9. Nissan 5784
In Israel findet man mehr starke Frauen als anderswo. Das mag damit zu tun haben, dass Gleichberechtigung ab 1948 im damals jungen Staat ein Muss war, um den Staat vorwärtszubringen. Und doch ist es nicht in allen Bevölkerungsgruppen selbstverständlich, dass Frauen sich dort einbringen können, wo sie wollen.

Hauptmann B. gehört zu ihnen. Aufgewachsen in einer arabischen Gemeinde, die nicht, wie sie selbst betont, ‘zu den Fans von Israel gehört’, ist sie die erste Bordmechanikerin Israels. Sie würde so gerne einmal mit ihrer Uniform ausgehen, aber das darf sie nicht. Zu gefährlich wäre das für sie und für ihre Familie. Also führt sie ein Doppelleben, von dem nur ihre Kameraden und ihre Familie wissen. Im Spind auf der Basis hat sie ihre Zivilkleidung, die sie anzieht, sobald sie die Basis verlässt. Die Uniform wird daheim grundsätzlich im Tumbler getrocknet, die Nachbarn dürfen die Kleider nicht an der Wäscheleine im Garten sehen.
«Was würde passieren, wenn man sie als Soldatin erkennt?»
«Sie würden meiner Familie physisch schaden.»
«Müssten sie dann die Gemeinde verlassen?»
«Ich glaube nicht, dass irgendjemand übrigbliebe, der gehen könnte», sagt sie mit einem bitteren Lächeln.
In der letzten Zeit sei es vermehrt zu Feindseligkeiten und Schiessereien innerhalb ihrer Gemeinde gekommen. Sie selbst würde ohne zu zögern für ihr Land sterben, aber, wenn ihrer Familie ihretwegen etwas zustossen würde, dass wäre für sie schrecklich.
Vor drei Wochen hat sie ihre Ausbildung zur Luftlandemechanikerin mit Auszeichnung bestanden.
In ihrem Ort waren alle überzeugt, dass sie Medizin studieren werde. Nur sie selbst war überzeugt davon, dass ihr Platz in der IDF sei. Ihre Eltern standen voll hinter ihr. Die Mutter riet ihr, zur Militärpolizei zu gehen, also bewarb sie sich dort. Doch nach ihren Einstufungstests meldete sich die Luftwaffe bei ihr und schlug ihr vor, an der Technologischen Hochschule in Haifa Elektronik zu studieren. Während ihrem ersten Jahr dort gab es viele Terroranschläge in Israel. Ihre Kommilitonen hätten sie aber niemals komisch angeschaut, im Gegenteil, sie sei sehr gut aufgenommen worden.
Gegenüber ihrem Freundeskreis hat sie ihr Doppelleben nicht aufrechthalten können. Sie hat alle alten Beziehungen abgebrochen. Freunde hat sie nur mehr innerhalb der IDF. Wenn die sie zu Hause besuchen, dann tragen auch sie Zivilkleidung.

Nach zwei Jahren als Elektrotechnikerin hörte sie von den Luftfahrzeugmechanikern, die eine kleine, speziell für Hubschrauber ausgebildete Elitegruppe darstellen. Sie tragen Flugoveralls, gelten als Unterstützungspersonal und haben zahlreiche Aufgaben: Notfallreparaturen vor Ort, die Verwaltung des Frachtraums im Falle einer Evakuierung und die Genehmigung von Landungen und Starts. Hauptmann B. erklärt: «Der Pilot ist der Kommandant im Cockpit, der Bordmechaniker ist verantwortlich für den Frachtraum und alles, was darin geschieht.»
Als man ihr die Aufnahme in das zweite Ausbildungsjahr verweigerte, weil sie Araberin ist, gelang es ihr irgendwie, doch hineinzukommen. Nach der Ausbildung wollte man sie nicht beschäftigen. «Einer der Kommandanten sagte mir ‘Du kannst entlassen werden und dein Diplom mitnehmen’.»

