Krieg in Israel – Tag 74

7. Tevet 5784

Die IDF gab erneut den Tod von fünf Soldaten bekannt, die gestern und heute bei Kämpfen im nördlichen und südlichen Gazastreifen gefallen sind. 

Master Sgt. (res.) Daniel Yacov Ben Harosh, 31, und Cpt. (res.) Rotem Yosef Levy, 24, Cpt. Yain Gahali, 22, und Cpt. (res.) Netanael Silberg, 33, und Sgt. Maj. (res.) Maoz Fenigstein, 23, s’’l.

Zwei weitere Soldaten wurden bei Kämpfen im südlichen Gazastreifen schwer verletzt. 

Die Hamas hat gestern erneut ein Video über die sozialen Medien verbreitet, das drei ältere Männer zeigt, die sich nun seit 73 Tagen in der Geiselhaft der Terror-Organisation im Gazastreifen befinden. Bei den Geiseln handelt es sich um Chaim Peri, 79, Amiram Cooper, 84, und Yoram Metzger, 80. Alle drei wurden am 7. Oktober aus ihrem Heimatkibbutz Nir Oz verschleppt. Die Tochter von Chaim Peri, Noam, sieht es einerseits als gutes Zeichen, dass ihr Vater und seine Freunde noch am Leben sind. «Es war sehr emotional, ihn nach 73 Tagen wieder zu sehen. Aber es ändert nichts daran, was wir immer wieder sagen: Sie haben nicht mehr lange Zeit, jeder Tag länger in Geiselhaft gefährdet ihr Leben.» Es gibt allerdings keine Hinweise, wann das Video aufgenommen wurde. Allerdings lässt ein Vergleich des Bildes mit älteren Aufnahmen die Vermutung zu, dass die Männer sich schon einige Zeit in den Fängen der Hamas befinden. Chaim Peri, der einzige der Geiseln, der im Video das Wort ergriff, flehte: «Ihr müsst uns freilassen. Egal, was es kostet. Lasst uns hier nicht alt werden. Wir leiden sehr unter den furchtbaren Bedingungen, die wir ertragen müssen. Wir gehören zu der Generation, die die Basis für die Gründung des Staates Israel gelegt haben. Wir sind die, die die IDF aufgebaut haben. Wir wollen nicht bei einem Luftangriff der IAF sterben. Wir verstehen nicht, warum man uns jetzt hier vergessen hat.» IDF-Sprecher Daniel Hagari wandte sich via TV direkt an die drei Geiseln: «Chaim, Yoram und Amiram. Ich hoffe, dass ihr uns heute sehen könnt. Bitte glaubt uns, wir tun alles, wirklich alles, um euch gesund zurückzubringen.» Einige der freigelassenen Geiseln hatten berichtet, dass sie via TV und Radio immer darüber informiert waren, was in Israel und dem Gazastreifen geschah. 

Die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen haben betont, ihren Kampf nicht aufgeben zu wollen. Auch nicht, nachdem die USA angekündigt hat, eine neue Schutztruppe für die Schiffe im Roten Meer zusammen zu stellen. «Unsere militärischen Aktionen werden nicht enden, auch wenn wir dafür grosse Opfer bringen müssen» erklärte Mohammed al-Bukhaiti, einer der Houthi-Vertreter. 

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin gab bei seinem Besuch in Israel bekannt, dass eine Gruppe, bestehend aus GB, Bahrain, Kanada, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, den Seychellen und Spanien, gemeinsam mit den USA am Schutz der Schiffe teilnehmen werden, die sich im Roten Meer oder in der Region des Golfs von Aden befinden. Einige Staaten werden, sofern das noch nicht geschehen ist, Schiffe in die Region verlegen, andere werden ihre Unterstützung in der Aufklärung einsetzen. Weitere Staaten haben ebenfalls ihre Unterstützung zugesagt, möchten aber nicht öffentlich genannt werden. Diese neue Gruppe wird die bereits seit 2022 in dem Gebiet operierende CTF 153 unterstützen. Austin teilte auch mit, dass der UN-Sicherheitsrat bereits aufgefordert wurde, gegen die Houthis aktiv zu werden. 

Der UN-Sicherheitsrat hat die für gestern angesetzte Abstimmung über eine neue Resolution mit der Forderung eines sofortigen Waffenstillstandes auf heute verschoben. Das Ziel dieser verschobenen Abstimmung sei, die USA dazu zu bringen, nicht von ihrem Vetorecht Gebrauch zu machen, und stattdessen entweder der Resolution zuzustimmen oder sich zu enthalten. Der Grund für die Terminänderung waren Textänderungen, um den Entwurf, der von der VAE eingebracht worden war, zu entschärfen. So soll aus der ‘dringenden und dauerhaften Einstellung der Feindseligkeiten’ eine ‘Aussetzung der Feindlichkeiten’ werden. Dies entspricht dann eher einer ‘humanitären Feuerpause’, wie sie schon einmal stattfand und während der 105 Geiseln freigelassen wurden. Aus der Administration des US-Präsidenten war zu hören: «Wir versuchen immer, eine Formulierung zu finden, mit der wir und die anderen Mitglieder des Sicherheitsrates einverstanden sind. Aber im Moment befinden wir uns mitten im Verhandlungsprozess. Ich möchte nicht spekulieren.»

