Krieg in Israel – Tag 254

10. Siwan 5784

Hier die Namen der gestern bei einer Explosion in ihrem Leopard-Panzerfahrzeug verstorbenen Soldaten: Cpt. Wassem Mamoud, 23, Sgt. Eliyahu Moshe Zimbalist, 21, Sgt. Itay Amar, 19, Staff. Sgt. Stanislav Kostarev, 21, Staff. Sgt. Orr Blumovitz, 20, Staff. Sgt. Oz Yeshaya Gruber, 20, und Sgt. Yakir Ya’akov Levi, 21, s’’l. Der Name des achten gefallenen Soldaten wird im Laufe des Tages bekannt gegeben.

Gestern erlag Sgt. Yair Roitman, 19, s’’l, seinen schweren Verletzungen, die er in der vergangenen Woche bei der Explosion einer Mine in einem Gebäude in Rafah erlitten hatte.

Zwei Reservisten, Cpt. (res.) Eitan Koplovich, 28 und Warrant Off. (res.) Elon Weiss, 49, s’’l, wurden getötete, als ihr Panzer unter Beschuss geriet. Zwei weitere Soldaten wurden schwer verletzt.

Regierungsgegner haben zu einer Woche des Protests aufgerufen. Sie hoffen, mehr als eine Million Menschen auf die Strassen zu bringen, um für das Geiselabkommen und für Neuwahlen zu demonstrieren. Derzeit sind die Schnellstrassen von Tel Aviv nach Jerusalem, von Ra’anana nach Tel Aviv und der innerstädtische Ayalon in Tel Aviv blockiert,  ebenso wie zahlreiche stark frequentierte Kreuzungen entlang der Schnellstrassen.

Kairo und Washington üben Druck auf die palästinensische Terror-Organisation Hamas aus, zumindest die erste Phase des von US-Präsident Joe Biden vorgelegten israelischen Vorschlag zum Geiselabkommen anzunehmen.  Dabei sollen sie auf die als ‘geringfügig’ bezeichneten Änderungen verzichten, die für Israel inakzeptabel sind. Das berichtet die saudi-arabische Zeitung ‘Al-Araby Al-Jadeed’. Des Weiteren fordert die Hisbollah (sic!) die Hamas auf, «flexibel mit dem Vorschlag umzugehen und die Türe nicht für weitere Verhandlungen zu schliessen.»

Die italienische PM Giorgia Meloni erklärte gestern anlässlich eines Treffens der G7-Staaten in Italien, warum Israel von ihnen nicht wegen der zivilen Todesopfer verurteilt wurde. «Ich denke, wir müssen uns daran erinnern, wer mit all dem angefangen hat, und das war nicht Israel, sondern jemand, der Zivilisten, Frauen und Kinder getötet hat. Jetzt müssen wir uns für den Frieden einsetzen, was Dialog bedeutet, und das Recht Israels auf Sicherheit und ein Leben in Frieden, sowie das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat, in dem sie friedlich leben können, anerkennen.» Das sei, so betonte sie, der einzige Weg, das Problem zu lösen und sie fuhr fort «Es sieht so aus, als würde Israel in eine Falle tappen. Denn die Falle der Hamas bestand darin, das Land zu isolieren. Es scheint zu funktionieren. Israels Freunde müssen klare Worte für Israels Sicherheit geben… und genau das tut Italien.»

Zusätzlich zu den bereits festgelegten und bekannt gegebenen ‘taktischen Pausen’, die es den Zivilisten ermöglichen sollen, ihre Vorräte aufzustocken, gab die IDF heute weitere Pausen bekannt. Sie sollen täglich von 8 Uhr bis 19 Uhr gelten. Die Strasse, die von Kerem Shalom nördlich zur Sala al-Din-Strasse über Rafah nach Khan Younis führt, soll damit für Hilfslieferungen freigehalten werden. COGAT und IDF haben für die Planung und Organisation zusammengearbeitet, die gestern in Kraft trat.

Der politische Niemand, ehemaliger Terrorist, Siedlerfreund und Finanzminister, Bezalel Smotrich, hat sich lautstark über die ‘wahnwitzige Ankündigung der IDF’ aufgeregt, die taktischen Pausen einrichtet, um die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Hilfs- und Lebensmitteln zu verbessern. «Die humanitäre Hilfe, die weiterhin die Hamas erreicht, hält sie an der Macht und kann die Erfolge des Krieges zunichte machen. Die Verwaltung der humanitären Bemühungen war in den letzten Monaten schlecht und ist einer der Gründe für die Fortsetzung des Krieges und das durchschlagende strategische Scheitern der Kriegsanstrengungen.» Er fuhr in direkter Klage gegen den Generalstabschef und den VM fort: «Der Generalstabschef und der Verteidigungsminister lehnen seit sechs Monaten den einzigen Weg, der einen Sieg ermöglichen würde, nämlich die Besetzung des Gazastreifens und die Einrichtung einer vorübergehenden Militärregierung, bis die Hamas vollständig zerschlagen ist, entschieden ab, und leider ist Premierminister Netanyahu entweder nicht willens oder nicht in der Lage, sie dazu zu zwingen.» Smotrich ist einer der grossen Verfechter der Idee, den Gazastreifen wieder zu besiedeln und damit de facto zu annektieren.

