Krieg in Israel – Tag 106

10. Shevat 5784

Nach 27 Tagen hat es gestern wieder ein Telefonat zwischen US-Präsident Joe Biden und Netanyahu gegeben. Nach dem Telefonat wurde Biden von Journalisten gefragt, ob eine Zwei-Staaten-Lösung noch während der Amtszeit von Netanyahu unmöglich sei. «Nein, das ist sie nicht.» Bei einer Pressekonferenz am Donnerstagabend hatte Netanyahu noch gesagt: «Wer vom ‚Tag nach Netanyahu‘ spricht, redet im Wesentlichen über die Gründung eines palästinensischen Staates mit der Palästinensischen Autonomiebehörde. (…) Beim jahrzehntelangen israelisch-palästinensischen Konflikt geht es nicht um die Abwesenheit eines palästinensischen Staates, sondern vielmehr um die Existenz eines jüdischen Staates. (…) Daher muss Israel bei jeder künftigen Vereinbarung oder in Ermangelung einer Vereinbarung die ‘Sicherheitskontrolle’ über das gesamte Gebiet westlich des Jordan aufrechterhalten – also über Israel, das Westjordanland und den Gazastreifen. Das ist eine lebenswichtige Voraussetzung.» Er fügte hinzu, dass er sich immer gegen die Gründung eines palästinensischen Staates wehren werde, und versprach, sich den USA in dieser Angelegenheit zu widersetzen. War das Gespräch gestern also eine Kehrtwende um 180°? Die Reporter wiesen auf die Pressekonferenz vom Vortag hin, doch Biden wiegelte ab. «Nein, das hat er nicht gesagt.»

Niemand von uns, der nicht selbst bei beiden Anlässen, und sei es virtuell dabei war, kann jetzt entscheiden, was tatsächlich gesagt wurde. Alle anderen sind darauf angewiesen, was die Presse uns dazu mitteilt. 

Heute Vormittag, ganz deutlich noch am Shabbat, kam der Widerruf aus dem Büro von Netanyahu: «In seinem Gespräch mit Präsident Biden gestern Abend wiederholte Premierminister Netanjahu seine seit Jahren vertretene Position, die er auch auf einer Pressekonferenz am Vortag zum Ausdruck gebracht hatte: Nach der Eliminierung der Hamas muss Israel die volle Sicherheitskontrolle über den Gazastreifen behalten, um sicherzustellen, dass der Gazastreifen keine Bedrohung mehr für Israel darstellt, und dies steht im Widerspruch zur Forderung nach palästinensischer Souveränität.» Die Meldung kam gegen Mittag Ortszeit, da dürfte US-Präsident Joe Biden noch tief und fest geschlafen haben. Seine Mitarbeiter hatten, bis er wach ist, also einige Stunden Zeit, zu überlegen, welche Reaktion die beste ist. Bei mir verfestigen sich immer mehr die Befürchtungen über den mentalen Zustand des israelischen ICH.BIN.IMMER.NOCH.DER.PM.

Oppositionsführer Yair Lapid äusserte sich erneut mit berechtigter Kritik an Netanyahu. «Ich habe auch Diskussionen mit den US-Amerikanern gehabt. Aber wir haben sie nie öffentlich und schon gar nicht vor der Presse breitgetreten.» Die Beziehungen mit den USA sind zu wichtig, um sie den politischen Zielen zu opfern, fügte er hinzu. «Es ist unverantwortlich, dies ins Kriegszeiten zu tun, wenn die USA voll hinter uns stehen.»