„Das kosten Milliarden!“ „Vertrau auf Bibi!“ © Amos Biderman, Facebook

IDF und Shin Bet berichten, dass einer der grössten Geldwäscher der Hamas, Subhi Farwanah, bei einem gezielten Luftangriff eliminiert wurde. Farwanah hatte gemeinsam mit seinem Bruder eine Wechselstube betrieben. Diese diente als Vorwand für die wahren Geschäfte, die dort abgewickelt wurden. Während der letzten Jahre hatten sie Dutzende von Millionen US$ aus dem Iran und anderen ausländischen Unterstützerstaaten erhalten und an den militärischen Flügel der Hamas weitergeleitet. Wie genau der Prozess der Geldwäsche vor sich ging, wird nicht genauer definiert. Tatsache ist, dass ohne diese Scheintransaktionen die Hamas nicht genügend freie Mittel zum Ankauf von Waffen hat. 

Netanyahu hat wieder einmal vollmundig etwas verkündet, was kurz darauf von einem IDF-Sprecher korrigiert werden musste. Hocherfreut über die in seinen Augen grossartigen Vorstösse und Erfolge der IDF in Khan Younis warnte er den derzeit meistgesuchten Hamas-Anführer Yahya Sinwar: «Ich habe unseren Truppen gesagt, dass wir jeden Fleck im Gazastreifen erreichen können. Jetzt haben sie Sinwars Haus eingekesselt. Jetzt ist das also nicht mehr seine Burg, er kann entkommen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann wird ihn einfangen.» Nur eine Stunde später wurde er korrigiert: «Sinwar befindet sich unter der Erde, ich will nicht sagen, wo und wie. Es ist nicht der Augenblick, darüber zu sprechen. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu lokalisieren und zu neutralisieren. Wir müssen diese Aufgabe so schnell wie möglich erfüllen.»

Bei einer Sitzung des Komitees für Arbeit und Wohlfahrt warnte heute Limor Luria, Chefin der Abteilung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen beim Verteidigungsministerium davor, dass es für die derzeit grosse Nachfrage zu wenig Kapazitäten gebe, um allen Traumatisierten entsprechende professionelle Hilfe anbieten zu können. Seit dem 7. Oktober haben sich 2.816 neue Patienten angemeldet, 18% von ihnen leiden unter post-traumatischem-Belastungsstress (PTSB) oder zeigen andere Symptome von psychischer Belastung. «Wenn wir nicht zusätzliche Ressourcen bekommen, werden wir nicht in der Lage sein, uns um alle zu kümmern. Trotz unserer Verpflichtung, dies zu tun, konnten wir keine eigene Abteilung für die Behandlung von Soldaten mit PTBS einrichten.  Wir rechnen mit etwa 10.000 PTBS Erkrankungen.»

Jeden Tag werden Dutzende Soldaten aus dem Gazastreifen in eines der Behandlungszentren für Akutbehandlungen eingewiesen. Ein speziell ausgebildetes Team aus Psychiatern und Offizieren führt sie, nach einer eingehenden Untersuchung, durch ein speziell für das israelische Militär ausgearbeitetes Betreuungs- und Therapieprogramm. Zwei der Zentren befinden sich derzeit in der Nähe des Gazastreifens, eines in Re’im und eines in Sde Teiman. 80-90% der Soldaten können nach einigen Stunden wieder zu ihren Einheiten zurückkehren. Die Kürze der Behandlung und die Nähe zum ‘Ort des erlittenen Traumas’ sind Teil der Philosophie. Mehr als ein Drittel aller Israelis leidet seit dem 7. Oktober unter PTBS. Tag für Tag schauen sie Filme und Bilder der Massaker an, konfrontieren sich immer wieder mit ihren schrecklichen Erlebnissen. Mit gravierenden Folgen. Gleiches würde, so die Annahme, den Soldaten passieren, wenn man sie aus Gaza abzieht und von den Kollegen isoliert. 

Wie der Name sagt, es handelt sich um eine Posttraumatische-Belastungsstörung. Die Zeit der Belastung ist aber bei Soldaten noch nicht vorbei. Sie ist real. «Wir wissen, dass die wirksamste Art, einer PTBS vorzubeugen, darin besteht, die Soldaten so schnell wie möglich wieder einsatzfähig zu machen. Es gibt kein Patentrezept für die Behandlung von Traumata. Das Beste ist, ihnen das Gefühl von Kontrolle, Kohärenz und Kontinuität zurückzugeben.» In diesem Krieg ist alles anders, als in anderen Kriegen. Die Massaker, die Überraschungsangriffe haben bereits zu Beginn des Krieges ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes hinterlassen. Beides ist für Soldaten keine gute Voraussetzung für den Dienst. «Im Gegensatz zu anderen Kriegen gab es dieses Mal vom ersten Tag an einen erhöhten Bedarf an psychologischen Diensten.»

