Kedoschim, Wajira 19:1 – 20:27

Haftara: Ezechiel 20:2 – 20

18. und 19. Tag des Omerzählens

ב“ה

2./3. Ijar 5784                                                                    10./11. Mai 2024   

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          18:46

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:06

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:32

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:46

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:03

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:18

קְדֹשִׁים תִּהְיוּ, ihr werdet heilig sein! Diese Aufforderung lesen wir im zweiten Vers des Torah- Abschnitts in dieser Woche. Nicht ihr seid heilig, oh nein, davon ist das Volk Israel noch immer weit entfernt, sondern «ihr werdet heilig sein!» So, wie man zu einem bockigen Kind sagt, bevor man zu einem schwierigen Familienbesuch aufbricht. «Und du wirst dich bitte benehmen!», meist gefolgt von einer Drohung: Sonst! Der Ausdruck einer starken Erwartungshaltung.

Ebenfalls im zweiten Vers lesen wir: «Ich der Herr, euer Gott, ich bin heilig!». In fünf von 37 Versen endet dieser mit den Worten «Ich bin der Herr, euer Gott», in weiteren acht lautet der Schluss «Ich bin der Herr». Gott hat berechtigterweise kein Problem damit, sich selbst so zu definieren und damit klar zum Ausdruck zu bringen, welch dramatisch Unterschied zwischen ihm und uns besteht.

Was bedeutet es ‘heilig’ zu sein? Man findet das Wort im Zusammenhang mit ganz sein, vollständig, unversehrt, es gibt das Gegensatzpaar Heil = Glück und Unheil = Unglück. Wer von uns wurde nicht als Kind mit dem Lied: «Heile, heile Gänschen. Es ist bald wieder gut…» getröstet. Obwohl ich zugeben muss, ich habe den Zusammenhang nie erkannt, aber egal, das Lied hat nie seine Wirkung verpasst.

‘Heilwerden’ kann der Mensch an Leib und Seele. Zumeist mit Hilfe eines ‘Heilkundigen’ oder auch durch ‘Selbstheilung’, die ein ansonsten gesunder Körper oder eine nicht zu schwer traumatisierte Seele ganz allein leisten kann.

Ist es das, was Gott meint, wenn er Moses mitteilt, dass das Volk Israel heilig, also unversehrt und gesund sein wird? Im fünften Buch Moses, 7:6 finden wir den entscheidenden Hinweis: «Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist.» Aus diesem Satz dürfen wir lesen, dass dort, wo Gott weilt, Heiligkeit ist.

Das bedeutet aber nicht, dass wir automatisch durch die Präsenz Gottes heilig werden. Wieder kommt massgeblich ein Element dazu, das Gott uns gegeben hat. Die Fähigkeit zu wählen und zwischen zwei Dingen zu entscheiden.

Erstmals haben wir im ersten Buch Moses 2:3 gelesenen, dass Gott den Schabbat, den siebenten Tag geheiligt hat. Diesen Tag beginnen wir am Freitagabend daheim mit dem Kiddusch. Im Wort Kiddusch steckt die Wurzel קדוש , heilig. Wir haben die Wahl, halten wir den Schabbat und erfüllen damit Gottes Gebot, so tragen wir einen Teil dazu bei, Heiligkeit zu empfangen. Tun wir das nicht, so nehmen wir Gott die Chance, uns an seiner Heiligkeit teilhaben zu lassen. Dies ist die Heiligkeit der Zeit.

An anderer Stelle als Moses sich dem brennenden Dornbusch (Ex. 3:1ff) zuwendet, in dem sich Gott vor seinen Augen verbirgt, lernen wir, dass auch Orte heilig sein können. Moses muss die Schuhe abstreifen, bevor er sich dem Dornbusch nähert. Gottes Heiligkeit liegt nur dann auf einem Ort solange er, meist als Wolke, präsent ist. Zieht die Wolke weiter, so endet die temporäre Heiligkeit. Berichte darüber lesen wir in allen fünf Büchern Moses.

Erst auf dem Tempelberg befand sich das Heiligtum, unser bis heute einziges, gab es den beständigen heiligen Ort. Es war jener Ort, an dem sich der tatsächliche Tempel mit der Bundeslade befand. Unser Tempel wurde 70 CE zerstört. Wo die Bundeslade genau stand, wissen wir nicht, auch nicht, wo sie sich heute befindet.

