29. Adar II 5784
Sowohl von israelischer als auch von palästinensischer Seite wird aufkommender Optimismus heruntergespielt, dass es in den kommenden Tagen zu einer Vereinbarung kommen kann. Dieser war von ägyptischer Seite geschürt worden. Die ägyptische Tageszeitung al-Qahera hatte heute am frühen Vormittag über «bedeutende Fortschritte bei mehreren strittigen Punkten» berichtet. Die Delegationen von Katar und der Hamas haben Kairo bereits gestern wieder verlassen, die US-amerikanischen und israelischen Verhandlungsteams werden im Laufe des Tages abreisen. Es wird jedoch erwartet, dass sie alle innerhalb von 48 Stunden zu einer neuen Runde wieder in Ägypten eintreffen werden.
Ägyptische Quellen haben am Nachmittag vorsichtig gegenüber der katarischen al-Araby-al-Jadeed Zeitung den von den USA ausgearbeiteten Plan zu einer sechs Wochen dauernden temporären Waffenruhe mit gleichzeitiger Freilassung von 40 Geiseln erläutert. In der Zeit soll auch einigen der Evakuierten die Rückkehr in den Norden des Gazastreifens ermöglicht werden. Auch die Option einer zunächst drei-tägigen Waffenruhe ohne weitere Verpflichtungen während des Eid al-Fitr-Festes vom Abend des 8. Aprils bis zum Abend des 10. Aprils wurde angesprochen.

Die IDF gab bekannt, dass das zur Sicherung der Region von Khan Younis in Gaza verbliebene Bataillon drei Raketenabschussrampen zerstört hat, die unmittelbar neben einem humanitären Auffanglager installiert waren. Sie wurden mehrfach zum Beschuss auf den Süden Israels eingesetzt. Um sicherzustellen, dass keine Zivilisten zu Schaden kamen, wurden diese zuvor aus dem Gebiet evakuiert. Bereits gestern waren eine Abschussrampe und weitere zu Terrorzwecken genutzte Infrastrukturen zerstört worden.

COGAT berichtete gestern, dass 322 LKWs mit Lebensmitteln und Hilfsgütern im Laufe des Tages in den Gazastreifen gefahren sind. 228 der LKWs waren mit Nahrungsmitteln beladen. Das ist die grösste Lieferung an einem einzelnen Tag seit dem 7. Oktober. Ein COGAT-Sprecher betonte nochmals, dass «es keine Begrenzung im Umfang der Lieferung für die Zivilbevölkerung in Gaza» gibt.
Der Irak gab bekannt, 10 Millionen Liter Treibstoff in den Gazastreifen liefern zu wollen. Das veröffentlichte das Büro des irakischen PM Mohammed Shia al-Sudani. Gleichzeitig betonte der PM, dass der Irak verwundete Palästinenser aufnehmen und behandeln werde. Laut Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde wurden bisher 75.886 Palästinenser verwundet. Diese Zahlen sind aber nicht verifizierbar!
Der rechtsextrem-nationalistische Smotrich hat die Mitglieder seiner Fraktion zu einer dringenden aussertourlichen Sitzung zusammengerufen. Als Themen werden der Truppenabzug aus dem Süden des Gazastreifens und der Stand der Verhandlungen zu einer möglichen Waffenruhe genannt. Smotrich ist ein strikter Gegner von jeder Massnahme, die geeignet ist, den militärischen Druck auf die Hamas zu reduzieren. In einer Erklärung forderte er, dass Netanyahu sofort das Sicherheitskabinett einberuft, um den derzeitigen Stand des Krieges zu diskutieren. «Das einzige Forum, das befugt ist, wichtige Entscheidungen im Krieg zu treffen, ist das gesamte Sicherheitskabinett, aber leider ist das nicht der Fall, und wir sehen, dass Entscheidungen im kleineren Kriegskabinett ohne Genehmigung getroffen werden, ohne das gesamte Kabinett zu informieren, und das unter internationalem Druck, der der Dynamik des Krieges und unseren Sicherheitsinteressen schadet.» Da hat er aber etwas völlig falsch verstanden, genau aus diesem Grund wurde das Kriegskabinett formiert, um wesentliche, kriegsbezogene Entscheidungen ohne überflüssige Palaver zu treffen. Als Termin für das nächste Treffen des Sicherheitskabinetts wurde morgen Abend um 19 Uhr vereinbart, zwei Tage vor dem nächsten regulären Termin. Sein ebenso rechtsextrem-nationalistischer Kollege Ben-Gvir verkündete heute, dass Netanyahu sein Mandat als PM verliert, sollte er den Krieg beenden, ohne dass eine grossangelegte Offensive gegen Rafah stattfindet.
Bei einer Kundgebung in Washington betonte Oppositionsführer Yair Lapid, er werde sich weiterhin intensiv für die Freilassung der Geiseln einsetzen. «Wir sind heute hier hergekommen, um zu sagen, dass es in dieser Welt Wahrheit und Lüge gibt. Die Geiseln sind Opfer von Terror und Hass, ebenso wie sie Opfer von jedem sind, der schweigt und von jedem, der versucht, uns zu erklären, dass es zwei Seiten der Geschichte gibt.» Er fuhr fort: «Es gibt keine zwei Seiten der Geschichte. Dies ist keine Geschichte. Das sind echte Menschen. Jeder Einzelne von uns ist für sein Schicksal verantwortlich. Niemand hat das Recht, so zu tun, als sei dies normal und als ginge das Leben weiter. Jeder Mensch, jede Führungskraft, jede Regierung muss sich an den Bemühungen beteiligen, sie nach Hause zu bringen. Jeder Einzelne von uns ist für ihr Schicksal verantwortlich.» Lapid wird sich in Washington u.a. mit dem nationalen Sicherheitsberater Jake Sullivan und US-Aussenminister Antony Blinken treffen.

