Krieg in Israel – Tag 367, 1. Jahrestag des 7. Oktober 2023

5. Tischri 5785

Um 06:29 haben am 7. Oktober 2023 die Sirenen im gesamten Bereich der Grenze zum Gazastreifen die Sirenen geheult und vor heranfliegenden Raketen gewarnt. Es war der Morgen vom ‘Freudenfest der Torah’, Simchat Torah. Ganz Israel freute sich auf einen ruhigen, sonnigen Shabbat.

Auf dem Gelände des Musik-Festivals in Re’im tanzten und lachten 4.000 junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Sie waren aus ganz Israel, aber auch aus dem Ausland angereist. Der Alltag war weit weg. Am Abend zuvor hatte das Festival begonnen und sollte noch bis in den Nachmittag hinein dauern. Niemand kümmerte sich zunächst um den Alarm. Der gehört zur Realität des israelischen Alltags.

Doch als kurz darauf der Strom ausfiel und etwa 50 schwer-bewaffnete Terroristen mit Pick-ups, Motorrädern, Quads und sogar mit Gleitschirmen in das Gelände eindrangen, hatten die eigenen Sicherheitskräfte ihnen nichts entgegenzuhalten.

Die Teilnehmer des Festivals versuchten zu fliehen, zu Fuss oder mit ihren Autos. Aber wohin sie auch flohen, nur einigen gelang es tatsächlich, dem Massaker zu entkommen oder sich zu verstecken. Andere stellten sich tot und konnten so überleben.

Wer in die Fänge der Hamas, des Djihad oder auch der palästinensischen Zivilisten, häufig Mitarbeiter der UNRWA, fiel, wurde vergewaltigt, verstümmelt und grausam ermordet. Geköpft, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, im Tod verschmolzen mit ihren Freunden und der Familie, an die sie sich schutzsuchend geklammert hatten. Männer und Frauen, die Hamas machte keinen Unterschied. Mindestens 364 Menschen starben, etwa 45 wurden von den Terroristen in den Gazastreifen verschleppt.

Noch lebend oder schon tot, wurden sie dort von den aufgeputschten Männern als Trophäen in einer Parade den Menschen in Gaza vorgeführt.  Wer von den jubelnden Zuschauern war noch Zivilist, wer schon Terrorist? Man weiss es nicht.

Viele der Terroristen trugen Body-Cams und verbreiteten die Belege für ihre Grausamkeiten schnell über die sozialen Netze. Den Opfern und Geiseln wurden die Handys abgenommen. Die entsprechenden Videos gelangten so schnell zu den Familien, die zuschauen mussten, wie ihre Kinder misshandelt oder getötet auf den Pick-ups lagen und dort nochmals den lüsternen Palästinensern ausgesetzt waren…

In den Kibbutzim und Orten rund um den Gazastreifen schliefen die meisten Menschen noch. Viele waren fortgefahren, um ihre Verwandten im In- und Ausland zu besuchen. In anderen Häusern waren über die Feiertage Gäste zu Besuch. Am Abend vorher war es bei einigen spät geworden. Simchat Torah ist ein fröhliches Fest für alle. Im Kibbutz Be’eri, der einer der am stärksten getroffenen Kibbutzim der Region ist, lebten etwa 1.100 Bewohner. Am Abend vorher hatten sie miteinander den 77. Geburtstag ihres Kibbutz gefeiert.

340 Terroristen konnten in den Kibbutz eindringen, weil sich, bedingt durch den Raketenbeschuss, die Bewohner in den Schutzräumen befanden. Drei Jugendliche aus dem Kibbutz, denen es gelungen war, dem Massaker in Re’im zu entkommen, wollten gerade durch das Haupttor des Kibbutz fahren, wo sie von Terroristen erschossen wurden.

In Be’eri ermordeten die Schlächter grausam 132 Menschen. Darunter 101 Zivilisten und 31 Sicherheitskräfte. Ganze Familien wurden ausgelöscht. 32 Personen wurden in den Gazastreifen verschleppt, 10 von ihnen befinden sich immer noch in den Fängen von Hamas, Djihad und UNWRA-Mitarbeitern.

