ב“ה
7./8. Cheschwan 5785 8./9. November 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 16:04
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:21
Shabbateingang in Zürich: 16:40
Shabbatausgang in Zürich: 17:45
Shabbateingang in Wien: 16:07
Shabbatausgang in Wien: 17:12

Der Wochenabschnitt der vergangenen Woche endete damit, dass Avrams Vater Terach, gemeinsam mit seiner Familie, den Heimatort Ur verliess, um in das Land Kanaan zu ziehen. Allerdings liess sich die Familie schon in Haran nieder, wo Terach starb.
In dieser Woche können wir bereits erahnen, dass Avram und seine Frau Sarai die ersten Stammeltern des zukünftigen Volkes Israel sein werden. Auch wenn ihr Weg bis dahin noch lang und beschwerlich sein wird.
Erneut wählt Gott einen Menschen aus, um seinen Willen durch ihn zu erfüllen. Mit Noach hatte er den ersten Bund geschlossen und als ewiges Zeichen dafür den Regenbogen geschaffen. Nun fordert er Avram auf, aus Haran fortzugehen, sein Vaterhaus und seine Familie zu verlassen und in das Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen wird. Gott gibt in Gen. 12:2-3 das erste grosse Versprechen „Ich werde dich zu einer grossen Nation machen und deinen Namen gross werden lassen. Ich werde dich segnen, damit du zu einem Segen wirst. Ich werde die segnen, die dich segnen und die verfolgen, die dich verfolgen. Durch dich werden alle Familien auf der Erde gesegnet sein.“
75 Jahre alte war er, als er Haran verliess. Ohne zu hinterfragen. Ohne zu zweifeln. Damit hatte er die erste Prüfung bestanden.
In der Mischna, Pirkei Avot Kap. 5:4 steht zu lesen: „In zehn Prüfungen wurde Avraham erprobt, und er bestand sie alle. Das bewies, wie gross die Liebe unseres Vaters Avrahams zu Gott war.“ Dazu kommen wir in wenigen Wochen.
Avram und seine Familie hatten ein unruhiges Leben. Eine Hungersnot kam über das Land Kanaan, wo sie sich angesiedelt hatten, und so mussten sie weiter nach Süden ziehen, nach Ägypten. Hier überkamen Avram erstmals Zweifel.
Sarai war eine wunderschöne Frau, die zweifellos in Ägypten von einem Adeligen, wenn nicht sogar vom Pharao selbst begehrt werden würde. Würde Gott ihm auch hier helfen? Avram ist unsicher und hat Angst, um Sarais Willen getötet zu werden. So gibt er sie als seine Schwester aus. Sarai wurde unmittelbar nach der Ankunft in den Palast gebracht. Avram wurde reich mit Knechten und Mägden sowie Tieren beschenkt. Er war nun ein wohlhabender Mann, aber um welchen Preis? Was würde geschehen, wenn der Pharao hinter seine List käme?
Gott rettet ihn aus seiner Pein. Er schlug den Pharao mit schweren Plagen, die dieser sofort mit Sarai und Avram in Verbindung brachte. Furchtsam, was noch geschehen würde, schickte Pharao Sarai zurück und liess beide, mit allem, was sie als Geschenk erhalten hatten, ziehen.
Sie wandern hinauf bis Bet-El, in der Nähe von Jerusalem, wo Avram schon früher einen Altar gebaut hatte. Obwohl das Land gross war, kam es zu familiären Spannungen und Avram trennte sich von seinem Neffen Lot, der mit ihnen gezogen war. Avram siedelte nun in Kanaan und Lot ging mit den Seinen nach Sodom. Mit diesem Ort hatte er schlecht gewählt. Wohl war das Land fruchtbar, aber die Menschen, die dort lebten, lebten in Sünde und verschmähten Gott.
Avram erhielt von Gott eine weitere Prophezeiung. Gott versprach, ihm das gesamte Land zu eigen zu geben und ihm Nachfahren zu schenken, so viele, dass man sie nicht würde zählen können. Avram zog in die Gegend von Hebron, wo er sich niederliess. Er hoffte dort auf ein ruhiges, gottgefälliges Leben.
