9. Tammus 5784





Wenn Netanyahu in der kommenden Woche nach Washington fliegt, um dort wieder einmal im Weissen Haus seine daheim angefallene physische und psychische Schmutzwäsche waschen zu lassen, wird erwartet, dass die Familien der fünf hoffentlich noch lebenden US-amerikanischen Geiseln mit ihm reisen werden. Auch wenn offiziell noch keine Namen bekannt wurden, wird erwartet, dass die Familien von: Keith Siegel (65), Sagui Dekel-Chen (35), Omer Neutra (22), Edan Alexander (20) und Hersh Goldberg-Polin (23) Teil der 61-köpfigen Entourage sein werden.[1] Einige der Familienangehörigen werden sicher unter den Zuhörern bei der Rede Netanyahus im Kongress sein, auch hier werden die Namen erst später bekannt gegeben. Nicht alle eingeladenen Familienangehörigen sind begeistert von der Aufforderung, den PM in die USA zu begleiten. Sie sind der Ansicht, er müsste die Reise absagen und sich in Israel verstärkt um die Abkommen zur Geiselbefreiung und zum Waffenstillstand einsetzen.

Nachdem die Bilder des blutenden Präsidentschaftskandidaten Donald Trump um die Welt gerast waren, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis man die wahren Schuldigen an diesem Attentatsversuch gefunden zu haben glaubt. Na klar, wir waren es. Nicht zum ersten und schon gar nicht zum letzten Mal in der Geschichte der Menschheit sind wir Juden schuld.

Pro-Assad Kommentatorin Maram Susli quirlt auf ihrem x-Account munter durch die antisemitische braune Gülle. Die als ‘Syrian Girl’, in Damaskus geborene und in Australien lebende Bloggerinn, zählt die aktuellen jüdischen Familienmitglieder von Politikern auf: «Der neue britische Premierminister Keir Starmer ist mit einer jüdischen Frau verheiratet. US-Vizepräsidentin Kamala Harris ist mit einem jüdischen Mann verheiratet. US-Präsident Joe Bidens Sohn ist mit einer jüdischen Frau verheiratet. Die Tochter des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump ist mit einem jüdischen Mann verheiratet. Die Tochter der ehemaligen US-Aussenministerin Hillary Clinton ist mit einem jüdischen Mann verheiratet. Wie viele Juden gibt es eigentlich auf der Welt? Ich glaube nicht, dass es seit den 1950er Jahren 15 Millionen sind», sagte Susli an einem Freitag zu ihren über 400.000 X-Followern als Reaktion auf einen Artikel der Jerusalem Post über Victoria Starmer. «All diese Personen sind Zionisten. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ist buchstäblich mit Premierminister Benjamin Netanyahu im Bett.» Ein Beweis, dass Israel, oder besser, die Juden die Kontrolle über Grossbritannien, ganz Europa und natürlich auch die USA übernehmen wollen. Andere wichtige Politiker sind, so Susli, zum Judentum offen oder (noch) verdeckt konvertiert.

Dr. Anastasia Maria Loupis, Ärztin mit terroristischen Zügen, selbsternannte Philosophin und Hamas-Anhängerin behauptete, dass die Juden tatsächlich die Wahlen in Grossbritannien gewonnen hätten.
So ist es auch kein Wunder, dass sich rasend schnell Verschwörungstheorien durch das Netz verbreiteten. Juden, Israel und Zionisten seien die, die den Attentatsversuch unternommen hätten. Gründe dafür wurden naturgemäss nicht angegeben. Oder doch, halt da gibt es einen Grund!
Der rechtsextreme Kommentator Nick Fuentes, Anhänger von White Supremacy[2], der u.a. am Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 unmittelbar beteiligt war. Für Aufsehen sorgte, als er sich im November 2022 gemeinsam mit dem antisemitischen Kayne West zum Abendessen mit Donald Trump traf. Gerade im Hinblick auf die erneute Kandidatur Trumps wurde diese Einladung kritisch betrachtet. Fuentes bastelte sich einen Grund: «Der israelische Geheimdienst hat die Operation durchgeführt, um Trump durch einen Kandidaten zu ersetzen, der die ‘Annexion des Gazastreifens und des Westjordanlands sowie die Ausweitung des Krieges auf den Libanon und den Iran’ unterstützt.» Doch damit nicht genug! Netanyahu, so seine These, war möglicherweise in die Schiesserei vom Samstag direkt verwickelt, um sich an der Macht zu halten.
Die Reihe lässt sich fast beliebig lang fortsetzen.

