Krieg in Israel – Tag 320

17. Aw 5784

Jetzt ist er aber deutlich in ein ganzes Fett-Fass getreten! Berichten zufolge hat Netanyahu gegenüber politischen Kollegen erklärt: «Ich kann sehr wohl mit der Hamas verhandeln, immerhin habe ich auch mit dem Gewerkschaftsbund Histadrut verhandelt.» Das berichtete der Privatsender Kanal 13. Yaniv Levy, Sprecher der Histadrut, der grössten Gewerkschaft in Israel,  beschwerte sich wortgewaltig: «Die Parallele zwischen den Verhandlungen, die Netanyahu mit der Terrororganisation Hamas führt, und denen, die er mit der Histadrut geführt hat, ist nichts weniger als eine Schande, die an Aufwiegelung grenzt. Entschuldigen Sie sich jetzt bei den Millionen Arbeitern, die die Wirtschaft antreiben, von denen viele Reservisten sind.» Ein Sprecher der Likud-Partei veröffentlichte prompt eine Erklärung, in der er Kanal 13 beschuldigte, grundlosen Hass zu schüren und Aussagen aus dem Kontext zu reissen. «Der PM hat die Histadrut nicht mit der mörderischen Terrororganisation Hamas verglichen. Es gibt nichts auf der Welt, was sich mit den neuen Nazis der Hamas vergleichen liesse.Der PM gab während einer geschlossenen Diskussion ein Beispiel für die Prozesse verschiedener Verhandlungen, die er in der Vergangenheit geführt hat, einschliesslich Verhandlungen zwischen Freunden», und er betonte, dass die Histadrut nicht mit Verhandlungen mit der mörderischen Organisation Hamas verglichen werden kann.

Oppositionsführer Yair Lapid findet wieder einmal harte Worte für den PM. «Wenn Netanyahu so sehr von seinen Verhandlungsfähigkeiten überzeugt ist, sollte er nach Ägypten reisen und sich dort selbst hinsetzen, bis eine Einigung erzielt wird. Das ist es, was ein verantwortungsvoller Premierminister tun sollte, wenn ihm das Leben seiner Bürger wichtig ist», so Lapid in einer Erklärung. «Der einzige Grund, warum er dies nicht tut, ist, dass er keine Seele mehr hat.» Er hat sie, und da kann ich Lapid nur zustimmen, schon vor der Vereidigung der Regierung am 29. Dezember 2022 an den politischen Teufel verkauft.

Das US-amerikanische Nachrichtenportal Politico zeigt sich pessimistisch, dass das Abkommen zur Freilassung der Geiseln und des Waffenstillstands noch zustande kommen wird. Das aktuelle Arbeitspapier wurde von Israel angenommen, aber von der Hamas erneut abgelehnt. Dieses Papier ist das Resultat von wochenlanger konzertierter Arbeit der Verhandlungsteams aus den USA, Ägypten, Katar und Israel. Die Hamas, die zuletzt in Doha an den Verhandlungen vor Ort teilnehmen sollte, entschied sich jedoch, erneut dem Verhandlungstisch fernzubleiben. Die Formulierungen sind so gewählt, dass sie sowohl den Bedürfnissen der Hamas als auch Israels weitgehend entgegenkommen.

Am Wochenende war man sich sicher, der Vereinbarung so nahe wie nie zuvor gewesen zu sein.  Die Hamas hatte, wenn auch nur inoffiziell, signalisiert, für den Deal bereit zu sein. Und nun wieder die Ablehnung. Ist das ein Verhandlungstaktik oder ernsthafte Ablehnung?

Der leitende Berater des Weissen Hauses, Brett McGurk, wird noch einmal nach Kairo zurückkehren, in einem vielleicht letzten Versuch, die Hamas zum Einlenken zu bringen. Gelingt das nicht, sind den zunehmenden Aggressionen zwischen Israel und der Hisbollah, sowie Israel und dem Iran alle Türen weit geöffnet. «Wir wissen nicht, ob Sinwar diesen Deal will», sagte einer der Mediatoren, der mit Israels Haltung in den laufenden Verhandlungen vertraut ist. «Aber wenn wir den Deal nicht bekommen, besteht die Möglichkeit, dass der Iran angreift und es zu einer regelrechten umfassenden Konfrontation kommt.»