Erst Stunden, manche der Überlebenden sprechen von bis zu 13 Stunden, nach dem Überfall konnte die IDF in den Kibbutz gehen. Etwa 700 Soldaten und andere Sicherheitskräfte operierten im Gebiet des Kibbutz. Sie benötigten bis zum 11. Oktober, um den Kibbutz als ‘sicher’ zu bezeichnen. 125 Gebäude wurden grossteils vollständig zerstört.

100 Terroristen wurden im Zuge der Befreiungskämpfe neutralisiert.

Und heute, wie sieht es in Be’eri aus?  Die Zeit scheint, so erzählt es eine Überlebende, hier stehengeblieben zu sein. Fast alles sieht noch so aus, wie unmittelbar nach dem Massaker, Einschusslöcher an den Ruinen, Patronenhülsen auf dem Boden, verbrannte Erde.

Der israelische Präsident Isaac Herzog, der seit heute Morgen die am stärksten betroffenen Kibbuzim, Orte und Militärbasen besucht, hat versprochen, alles wieder aufzubauen. Aber, so sagte er: «Kein Haus ist vollständig, solange die Geiseln nicht daheim sind.»

Die Aufklärungseinheit 8200 gilt als die zuverlässigste entlang der Grenze zum Gazastreifen. Sie untersteht dem Militärgeheimdienst ‘Aman’, der eine selbstständige Institution darstellt und nicht Teil der IDF ist. Die Mitglieder werden teilweise bereits als Gymnasiasten im Alter von 16 bis 18 Jahren getestet, sie dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht als aktive Mitglieder der Einheit zu erkennen geben. Der Kommandant der Einheit während des Massakers war Brigade General Yossi Sariel, der am 12. September 2024 aufgrund seiner ‘persönlichen Mitverantwortung’ zurücktrat.

Ausschliesslich Soldatinnen, die meisten von ihnen zwischen 18 und 21 Jahren beobachten in ihren Schichten von ‘nur’ vier Stunden den ihnen zugewiesenen Streckenabschnitt von wenigen Kilometern am Grenzzaun zu Gaza. Hochkonzentriert schauen sie auf die Bildschirme, zoomen mit einem Joystick die Bilder heran und analysieren genau, was sich an Besonderem abspielt. Jede Wahrnehmung muss in ein ‘Logbuch’ eingetragen werden.

Zwei Überlebende der Basis 8200 in Re’im sind sich sicher, dass das Massaker hätte verhindert werden können. Weil niemand ihre Beobachtungen und Meldungen an Vorgesetzte ernstnahm, ja ihnen sogar mit dem Kriegsgericht gedroht wurde, konnten am 7. Oktober mehr als 3.000 Terroristen der palästinensischen Terror-Organisation Hamas, des Palästinensischen Djihad, Zivilisten und Mitglieder der UNWRA ungehindert zu Land, zu Wasser und aus der Luft nach Israel eindringen. An zwanzig Stellen wurde der Grenzzaun durchbrochen. Die angeblich modernsten Sicherheitsanlagen der Welt entpuppten sich als wirkungslos.

Eine der jungen ‘Späherinnen’, wie sie genannt werden, berichtet, dass sie bereits Anfang 2023 Auffälligkeiten beobachtet hätten. Mal sei ein Bauer, mal ein Vogelbeobachter, mal ein Müllsammler an der Grenze aufgetaucht. Sie habe in ihnen sofort schlecht getarnte Hamas-Terroristen erkannt und dies auch so gemeldet. In der Nähe von Gaza City gab es ein nachgebautes Dorf. Dort hat, so berichtet sie, die Hamas mit nachgebauten Merkava-Panzern geübt, Soldaten zu entführen. Ein Teil der Terroristen in Uniformen der IDF, ein Teil in ihrer normalen Kleidung. Sogar die Gewehre hätten genauso ausgesehen wie IDF-Waffen. Am Grenzzaun hätten sie jedesmal die Reaktionszeit der Soldatinnen kontrolliert. Einmal hat sie eine Gruppe, die in der Nähe der Grenze wohl ein Briefing abhielt, näher herangezoomt. Der Chef der Gruppe habe dann genau auf die Kamera gezeigt – obwohl diese hoch oben an einem Mast und mehrere Meter entfernt war. Auch die Paragleiter, die später aus der Luft nach Israel kamen, konnte sie beim Üben beobachten. Nur ihre unmittelbare Kommandantin, früher selbst Späherin, hat sie ernstgenommen.