Bleibt die Frage, ob es ein «heiliges Volk» gibt. Um es vorwegzunehmen: Das gibt es ebenso wenig, wie es das ‘auserwählte Volk’, im Sinne von bevorzugt oder elitär gibt. Darüber haben wir in der vergangenen Woche gelesen. Die Fähigkeit der freien Entscheidung kann nur ein Individuum haben, nicht aber das Kollektiv eines Volkes. In jedem Volk gibt es sie, die Gesetzestreuen, die Opportunisten und die Quertreiber.  Darin unterscheiden wir Juden uns von keinem anderen Volk.

Ohne die Unterstützung von Gott werden wir es nicht schaffen, uns dem erwünschten Zustand anzunähern. Wir dürfen aber sicher sein, dass jeder ernsthafte Versuch von uns, sich an Gottes Gebote zu halten, auch entsprechend gewürdigt und verstärkt wird.

Niemand, auch Gott nicht, erwartet von uns, dass wir zwar ‘heilige’, aber völlig genussfremde Menschen sind, die verkniffen durchs Leben gehen. Es geht darum, den guten Mittelweg zu finden.

In der Haftara dieser Woche beschäftigt sich der Prophet Ezechiel mit den Treulosigkeiten Israels. Einige der Ältesten kamen als Abgesandte zum Propheten, um durch ihn Gott zu befragen. Gott aber weigerte sich und forderte den Propheten auf, statt ihm das Gericht über die Israeliten zu halten und ihnen die Sünden und Gräueltaten ihrer Väter vorzuhalten. 

Gott brachte ihm in Erinnerung, dass er einst in Ägypten mit ‘dem Haus Jakob’ einen Vertrag abgeschlossen hatte und mit einem Schwur und Versprechen: «Ich bin Gott, euer Gott.» besiegelt hatte. «Ich versprach ihnen das Land, in dem Milch und Honig fliesst.» Es gab nur eine Gegenleistung, die Gott damals gefordert hatte, das Ende des Götzendienstes und die Anerkennung, dass er, nur er, der wahre und einzige Gott der Israeliten war. Doch diese weigerten sich, sich von den Götzenbildern zu trennen.

Gott führte sie in die Wüste und schenkte ihnen seine Gesetze und seine Rechtsvorschriften und später auch die Torah. Es sollten Lehrstunden werden für die Israeliten. Doch statt sie dankbar anzunehmen und glücklich zu sein, aus dem schweren Los der Knechtschaft in Ägypten befreit worden zu sein, sündigten sie erneut gegen ihn und leisteten immer und immer Widerstand.

Erneut dachte Gott daran, sie in der Wüste zu vernichten. Erneut sah er davon ab. «Jedoch tat ich es um meines Namens, ihn nicht vor den Augen der Völker zu entweihen, vor deren Augen ich sie herausgeführt hatte.» (20:9 und 20:14)

Was er allerdings als Strafe ansetzte, war, dass sie für 40 Jahre in der Wüste bleiben mussten, und nicht auf dem kürzesten Weg ihr Ziel erreichen konnten.

Ein drittes Mal plante Gott, das undankbare und ungehorsame Volk zu vernichten. Doch statt sie zu vernichten, verschonte er sie und gab ihnen noch einmal zu bedenken, sie sollten sich nicht länger an den Gesetzen ihrer Väter orientieren und nicht länger den Götzen anhängen. Seine Gesetze und Rechtsordnungen aber sollten sie einhalten. Besonders hervor hob er den Schabbat, der als Zeichen galt, für den Bund zwischen ihm und dem Volk Israel.

Der Zusammenhang zwischen dem Torah-Abschnitt und der Haftara ist offensichtlich. Wir sind weit davon entfernt, ein ‘heiliges Volk’ zu sein und genauso weit davon entfernt, ein ‘auserwähltes Volk’ zu sein. Wir müssen Tag für Tag kämpfen, um den Anforderungen Gottes gerecht zu werden.

Dass wir dabei auf unsere mehr als 5.000 Jahre reichende Geschichte zurückschauen und daraus Lehren ziehen können, ist es, was uns hilft, diesen schwierigen Kampf zu bestehen.

Shabbat Shalom



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