Die beiden werden im Leben niemals Freunde werden. Die Rede ist von Oppositionschef Yair Lapid und Netanyahu. Nachdem gestern bei einer Kabinettssitzung Kabinettssekretär Yossi Fuchs eine Videocollage (s. gestern) präsentiert hat, in der bei Demonstrationen gegen Netanyahu gehetzt wurde, gab es anschliessend eine zwei-stündige Sondersitzung, die sich ausschliesslich mit diesem Thema befasste. Lapid las aus einem Drohbrief vor, den er während seiner Zeit als PM erhalten hat, auch Naftali Bennet und sogar sein Sohn erhielten deutliche Drohbriefe. «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er etwas gesagt hat, als Naftali Bennetts Kind einen Umschlag mit einer Kugel und Drohungen gegen sein Leben erhalten hat[3]. Es ist ein schrecklicher und trauriger Teil der Welt, in der wir leben. Jeder, der eine Führungsposition erreicht, macht das durch», erklärt er. Weder er selbst noch Bennett haben deswegen jemals eine Pressekonferenz oder gar eine parlamentarische Sondersitzung abgehalten. Er ist auch dafür, dass Gewalt und Drohungen gegen einen PM strafrelevant sind und verfolgt werden müssen.

Aber: «Netanyahu ist kein Opfer, sondern eine Heulsuse und Feigling», betont Lapid «Der Mann, der die Giftmaschine in Gang gesetzt hat, der ausländische Milliardäre ins Land geholt und eine Hetzmaschinerie in Gang gesetzt hat, die langsam alle Medien in Israel übernimmt, beschwert sich darüber, dass sie gegen ihn hetzen.» Und er fährt fort: «Jeder Soldat in Gaza ist stärker bedroht als er. Es gibt keine zweistündige Diskussion über die 101 Opfer von Kibbutz Be’eri, es gibt keine zweistündige Diskussion über den Soldaten, der im Norden durch eine Drohne schwer verletzt wurde. Was ist mit der Bedrohung ihres Lebens? Ist ihr Leben weniger wichtig? Warum gibt es keine zweistündige Diskussion über die fünf weiblichen Beobachtungssoldatinnen, die in Gaza als Geiseln gehalten werden? Nur die Hetze gegen Netanyahu ist zwei Stunden Diskussion wert? Ist das das Einzige, was zählt?“

Wie kann ein grosser Frachter, der offenbar auf dem Weg rund um das Horn von Afrika in Richtung Jemen segelt, einfach verschwinden? Die Houthi-Terroristen haben den Kontakt zum Frachter ‘Sea Champion’, der eine grosse Menge von Waffen für die Terror-Organisation an Bord hat, verloren. Die in den VAE erscheinende Tageszeit al-Ain Media beichtet: «Seit drei Tagen mobilisieren die Houthi-Rebellen ihre Gruppen, Patrouillen und Aufklärungsdrohnen im Roten Meer, um ein vermisstes Boot mit einem ‘wertvollen Fang’ zu finden, das in Hodeida (Jemen) ankommen sollte.» Im Laufe der Jahre sind schon einige dieser Schiffe, die zumeist als Frachtschiffe getarnt waren, abgefangen worden. Nicht alle sind besonders seetauglich und so kann es sein, dass bei kabbeliger See ein Schiff tatsächlich ‘im Meer verschwindet’. Neben einsatzfertigen Waffen sollen sich auf der ‘Sea Champion’ auch Waffenteile und ausländische Experten befinden.

