Haftara: Ezechiel 37:1 – 14
4. und 5. Tag des Omerzählens
ב“ה
18./19.Nissan 5874 26.27. April 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 18:36
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:55
Shabbateingang in Zürich: 20:13
Shabbatausgang in Zürich: 21:23
Shabbateingang in Wien: 19:44
Shabbatausgang in Wien: 20:55
Auch dieser Shabbat ist wieder ein besonderer: «Shabbat Chol HaMoed Pessach». Diese Tage kombinieren die Besonderheiten eines Werktags, חול, mit denen eines Feiertags, מועד. Chol HaMoed ist also nichts anderes als ein Zwischenfeiertag. In Israel dauern diese Tage vom 2. bis zum 6. Tag des Pessach-Festes, ausserhalb von Israel vom 3. bis zum 6. Tag.
Fällt Chol HaMoed auf einen Werktag, so dürfen viele Arbeiten und Tätigkeiten, die sonst an Feiertagen strikt verboten sind, ausgeführt werden. Die Geschäfte dürfen geöffnet sein, das Nutzen von Strom ist erlaubt, man darf Autofahren und kochen.
Man darf sich auch verloben und die Verlobung entsprechend feiern, geheiratet wird aber nicht an diesen Tagen.
Was am Shabbat verpönt ist, ist an Chol HaMoed erlaubt. Man darf eine Person, die dringend ein Einkommen braucht, mit der Durchführung der Arbeiten betrauen, die man selbst vermeiden sollte…
In Israel unternehmen an diesen Zwischenfeiertagen Familien gerne Ausflüge. Parks und Strände sind voll, überall wird gegrillt, der Eintritt in Zoos und Museen ist in der Regel kostenlos. Kurz, die Zwischenfeiertage sind endlich eine Gelegenheit, einen Feiertag wirklich mit freudvollen Aktivitäten zu begehen, ohne durch die zahlreichen sonst üblichen Vorschriften eingeschränkt zu sein.
Natürlich gelten für den Shabbat, wie den dieser Woche, uneingeschränkt die Shabbatgebote.
Das Omerzählen ספירת העומר geht zurück auf die Zeit, als der Jahresablauf und einige Feiertage sich dem Kreislauf der Landwirtschaft anpasste. Am zweiten Tag des Pessach-Festes beginnen wir mit dem Zählen, das 49 Tage später am Vorabend von Shawuot endet. Shawuot kann man als das jüdische Erntedankfest bezeichnen. Entsprechend sind auch die Synagogen geschmückt, in Kibbuzim, die noch landwirtschaftlich geprägt sind, finden festlich-fröhliche Umzüge statt. Die Zeit des Omerzählens ist aber auch, und das ist die andere Seite, geprägt von zahlreichen historischen Katastrophen, wie dem Aufstand im Warschauer Ghetto, dem Tod zahlreicher Schüler von Rabbi Akiwa während des Bar-Kochba Aufstandes oder den zahlreichen Pogromen während der Kreuzzüge. Es gibt eine Ausnahme: Am 33. Omer-Tag, dem 18. Ijar, endete das Sterben der Schüler von Rabbi Akiwa, das durch eine Epidemie ausgelöst worden war. Ein Tag grosser Freude, überall werden Lagerfeuer angezündet, Picknick veranstaltet und es ist der Tag, an dem zahlreiche Hochzeiten stattfinden.
Viel wichtiger aber ist der zweite Hintergrund des Festes. Gott wollte uns am 6. Siwan, heuer der 12. Juni, die Torah schenken. Jedoch schlief das jüdische Volk und er musste es erst aufwecken. Aus diesem Grund bleibt man heute noch in der Nacht zuvor wach und liest ausgewählte Texte aus der Torah und anderen Büchern. Die Juden, die an diesem Tag am Berg Sinai die Torah erhielten, bestätigten erneut ihren Bund mit Gott. «Alles was der Herr uns gesagt hat, werden wir tun und wir werden hören.» Warum diese seltsame Reihenfolge? Rabbi Sacks gibt uns eine gute Erklärung: «Alles was der Herr uns gesagt hat, werden wir tun und wir werden gehorchen.»