Ist die Kurztherapie nicht ausreichend, wird der Soldat in eines der drei stationären Zentren überwiesen. Hier ist das Team meist in der Lage, zu verhindern, dass aus der akuten Belastungsstörung keine PTBS wird. Diese Therapie ist aufwändiger und braucht mehr Zeit. Sollte es nötig sein und die Therapie nicht so greifen, wie es erwünscht ist, kann der Betroffene in eine weiterführende ambulante Klinik überwiesen werden. Auch diese ambulanten Zentren sind nicht das Ende, wenn Soldaten wieder zurück zu seiner Einheit wollen. Sollten sie immer noch unter PTBS leiden, so können sie nochmals für mehrere Wochen in ein Zentrum kommen, das eine Wohneinheit umfasst und dort einen engmaschig strukturierten Tagesablauf bietet.

Ohne Behandlung kann das Ende des Krieges oder des Einsatzes zu einem völligen Zusammenbruch führen, der häufig von Depressionen begleitet wird, die nicht selten zu Selbstmord führen. 

Miteinander reden, lachen und auch weinen, das bestätigte mir vor Jahren ein junger Kampfsoldat, der während des Gaza-Krieges miterleben musste, «wie Hamas-Terroristen einfach aus dem Boden kamen, auf uns schossen und die Leichen von zwei Freunden durch die Tunnel in den Gazastreifen verschleppten.» Nota bene: Die sterblichen Überreste der beiden verschleppten Soldaten befinden sich immer noch dort. Geholfen habe ihnen die Gemeinsamkeit, sie habe geholfen, dass sie funktionsfähig blieben.

Nur wenige Wochen vor den Vorwahlen zur US-Präsidentschaftswahl, die im Oktober des kommenden Jahres stattfindet, sinkt die Zustimmung zur Politik von US-Präsident Joe Biden. In Umfragen zu seiner Haltung in Bezug auf den Krieg Israel gegen die Hamas sind 57% damit nicht zufrieden, 33% sind zufrieden. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen sind sogar fast 75% unzufrieden. 44% sind der Meinung, er solle Israel zu einem Waffenstillstand drängen, 35 % hingegen glauben, das läge nur in der Entscheidung Israels. 48% sind der Ansicht, Israel täte zu wenig, um Zivilisten zu schützen. 48% sind überzeugt, der ehemalige Präsident und erneute Herausforderer Donald Trump würde in Bezug auf den Krieg Israel gegen Hamas den besseren Job machen, nur 38% glauben, dass der aktuelle Präsident besser abschneidet.

Zum ersten Mal seit einer Woche gab es wieder Raketenalarm im Grossraum Tel Aviv. Eine Rakete wurde abgefangen, die restlichen fielen in unbewohntes Gebiet. Bisher wurden keine Schäden gemeldet. Auch der schon gewohnte Beschuss aus dem südliche Libanon ging heute Vormittag mit ungebrochener Stärke weiter.

Im nördlichen Gazastreifen wurden in den Orten Atatra und Jabaliya erneut grosse Waffenlager und Produktionsanlagen für Raketen gefunden. Neben den Waffenfunden entdeckten sie auch Spionageunterlagen, sowie PR-Bilder mit waffen- und uniformtragenden Kindern. 

Wieder kam es zu einem unentschuldbaren Zwischenfall zwischen IDF-Reservisten und sieben festgenommenen Palästinensern in Jenin. Während die Gefangenen mit verbundenen Augen und möglicherweise gefesselt am Boden liegen, lassen sich es einige Soldaten mit Wasserpfeife und Snacks gut gehen. In ihren Kommentaren verspotten sie die Gefangenen. Das Video wurde von Anadolu Ajansi, der staatlichen Nachrichtenagentur in der Türkei, in sozialen Netzwerken verbreitet. Ein IDF-Sprecher gab dazu folgenden Kommentar ab: «Das Verhalten der Soldaten in den Videos ist schändlich und steht im krassem Gegensatz zu den Werten der IDF. Nach einer Disziplinar-Anhörung wurden die Reservesoldaten bis auf Weiteres suspendiert.» Meine Meinung, sie müssen unehrenhaft und ohne Sold entlassen werden.

Der von der IDF festgenommene Direktor des Kamal-Adwan -Spitals in Jabaliya, Ahmed Kahlot, bestätigte bei der Befragung durch den Shin Bet, dass das Spital nicht mehr ausschliesslich als solches in Betrieb gewesen sei. Es sei völlig unter der Kontrolle der Hamas gestanden, 16 Mitarbeiter, Ärzte, Schwestern und med. Assistenten seien aktive Mitglieder der al-Qassam-Brigaden gewesen. Auch Mitglieder des Palästinensischen Islamischen Djihad hätten sich unter den Mitarbeitern befunden. Im Haus hätten sich Kommando-Zentralen und zahlreiche Büros befunden. Zeitweise sei ein verschleppter Soldat dort festgehalten worden. 



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