Krieg in Israel – Tag 105

9. Shevat 5784

Auch heute muss die IDF leider wieder den Tod eines Soldaten, Staff Sgt. Ori Gerby, 20, s’’l, bekanntgeben. Er war bereits bei Kämpfen am Mittwoch lebensgefährlich verletzt worden und verlor heute den Kampf um sein Leben. 

In einem Trainingslager der Hamas-Terror-Organisation fand die IDF Nachbauten der von ihnen benutzten Modelle von Kampf-Panzern und anderen gepanzerten Fahrzeugen. Der Ort diente offenbar nicht nur als Trainingslager, sondern auch als Treffpunkt und Einsatzzentrale der Terroristen. Neben den Modellen fanden sie weitere Tunneleingänge und Waffenlager.

Die IDF konnte mehrere Drohnen unschädlich machen, die aus dem südlichen Libanon in Richtung Akko, nördlich von Haifa, abgeschossen worden waren. 

Ägypten versucht, gemeinsam mit den Houthi-Rebellen und dem Iran Gespräche zu führen, um eine Deeskalation in den internationalen Gewässern im Roten Meer zu erreichen. In den vergangenen Tagen haben bereits einige Gespräche der ägyptischen Sicherheitskräfte mit der ‘Ansar Allah Gruppe’, so die offizielle Bezeichnung der Rebellen, stattgefunden. Es wird erwartet, dass der iranische Aussenminister, Hossein Amir-Abdollahian, in den kommenden Tagen zu Gesprächen nach Kairo kommen wird.

Mittlerweile haben die Houthis chinesischen und russischen Schiffen die unbehinderte Durchfahrt durch das Rote Meer zugesichert. Schiffe, die in irgendeinem Zusammenhang mit Israel stehen, würden aber weiterhin konsequent angegriffen. 

Netanyahu wir zunehmend beschuldigt, davon überzeugt zu sein, dass er der absolute Herrscher über alles ist, was in Israel, dem Gazastreifen und der Welt geschieht. Nach dem Hin und her, was die Auslieferungen der Medikamente an die Geiseln angeht, die seit gestern im Gazastreifen zur Auslieferung parat stehen, betonte er, er habe das IRK umgangen. Dies werde nun nicht an der Auslieferung beteiligt sein. Leider kommt seine Aussage um Stunden zu spät, um glaubhaft zu sein. Das IRK hatte schon vor Stunden betont, sich damit nicht belasten zu wollen. Dumm gelaufen. Katar habe versprochen, dass die Medikamente «jede Geisel erreichen würden, die sie braucht, und ich erwarte von ihnen, dass sie ihrer Zusage nachkommen“. Er räumte ein, dass dies die einzige Möglichkeit ist, sicherzustellen, dass die Lieferung auch wie geplant erfolgt und dass «Israel Bescheid wissen werde, wenn Katar seiner Verpflichtung nicht nachkommt.» Seitens der Hamas wurden schon Bedenken geäussert, dass die Auslieferung durch Katar sie vor ein logistisches Problem stelle. Das ist nur zu wahr. Eine persönliche Übergabe ist aus Gründen der Geheimhaltung der Aufenthaltsorte nicht möglich und wie anders kann Katar die Lieferung sicherstellen? Ein Knoten, gegen den der Gordische ein einfacher war.

Die Angehörigen der Familien Munder, Idan und Metzger, deren Angehörige immer noch vom Gazastreifen von den Hamas-Terroristen festgehalten werden, haben den Ayalon, die wichtigste Nord-Süd-Verbindung in Tel Aviv erneut gesperrt. Ihr Protest richtete sich gegen die derzeitige Nicht-Regierung, der es auch nach 105 Tagen nicht gelungen ist, einen Deal zu erreichen, um die Geiseln aus den Fängen der Hamas und anderer Terror-Gruppen in Gaza zu befreien. 

Gadi Eisenkot, früherer Generalstabschef der IDF und Minister im Kriegskabinett kritisiert die immer wieder gehörte Aussage Netanyahus, dass die Hamas ‘vollständig besiegt werden müsse’. Nur wenige Stunden, nachdem Netanyahu wieder einmal vom darüber geschwafelt hatte, hielt er fest: «Wer von einem so vollständigen Sieg über den Feind spricht, der lügt.» Auf die Frage, ob Netanyahu in der Öffentlichkeit noch die Wahrheit sagt, antwortete er kategorisch «Nein!» Neuwahlen seien dringend notwendig, um das Vertrauen der Öffentlichkeit wieder zu erringen.