Doch wieder musste er sich einer Prüfung durch Gott unterziehen. Lot, man könnte fast sagen, der Pechvogel, war den Feinden der Könige von Sodom und Gomorra in die Hände gefallen. Avram machte sich mit einem Tross von zuverlässigen Kriegern aus seinem Haus auf, seinen Neffen zu retten. Dazu musste er bis nach Damaskus gehen. Die Geschenke des Königs von Sodom lehnte er ab, er wollte sich nicht bereichern, obwohl ihn kein Verdienst traf. Avram war sich durchaus bewusst, dass die Rettungsaktion nur dank Gottes schützender Hand gelungen war.
Er wird mit einer Vision belohnt. „Fürchte dich nicht, Avram, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr gross sein.“
Avram ist verzweifelt. Seine Ehe mit Sarai war kinderlos geblieben und Sarai war in einem Alter, wo es unmöglich war, noch schwanger zu werden. Wie sich heute jede Frau und jeder Mann fragt, was nach ihrem Tod werden soll, wenn es keine Erben gibt, so fragt sich auch Avram, ob es wohl sein Haussklave sein wird, der das Erbe einst antreten wird.
Gott zeigt Sarai eine Möglichkeit, wie die beiden doch ein Kind bekommen könnten. Heute könnte man sagen, dass die ägyptische Dienerin Hagar die Leihmutter von Ismael gewesen ist. Genetisch war Avram der Vater, während die genetische Mutter Hagar war. Nach dem damaligen Familienrecht galten aber beide, Avram und Sarai als leibliche Eltern des Kindes. Schwierige Familienverhältnisse, die heute meist mit einem Vertrag geregelt werden.
Sarai leidet unter der Schwangerschaft ihrer Dienerin, sie fühlt die innere Zerrissenheit, Mutter zu sein, ohne ein Kind geboren zu haben. Dazu plagt sie Eifersucht. Hagar hat ein schweres Leben bei ihr. Doch ihr erscheint ein Engel und verspricht, auch ihre Kinder würden zahlreich, wie die Sterne am Himmel werden (Gen 16:10).
Wiederum erscheint Gott Avram und geht einen neuen Bund mit ihm ein. In Gen 17:1-14 fordert er die Beschneidung von allen Knaben im Alter von acht Tagen als Zeichen des Bundes. Ab diesem Moment ändert Gott den Namen von Avram auf Abraham und von Sarai auf Sara. Er verspricht, dass auch Sara noch ein leibliches Kind empfangen und gebären wird. Sara lachte ob dieses Versprechens, eine 90-jährige Frau und ein 100-jähriger Mann sollten Eltern werden? Doch Gott wiederholte das Versprechen und nannte auch schon den Namen des noch ungeborenen Knaben. Yitzhak sollte er heissen, in Erinnerung daran, dass Gott seine Mutter zum Lachen gebracht hatte.
Auch dem erstgeborenen Sohn Ismael versprach er ein langes Leben mit zahlreichen Nachfahren. Abraham war bei seiner Beschneidung 99 Jahre alt, Ismael hingegen war 13 Jahre.
Jüdische Knaben werden mit 8 Tagen beschnitten, muslimische mit 13 Jahren. In der Diskussion des Beschneidungsverbotes, die in den letzten Jahren immer wieder hochemotional diskutiert wurde, ging es ausschliesslich um jüdische Babys. Dieses antisemitische, man kann sagen Lieblingsthema neben dem Schächtverbot, ist ein Zeichen von ausgeprägtem Antisemitismus, der sich leider in den letzten Jahren wieder stärker in der Gesellschaft zeigt.
Schon der zweite Wochenabschnitt lässt erahnen, wie voll mit Leben die ganze Torah ist. Es geht immer wieder um Menschliches, aber auch um Göttliches. Es geht um Machtkämpfe und um Familienstreit. Es geht um Prophezeiungen, Visionen, Verträge und, wie wir es heute nennen, auch um Deals.
Auch wenn wir den Text Jahr für Jahr lesen, wir finden doch immer wieder Neues, bisher nicht Entdecktes.
Gehen wir weiter in ‚Sprüche der Väter‘. Wir sprechen heute über das 1. Kapitel und die Absätze 3, 4 und 5.