Dann kam Gadi Eisenkot, der damalige Generalstabschef (2015 – 2019), zur Visitation der Hochschule.
Hauptmann B. wurde ihm vorgestellt, sie nutzte die Chance und beklagte sich über die Repressalien. Nach zehn Tagen hielt sie ihren Einberufungsbefehl in der Hand. Eisenkot gratulierte ihr, als sie erstmals befördert wurde.
Doch damit nicht genug. Erneut warf man ihr Prügel zwischen die Beine. Fast alle Studenten ihres Jahrgangs erhielten einen Posten im Bereich der Flugzeugelektronik. Nur für sie gab es keine Sicherheitsfreigabe, weil sie Araberin ist. Eine neue Ausbildung, ein neuer Abschluss mit Auszeichnung. Drei Jahre diente sie bei der 106. F-15-Staffel.
Im Herbst 2019 wurde sie bei den Zusammenstössen zwischen Israel und dem Palästinensisch-Islamischen-Djihad in Gaza aktiv eingesetzt. Sie musste mit dem Team die Flugzeuge bewaffnen. Damals erkannte sie, wie wichtig die exakte Beladung für den Erfolg der Truppe ist.
Nach der Zulassung als Offizierin bewarb sie sich erneut um die Zulassung als Luftfahrzeugmechaniker – und wurde wieder abgewiesen.
2021 wurde sie während der Operation ‘Guardian of the walls’ in den Süden versetzt. Ihre Aufgabe war es, zahlreiche Flugzeuge gleichzeitig zu überwachen.
Die Situation bei ihr zu Hause wurde immer angespannter, es gab dort auch Terroristen, die Juden angriffen. Ihr Kommandant verbot ihr, die Basis zu verlassen.
Prompt startete sie einen dritten Versuch für die Ausbildung. Ihre Vorgesetzten rieten ab, der Unterschied zwischen Kampfjets und Hubschraubern sei zu gross, sie würde das nicht schaffen. Sie gaben ihr sogar absichtlich schlechte Noten, um sie in ihrem Fortkommen zu behindern.
Bis einer von ihnen erkannte, welches Talent er an ihr hatte. Die Zeit war hart, die Hubschrauber kamen meist nachts gegen 2 Uhr von den Einsätzen zurück und mussten sofort kontrolliert werden. Trotz Schlafmangels musste sie frühmorgens wieder bei der Staffel sein. Acht Monate lang schuftete sie sich während des prestigeträchtigen Kurses ab. Oft ging sie bis an ihre Grenzen und darüber hinaus. «Wenn ein Hubschrauber in einem feindlichen Gebiet landen muss, ist der Fluggerätmechaniker als Teil der Besatzung gezwungen, sich im Gelände zurechtzufinden, zu überleben und manchmal auch zu kämpfen», erklärt sie. Sie schaffte es und wollte, bevor sie den neuen Dienst antrat, ein paar Tage daheim geniessen.
Doch dann kam der 7. Oktober.
Sofort kehrte sie an den Stützpunkt zurück und blieb dort einen ganzen Monat. Sie wird gefragt, wie sie sich fühlte, als ihre Mitbürger im Ort über das Massaker jubelten. «Es ist enttäuschend. Denn wenn hier eine Rakete einschlägt, macht sie keinen Unterschied zwischen Arabern und Juden. Sie tötet alle. Ich wünschte, sie würden das verstehen. Aber leider ist das nicht der Fall.» Einige Mitglieder ihrer Grossfamilie warfen ihr vor, einen Kampfjet zu betreuen, der Araber angreift. Sie hat ihnen geantwortet, dass es ihr lieber ist, wenn ein Haus in Gaza getroffen wird, das voller Raketen steckt, die auf Israel abgeschossen werden, als dass diese Raketen Häuser in Israel treffen.
Hauptmann B. bedauert, dass so wenige Araber bei der IDF dienen. «Ich glaube, dass sich jeder melden sollte, weil dies das einzige Land Israel ist.»
Bald wird sie an den Evakuierungsoperationen in Gaza teilnehmen. Angst hat sie keine, sie weiss aber um die ständige Gefahr, in der sie bei ihren Einsätzen lebt. Sie weiss auch, was auf sie zukommt, falls sie gefangengenommen wird. Sie ist dreifach gefährdet: Als Soldatin der IAF, als Frau und als Araberin.
Hauptmann B, Kol HaKavod, viel Glück, Erfolg und Genugtuung in deinem Job!
Kategorien:Israel
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