In einem Gespräch mit Kanal 12 musste Gadi Eisenkot alle Hoffnungen zerstören, dass es für die Geiseln in Gaza eine Rettungsaktion geben könne, die der von Entebbe im Jahr 1976 gleicht. Damals wurden 98 Geiseln aus den Fängen von deutschen und palästinensischen Terroristen befreit. Im Gegensatz zu damals, als sich alle Geiseln in einem Flugzeug befanden, «halten sich die Geiseln in Gaza zu weit voneinander entfernt, und noch dazu meist unter der Erde auf.» 105 der Entführten waren während der ersten und bisher einzigen Feuerpause freigelassen worden, eine Soldatin konnte durch die IDF befreit werden, vier Geiseln wurden vor dem Deal freigelassen, die sterblichen Überreste von acht Geiseln wurden geborgen und drei Geiseln wurden bei einem tragischen Vorfall durch die IDF getötet. Die IDF bestätigte den Tod von 27 Geiseln. Das Schicksal von mehr als 130 Geiseln ist völlig unbekannt. «Es muss offen gesagt werden, dass es nicht möglich ist, die Geiseln in naher Zukunft lebend zurückzubringen, ohne ein Abkommen», sagt Eisenkot und schimpft über «jeden, der versucht, der Öffentlichkeit Fantasien zu verkaufen».

Der Minister für Nationale Sicherheit, der rechtsextrem-nationalistische Itamar Ben-Gvir, behauptete einmal mehr falsch verstanden, resp. falsch zitiert worden zu sein. Diesmal ging es um die Aufweichung des Schiessverbotes. Bisher war klar, dass nur dann das Feuer auf eine Person eröffnet werden durfte, wenn eindeutig eine Gefahr von ihr ausging. Wenn die Person aber, wie bei jenem tragischen Fall bei einem Anschlag in Jerusalem vor wenigen Wochen Zeichen gibt, dass sie weder ein Terrorist ist noch bewaffnet, so darf auf keinen Fall geschossen werden. Ein weiterer ebenso tragischer Fall führte zum Tod von drei Geiseln, die von den Soldaten irrtümlich für Terroristen gehalten wurden, die ihnen eine Falle stellen wollten. «Sie haben meine volle Rückendeckung. Wenn Ihr Leben in Gefahr ist oder Sie einen Terroristen sehen – auch wenn er Sie nicht gefährdet – schiessen Sie. Ich stehe hinter Ihnen.» forderte er die Mitglieder der verdeckt arbeitenden Grenzpolizei während eines Besuches auf ihrem Stützpunkt auf. Heute gab sein Büro eine Korrektur aus. Er sei falsch zitiert worden und hätte natürlich gemeint, man solle auf «jeden bewaffneten Terroristen» schiessen. Der Minister ‘mit der Lizenz zum Töten’ muss es auch dringend lernen, sich so auszudrücken, dass jeder, wirklich jeder versteht, was er meint.

Während der israelische Präsident Isaac Herzog mit seiner Frau Michal beim WEF in Davos weilte, ging bei der Bundesstaatanwaltschaft (BA) der Schweiz eine Strafanzeige gegen ihn ein. «Die Strafanzeigen werden nun nach dem üblichen Verfahren geprüft“, heisst es in einer Erklärung der BA, und sie fügt hinzu, dass sie in Kontakt mit dem Aussenministerium steht, ‘um die Frage der Immunität der betreffenden Person zu prüfen’Diese dürfte wohl nicht zur Diskussion stehen. Gleichwohl wurde betont, dass sie unter bestimmten Bedingungen aufgehoben werden kann, wenn z.B. der Verdacht des Völkermordes vorliegt. Welchen Strafverdacht die Anzeige beinhaltet und wer sie eingereicht hat, wurde nicht bekannt. Eingereicht wurden sie bei den BA von Basel, Bern und Zürich. 

Pnina Tamano-Shata, ehemalige Ministerin für Einwanderung und Integration, ist eine der zwei charmanten und intelligenten Botschafterinnen für Israel, die am WEF in Davos teilnahmen. Jetzt ist sie noch für einen Zwischenstopp nach Zürich gekommen. Mit ihrer Assistentin und zwei Bodyguards hat sie im Zür’cher ‘Glockenhof’ Quartier genommen. Nicht etwa in einem der 5* Hotels. Allein schon das macht sie so sympathisch. Sie kann unterscheiden zwischen Beruf und Privatem.

