Sein Tod war der IDF schon länger bekannt, wurde aber aus Sicherheitsgründen erst jetzt bekanntgegeben. Das Militärrabbinat identifizierte ihn anhand von aufgefundenen Gegenständen aus seinem Besitz.

Zwei weitere Soldaten verloren über das Wochenende ihr Leben. Staff Sgt. Aschalwu Sama, 20, s’’l, verlor den Kampf gegen seine schweren Verletzungen, die er im letzten Monat erlitten hatte. Sgt. First Class (res) Or Brandes, 25, s’’l, fiel gestern bei der Bodenoffensive in Gaza. Damit erhöht sich die Zahl der Gefallenen seit dem 7. Oktober auf 398.
Der arabisch sprechende IDF-Sprecher Lt. Col. Avichay Adraee stellte gegenüber den Anführern des Shejaiya Bataillons der Hamas klar: «Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr ergebt euch und legt eure Waffen nieder, oder ihr werdet das Schicksal von Wissam Farhat erleiden.» Fahrat war gestern mit einem gezielten Luftangriff im südlichen Gazastreifen eliminiert worden. Vor dem Angriff war die Bevölkerung aufgefordert worden, das Gebiet zu verlassen und sich in sichere Regionen zu evakuieren. Farhat war verantwortlich für die Planung, Organisation und Durchführung des Massakers im Kibbutz Nahal Oz. Wie IDF-Sprecher Daniel Hagari betonte, war er auch verantwortlich für den Anschlag auf Soldaten der Golani Brigaden im Jahr 2014 während der Operation ‘Protective Edge’.

Sieben Soldaten wurden in ihrem APC (Armored personal carrier) im Shujaiyeh- Viertel von Gaza angegriffen und getötet. Ihr APC gehörte zu den älteren Modellen aus den 1960er Jahren, die wie sich herausstellte, keinen ausreichenden Schutz vor modernen Angriffswaffen boten. Der tödliche Angriff erfolgte durch Panzerabwehrgranaten. Die sterblichen Überreste von zwei der gefallenen Soldaten, Hadar Goldin und Oron Shaul, s’’l, wurden von den Hamas-Terroristen verschleppt und befinden sich seitdem immer noch in den Händen der Terroristen.
Prof. Itai Pessach, Direktor des Safra Kinder-Krankenhauses am Sheba-Hospital berichtet darüber, wie das erste Treffen zwischen den freigelassenen Geiseln und ihren Familien vor sich ging. «Ihnen ist eines gemeinsam, sie sind alle durch die Hölle gegangen.» 29 der Freigelassenen wurden von seinem Team betreut. Insgesamt 12 davon waren Kinder, diw jüngsten 3 Jahre alt. Alle waren erschöpft. Ihr Wille war stark, das hat ihnen geholfen, zu überleben. Einige hatten Verletzungen, die noch von der Verschleppung herrührten und die niemand behandelt hatte. Wer keine unmittelbare medizinische Behandlung brauchte, der wurde sofort von Psychologen, Therapeuten und Sozialarbeitern betreut. Die meisten wussten nicht, wer von der Familie noch lebte und wer ermordet worden war. Sie erfuhren es erst, als sie erkannten, wer nicht zu ihrer Begrüssung gekommen war. Viele glaubten sich allein mit ihrem Schicksal und kannten das wahre Ausmass der Massaker und Entführungen nicht. Einige schwiegen, einige konnten nicht aufhören zu reden. Aber es waren nur Allgemeinplätze, was sie gegessen und was sie getrunken hatten … Erst viel später berichteten sie ihren Familien, was sie erduldet hatten. Alle erlitten ein psychologisches Trauma. «Ich denke aber, wir alle, das ganze Land ist traumatisiert. Ich denke, wir sind alle Opfer des psychologischen Terrors.» Von diversen Instituten und Universitäten durchgeführte Befragungen zeigen, dass 34% der Interviewten typische Merkmale von PTSD zeigten. Bei der Gruppe, die direkt oder indirekt von den Massakern betroffen war, war der Wert höher als 50%.
Kategorien:Israel
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