Auch sein rechtsextrem-nationalistischer Gesinnungsgenosse Ben-Gvir äussert sich entsprechend: «Derjenige, der eine solche Politik beschlossen hat, ist ein Dummkopf, der nicht in seiner Position bleiben sollte. Leider wurde dieser Schritt nicht dem Kabinett vorgelegt und steht im Widerspruch zu dessen Entscheidungen. Es ist an der Zeit, das veraltete Sicherheitskonzept aus der Zeit vor dem 7. Oktober aufzugeben und den verrückten und wahnwitzigen Ansatz zu stoppen, der uns nur noch mehr Tote und Verletzte bringt.» Man muss dazu wissen, dass sich Netanyahu im Februar 2021 versprach, dass «Ben-Gvir zwar Teil meiner Koalition sein wird, aber er keinen einflussreichen Posten erhalten wird, weder als Minister, noch als Vorsitzender eines Knesset-Ausschusses.» Was dann aber tatsächlich passierte, ist unglaublich. Für den bekanntermassen gewalt- und terroraffinen Neo-Politiker schuf er eigens das passsende ‘Ministerium für nationale Sicherheit’. US-Präsident Joe Biden hatte sofort nach der Wahl Netanyahu eindringlich gewarnt, Ben-Gvir nicht zum Sicherheitsminister zu machen. Netanyahu winkte ab, Biden könne ganz beruhigt sein. «Das letzte Wort in der Regierung habe immer noch ich selbst.» Vielleicht weiss Netanyahu es noch nicht, aber er selbst hat schon lange nichts mehr zu sagen!

Nun, jetzt wissen wir, woher der Wind weht! Netanyahu selbst hat ebenfalls ein Problem, sich hinter die richtige Entscheidung seiner militärischen Führung zu stellen, taktische Pausen einzurichten. Die Militärführung hatte immer wieder betont, dass Israel Krieg gegen die Hamas, aber nicht gegen die Zivilisten in Gaza führt. Und als solches sind wir durchaus verpflichtet, eine Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Natürlich, es ist mir durchaus bewusste, dass es hauptsächlich die Hamas selbst ist, die das hintertreibt. Dieser palästinensischen Terror-Organisation ist die Bevölkerung völlig egal. Uns mit ihnen auf eine Stufe des inhumanen Handels zu stellen, ist ein absolutes No-Go. Netanyahu erläuterte bei einer Kabinettssitzung seine Uneinigkeit mit der Militärführung: «Wir haben ein Land mit einer Armee, nicht eine Armee mit einem Land. Um die Hamas zu eliminieren, habe ich Entscheidungen getroffen, die nicht immer von der militärischen Führung akzeptiert werden.» Gottseidank sind VM Yoav Gallant und der ihm unterstellte Generalstabschef Herzi Halewi selbstbewusst genug, eigenverantwortlich an ihm vorbei gute und notwendige Entscheidungen zu treffen. Netanyahu ist nur mehr damit beschäftigt, seine Koalitionspartner zu beschwichtigen, um seine Position nicht zu gefährden.

GStA Gali Baharav-Miara lässt die Regierung abblitzen. Der vorgelegte Entwurf zur Anhebung der Altersgrenze für die Befreiung vom Militärdienst ist rechtlich nicht zulässig. Zulässig wird sie erst dann, wenn flankierende Massnahmen getroffen werden, um «zusätzliche militärische Kräfte aus der gesamten Bevölkerung zu rekrutieren.» Wen sie damit meint, ist klar. Es handelt sich um Zehntausende von Yeshiwa-Studenten, die nach wie vor pauschal vom Militärdienst befreit sind und für ihr ganztägiges ‘Studium der Torah’ vom Staat bezahlt werden. Nachdem VM Yoav Gallant bedauerte, dass «die Beibehaltung des höheren Alters für die Befreiung von der Reservepflicht unmittelbare und direkte negative Auswirkungen auf die Sicherheit hat.» Die Anhebung der Altersgrenze war zu Beginn des Krieges beschlossen worden und stellt, dass muss jedem klar sein, ein Ungleichgewicht zwischen den noch im Reservedienst befindlichen Soldaten und der Befreiung eines ganzen Sektors dar, der nicht vertretbar ist.  Baharav-Miara stimmt dem Vorschlag daher nur auf drei Monate begrenzt zu. Die für Netanyahu für sein politisches Überleben so wichtigen ultra-religiösen Koalitionspartner stemmen sich vehement dagegen, dass ihre jungen Männer, so wie es im säkularen Israel verpflichtend ist, alle jungen Menschen ihren Dienst ableisten müssen.

