Dwarim, Ki Teze 21:10 – 25:19

Haftara: Jeshayahu 54:1-10

ב“ה

10./ 11. Elul 5784                                                13./14. September 2024

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:07

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:22

Shabbateingang in Zürich:                                                                 19:23

Shabbatausgang in Zürich:                                                                20:25

Shabbateingang in Wien:                                                                 18:52

Shabbatausgang in Wien:                                                                  19:55

Die Torah ist voll von Geschichten über Brüder, die sich gegenseitig das Leben schwer machten, bis hin zum Töten des ungeliebten scheinbaren Rivalen.

Schon sehr früh lesen wir die dramatische Geschichte von Kain und Abel: «Der Herr sprach zu Kain: ‚Wo ist dein Bruder Abel‘? Der so Gefragte antwortete: ‚Ich weiss es nicht, ich bin nicht der Hüter meines Bruders!‘» Kain, der Erstgeborene und Abel hatten beide ihren Platz im Leben gefunden. Kain als Ackerbauer und Abel als Schafhirte. Es bestand kein Grund, neidisch auf das Los des anderen zu sein. Doch, wir erleben es hier zum ersten Mal in der Torah, der ältere Sohn neidet dem jüngeren die Freude Gottes an dessen Opfer. Kain tötet Abel, leugnet aber jede Verantwortung. Gott vertreibt ihn aus dem Land seines Vaters, zeichnet ihn aber mit dem Kainsmal, das ihm auch weiterhin Gottes Schutz sichert.  

Das Schicksal meint es auch mit den Söhnen von Jitzhak, Jakov und Esav zunächst nicht gut. Esav ist der erstgeborene Zwilling, Jakov kommt kurz nach ihm zur Welt. Der Vater Jitzhak liebte Esav mehr, die Mutter, Rivka jedoch Jakov. Hier ist es wieder die Mutter, die versucht, ihrem Liebling das bessere Leben zu ermöglichen. Zweimal inszeniert sie den Betrug, den Jakov an seinem Bruder und seinem Vater vornimmt. Jakov flieht zu seinem Onkel Laban, um der Rache von Esav zu entgehen. Auch sie trafen sich in späteren Jahren als erwachsene Männer wieder und machten ihren Frieden miteinander.

Auch in diesem Abschnitt der Torah lesen wir von Brüdern und von Erstgeborenen. In den Versen 21:15–17 lernen wir, wie der Vater mit dem Erbrecht umgehen muss. Einfach zusammengefasst: Der Sohn, der zuerst gezeugt wurde, für den den gilt auf jeden Fall das Recht des Erstgeborenen, ihm stehen 2/3 des gesamten Vermögens zu. Ja, richtig gelesen, die Töchter werden hier gar nicht erwähnt, sie treten erst viel später mit ihren Ansprüchen auf. Zunächst durften sie ihr Erbe nur dann beanspruchen, wenn sie keinen Mann aus einem anderen Stamm heirateten. Und das nur dann, wenn es keinen Sohn in der Familie gab. Erst die fünf Töchter Zelofhads konnten durchsetzen, dass sie erbberechtigt ohne Wenn und Aber waren.

Doch zurück zum Recht des Erstgeborenen.

Abraham zeugte seinen Erstgeborenen, Ishmael, mit Hagar der Dienerin. Ishmael wurde zwar zunächst von Sara anerkannt, aber dann, als sie im hohen Alter selbst noch schwanger wurde und Isaak auf die Welt kam, verstiess sie Hagar mit ihrem Sohn. Diese Handlung widerspricht grundlegend dem, was wir heute im Torah-Abschnitt lesen. Ishmael und nicht Jitzhak hätte das Erstgeburtsrecht zugestanden. Welche Wendung hätte unsere Geschichte genommen, wenn Avraham schon davon gewusst hätte! Doch Gott hatte anderes im Sinn. Natürlich hielt er sich an sein Versprechen. Beide Söhne wurden Väter von grossen Völkern. Doch leider von Völkern, die bis heute nicht im Frieden nebeneinander leben können. Die beiden Halbbrüder treffen sich erst wieder zu Beisetzung ihres gemeinsamen Vaters Avraham in der Höhle Machpela im heutigen Hebron.

Auch Jakov, der Enkel von Avraham, wurde zunächst nicht glücklich in seiner Ehe. Er liebte Rachel und musste doch erst sieben Jahre bei seinem Schwiegervater, Laban, arbeiten, bevor der ihm Rachel als Braut versprach. Laban betrog ihn und vermählte ihn zunächst mit Lea, bevor er nach weiteren sieben Jahren seine geliebte Rachel ehelichen durfte.

