Krieg in Israel – Tag 223

8. Ijar 5784

Fünf Soldaten wurden gestern in einem tragischen Vorfall, der euphemistisch als ‘friendly fire’ bezeichnet wird, getötet. Es sind dies: Cpt. Roy Beit Yaakov, 22, Staff Sgt. Gilad Arye Boim, 22, Sgt. Daniel Chemu, 20, Sgt. Ilan Cohen, 20 und Staff Sgt. Betzlel David Shashuah, 21, s’’l. Sieben weitere Soldaten wurden bei diesem Vorfall verletzt. Nach ersten Untersuchungsergebnissen beschoss ein Panzer ein Gebäude, in dem sie sich befanden, mit Granaten. Die Panzer hatten einige Stunden zuvor das Lager in Jabaliya erreicht. Die Fallschirmspringer erreichten das Gebiet kurz darauf und waren dabei, einen Posten im Gebäude einzurichten. Zuvor hatten sie die Panzertruppen über ihre Anwesenheit informiert. Als später von den Panzertruppen ein Geschützrohr in einem Fenster entdeckt wurde, glaubten sie, dass sich dort Terroristen aufhielten und eröffneten das Feuer. Der Vorfall wird derzeit noch von der IDF untersucht. Dieser schreckliche Irrtum, der zum Tod von fünf Soldaten führte, ist der bisher letzte in einer langen Reihe von ähnlichen Fehlentscheidungen, durch die seit Beginn der Bodenoffensive mehr als 50 Soldaten ihr Leben verloren.

Gestern Abend wandte sich VM Yoav Gallant in ungewohnt direkter Art gegen Netanyahu. Während einer Fernsehansprache forderte er, Netanyahu müsse ‘harte’ Entscheidungen treffen, «… um eine Regierung im Gazastreifen für den ‘Tag danach’ voranzutreiben, unabhängig von den persönlichen oder politischen Kosten. Diese werden die Errungenschaften des Krieges zunichte machen. Die langfristige Sicherheit steht auf dem Spiel. Die Verwaltung darf keinesfalls aus Hamas-Terroristen bestehen.» Er werde keiner israelischen Beteiligung, weder aus dem zivilen noch dem militärischen Sektor, an der Verwaltung zustimmen. Gallant verlangte von Netanyahu, dass er in einer klaren öffentlichen Botschaft eine solche Beteiligung absolut ausschliessen muss und 

präzisierte seine Bedenken: «Solange die Hamas die Kontrolle über das zivile Leben in Gaza behält, wird sie sich möglicherweise wieder aufbauen und formieren, was die Rückkehr der IDF und den Kampf in Gebieten, in denen sie bereits operiert hat, erfordern wird. Wir müssen die Regierungsfähigkeiten der Hamas in Gaza abbauen. Der Schlüssel zu diesem Ziel sind militärische Massnahmen und die Schaffung einer alternativen Regierung in Gaza.» Wie recht er mit seinen Bedenken hat, zeigt, dass die IDF gezwungen ist, erneut in bereits entmilitarisierte Regionen zurückzukehrenund dort erneut den Kampf aufzunehmen.

Gallant beklagte, dass er seit Oktober das Thema des ‘Tag danach’ im Sicherheitskabinett angeschnitten hat, es aber nie diskutiert wurde und keine Alternative zur Idee von Netanyahu zur Sprache kam. «Unentschlossenheit ist im Wesentlichen auch eine Entscheidung. Dies führt zu einem gefährlichen Kurs, der die Idee einer israelischen militärischen und zivilen Regierung in Gaza fördert. Dies ist eine negative und gefährliche Option für den Staat Israel – strategisch, militärisch und aus Sicherheitsgründen.»

Während in Israel polit-intern noch die Unentschlossenheit über den ‘Tag danach’ herrscht, hat Hamas-Anführer Ismail Haniyeh seinen Standpunkt klar gemacht: «Die Hamas existiert, um zu bleiben. Die Bewegung (Hamas) wird zusammen mit allen nationalen Fraktionen über die Verwaltung des Gazastreifens nach dem Krieg entscheiden.»

Die Reaktion der restlichen Koalition erfolgte unmittelbar nach der Ausstrahlung. Netanyahu wurde bedrängt, VM Gallant nun endgültig zu entlassen. Bereits im März 23 hatte Netanyahu ihm seine Entlassung mitgeteilt, diese allerdings nie wirksam werden lassen. Damals hatte sich Gallant gegen die geplante Abschaffung der Gewaltenteilung ausgesprochen, die er als ‘unmittelbare Gefahr für die Sicherheit Israels’ ansah.