„Komm zurück, wenn du mit Sinwar gesprochen hast!“ © Guy Morad Facebook

Am Montag bezeichnete US-Aussenminister Antony Blinken in Jerusalem den derzeit angebotenen Deal als «wahrscheinlich die beste, vielleicht letzte Gelegenheit», einen Waffenstillstand und die Freilassung von Geiseln zu erreichen.

Sollten beide Konflikte andauern, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Teheran, das seit Wochen signalisiert, dass es sich auf einen Angriff auf Israel vorbereitet, seine Drohungen wahr macht. Ein massiver Angriff innerhalb Israels wäre für Jerusalem schwer zu ignorieren und würde den Staat in eine direkte Konfrontation zwischen den beiden Ländern versetzen.

«Das ist hier offensichtlich die grösste Sorge und etwas, das wir seit dem 7. Oktober zu vermeiden versuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt deutlich, wenn die Hamas diesem Vorschlag nicht zustimmt.»

Sie ist zu verstehen, die Wut, die die Familien der Menschen befällt, die immer noch im Gazastreifen in Geiselhaft sind. Niemand kennt ihr Schicksal, niemand weiss, ob sie noch leben, oder ob sie, was wahrscheinlicher ist, schon tot sind. Ditza Or, die Mutter von Avinatan, 31, schlägt der Hamas einen Deal vor. In einem gestern auf Kanal 12 ausgestrahlten Interview wendet sie sich direkt an den neuen Chef der palästinensischen Terror-Organisation Hamas Yahya Sinwar: «Sinwar du Schurke, ich biete dir einen neuen Deal. Du lässt alle 109 Geiseln auf einmal frei und erhältst dafür fünf neue. Der erste ist der Sohn von Herzi Halevi, dem General-Stabschef der IDF, der nicht weiss, wie man gewinnt; der zweite ist der Sohn von Yoav Gallant, dem Verteidigungsminister, der erklärt hat, dass wir nicht gewinnen können; der dritte ist der Sohn von Yifat Tomer-Yerushalmi, der militärischen Generalstaatsanwältin, die vergessen hat, auf welcher Seite sie steht; der vierte ist der Sohn des Shin Bet-Chefs Ronen Bar, der am 7. Oktober um 4 Uhr morgens wusste, dass ein Angriff bevorstand, und trotzdem zuliess, dass das Nova-Festival normal weiterging, obwohl Hunderte, die dort ermordet und entführt wurden, hätten gerettet werden können; und der fünfte ist der Sohn vom Mitglied des Geiselverhandlungs-Teams und ehemaliger IDF-General Nitzan Alon, der so sicher ist, dass er die Geiseln in Etappen zurückbringen kann.»

Ditza Or gehört zu einer der kleineren Gruppen von Familienangehörigen, die überzeugt sind, dass die Geiseln nur mit erhöhtem militärischem Druck und nicht mit Verhandlungen zurückgebracht werden können. Ihre Kritik am bisherigen Versagen der Verhandlungen geht mehr in Richtung Militär als in Richtung Regierung.

Sowohl die beiden Journalisten als auch die Produktionsfirma KESHET stellten sich kritisch gegenüber den Inhalten, betonten aber auch, dass sie sich ausserstande sind, die Mutter einer Geisel direkt zu kritisieren.

Libanesische Medien berichten, dass ein PKW in der Nähe des Flüchtlingslagers Ain al-Hilweh in der Küstenstadt Sidon durch einen Drohnenangriff zerstört wurde. Weder von der Hisbollah noch von der IDF wurden weitere Informationen bekannt. Mittlerweile wurde bekannt gegeben, dass ein ranghohes Mitglied der Fatah, Khalil Makdah und sein Bruder Mounir mit dem gezielten Angriff «auf die Strasse nach Jerusalem» gebracht wurden.

