Haftara: Jeshayahu 61:10-63:9
ב“ה

24./25. Elul 5784 27./28. September 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 17:49
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:04
Shabbateingang in Zürich: 18:55
Shabbatausgang in Zürich: 19:56
Shabbateingang in Wien: 18:23
Shabbatausgang in Wien: 19:25
Dieser Shabbat ist der letzte, bevor in der kommenden Woche am Mittwochabend das neue Jahr 5785 beginnt. Gleich der erste Satz des Kapitels stellt eine Besonderheit in der gesamten Torah dar:
אַתֶּם נִצָּבִים הַיּוֹם כֻּלְּכֶם, לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם
„Heute steht ihr alle hier vor eurem Gott!“ Wir alle stehen in diesem Moment vor Gott und hören direkt von ihm, was er uns zu sagen hat.
Es ist eine der wenigen Stellen der Torah, an der sich Gott direkt an jeden Einzelnen wendet, unabhängig vom Geschlecht, sozialen Rang, Alter und der Stammeszugehörigkeit.
Die Verse 13 und 14 enthalten eine beruhigende Ankündigung für jeden von uns, denn sie verheissen Hoffnung auf Kontinuität und Fortbestand des Judentums. Gott verspricht nochmals, den Bund mit uns fortzuführen, aber nicht nur mit denen, die gerade physisch vor ihm stehen, sondern auch mit denen, die „heute nicht bei uns sind“.
Mir erzählte einst ein Überlebender der Shoa, wie sie in den KZs oft über Jahre hinweg in unmenschlichen Verhältnissen gefangen waren und tagtäglich physischen und psychischen Qualen hilflos ausgeliefert waren.
Die Hoffnung, dass sie sich auf das Wort Gottes verlassen konnten, dass er sie nicht vergisst, dass er den Bund mit ihnen aufrechterhält, hielt viele von ihnen am Leben. Die Sehnsucht, dass es anderswo für sie wieder besser werden wird.
Denken wir auch gerade heute wieder an den Iran[1]. Der offizielle Iran ist der grösste Feind Israels. Dennoch leben dort derzeit etwa 20.000 Juden. Es gibt vier Rabbiner, einer von ihnen berichtet, dass sie in völliger Religionsfreiheit leben, ja, dass es sogar möglich ist, jederzeit Fleisch zu schächten. Das ist mehr, als wir in nahezu allen Ländern Europas für uns beanspruchen können. Die Zahl der Juden hat sich im Iran in den letzten Jahrzehnten kaum geändert. Das Leben in einem Land, das wir als für uns bedrohlich erleben, scheint für die, die dort leben, sicher zu sein. Seit 2700 Jahren.
Das Land, das uns allen als ständige Bedrohung erscheint, scheint uns mehr Sicherheit zu bieten, als wir es in Europa jemals fanden. Es gab dort keine Pogrome, keine Shoa und es gibt, man staunt, fast keine antisemitischen Vorfälle.
Gott ist eben überall. Auch dort, wo wir ihn vielleicht gar nicht vermuten.
Dürfen wir also darauf vertrauen, dass das jüdische Leben, gleich, wo wir es auf der Welt suchen und finden, auf ewig weiter bestehen wird? Der heutige Wochenabschnitt, das Versprechen, den Bund auch mit denen zu schliessen, die gerade nicht bei uns stehen, gibt Hoffnung.
Das Judentum als Ganzes ist mehr als die Summe der Juden in jedem einzelnen Land.
Schon Aristoteles (384 bis 322 BCE) formulierte die These „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ und hattefestgestellt, dass ‚das Ganze‘ sich aus den Eigenschaften der Teilbereiche zusammensetzt. Das moderne Management nutzt dieses Wissen, indem Mitarbeiter durch alle Hierarchien hindurch vom Lehrling bis zum CEO, nicht an starrem Denken und ausschliesslicher Fixierung auf den eigenen Aufgabenbereich festhalten, sondern den eigenen Horizont permanent erweitern.
