Haftara: Ezechiel 44:15 – 31
24. und 25. Tag des Omerzählens
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9./10. Ijar 5784 17./18. Mai 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 18:51
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:12
Shabbateingang in Zürich: 21:57
Shabbatausgang in Zürich: 19:26
Shabbateingang in Wien: 20:12
Shabbatausgang in Wien: 21:30

Das gesamte 3. Buch Moses, Wajikra, hat uns bisher mit allen nur denkbaren Gesetzen und Vorschriften vertraut gemacht. Diese Vorschriften betrafen immer das ganze Volk Israel und zeigten ihm einen Weg auf, wie es die von Gott geforderte ‚Heiligkeit‘ erreichen kann. In der letzten Woche haben wir in Kedoshim 19:2 gelesen: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, Gott, euer Gott.“ Heute lesen wir zunächst, welche besonderen Vorschriften es für die Priester gibt. Es gibt keinen Tempel mehr und daher sind die meisten der hier genannten Vorschriften obsolet. Nur einige, vor allem im Zusammenhang mit Eheschliessung und Tod, gelten heute noch für die Kohanim.
Der Torah-Abschnitt dieser Woche beinhaltet die wohl am häufigsten zitierte Textstelle aus der Torah Waj. 24:19 – 20: „Wenn jemand seinen Nächsten verletzt, so soll, wie er getan hat, auch ihm getan werden. Bruch zum Ersatz eines Bruches, Zahn zum Ersatz eines Zahnes, Auge zum Ersatz eines Auges.“ Er soll im Wert der Verletzung seine Tat büssen.
Für Torah-Gelehrte und Laien, die sich ausführlich mit den Texten der Torah auseinandergesetzt haben, stellt diese Textstelle kein Problem dar. Wohl aber für Antisemiten. Sie sehen darin den Beweis, ja die Grundlage dafür, dass wir ein aggressives und brutales Volk sind. Aber damit wird der Text völlig missinterpretiert.
Sogar die moderne Rechtsprechung kennt heute noch das ‘lex talionis’. Ähnliche Gesetze findet man bereits in der Antike. Der ‘Codex ešnunna’ (um 1920 BCE Mesopotamien) regelte schon fein abgestuft Geldstrafen für verschiedene Körperverletzungen. Auch der ‘Codex Hammurapi’ (Babylon um 1750 BCE) kannte diese abgestuften Strafen. Dieser Kodex kann als Grundlage für das heute noch aktuelle ‘Talionsprinzip’ angesehen werden.
Diese Rechtsvorschrift ist eine ausgesprochen gerechte, sie unterscheidet nicht zwischen sozialen Schichten und nicht zwischen den Geschlechtern. Was heute selbstverständlich ist oder zumindest sein sollte, «Gleiches Recht für alle», muss in der Antike revolutionär gewesen sein. Niemand soll übervorteilt werden. Schaden und Strafe müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Es muss verhindert werden, dass eine Seite einen finanziellen Vorteil ziehen kann.
Doch auch, wenn diese uralte Rechtsvorschrift darauf abzielt, jeden vor dem Gesetz gleichwertig zu behandeln, so müssen wir doch auch heute feststellen, dass es sehr schwer ist, dies auch immer umzusetzen.
Wer den besseren Rechtsanwalt hat, hat die besseren Chancen auf eine strafmildernde Verteidigung. Ungerecht, aber so ist es!
Die heutige Haftara des Propheten Ezechiel geht mit keinem einzigen Satz auf die so bedeutende Vorschrift zur Rechtsprechung ein. Der Prophet, der den Untergang und den Wiederaufstieg Jerusalems mit so lebendigen Visionen vorhersagte, bleibt in dieser Haftara eng an den Vorschriften für die Priester.
Warum tut er das? Ist ihm das Weltliche fremder und unbedeutender als das Geistige, Gott-zugewandte? Liest man den Text genau und Wort für Wort, so ist man geneigt, eine Detailverliebtheit zu vermuten. Er beschreibt genau, wie der Haarschnitt der Priester auszusehen hat und bis zu welchem Punkt des Unterarms die Ärmel des prachtvollen Gewandes reichen müssen.
Mit der etwas flapsigen heutigen Sprache könnte man sagen: Who cares? Hauptsache, der Haarschnitt ist ordentlich und das Gewand sorgfältig gearbeitet.
Doch warum umgeht er grossräumig die wichtigsten Verse, die erstmals für alle Israeliten und heute sogar für alle Menschen in demokratischen Rechtssystemen gelten?
Vielleicht spürt er, dass die Zeit der grossen Propheten bald vorbei sein wird, dass Gott sein Volk in die Eigenverantwortung entlassen wird. Durch die Verschleppung ins Exil nach Babylon, die auch Ezechiel betraf, musste er sich physisch von Jerusalem lösen. Aufgrund der auch für ihn geltenden räumlichen Trennung von Jerusalem verschob sich sein Blickwinkel weg vom Tempeldienst und hin zum Umgang mit den Mitmenschen.
Ich erkenne in diesem Text das langsame Verabschieden von Altvertrautem, dass er noch einmal Revue passieren lässt, was bisher das Zentrum des religiösen Kultes war. Doch noch traute er sich nicht, das Neue, das mehr der säkularen Welt zugewandte zu akzeptieren.
Der langsame Prozess der Transition, an dem uns Ezechiel teilnehmen lässt, ist für mich einer der spannendsten der Prophetenbücher.
Vielleicht ist es opportun, uns Zeit zu nehmen und uns einmal in die nicht gesagten Worte des Propheten zu vertiefen.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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