Fast alle der Überlebenden der Massaker vom 7.Oktober weisen Brandwunden unterschiedlicher Grade auf. Sie wurden nach ihrer Rettung sofort zur Weiterbehandlung in eines der fünf Brandzentren im Land gebracht. Wir alle kennen kleinste Verbrennungen mit heissem Wasser, heissem Oel, offenem Feuer. Die Wunden sind schmerzhaft und bleiben auch während des gesamten Heilungsprozesses sehr empfindlich. Bei den Opfern der Hamas-Schlächter sprechen wir von grossflächigen, grossteils tiefgehenden Verbrennungen mit abgestorbenem Gewebe und dickem Wundschorf.  Die betroffene Stelle muss gereinigt und vielleicht mehrfach vom toten Gewebe befreit werden, um Infektionen zu verhindern. Jede Behandlung, immer verbunden mit einem kleinen chirurgischen Eingriff, ist schmerzhaft und belastend für den Patienten. Ein israelisches Unternehmen entwickelte vor einiger Zeit ein hauptsächlich auf den Enzymen der Ananas basierendes Produkt, das, aufgetragen auf die verbrannte Stelle diese mühsame, immer wiederkehrende Reinigung erspart. Das Produkt, NexoBird wurde vom israelischen Unternehmen MediWound entwickelt. «Der gesamte Prozess kann an einem Tag statt in mehreren Tagen durchgeführt werden, es entstehen weniger Narben, was besonders für junge Menschen wichtig ist», so Gonen, der CEO des Unternehmens. Aufgrund der Notfallsituation in Israel wurden die 44 Länder, in denen das Medikament zugelassen ist, informiert, dass es derzeit zu internationalen Lieferproblemen kommt. Von der Familie Golan, Ariel, Ellay und Baby Yael konnten der Vater und das Baby bereits wieder in häusliche Pflege entlassen werden. Die Mutter muss zu einer abschliessenden Reha noch im Spital verbleiben. Sie hatten das Massaker in ihrem Sicherheitsraum überlebt, obwohl die Terroristen ihr Haus anzündeten und dies völlig niederbrannte. Sie konnten erst Stunden nach dem Angriff schwerstverletzt evakuiert werden. 


Ein am 17. Januar aufgenommenes Luftbild zeigt, dass das jordanische Feldlazarett keinerlei Schäden aufweist und sicher nicht von der IAF beschossen, geschweige denn ‘stark beschädigt’ worden ist. Die Jordanier hatten sich beschwert, dass ihr in Gaza aufgebautes Feldspital absichtlich von der IAF beschossen worden sei. Medizinische Mitarbeiter sollten angeblich bei gleichzeitigen Schiessereien verletzt worden sein. Seitens der IDF wurde klargestellt, dass sie vor dem Angriff über die sensible topografische Situation informiert worden waren und es ihnen befohlen wurden, jeden Beschuss unbedingt zu vermeiden, um niemanden dort zu gefährden. Daran habe man sich strikt gehalten.

Ein der CNN zugespielter Video-Clip zeigt, wie im Kibbutz Nir Oz ein Hamas-Schlächter am 7. Oktober versucht, zwei Mordopfer des Massakers zu köpfen. Für diesen grausigen Vorgang benutzt er ein langes Messer, das in dem Clip deutlich zu erkennen ist. Dies ist wiederum ein Beleg für das grausame Vorgehen der Hamas-Schlächter. Der Zeitstempel zeigt, dass es um 07:28:59 aufgenommen wurde. Es gibt zumindest einen Beleg, dass die Schlächter versuchten, die Köpfe ihrer Opfer in Gaza zu verkaufen. Der Vater von Sgt. Adir Tahar, der während des Massakers ermordet, geschändet und geköpft wurde, öffnete den Sarg, der zur Beisetzung auf dem Mt. Herzl in Jerusalem gebracht wurde, um sich Gewissheit zu verschaffen. Die sterblichen Überreste konnten nur anhand von DNA-Proben, seiner Hundemarke und dem Inhalt seiner Taschen identifiziert werden. Er habe die zahlreichen furchtbaren Videos in den sozialen Medien durchforstet, auf der Suche nach dem Kopf seines Sohnes, ohne Erfolg. Erst die Befragung eines festgenommenen Terroristen brachte die Antwort. Der Kopf sollte für US$ 10.000 verkauft werden. Er wurde in einem Tiefkühler in einer Eisdiele in einem Beutel mit Tennisbällen gefunden. So furchtbar das alles ist, für die Familie ist es eine Erlösung, sie konnten ihren Sohn halachisch korrekt, ‘als Ganzes’ beisetzen. Was bleibt, ist die Frage: Wie krank sind diese Hamas-Schlächter? 