Die Haftara des heutigen Schabbats schildert den Traum der ‘vertrockneten Gebeine’ des Propheten. Wir haben an anderer Stelle schon gelesen, dass er den Wiederaufbau Jerusalems prophezeit hat. Heute lesen wir nun einen zunächst verstörenden Text, der uns in ein Tal voller Knochen führt. Gott selbst stellte den Propheten mitten hinein in dieses Gräberfeld.
Wessen Knochen befinden sich dort? In Sanhedrin 92 b wird uns eine Antwort von Rashi (1040 – 1105), dem grossartigen Kommentator des Talmuds gegeben: «Das waren die Nachkommen Ephraims [eines Sohnes von Josef], die den Zeitpunkt des Endes der Versklavung und der Erlösung aus Ägypten berechneten und sich in ihrer Berechnung irrten. Sie zogen vor der festgesetzten Zeit aus und wurden von den Männern von Gat getötet.» Gat lag zwischen Ashdod und Gaza im Land der Philister.
Einen kleiner, aber bedeutender Hinweis auf die Person von Ezechiel, steht in Vers 37:2: «Er führte mich an ihnen rings umher.» Der Prophet selbst hat sich immer als der Priesterkaste, den Kohanim, zugehörig identifiziert. Deshalb durfte er auch nicht, wie in Vers 37:1 geschrieben «mitten in das Tal, das voller Knochen war» gestellt werden.
Gott stellt die Frage an den Propheten: «Menschensohn, können diese Knochen aufleben?», eine Frage, die nur Gott selbst beantworten kann und die, das ist einfach zu entlarven, eine Suggestivfrage darstellt. Ezechiel antwortet diplomatisch: «Herr, oh Gott, du weisst es!»
Man kann sich gut vorstellen, wie gespannt er jetzt bereits ist, wie Gott diese Situation weiterführen wird. Gott leitet den Propheten an, aus den Gebeinen, die bereits völlig verdorrt waren, wie es heisst, langsam wieder lebendige Menschen zu formen. Ein unglaubliches Vorgehen! Nur Gott allein ist der, der es vermag, Menschen zu formen und, wie wir es in den nächsten Versen lesen, ihnen Leben einzuhauchen.
Erinnern wir uns an die Berichte, wie Gott in sechs Tagen die Welt erschuf und uns am siebten Tag den Shabbat schenkte. Dort heisst es: «… und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.» (Gen.1:2) und wenig später: «Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.» (Gen. 2:7) Hier in der Haftara heisst es in Vers 9: «Aus den vier Winden komme, oh Geist, und blase diese Getöteten an, so dass sie leben.» Ezechiel erzählt uns weiter sein Traumbild: «… da fuhr der Geist in sie und sie lebten, sie standen auf ihren Füssen, ein überaus grosses Heer.» Warum sieht Ezechiel in denen, die bei ihrem verfrühten Auszug aus Ägypten so schmählich Geschlagenen ein Heer?
Gott gibt uns die Antwort: «Menschensohn, diese Knochen sind das gesamte Haus Israel.» Gott nimmt ihnen ihre Angst, vor ihm versagt zu haben, weil sie voreilig, ohne auf ihn zu hören, aus der Knechtschaft davongelaufen sind und verspricht ihnen: «Ich gebe euch meinen Geist, so dass ihr lebt und schaffe euch euren Boden.»
Was Ezechiel in diesem lebendigen Traum sah, kann in einem Satz zusammengefasst werden. «Die Hoffnung stirbt zuletzt!» Die Hoffnung und das Vertrauen, dass Gott, auch in Zeiten tiefster Verzweiflung über uns wacht, uns die Kraft gibt, weiterzuleben, auch wenn wir glauben, völlig am Ende zu sein.
Aus dem dunklen Bild, das am Anfang der Haftara steht, wurde am Ende ein helles, leuchtendes.
So dürfen wir die letzten Tage des Pessach-Festes geniessen, in der Hoffnung, dass auch für die, die immer noch in tiefster Verzweiflung und Angst in den Tunnels und Gefängnissen von Gaza leben, Gottes Allmacht spürbar bleibt.
Shabbat Shalom, Chag Pessach sameach!
Kategorien:Israel
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