So lebt das Judentum aus der Tradition, der Erfahrung und dem Wissen, das jeder Jude weltweit in sich trägt. Dabei ist es gleichgültig, welcher Richtung des Judentums er angehört, ob er als Jude geboren wurde oder sich dem Prozess des Übertritts unterzogen hat. Jeder ist gleichwertig, jeder Einzelne trägt dazu bei, dass das Judentum weiterhin ein lebendiger, spannender Prozess bleibt.
Gerade vor dem Jahreswechsel, kurz vor Beginn des neuen Jahres, tut es gut, sich dieser Hoffnung hingeben zu dürfen!
Auch heute stammt die Haftara wiederum aus der Feder von Jeshayahu. Wir stehen noch ganz am Anfang des Neubeginns nach dem Exil.
Jerusalem lag einerseits in Trümmern, aber es war nicht ausgestorben. Nicht alle Bewohner waren vertrieben worden, sie hatten sich irgendwie mit den, heute würde man sagen ‘Besatzern’, arrangiert. Die hatten natürlich gar keine Lust, ihre Häuser, in denen sie sich eingerichtet hatten, wieder aufzugeben.
Doch jetzt kommt Jeshayahu mit seinem scheinbar niemals endenden Optimismus, den er allerdings manchmal hinter sehr trüben Gedanken zu verstecken weiss.
Heute aber erleben wir, wie er gleich im ersten Satz ausruft: «Wonnig blühe ich auf durch Gott, aufjauchzt meine Seele durch meinen Gott!» In den vergangenen Wochen haben wir gelesen, wie das Volk Israel von Gott geformt wurde. Gottes Vorstellung war es, die Menschen zu ethischem Denken und Handeln zu motivieren. Im Torah-Abschnitt der letzten Woche heisst es «Du wirst auf alle seine Gebote achten.» Ohne Wenn und Aber.
So kann Jeshayahu auch weiter ausrufen: «Er hat mich gekleidet, in das Priestergewand der Pflichttreue gehüllt, gleich einem Bräutigam, der seinem Schmuck priesterliche Weihe, und gleich einer Braut, die ihren Gewändern Anmut verleiht.»
Um Zions Willen werden wir den Kampf um Jerusalem aufnehmen, solange bis wir aus ihr, die einst verlassen und verödet war, etwas Neues, Prachtvolles errichtet haben, das von den anderen, die es besetzt hatten, anerkannt wird. So wie es in Vers 62:4 heisst: «Denn Gott hat Wohlgefallen an dir und sein Land wird gefreit.»
Es liegt also an uns, durch unser ethisches Verhalten, andere Menschen, die die Beziehung zu Gott verloren haben, mitzunehmen und zu schulen.
Viele Juden haben die Zeit des babylonischen Exils, der Inquisition, der Shoa nur überlebt, weil sie sich assimiliert haben in eine Gesellschaft, die sie lieber tot als lebendig gesehen hat. Die heutige Sozialwissenschaft unterscheidet zwischen Assimilation/Integration, wobei diese Begriffe nicht ganz trennscharf zu unterscheiden sind, und Inklusion. Viele Juden die ihren Glauben verleugneten und ablegten, um zu überleben, oder die im Laufe der Zeit ihren Glauben einfach mehr und mehr ‘vergassen’ galten als assimiliert.
Unsere Aufgaben wird es sein, den ‘Fremden’, von dem wir im ersten Vers des Wochenabschnittes gelesen haben und der gemeinsam mit uns, also gleichberechtigt, vor Gott steht, zu inkludieren in unsere Gesellschaft als Volk Israel.
Dass Gott diese Hoffnung, dass wir alle seine Forderung «Du wirst auf alle seine Gebote achten», erfüllen werden, findet sich im vorletzten Vers unserer Haftara. «Sie sind dennoch mein Volk, Kinder, die ferner nicht die Treue brechen werden. – und wurde ihnen zum Retter.»
Shabbat Shalom, Shana Tova, Chatima Tova ve Chag Sameach!
[1] Ich gehe allerdings davon aus, dass der Rabbiner diese positiven Worte wählte, um sich und die iranischen Juden nicht zu gefährden.
Kategorien:Religion
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