Dutzende Familienangehörige haben die Nacht auf heute vor der Villa der Familie Netanyahu in Caesarea verbracht. Mit der Aktion demonstrierten sie gegen die in ihren Augen unzureichenden Massnahmen der Regierung, um ihre Liebsten, die immer noch in den Fängen der Hamas und anderer Terror-Organisationen im Gazastreifen festgehalten werden. Ela, die Tochter von Ohad Ben Ami, 57, fordert Netanjahu auf, «einen mutigen Schritt zu unternehmen, um die noch Lebenden nach Hause zu bringen und die Leichen [der Getöteten] in Israel zu bestatten, wie sie es verdienen. Es geht nicht darum, Geiseln zu befreien, sondern darum, Leben zu retten.» Heute Morgen berichtete eine freigelassene Geisel in i24: «Als wir kurz vor unserer Freilassung erfuhren, dass wir gehen dürften, fiel es uns schwer, die anderen zurückzulassen. Aber ein Mitglied der Hamas sagte uns: ‘Heute kommt ihr dran, dann alle Frauen und Kinder, dann Frauen ohne Kinder und dann die Männer. In wenigen Tagen sind alle wieder daheim.’ Darauf haben wir vertraut. Und nun warten wir seit Wochen. Wir haben Angst um die, die wir zurücklassen mussten.»

Die New York Times veröffentlichte heute einen bedenklichen Artikel. Nach mehr als 100 Kriegstagen sind die Erfolge der IDF in Gaza nicht so umfassend, wie die IDF es gerne behauptet. So sollen vier hochrangige Offiziere, selbstverständlich anonym, klargestellt haben, dass die beiden Ziele, die völlige Zerstörung der Hamas und die Befreiung der Geiseln, nicht miteinander vereinbar sind. Ihrer Ansicht nach kann eine Befreiung noch auf diplomatischem, aber nicht auf militärischem Weg erreicht werden. Auch der Konflikt zwischen der von Israel benötigten Zeit, um seine Ziele zu erreichen und dem Druck von aussen, den Krieg zu beenden, wird täglich grösser. Vor allem, weil die Zahl der zivilen Opfer täglich weiter steigt. Gadi Eisenkot hatte am Donnerstag klar über einen tiefen Riss zwischen der Regierung und den Familien der Geiseln gesprochen: «Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Geiseln durch militärische Operationen lebend gerettet werden könnten. Die Situation in Gaza ist so, dass die Kriegsziele noch nicht erreicht sind. Für mich gibt es kein Dilemma. Die Mission besteht darin, Zivilisten zu retten, und nicht darin, einen Feind zu töten.» Auch Andreas King, Dozent für Sicherheitsfragen am King’s College in London, mit monatelanger Erfahrung in den jetzigen Kriegsgebieten, zeigt sich pessimistisch: «Im Grunde ist es eine Pattsituation. Es ist keine Umgebung, in der man Geiseln befreien kann.

Wenn man in die Tunnel geht und versucht, sie mit Spezialkräften oder was auch immer zu befreien, wird man sie töten. Sie werden sie entweder direkt töten – oder indirekt, durch Sprengfallen oder in einem Feuergefecht. Es ist ein nicht zu gewinnender Krieg.» Von der IDF gab es keine Kommentare.

Israel hat Tausende von Flugzetteln über dem Süden des Gazastreifens abgeworfen. Darauf zu sehen sind die Bilder der noch in Geiselhaft befindlichen Israelis. Damit sollen die Bürger der Region aufgefordert werden, mögliche Informationen über den Verbleib der Verschleppten weiterzugeben. Für jede hilfreiche Information ist eine Belohnung ausgehoben. 

Bei einem Angriff auf Damaskus soll Israel vier ‘Offiziere’ der Iranischen Revolutionsgarde (IRG) eliminiert haben. Darunter den Geheimdienstchef der IRG, Gen. Sadegh Omidzade, dessen Stellvertreter, Hajj Gholam, und zwei weitere, nicht namentlich benannte ‘Offiziere’. So wurde von der iranischen Nachrichtenagentur MEHR bekanntgegeben.

 

Die gute Nachricht: Die Vertreterin Israels beim European Sing Contest, die im vergangenen Jahr mit ihrem Song ‘Unicorn’ einen dritten Platz sicherte, Noa Kirel, wurde, sowie viele anderen junge Frauen auch, zum Reservedienst eingezogen. Die 23-Jährige diente von 2020 bis 2022 bei der IDF und sang dort auch bei der Militärband. Ganz sicher haben die Soldaten viel Freunde, wenn sie ihre Kollegen in dem gerade erst aufgenommenen Clip sehen. 



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