9. Adar I 5784
«Der Sieg ist nah, aber die Freilassung der Geiseln ist nicht nah!» Das ist, zusammengefasst, die Quintessenz dessen, was Netanyahu gestern Abend bei einer Pressekonferenz verkündete. Dem dringenden Wunsch der Familienangehörigen, diese auf dem ‘Hostage Place’ in Tel Aviv abzuhalten, war er natürlich nicht nachgekommen. Netanyahu betonte auch, dass die Offensive auf Rafah auch dann fortgesetzt würde, wenn es eine neue Vereinbarung zur Freilassung der Geiseln geben würde. Offensichtlich wieder einmal, ohne sich mit den Realitäten vertraut gemacht zu haben, versicherte er, dass es nördlich von Rafah ausreichend Platz gäbe, um die 1.3 Millionen Evakuierten sicher unterzubringen. Da weiss er offensichtlich mehr, als jeder andere, der sich damit befasst. «Das muss alles in einer geordneten Art vor sich gehen, so habe ich es der IDF auch mitgeteilt.» Es gebe keine Chance, den totalen Sieg zu erringen, ohne die Operation in Rafah durchzuführen. Und deshalb sei diese auch nötig und würde wie geplant stattfinden. Am Ende frug Netanyahu, warum die Medien die neuen Plakataktionen gegen ihn, die entlang der Ayalon-Schnellstrasse zu sehen seien, noch nicht angesprochen hätten. Sie müssten mehrere US$10 Millionen gekostet haben und er fragte, woher diese Gelder wohl gekommen seien. Um ehrlich zu sein, ich habe noch nirgendwo von dieser Plakataktion gehört oder gelesen. Ist das ein nächtlicher Alb, der Netanyahu heimsucht?
Der rechtsextrem-nationalistische Ben-Gvir hat gefordert, Bürgern der palästinensischen Gebiete den Zugang zum Tempelberg während des Ramadans zu verbieten. Der beginnt in diesem Jahr am 10. März. Als Begründung gab er an, dass es unmöglich sei, Feierlichkeiten auf dem Tempelberg zuzulassen, während Frauen und Kinder (!) noch als Geiseln im Gazastreifen festgehalten werden.

Yair Netanyahu, das enfant terrible und Spross der zukünftigen Regenten-Dynastie, mit Sitz in Florida, hat sich wieder zu Wort gemeldet. «Dieser Krieg ist nicht nur ein Krieg Israel gegen Gaza, es ist der Krieg Iran und Gaza gegen Israel.» erklärte er in einem Interview mit Josh Hammer in Newsweek. Das Interview trägt den Titel: «The Real History of Israel and Palestine» und kann hier angeschaut werden.
Den Iran bezeichnet er korrekterweise als den Drahtzieher, der hinter Hamas, Hisbollah und den Houthis steht und von daher sicher als Hauptverantwortlicher für die terroristischen Aktivitäten seiner Stellvertreter verantwortlich ist. Solange in den USA der damalige (und hoffentlich nie mehr wieder) Präsident Trump seine harte Linie gegen den Iran fuhr, hätte, so Netanyahu, den Iran und damit auch die anderen Terror-Organisationen ruhiggestellt. Im nächsten Satz allerdings lügt er pro domo: «Israel hat zusammen mit meinem Vater und Präsident Trump historische Friedensverträge zwischen Israel und vier arabisch-muslimischen Ländern geschlossen.» Das ist falsch, die Abraham-Verträge sind Annäherungsverträge die hauptsächlich den Wirtschaftsbeziehungen dienen. Ausgehandelt, um Trump und seinem Schwiegersohn Kushner eine finanziell interessante Geschäfts-Basis zu schaffen. Israel war dazu nur der Steigbügelhalter. Wie wenig sie in der Post-Trump Ära wert sind, zeigt sich gerade jetzt, zur Zeit des Krieges.