Leas Söhne waren: Ruven, Shimon, Levi, Juda. Es folgten die Söhne von Bila Dan und Naftali und von Silpa Gad und Asher. Nach diesen beiden Söhnen kamen weitere zwei Knaben, Issachar und Zebulon mit seiner Zwillingsschwester Dina als Kinder Leas auf die Welt und erst die beiden letzten Knaben waren die Kinder seiner geliebten Rachel, Josef und Benjamin.

Diese beiden Knaben, die Letztgeborenen, nahmen später in ihrem Leben massgebliche Rollen ein.

Hätte Gott gewollt, dass immer und überall das Erstgeburtsrecht zur Anwendung gekommen wäre, die Welt hätte sich anders entwickelt.

In gesunden Familien sind heute, und das ist auch sehr gut so, alle Kinder gleichberechtigt. Oder sollten es zumindest sein.

Einige wenige Verse später weiter lesen wir: «Du sollst nicht untätig zusehen, wie ein Stier oder ein Lamm deines Bruders sich verirrt. Du sollst dann nicht so tun, als gingen sie dich nichts an, sondern sie deinem Bruder zurückbringen.» Dieser Abschnitt bildet quasi die Verbindung zu Kains Frage: «Bin ich der Hüter meines Bruders?» Die Antwort lautet: Ja!  Wir sind alle Hüter unserer Familie, unserer Geschwister, unserer Neffen, Onkel und Cousins. Und natürlich auch unserer Eltern. Wenn wir sehen, dass einer von ihnen strauchelt, so müssen wir hinschauen, ihnen wieder aufhelfen und sie wieder auf den Weg bringen. Dies gilt im realen und im virtuellen Leben.

Gott will, dass wir Verantwortung übernehmen. Unabhängig von unserer Position den Gestrauchelten gegenüber. Vergessen wir das nie!

Auch die heutige Haftara stammt wieder aus der Feder von Jeshayahu. Das Volk Israel befindet sich immer noch im Exil in Babylon. Die grosse Katastrophe, die Zerstörung des Tempels und damit auch das Ende des Lebens in Zion, liegt hinter uns. Doch Gott hat, wir haben es bereits in der vergangenen Woche gelesen, neue, bessere Pläne für Jerusalem und für sein Volk: 52:9 ff: „Brechet in Jubel aus allesamt, ihr Trümmer Jerusalems, denn getröstet hat Gott sein Volk, erlöst hat er Jerusalem!“ Das, was das Volk Israel damals als Zerstörung und Ende ansah, war in Wirklichkeit neuer Aufbau und Neuanfang. Also darf denn auch der erste Vers der heutigen Haftara reiner Jubel sein. Wir, die wir aus dem Exil heimkehren durften, sollen grösser und stärker sein als die, die vor uns ins Exil gehen mussten.

War es nicht so, dass ‚Sinat Chinam‘, grundloser Hass zur Zerstörung des Tempels geführt hatte? Gott hatte gewollt, dass das Volk Israel eine Einheit darstellt, geleitet durch seine Worte und geschützt durch seine Hand. Doch was haben die Menschen daraus gemacht? Sie haben sich zu Individuen entwickelt, die wie die Teilchen des Kaleidoskops bei jeder Bewegung auseinanderdriften oder zueinander fallen. Stets in Bewegung und doch eingefangen durch den starren Rahmen, der sie umgibt. In den ersten Versen dieser Haftara werden wir aufgefordert, unsere gemeinsamen Grenzen zu sprengen und unsere Zeltplätze zu erweitern.

Gott fordert nun nichts anderes als ihm erneut zu vertrauen und unsere zweite Chance zu nutzen. Nicht mehr ‚Sinat Chinam‘, sondern ‚Ahavat Chinam‘ – selbstlose Liebe soll unser Tun beeinflussen.

Dass wir die Chance damals nicht genutzt haben, ist Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels begann für uns alle das zweite Exil, das erst mit der Staatsgründung endete.

Heute begreifen wir uns schon lange nicht mehr als ein in sich geeintes Volk. Im Gegenteil, mehr denn je sind wir Individualisten geworden, zum Besseren, aber auch zum Schlechteren. ‚Ahavat Chinam‘ ist unerreichbar geworden.

Aber vielleicht, wenn wir uns sehr bemühen, könnten wir einen dritten Begriff schaffen und versuchen den in unser tägliches Handeln einzubauen: „Havanat Chinam“ einfaches Vertrauen.

Shabbat Shalom!



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