Nachdem der Alarm ausgelöst wurde, schickte man die Soldatinnen in den völlig unzureichenden Schutzraum, dessen Türe sich nicht versperren liess. Die 23 anwesenden Mädels drückten mit ihrem geringen Gewicht die Türe von innen zu, in der Hoffnung, dass sie jedem Druck von aussen standhalten würde. Auf Verstärkung haben sie vergeblich gewartet. Es gab keinen Strom, kein Wasser, keine Sanitäranlage.

Nach zwölf Stunden wurden sie befreit, einige von ihnen lagen ohnmächtig am Boden, weil der Sauerstoff immer weniger wurde. In ihrem Kontrollraum, in dem sie ihre Arbeitsplätze hatten, fanden sie Überlebende des Musik-Festivals, denen es gelungen war zu fliehen.

Nur zwölf Kilometer entfernt in der zweiten Basis der Einheit 8200, in Nahal Oz, unmittelbar an der Grenze zu Gaza spielten sich gleichzeitig furchtbare Szenen ab. 40 – 50 Terroristen brachen durch den Sicherheitszaun und drangen gewaltsam in die Militärstation ein.  Warum die Späherinnen unbewaffnet waren, muss noch untersucht werden.

19 junge Frauen wurden ermordet, sieben weitere in den Gazastreifen verschleppt. Zwei der Späherinnen konnten sich verstecken und überlebten. 44 Soldaten, die sich ebenfalls auf dem Gelände befanden, wurden ermordet.

Eine Soldatin, Ori Megidish, konnte kurz nach Kriegsbeginn von der IDF befreit werden. Sie kehrte bereits in den Dienst zurück, liess sich aber in den Hauptsitz der Aufklärungseinheit versetzen. Die sterblichen Überreste einer zweiten Späherin, Noa Marciano, wurden von der IDF geborgen und nach Israel zurückgebracht. 

Die Bilder von fünf weiteren Geiseln, Agam Berger, Daniella Gilboa, Karina Ariev, Liri Albag und Naama Levy, wurden im Februar von der Hamas an die Familienangehörigen geschickt und auf deren Wunsch veröffentlicht. Die Bilder wurden auch bei einer Sitzung in der Knesset gezeigt. Nur FM Smotrich, rechts-extrem-nationalistisch, weigerte sich, sich dem Grauen, dass aus den Augen der Mädels schreit, auszusetzen. Nicht nur, dass der Anblick, wie er sagte ‘seine Nachtruhe stören könne’, fügte er hinzu, dass ‘die Befreiung der Geiseln keinesfalls oberste Priorität habe.’ Wie unmenschlich, wie unempathisch darf ein Minister der israelischen Regierung sein?

Zeitgleich mit dem Überfall auf den Militärposten begann auch das Massaker im benachbarten Kibbutz Nahal Oz. 50 – 60 Terroristen drangen in den Kibbutz ein, von dem sie offensichtlich detaillierte Pläne hatten. Zum Zeitpunkt des Massakers lebten im Kibbutz etwa 400 Personen. Die Terroristen gingen gezielt von Haus zu Haus und ermordeten oder verschleppten die Bewohner. Ein 17-Jahre alter Kibbutznik wurde gezwungen, sie bei ihrem ‘Rundgang’ zu begleiten und die Bewohner der anderen Häuser aufzufordern, die Türen zu öffnen. Mindestens 12 Personen wurden ermordet und mindestens neun weitere wurden verschleppt.

Der Kibbutz konnte am Abend zurückerobert werden, wobei die IDF 41 Soldaten verlor.



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