Der Sprecher des libanesischen Parlaments, Nabih Berri, der im Libanon zu den Verbündeten der Hisbollah gerechnet wird, erklärte in einem Interview mit der Londoner Zeitung Aasharq al-Awsat: «Der Libanon wird sich bei den ‘Grenzscharmützeln’ mit Israel weiterhin in Selbstbeherrschung üben und nicht zulassen, dass diese zu einem totalen Krieg eskalieren. (sic!)» Er bezichtigt Israel, den Libanon absichtlich in einen Krieg zu ziehen und Dutzende Städte im Süden des Landes bereits unbewohnbar gemacht zu haben. Mit keinem Wort erwähnte er den Beschuss auf den Norden von Israel, der es notwendig machte, 80.000 Bewohner der Region zu evakuieren. Ebenso ‘vergass’ er zu erwähnen, dass der Beginn des ‘Scharmützels’ wie er es euphemistisch nennt, nur von der Hisbollah ausging. Und schlussendlich vergass er auch zu erwähnen, dass die Hisbollah bis heute die UN-Resolution 1701 zu keinem Zeitpunkt umgesetzt hat und die auch wissentlich und willentlich nie von den UNO-Blauhelmen in der Region gefordert wurde. Einer seiner politischen Gegner, Jebran Bassil, Chef der ‘Freien Patriotischen Bewegung’ betonte gestern: «Diejenigen, die glauben, sie könnten Israel besiegen und gleichzeitig andere Bürger kontrollieren, haben Wahnvorstellungen. Wir sind nicht verpflichtet, in einen Krieg im Gazastreifen verwickelt zu bleiben, von dem wir nicht wissen, wann er enden wird und welche Auswirkungen und Folgen er für den Libanon haben wird.»

MK Avi Maoz, bezüglich Militär und Sicherheit ein völliger Laie, kritisierte in einer Erklärung am Samstagabend, dass «die jüngsten Entscheidungen des Stabschefs mich dazu veranlassen, absolutes Misstrauen in ihn zu setzen.» Er forderte, dass Verteidigungsminister Yoav Gallant Generalstabschef Herzi Halevi sofort entlassen muss. «Heute Abend wurde auch die Lüge über die Nichtexistenz von Terrortunneln, die sich vom Gazastreifen in israelisches Gebiet erstrecken, vom IDF-Sprecher aufgedeckt. Mit diesem Stabschef können wir den Krieg leider nicht gewinnen.» (siehe mein Beitrag von gestern)

Ein grossräumiger Alarm wurde auch heute am Nachmittag wieder im nördlichen Galil ausgelöst. Er betraf die Gebiete von der Grenzstadt Metula bis zum weiter südlich gelegenen Kiryat Shmona. Schäden wurden nicht berichtet. Zwei Stunden zuvor waren Kamikaze-Drohnen in der Gegend um Rosh HaNikra in der Nähe der libanesischen Grenze am Mittelmeer niedergefallen. Eine der Drohnen verursachte ein Feuer, welches aber schnell ohne nennenswerte Schäden anzurichten, gelöscht werden konnte.
Die gute Nachricht: Gestern im nördlichen Gazastreifen © COGAT






Kategorien:Israel
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