1984 befand ihr spiritueller Führer in Äthiopien, dass es Zeit sei, ihr Land zu verlassen und ‘heimzukehren’ nach Israel. Sie strandeten im Sudan, der keine offiziellen Beziehungen zu Israel hatte. In einer Geheimaktion wurden sie über Belgien nach Israel ausgeflogen, ein direkter Flug über Ägypten wäre nicht geheim geblieben und stand damit nicht zur Diskussion.

Pnina ist unterwegs, um der Welt zu berichten, was am 7. Oktober passiert ist. «Wir wollen zeigen, was an jenem schrecklichen Tag wirklich geschehen ist. Dass Frauen gefoltert und vergewaltigt wurden, lebendig verbrannt vor den Augen ihrer Männer. Dass Kinder zusehen mussten, wie ihre Eltern verstümmelt und getötet werden(…) Statt diese Verbrechen zu verurteilen, gab es ein lautes Schweigen von internationalen Frauenorganisationen, besonders in der UNO. Als Frau habe ich das Gefühl, dass #MeToo überall gilt – ausser du bist Jüdin.» Auch wenn die Welt wegschaut und nicht sehen will, was geschehen ist, die Beweise kommen von den Überlebenden und sie kommen von den Aufnahmen der Body-Cams der Hamas-SchlächterGefragt, wie sie den Vorwurf an Israel versteht, an der Zivilbevölkerung in Gaza einen Genozid zu begehen und ein Apartheid-Staat zu sein, reagiert sie ungehalten: «Absurd! In Israel leben 20 Prozent Araber, ok? Sie sind in der Knesset vertreten, sie verurteilen die Hamas. (…) Wenn ein Land Genozid verüben will, liefert es kein Wasser und keine Elektrizität, und es fordert Zivilisten auch nicht auf, sich aus dem Kampfgebiet zu entfernen. Die Einzigendie einen Genozid wollen, sind die Hamas. Ich glaube, die Welt versteht das. Und was die Apartheid angeht, nehmen Sie mich als Beispiel: Ich war eine Migrantin, ein Flüchtlingskind aus Äthiopien. Und wissen Sie, warum ich es geschafft habe? Weil ich viel Unterstützung erhalten habe, von der Regierung, und ich war nicht die Einzige. Minderheiten werden in Israel gefördert, auch Araber. Sie erhalten Stipendien, sie studieren an der Universität, sie haben gleiche Rechte, sie sind in Sicherheit.» Ob ihr Vertrauen in den Staat Israel nach den Massakern vom 7. Oktober erschüttert ist, beantwortet sie so: «Nicht der Mossad, aber der Shin Bet (Inlandgeheimdienst, Red.), die Armee und die Regierung von Benjamin Netanyahu haben versagt. Wir haben unsere Grenze nicht genügend geschützt. Aber dieses Versagen ändert nichts daran, dass wir zusammenstehen müssen und den Terrorismus bekämpfen.» Gibt es für sie noch Hoffnung auf Frieden? «Ich glaube, dass die Menschheit gut ist, wenn ihre Repräsentanten gut sind. Das Gute ist stärker als das Böse. Aber ohne Mut – auch der Regierenden – lässt sich das Böse nicht bekämpfen. Dann muss man Dinge tun, die man nicht mag. Mein Mann, der Vater meiner Kinder, war drei Monate in Gaza, im Krieg. Er ist ein netter, guter Vater. Aber er muss seine Kinder schützen, indem er gegen die Hamas kämpft. Damit das nie wieder passiert.» (Zitate entnommen der NZZ von heute.)

Die gute Nachricht: Immer wieder trotzen junge heiratswillige Paare in Israel dem Krieg. Sogar, wenn beide oder einer von ihnen zum Reservedienst eingezogen sind, nutzen sie ein paar freie Stunden, um auf einer Militärbasis zu heiraten. Dort ist alles ein wenig anders. Zumindest die meisten der männlichen Gäste tragen Olivgrün und haben ihr Gewehr auf sich. Die älteren Verwandten, die sich als Gäste eingefunden haben, sind teils zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Militärbasis. Statt einer Kutsche dient ein geschmückter Jeep als Brautfahrzeug. Das Brautmahl kommt aus der Feldküche, die Musik ist meist life, gespielt von einem Solisten. Trotzdem, jede Hochzeit ist einzigartige, liebevoll geplant und ein ganz spezieller Tag für das Brautpaar. Ganz so, wie im Leben in Frieden. Mazal tov!



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1 Antwort

  1. Danke, auf das habe ich mich im Artikel klar bezogen.

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