Der PM der PA, Mohammad Shtayyeh, hat für den 26. Februar ein Treffen aller palästinensischen Fraktionen angekündigt. Dieses Treffen wird auf Einladung Russlands in Moskau stattfinden. Ziel des Treffens ist es, abzuklären, ob und unter welchen Umständen eine politische Einigung mit der Hamas-Terror-Organisation erreicht werden kann. Dass diese angestrebte Einigung nicht ohne gegenseitige Zugeständnisse erfolgen wird, ist klar. Shtayyeh betonte, dass vor allem die Hamas bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, ohne auf Details einzugehen. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober gegen Israel müsse von der Weltöffentlichkeit baldmöglichst vergessen werden, es dürfe nicht immer noch im Zentrum aller Betrachtungen stehen (sic!). Seiner Ansicht nach könne und solle Präs. Mahmoud Abbas durchaus weiter im Amt bleiben. «Es geht nicht um Reformen. Es geht darum, dass die Palästinenser ein Ende der Besatzung wollen.»

Die WHO behauptet, das Nasser-Spital in Khan Younis sei nach einer ‘wochenlagen Belagerung und Stürmung’ durch die IDF nicht mehr funktionsfähig. Im grössten Spital im Süden des Gazastreifens seien, so der Chef der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, immer noch mehr als 200 Patienten, die nicht mehr ordnungsgemäss betreut werden könnten. Die von ihm genannten Zahlen liegen höher, als die der Hamas Gesundheitsbehörde, sie sie mit etwa 150 plus fünf medizinischen Teams beziffert. Die WHO hat seit einigen Tagen keinen Zugang mehr zum Spital, woher also die Zahlen kommen, ist unklar. Seitdem die IDF mit der Durchsuchung des Spitals begonnen hat, um dort versteckte sterbliche Überreste von israelischen Geiseln aufzuspüren, hat sie auch dafür gesorgt, dass das Spital ausreichend mit Sauerstoff, Treibstoff, Medikamenten und Wasser versorgt wird.
Die Boxen mit Medikamenten, die von der IDF gestern im Nasser Spital in Khan Younis entdeckt worden waren, stammten ausschliesslich aus Lieferungen, die von Familienangehörigen der Geiseln ohne Zutun von Israel oder Katar bestellt und erhalten hatten. Sie hatten die entsprechenden Listen zusammengestellt und liessen sie von lokalen und internationalen Organisationen nach Ägypten schicken. Von dort wurden sie über Rafah in den Gazastreifen gebracht. Ob sie allerdings ihre Empfänger erreichten, ist unklar und muss bezweifelt werden. Initiatoren der Aktion waren Rotem Cooper und Efrat Machikawa, aus dem Kibbutz Nir Oz. Einige ihrer Angehörigen, die am 7. Oktober verschleppt worden waren, wurden zwischenzeitlich freigelassen, andere befinden sich nach wie vor in Geiselhaft.


