5. Siwan 5784
Im Wall Street Journal wurden heute Nachrichten veröffentlicht, die Hamas-Führer Yahya Sinwar im Laufe des Krieges als Durchhalteparolen verkündet hat. Immer wieder hatte er betont, dass seine ablehnende Haltung gegenüber allen bisherigen Vorschlägen reines Kalkül ist. Je länger der Kampf dauert und je mehr tote Zivilisten es gibt, desto positiver ist die Auswirkung für die Hamas.

Als es vor einigen Wochen soweit war, dass eine nahezu unterschriftsreife Vereinbarung zwischen der Hamas und ägyptischen sowie katarischen Mediatoren ausgehandelt wurde, stoppte er die Hamas-Vertreter: «Wir haben die Israelis genau da, wo wir sie haben wollen.» Übersetzt hiess das, dass Israel jetzt zu grösseren Zugeständnissen bereit sein werde. Ein Kalkül, das bisher nicht aufging. Geboren wurde er 1962 im Flüchtlingslager Khan Younis. Seine Familie stammt aus Ashkelon, von wo sie 1948 nach Gaza floh. Seinen Bachelor in Arabistik erwarb er an der Islamischen Universität in Gaza.
Ein Grossteil seines Lebens war geprägt vom Kampf, erst gegen die Besatzungsmacht Ägypten und dann immer wieder gegen das verhasste Israel. Das Israel, das in seinen Augen keinerlei Existenzrecht hat.
Wann immer er sich in die Enge gedrückt sieht, reagiert er mit Gewalt. Er ist überzeugt, dass Israel im Krieg mehr zu verlieren hat, als die Hamas. Das stimmt, Israel muss sich permanent rechtfertigen. Immer wieder steht der Vorwurf des Genozids an der palästinensischen Zivilbevölkerung im Raum. Kein Vorwurf geht an die Hamas, dass sie grausam 1300 Zivilisten und Sicherheitskräfte während des Massakers ermordet haben. Dass bereits einige Hundert Israelis Opfer des palästinensischen Terrors wurden. Dass der Genozid an den Juden in der ersten Charta der Hamas festgeschrieben war und erst 2015 daraus entfernt wurde.
Schon vor einem Jahr hatte er in Gaza aufgerufen: «Jeder, der eine Waffe besitzt, sollte sie vorbereiten. Wer keine Waffe hat, nimmt sein Schlachtmesser, seine Axt.» Nur wenige kannten seinen Plan, Israel im eigenen Land brutal anzugreifen. Sein Ziel war es, alle Menschen in Israel entweder zu töten oder zu vertreiben.
Er spricht perfekt Hebräisch, wie freigelassene Geiseln berichteten, die er in einem Tunnel besucht hat. Er kennt ganze Kapitel der Torah auswendig. Er möchte im Original lesen und verstehen, ob und wann Israel zerstört werden wird. Dieses gemeinsame Ziel, die Vernichtung Israels und der Genozid an Juden weltweit, bringt ihn in die Nähe des Irans.