3. Antigonos aus Soche empfing die Torah von Shimon dem Gerechten. Er sagte oft: „Seid nicht wie Diener, die dem Herrn dienen in der Absicht, Lohn zu empfangen, sondern seid wie Diener, die dem Herrn dienen, ohne die Absicht Lohn zu empfangen und es sei Gottesfurcht über euch.“
Antigonos macht einen Unterschied zwischen jenen Dienern, die nur wegen der Notwendigkeit, ein Einkommen zu generieren, einem Herrn dienen, aber keine Beziehung zu ihm aufnehmen können. Jene Diener aber, die ihren Lebenszweck darin sehen, sich durch eine Beziehung zu einem Herren weiterentwickeln zu können und von dessen Wissen und Umgang profitieren wollen, die werden bevorzugen, dies ohne eine finanzielle Entschädigung tun zu können.
4. Jose ben Jo‘eser[1], ein Mann aus Zaredah, und Jose ben Jochanan, ein Mann aus Jerusalem, empfingen von ihnen: Jose ben Jo‘eser aus Zaredah sagt: „Es sei dein Haus ein Sammelplatz für die Weisen, bestäube dich mit dem Staube ihrer Füsse[2] und schlürfe mit Durst ihre Worte.“
Ein Haus, in dem ein solches Arbeiten, (Lernen) möglich ist, wird ein Haus sein, in dem die Wissenschaft ihren festen Platz hat und in dem jeder, der davon profitieren will, es auch tun kann. Jeder ist eingeladen, sich um den Hausherrn zu scharen und ihm zu Füssen sitzend, sein Wissen zu erkunden und aufzunehmen.
5. Jose, Sohn Jochanans aus Jerusalem sagt: „Sei dein Haus geöffnet der Erquickung für Gäste und seien Arme deine Hausgenossen. Pflege nicht zu viel Geschwätz mit der Frau des Nächsten.“ Hiernach sagten die Weisen: „Wer zu viel Geschwätz mit der Frau pflegt, bewirkt Schlechtes für sich selbst, lässt ab vom Lernen der Gesetzeslehre und erbt am Ende das Ganai Hinnom[3].“
Die beiden Verse 3 und 4 gipfeln in der Aussage vom letzten Vers dieses Absatzes. Als Arme sind hier nicht unbedingt finanziell schlecht gestellte Mitbürger gemeint, sondern solche, deren Geist offen ist für jeden Wissenserwerb. Der Wissenserwerb wird hier dargestellt als ‚Erquickung‘, etwas, das den Geist von der Enge des Unwissens befreit. Der Satz „Wer zu viel Geschwätz mit der Frau pflegt, bewirkt Schlechtes für sich selbst“ könnte verstanden werden als Herabsetzung der Frau. Dazu muss man die damalige Gesellschaft betrachten, die die Aufgabe der Frau innerhalb des Hauses hochschätzte. Was hier gemeint ist, wird klar, wenn man das Wort ‚Geschwätz‘ übersetzt. Man soll nicht einfach mit Plaudern, Schwätzen oder gar Tratschen die Frau beleidigen. Wenn man mit ihr spricht, dann ebenso, wie mit dem Hausherrn. Das leichte Plaudern findet Zeit und Raum im privatesten Kreis.
Wir finden hier drei unterschiedliche Lehrsätze: Antigonons spricht über die Arbeit, Jose aus Zerada über die Pflege und Liebe zur Torah und Jose aus Jerusalem sieht im Zentrum seines Lehrsatzes Nächstenliebe und Güte.
Arbeit, das Lernen der Torah und Menschlichkeit, sie sollen unser tägliches Tun bestimmen.
In diesem Sinne
Shabbat Shalom!
[1] Der herausragende Gelehrte
[2] D.h. wirf dich ihnen zu Füssen, so dass ihr Staub dich trifft, da die Schüler zu der Zeit immer zu Füssen ihrer Lehrer sassen. Der Sinn scheint jedoch zu sein: Hülle dich ganz in ihre Lehren ein und selbst das, was man nur wie Staub, wie etwas Geringfügiges ansieht, nimm von ihnen an.
[3] Das Ganei Hinnom galt als Opferplatz für die Kindesopfer für Moloch.
Kategorien:Religion
Hinterlasse einen Kommentar