„So ist das Leben“ Netanyahu übergibt den Einberufungsbefehl einem säkularen Mann, Dery und Goldknopf freuen sich, er ist ja keiner von ihnen.

Oppositionsführer Yair Lapid wirft der Regierung vor, zwischen einzelnen Gruppen der israelischen Gesellschaft zu unterscheiden. Zuvor hatte der Ministerausschuss für Gesetzgebung einen Entwurf verabschiedet, der das Alter erhöht, an dem Reservisten nicht mehr einrücken müssen. «Die Reservisten und Steuerzahler brechen zusammen, und Netanyahu und die Extremisten bürden ihnen die Last auf und drücken sich weiterhin vor der Verantwortung und lächeln dabei.» Das bedeutet eine längere Dienstzeit für die, die schon in der IDF sind und «während diese bösartige Regierung ein Gesetz zur Massenflucht ultraorthodoxer Jugendlicher fördert.»

Die gute Nachricht: Bisher kannte man den ‘Gallus-Aufstand’ eher aus der Literatur, als dass er historisch abgesichert war. Aufstände gegen das als Besatzungsmacht verhasste Rom gab es immer wieder. Der Gallus-Aufstand gegen Gallus Caesar war der letzte in der Reihe der jüdisch-römischen Kriege und fand von 351 bis 354 CE statt. Gallus muss ein besonders grausamer Herrscher gewesen sein. Er wurde im Jahr 351 CE von seinem Onkel Konstans, dem jüngsten der Söhne von Konstantin I., adoptiert und als ‘Caesar des Ostens’ in Antiochia eingesetzt. Gallus wurde von seinem zweiten Onkel, Konstantius II. hingerichtet.

Der Aufstand brach in Sepphoris, heute Zippori, verbreitete sich von dort über ganz Galiläa bis zur Küstenebene.

Die Städte Tiberias und Lod schlossen sich den Aufständischen an. Anführer der Aufständischen war ein gewisser Patricius, der sich nicht traute, Jerusalem anzugreifen. Durch die Einnahme von Lod war die wichtigste Strasse von Alexandria nach Antiochia blockiert.

Tiberias, Lod und Sepphoris waren bekannte jüdische Industrieorte. Möglicherweise liegt der Grund für den Aufstand darin, dass Konstantius II. die Einstellung von nicht-jüdischen Sklaven verboten hatte und damit die Bedingungen für einen wirtschaftlichen Erfolg erschwerte.

Die drei Städte Tiberias, Lod und Sepphoris wurden völlig zerstört.

Tiberias und Sepphoris konnten bald wieder zu ihrer alten Pracht zurückfinden, Lod aber verfiel der Unbedeutendheit.

Jetzt entdeckten Archäologen bei Probegrabungen auf einer Baustelle in Lod einen Schatz von Silber- und Bronzemünzen aus dem 4. Jahrhundert CE. Er kam bei Grabungsarbeiten an einem völlig zerstörten Haus ans Licht. Aufgrund der Bauweise geht man davon aus, dass es sich bei dem Haus um ein Gebäude handelt, in dem möglicherweise der Vorsteher der antiken Stadt, oder zumindest ein sehr reicher Kaufmann gelebt hat. Die Münzen wurden wahrscheinlich während des Aufstandes sicher im Fundament des Gebäudes versteckt. Entweder sind die Bewohner des Hauses geflohen oder sie verloren während der Kämpfe ihr Leben, sodass der Fund nicht mehr geborgen werden konnte.

Aus talmudischen Schriften ist bekannt, dass nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 CE Lod ein bedeutsames Zentrum des Judentums war. Während der Bar-Kochba-Aufstände von 132 bis 136 CE war Lod eine der führenden Torah treuen Gemeinden des Landes.

Dieses bis auf die Grundmauern zerstörte Gebäude, in dem sich der Geldschatz fand, ist der Beweis, dass der Gallus-Aufstand keinesfalls nur ein regionales Scharmützel war, wie bisher geglaubt wurde.

Das Gebäude muss mit prächtigen Artefakten, die teilweise aufgefunden wurden, geschmückt gewesen sein. Man fand Inschriften in griechischer, hebräischer und lateinischer Sprache.



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