Politische Beobachter bezeichnen die gestrige Rede von Gallant als ‘politische Bombe’, deren Folge in den kommenden Wochen deutlich zu spüren sein wird.

Heute morgen um 07:40 wurde der temporäre Landesteg unmittelbar vor der Küste von Gaza verankert. Damit ist die Arbeit des US-amerikanischen Militärs, das zu keiner Zeit den Gazastreifen betreten hat, beendet. «Es wird erwartet, dass hier in den kommenden Tagen Lastwagen mit humanitärer Hilfe an Land gehen werden. Die Vereinten Nationen werden die Hilfsgüter entgegennehmen und ihre Verteilung im Gazastreifen koordinieren.» Unklar ist, welche Organisation der UNO die Koordination übernehmen wird. Für die Sicherheit der Anlage wird die IDF verantwortlich sein, aber auch zwei US-amerikanische Kriegsschiffe. Die USS Arleigh Burke und die USS Paul Ignatius werden in der Nähe des Gebietes kreuzen. Die beiden Zerstörer haben geeignete Waffen an Bord, um die US-amerikanischen Truppen vor der Küste und die Verbündeten an Land zu schützen. Die ersten Lieferungen werden in den kommenden Tagen erwartet.

VM Yoav Gallant besuchte gestern in Rafah das Hauptquartier der dort operierenden  162. Division und liess sich vom Kommandanten und hochrangigen Offizieren über den Verlauf und Stand der Operation informieren. Gallant kündigte an, dass weitere Truppen nach Rafah verlegt werden. Er zeigte sich sehr zufrieden mit der bisherigen Arbeit der IDF, kündigte aber gleichzeitig an, dass die Aktivitäten sich weiter verstärken werden.

Die Zahl der LKW-Lieferungen mit humanitären Hilfsgütern aus dem Gebiet von Judäa und Samaria hat in den letzten Tagen deutlich zugenommen. Die Konvois nehmen dabei die Route vom Kontrollpunkt Takumiya nach Kerem Shalom. Immer wieder kam es zu Versuchen von rechten Aktivisten, die LKWs an der Weiterfahrt zu hindern. Die Waren werden aus Lagerhäusern in Hebron auf palästinensische Fahrzeuge geladen und erst am Kontrollpunkt auf israelische LKWs umgeladen. Teilweise wurden einzelne Strassenabschnitte von der Polizei gesperrt, um die Transporte ungehindert passieren zu lassen.

Gestern griffen rechte Aktivisten einen palästinensischen LKW-Fahrer in der Nähe von Givat Asaf an und verletzten ihn mit einem Steinwurf am Kopf. Der Grund für den Angriff war, dass sie glaubten, er würde Hilfsgüter für Gaza transportieren. Nicht nur, dass der Mann mittelschwer verletzt wurde, sie plünderten den LKW, liessen die Luft aus den Reifen, demontierten sie und zündeten sie schliesslich auf der Strasse an. Waseem al-Jabari, Leiter der ‘Hebron Food trade Association’ warnte, dass die Transporte sofort wieder eingestellt werden, falls es weiterhin zu solchen erschreckenden terroristischen Vorfällen kommt. Hoffentlich können die Rechtsradikalen auf Grund der Überwachungskameras identifiziert und festgenommen werden!

In der vergangenen Stunde wurden mehr als 60 (!) Raketen von der Hisbollah, die auch die Verantwortung übernahm, auf israelisches Gebiet abgeschossen. Das Ziel des Angriffs waren drei Militärbasen auf dem Golan. Die IDF bestätigte, dass mehr als 40 Raketen auf israelischem Gebiet niedergegangen seien. Der Beschuss war die Antwort auf die gestern von der IAF geflogenen Angriffe auf terroristische Ziele der Hisbollah. Zuvor hatte eine mit Sprengstoff beladene Drohnen eine wichtige Einrichtung der IDF nahe der ‘Golani Kreuzung’ zwischen Tiberias und Nazareth beschädigt. Eine zweite Drohne konnte von der IDF abgefangen werden. Bei einem erneuten Raketenangriff auf den westlichen Galil am späten Nachmittag gab es zumindest einen Einschlag. Bisher gab es noch keine Berichte über Schäden oder Verletzte. Kurz zuvor waren drei Soldaten in der Grenzstadt zum Libanon, Metula, bei der Explosion einer mit Sprengstoff beladenen Drohne verletzt worden.



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