Heute wurde ein seltsamer Fund am Strand vom Kibbutz Ma’agan Michael in der Nähe von Caesarea angeschwemmt. Es war eine Kiste mit Medikamenten und anderen Hilfsgütern, die offensichtlich für den Gazastreifen bestimmt war und aus Jordanien stammte. Polizisten aus dem benachbarten Zichron Ya’akov ordneten die Untersuchung mit einem Spezialgerät an, um möglichen Sprengstoff aufzuspüren und zu entfernen. Eine Massnahme, die bei verdächtigen Funden immer getroffen wird. In diesem Fall erwies sich die Box als harmlos. Auf der Box ist ein Zettel angebracht, auf dem steht: «Von Jordanien nach Gaza». Welchen abenteuerlichen Weg die Box hinter sich hat, wird wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben.
Nachdem die Verhandlungen über eine Freilassung der Geiseln erneut festgefahren sind, arbeiten die USA gemeinsam einigen anderen Staaten bereits an einem klaren Plan ‘für den Tag danach’. Das berichtete die Washington Post. Dieser Plan soll auch die Gründung eines palästinensischen Staates beinhalten. Der dafür vorgesehene Zeitrahmen soll in den kommenden Wochen bekannt gemacht werden. Der Ramadan beginnt in diesem Jahr am 10. März, bis dahin sollen, wenn alles so verläuft wie es geplant ist, alle Geiseln aus Gaza befreit worden sein. Während des Fastenmonats werden sich die Lebensbedingungen der Geiseln wahrscheinlich noch mehr verschärfen und ihr Leben weiter gefährden. Allerdings sieht es derzeit nicht so aus, als könnte dieser ehrgeizige Plan umgesetzt werden. Die Bedingungen werden gegenseitig als unerfüllbar angesehen. Einzelheiten der Planung wurden nicht bekannt, um nicht den Plan bereits im Vorfeld zu torpedieren. Die Washington Post nennt Israel ‘den Elefanten im Raum’ und stellt die Frage, was noch innerhalb einer akzeptablen Schmerzgrenze liegt. Ist es der Rückzug aus den meisten Siedlungen in Judäa und Samaria, ist es eine palästinensische Hauptstadt in Ostjerusalem, der Wiederaufbau des Gazastreifens sowie Sicherheits- und Regierungsvereinbarungen für ein vereintes Judäa und Samaria mit Gaza unter palästinensischer Führung? Es besteht die Hoffnung, dass Israel auch spezifische Sicherheitsgarantien und eine Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten angeboten werden, die nur schwer abzulehnen wären.
In Israel wird die angedachte Anerkennung und Gründung eines palästinensischen Staates dezidiert abgelehnt.

Die gute Nachricht: Zwei junge Frauen aus Deutschland haben sich zusammengetan, um Geld zu sammeln. Mit dem Geld wollen sie einem dringenden Bedürfnis in Gaza Abhilfe schaffen. In den Flüchtlingslagern fehlen ausreichende Sanitäranlagen. Tom Kellner und Seba Abu Daqa haben sich zum Ziel gemacht, Duschen, Toiletten und Zelte nach Gaza zu bringen, um das Leben der Evakuierten ein wenig leichter und vor allem hygienischer zu machen. Die beengten, nicht sauber zu haltenden, überfüllten Lager haben bereits zum Ausbruch einiger Krankheiten geführt, die, wenn man sie nicht in den Griff bekommt, auf Dauer auch in Israel Probleme verursachen könnten. Vor allem bei Kindern ist die Zahl der Magen-Darmerkrankungen viel höher, als vor dem Krieg.


Die beiden Frauen haben nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, wie sie helfen können, ohne erst Materialen aus dem Ausland beziehen zu müssen. Sie wurden in Gaza fündig. Alles, was sie brauchten, um die entsprechenden Sanitäranlagen zu bauen, ist bereits in den Baumärkten vorhanden, nur gab es keine Käufer. Mit den gesammelten Spenden kauften sie alles auf, was der Markt hergab. Die Toiletten entsprechen, wenn auch mit einfachsten Mitteln konstruiert, durchaus einem zeitgemässen Standard. Und, das ist nicht selbstverständlich, sie sind ans Abwassersystem angeschlossen. Die Kosten für eine Kabine liegen etwa bei US$ 440. Arbeitskosten entstehen keine, alle arbeiten auf freiwilliger Basis.
Die Duschen werden meist mit salzhaltigem Brunnenwasser gespeist, wo das nicht zur Verfügung steht, müssen die Benutzer ihr eigenes Wasser mitbringen.
Kennengelernt haben sich die zwei Frauen über eine Plattform des jüdisch-arabisch-israelischen ‘Friedensdorf Neve Shalom’. Abu Daqa, die aus der südlichen Stadt Abbasan im Gazastreifen stammt, arbeitet als Beraterin für eine internationale gemeinnützige Organisation für Frauenrechte, während Kellner Literaturwissenschaftlerin, Redakteurin und Cellistin ist.
Ihre Spenden, die ausschliesslich via PayPal gezahlt werden, kommen überwiegend aus Israel, aber auch aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und den USA.
Kategorien:Israel
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