Der israelische TV-Journalist, Ehud Yaari, hat Sinwar viermal interviewt, während er seine Haftstrafe im Gefängnis in Israel absass. 12 Palästinenser hatte er eigenhändig ermordet und war vom Gericht zu 400 Jahren (!) Haftstrafe verurteilt worden. 2011 kam er im Zuge des Austausches von Gilad Shalit gegen mehr als 1.000 (!) palästinensische Gefangene in Israel frei. Yaari bezeichnet ihn als «skrupellos, hinterlistig, schlau und intelligent. Meiner Meinung nach ist er ein Psychopath mit Borderline-Syndrom, der Menschen, hauptsächlich Palästinenser, mit eigenen Händen stranguliert und getötet hat.»
Die von der angeblichen ‘Gesundheitsbehörde’ täglich veröffentlichte nahezu linear ansteigende Zahl von zivilen Opfern bezeichnet er als «notwendige Opfer». Dabei kann niemand verifizieren, a.) ob die Zahlen überhaupt stimmen und b.) wie viele davon tatsächlich Zivilisten sind. Die Frage dabei ist, ob ein 18 Jahre alter Teenager, der Kurierdienste zwischen Hamas-Stützpunkten übernimmt, ein minderjähriger Zivilist ist, wie es die offizielle Zuordnung ist, oder als junger Erwachsener ein aktiver Kämpfer.
Rafah, die letzte Hochburg der palästinensischen Terror-Organisation Hamas und des palästinensisch-islamischen Djihad, ist, davon geht Israel aus, der Ort, an dem sich der Krieg möglicherweise entscheiden wird. Zwischen vier und sechs Bataillone der Terroristen werden hier vermutet. Zum Beginn der Rafah Boden-Offensive, die auf Druck des US-Präsidenten beschränkt wurde, kündigte Sinwar an: «Israels Reise nach Rafah wird kein Spaziergang sein.»
Sinwars impliziertes Kriegsziel ist es, einen dauerhaften Waffenstillstand und einen historischen Sieg zu erringen: Israel zu besiegen und weiterhin den Gazastreifen zu beherrschen. Darin ist er Netanyahu gar nicht so unähnlich. Beide wollen den Feind endgültig ausmerzen und das Land des anderen beherrschen. Sinwar nennt es einen ‘historischen Sieg’, bei Netanyahu heisst er ’absoluter Sieg’. Kommt es tatsächlich zu einer von den rechtsextrem-nationalistischen Koalitionspartnern von Netanyahu geforderten Besetzung und Wiederbesiedlung des Gazastreifens, so müsste Israel mit einem jahrelangen, erbitterten Aufstand durch die Hamas rechnen. «Für Netanjahu wäre ein Sieg noch schlimmer als eine Niederlage», orakelte Sinwar bereits 2018. Schon dieser mit sieben Monaten längste Krieg nach dem Unabhängigkeitskrieg forderte viel zu viele israelische Soldaten das Leben.

Zeitweilig schien es so, als könnte es ein vorsichtiges Annähern aneinander geben. 2021 brachen, u.a. ausgelöst durch eine aberwitzige Provokation der arabischen Bevölkerung durch den damaligen MK Itamar Ben-Gvir, alle leisen Hoffnungen zusammen. Der hatte im arabischen Viertel ‘Sheikh Jarrah’ in Ostjerusalem sein ‘Büro’ aufgeschlagen, um die Siedler, die Anspruch auf das Gebiet erheben, zu unterstützen. Netanyahu war besorgt, dass diese Provokation die angespannte Situation zum Eskalieren bringen könnte. In der darauffolgenden Operation ‘Wächter der Mauern’ starben vom 6. bis 21. Mai auf israelischer Seite 16 Zivilisten und ein Soldat. In Gaza wurden 256 Menschen, davon angeblich 128 Zivilisten, getötet. Der Sachschaden durch die IAF in Gaza war enorm, Netanyahu war sicher, Sinwar für lange Zeit ruhig gestellt zu haben. Dass er sich getäuscht hat, zeigt der 7. Oktober 2023.

Was die Unterstützung durch den Iran angeht, so wurde Sinwar enttäuscht. Bei einem Besuch von Hamas-Chef Ismail Haniyeh und seinem Stellvertreter Saleh al-Arouri mit Ayatollah Ali Khamenei mussten sie erfahren, dass «Teheran die Hamas unterstützen, sich aber nicht in den Konflikt einmischen werde.»
Sinwar scheint innerhalb der Terror-Organisation immer mehr isoliert zu werden. Als Haniyeh begann mit anderen Terror-Organisation über eine mögliche Versöhnung mit Israel und Nachkriegspläne zu fabulieren, wurde er zu keinem Gespräch eingeladen. Dieses Verhalten bezeichnet Sinwar als ‘beschämend und empörend’. Noch zeigt er sich ungebrochen: «Solange die Kämpfer noch stehen und wir den Krieg noch nicht verloren haben, sollten solche Kontakte sofort abgebrochen werden“, sagte er. „Wir sind in der Lage, monatelang weiterzukämpfen.»
Bleibt ihm noch die Hoffnung auf Hilfe durch die Muslim-Bruderschaft. Wer aber ist die Muslim-Bruderschaft? Um es auf einen Punkt zu bringen: Die Hamas ist die gazanische Gruppe der Muslim-Bruderschaft, eine terroristische Miliz und Sinwar ist ihr Chef-Henker.