Drei Geschosse trafen die ‘Sounion’, einen Öltanker, der unter griechischer Flagge segelt,vor der jemenitischen Stadt Hodeida. Das berichtete die britische Agentur für maritime Sicherheit UKMTO. Das Schiff ist manövrierunfähig, könne aber wahrscheinlich nach einer entsprechenden provisorischen Reparatur seinen Weg fortsetzen. Der Tanker befand sich auf dem Weg zwischen dem Basrah Oil Terminal im Irak nach Durban in Südafrika, wo er am 25. August ankommen soll. Die 23 Crewmitglieder blieben unverletzt.

Die Bewohner der Kibbutzim Be’eri, und Kfar Aza, die vom Massaker am 7. Oktober am schlimmsten betroffen waren, haben bekannt gegeben, dass sie nicht an den staatlichen Feierlichkeiten zum Jahrestag des Massakers teilnehmen werden. Die von Verkehrsministerin Miri Regev organisierte Zeremonie wird von zahlreichen betroffenen Familien abgelehnt. Sie befürchten, dass die Zeremonie auch dazu dient, die Regierung von jeder Verantwortung am Scheitern der Verhandlungen weisszuwaschen.

Nachdem immer mehr Gemeinden sich dem Boykott der staatlichen Gedenkzeremonie anschliessen, hat Benny Gantz Netanyahu dringend aufgefordert, den betroffenen Gemeinden die Organisation und Durchführung einer staatlichen Zeremonie zu überlassen. «Die Art und Weise, wie der Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober begangen werden soll, kann weder von mir noch von Ihnen noch von Minister Regev bestimmt werden. Die Art dieses Tages muss von denen bestimmt werden, die das Inferno erlebt haben: die Bewohner der Orte im westlichen Negev, die Geiseln und ihre Familien, die Familien der gefallenen Soldaten und die Verwundeten» so Gantz in einer Erklärung.

Die Hisbollah hat heute Vormittag eine Salve von mehr als 50 Raketen aus dem südlichen Libanon in Richtung des Ortes Katzrin auf dem Golan abgefeuert. Während die meisten der Raketen abgefangen werden konnten, gab es auch einige Treffer. Unter anderem wurden mehrere Häuser getroffen und gerieten in Brand. Ein Mann wurde von einem herabstürzenden Schrapnell getroffen und erlitt mittelschwere Verwundungen. Nach der Erstversorgung wurde er in das Krankenhaus von Sfad evakuiert. IDF-Sprecher Daniel Hagari betonte wenig später, dass der Beschuss von Katzrin eindeutig gegen Zivilisten gerichtet gewesen sei, und nicht, wie die Hisbollah angab, einer ‘benachbarten Militärbasis’ galt.

Noa Argamani, 26, die Freundin von Avinatan Or (s.o.), wurde zum Symbol für die 251 Geiseln, die am 7. Oktober von den Hamas-Schlächtern nach Gaza verschleppt wurden. Seit sie am 8. Juni gemeinsam mit Almog Meir Jan, 22, Andrey Kozlov, 27, und Shlomi Ziv, 41 von der IDF befreit wurde, ist sie als Botschafterin für die noch in Gaza festgehaltenen Geiseln unterwegs. Im vergangenen Monat reiste sie mit Netanyahu nach Washington. Damals war sie nur eine hübsch anzuschauende Staffage. Jetzt tritt sie beim G7-Gipfel in Tokio selbst vor das Mikrophon. «Jede Nacht schlief ich ein und dachte, dies könnte die letzte Nacht meines Lebens sein. Und bis zu dem Moment, als ich von der IDF gerettet wurde, habe ich nicht geglaubt, dass ich noch am Leben bin. Und in diesem Moment, in dem ich bei Ihnen sitze, ist es immer noch ein Wunder, dass ich hier bin.» Abschliessend wurde Noa persönlich: «Avinatan, mein Freund, ist noch dort, und wir müssen sie zurückholen, bevor es zu spät ist. Wir wollen nicht noch mehr Menschen verlieren, als wir bereits verloren haben.»



Kategorien:Israel, Politik

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