Wieder haben die Houthi-Terroristen ein bisher unbekanntes Frachtschiff angegriffen. United Kingdom Maritime Trade Operations (UKMTO) gab bekannt, dass sie die Information erhalten haben, ein Frachter sei von drei unbemannten Kleinbooten mehrfach gerammt und von einem weiteren beschossen worden zu sein. Der Frachter konnte seine Fahrt unbehindert fortsetzen, nachdem die Mannschaft entsprechende, nicht näher bezeichnete «Selbstverteidigungs-Massnahmen» durchgeführt hatten.

Hunderte Familienangehörige von beim Musik-Festival ermordeten Besuchern trafen sich erneut im Wald von Re’im. Auf dem Platz, an dem das Festival stattgefunden hatte, zeigen nur aufgestellte Bilder der Toten und Entführten, dass dies ein Ort der Erinnerung ist. Die Regierung hatte versprochen, den Platz zu sanieren und eine würdige Erinnerungsstätte zu errichten. Doch nach neun Monaten ist noch immer nichts passiert. Der Platz ist verlassen, niemand kümmert sich um ihn, niemand aus der Regierung ist ein Ansprechpartner. Einige der Besucher haben ihre T-Shirts eingerissen. So, wie es der Brauch bei Juden nach einer Beisetzung ist. Shimon Buskila, der seinen Sohn Yarden verloren hat, klagt: «Ich fühle mich, als wäre ich am ersten Tag der Schiwa [der sieben Tage dauernden jüdischen Trauerzeit], und deshalb habe ich mein Hemd zerrissen.»

Netanyahu wird sich morgen erstmals, nach neun Monaten oder 283 Tagen, mit den Familien der in Nahal Oz ermordeten Soldatinnen der Aufklärungseinheit 8200 treffen. Beim Massaker vom 7. Oktober wurden insgesamt 66 Soldatinnen durch die Hamas-Schlächter grausam vergewaltigt, geschändet und ermordet. Weitere sechs Soldatinnen wurden in den Gazastreifen verschleppt. Die Familien haben ein Forum mit dem Namen ‘Their Voices’ gegründet, um sich für eine Untersuchung der Ereignisse auf der Basis einzusetzen. Sie fordern auch die Herausgabe der Aufzeichnungen des Funkverkehrs der letzten Stunden, also der Zeit knapp vor und zu Beginn des Massakers.
[1] Das Riesenflugzeug hat zwar 80 Plätze, kann aber maximal mit 61 Personen an Bord den Transatlantikflug machen. Der Rest des grosszügigen Raumangebotes ging für die ‘fliegende Wohnung und das Büro’ der Netanyahus drauf.
[2] Die als ‘White Supremacy ‘ bekannt gewordene Ideologie ist eine absolut rassistische Ideologie, die die ‘Weisse Rasse’ als allen andern ‘Rassen’ überlegen ansieht. Eine der Grundlagen dieser Ideologie ist die nationalsozialistische Rassenlehre und deren Umsetzung u.a. im südafrikanischen Apartheid-System. Israel wird immer wieder vorgeworfen, ein solcher Apartheid-Staat zu sein.
[3] Das erinnert mich daran, dass meine Kollegin und ich im Jahr 1993 als gefährdet eingestuft wurden, als wir als Psychotherapeutinnen in einem Flüchtlingslager für bosnische Kriegsflüchtlinge in Vorarlberg arbeiteten. Franz Fuchs, österreichischer rechtsextremer Terrorist und Bombenattentäter hatte im Dezember 1993 damit begonnen, Briefbomben an Adressaten in ganz Österreich zu schicken. Alle Adressaten hatten eine Verbindung zu Moslems, Bosniern oder Minderheiten in Österreich. Von zehn verschickten Briefbomben explodierten vier und verletzen die Adressaten schwer. Die restlichen konnten früh genug entschärft werden.
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