Der letzte Kalif der Türkei, Abdülmecid II, wurde am 11. März 1924 abgesetzt und mitsamt der Familie der seit 1517 herrschenden Osmanen in die Schweiz ins Exil geschickt. Kemal Atatürk hatte beschlossen, aus dem Kalifat eine Republik zu machen. Er hatte die Vision, den islamischen Staat fit für das moderne Europa zu machen. Der jetzige Präsident Recep Tayyip Erdogan träumt wieder von einem neuen Kalifat.
Die Türkei hat seit dem Untergang des osmanischen Reiches ihren zentralen Stellenwert innerhalb der muslimischen Welt verloren. Die politisch-gesellschaftliche Bedeutung des Islam weltweit begann zu sinken. Seither versuchen islamische Bewegungen wie die Muslimbruderschaft, Hizb ut-Tahrir oder Terrororganisationen wie Hamas, al-Kaida und der IS dieses Vakuum zu füllen. War Abdülmecid II ein hochgebildeter, kosmopolitisch denkender Mensch, so sind die Vertreter der sich seit einigen Jahrzehnten in Position bringenden Organisationen Kriegstreiber und Terroristen. Teilweise ebenfalls hochgebildet, gefährliche Demagogen im feinsten Zwirn mit Hang zum privaten Luxus.

1928 gründete der Volksschullehrer Hasan al-Bannā mit sechs Gleichgesinnten die ‘Muslim-Bruderschaft zur Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und der Unterstützung wohltätiger Aktionen’. Seine Vision für die radikal-islamische Organisation: Antieuropäisch, antikolonialistisch, antisemitisch und antikapitalistisch. Auch die Hamas wurde zunächst als Wohlfahrts-Verein gegründet und von Israel als solche unterstützt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg publizierte al-Bannā eine Eloge auf den ehemaligen Grossmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, mit dem er sich politisch und religiös eng verbunden fühlte. Mohammed Amin al-Husseini, der sich mit seinem Ziel, die Juden zu vernichten mit Adolf Hitler verbündete, wurde Mitglieder der Waffen-SS, mobilisierte Muslims für die Waffen-SS auf dem Balkan und lieferte tausende jüdische Kinder den Nazi-Schergen aus, indem er die möglichen Fluchtwege aus Ost-Europa blockierte. Der Antisemitismus des Muftis hat grossen Einfluss auf die Charta der Hamas.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Spannungen zwischen der Muslim-Bruderschaft und dem ägyptischen Staat immer mehr zu. Hasan al-Bannā wurde am 12. Februar 1949 in Kairo erschossen.

2012 wurde ein Vertreter der Muslim-Bruderschaft, Mohammed Mursi, bei den ersten und bisher einzigen freien Wahlen zum ägyptischen Staatspräsidenten gewählt. Bereits im Juli 2013 wurde er in einem Militärputsch gestürzt und die Muslimbruderschaft wurde zunächst zur ‘Terrororganisation’ proklamiert und kurz darauf in Ägypten verboten.
Die Muslim-Bruderschaft ist heute in zahlreichen islamischen Staaten aber auch in Europa und in den USA vertreten. Unterstützt werden sie hauptsächlich von der Türkei und von Katar.
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